Nicht alle haben den Vorteil, der Hitze in Österreich zu entkommen – und das kann lebensgefährlich sein.
Ich liebe den Sommer. Auch wenn es sich gerade so anfühlt, als würde er eine Pause einlegen. Vor allem, wenn ich auf die Wettervorhersage für diese Woche in Wien blicke: Regen, Gewitter und nicht mehr als 23 Grad. Dafür war es Anfang Juli heiß. So heiß, dass ich dachte, mein Körper würde bei jeder noch so kleinen Bewegung zerfließen. Im Freien begab ich mich auf die stets unermüdliche Suche nach Schatten.
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Bei Temperaturen jenseits der 30 Grad verdunstet für viele nicht nur der Schweiß, sondern auch die soziale Gerechtigkeit. Eine Studie der BOKU Wien von April zeigt: Urbane Hitze oder Extremwetter trifft vor allem vulnerable Gruppen wie einkommensschwache Haushalte und ältere Menschen. Denn nicht jede:r kann sich eine Klimaanlage leisten, die im Ernstfall Leben retten kann – etwa bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei einer aktuellen Befragung der BOKU von 193 älteren Wiener:innen (Durchschnittsalter 73) aus besonders hitzebelasteten Stadtteilen empfanden fast 80 Prozent die Temperaturen in ihren Wohnungen als heiß oder sehr heiß – aber nur 7 Prozent hatten eine Klimaanlage.
Doch selbst Maßnahmen gegen die Hitze, wie die Begrünung von Stadtgebieten, bergen ein soziales Risiko: Sie machen Wohngegenden attraktiver – und damit teurer. Das führt oft zur Verdrängung derjenigen, die sich höhere Mieten nicht leisten können. Leistbarer Wohnraum ist hier entscheidend: Laut Studie verringert jeder zusätzliche Prozentpunkt an sozialem Wohnbau das Risiko einer Gentrifizierung um vier bis fünf Prozent.
Für mehr Solidarität bei steigenden Temperaturen
Aber weißt du, wer mir bei Hitze noch leidtut? Bauarbeiter:innen, die den ganzen Tag in der Sonne stehen. Lieferfahrer:innen, die quer durch die Stadt radeln, und Umzugshelfer:innen, die Möbel in Wohnhäuser ohne Lift schleppen, und am Ende kein Trinkgeld bekommen. Sowieso jede:r, der oder die körperlich anstrengende Arbeit ausübt. Obdachlose Menschen dürfen wir ebenfalls nicht vergessen – sie können sich nicht in eine klimatisierte Wohnung zurückziehen und schnell mal kalt duschen. Für sie gilt: irgendwie den Tag überstehen. Ich finde, wer sich Abkühlung leisten kann, sollte gerade jetzt mehr Solidarität und Hilfsbereitschaft zeigen. Denn die Lage spitzt sich zu. Und das nicht nur in Wien. Laut einer aktuellen Studie des Complexity Science Hub Vienna und der WU Wien hat sich die Hitzebelastung in Österreich innerhalb eines Jahres drastisch verschärft: 2023 galten nur drei Bezirke in Österreich als stark betroffen - 2024 waren es bereits 25.
Wien bemüht sich etwa mit Trinkbrunnen und „coolen Zonen” in öffentlichen Einrichtungen um Abkühlung. In Tulln kühlt der entsiegelte und umgestaltete Nibelungenplatz mit Nebelduschen und Bäumen. Melk setzt auf Hochwasserschutzmauern, um besser auf Starkregen durch Hitze vorbereitet zu sein. Doch viele Gemeinden kämpfen mit knappen Budgets, Förderungen für Klimaprojekte wurden gestrichen.
Das ist der falsche Weg. Denn nicht nur der Sommer, sondern auch die notwendige Abkühlung sollte für alle da sein.
In "It's giving politics" schreiben WZ-Redakteurinnen Nora Schäffler und Chiara Swaton über politische Themen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Dass der Klimawandel Realität ist und entsprechende Anpassungsmaßnahmen notwendig sind, wird in Österreich mittlerweile von einer klaren Mehrheit anerkannt. Dies bestätigt die jüngste KLAR!-Befragung 2023, die vom Umweltbundesamt im Auftrag des Klima- und Energiefonds durchgeführt wurde. Zwischen März und Mai 2023 wurden rund 18.000 Personen aus 80 Klimawandel-Anpassungsmodellregionen (KLAR!) sowie Einpendler:innen ab 16 Jahren befragt. 93,6 Prozent der Befragten sehen den Klimawandel als erwiesene Tatsache an, 72,5 Prozent gehen von überwiegend negativen Folgen für Mensch und Natur aus. Fast die Hälfte (48,4 Prozent) hält Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel für unbedingt notwendig, weitere 34 Prozent für eher notwendig – insgesamt sprechen sich somit 82,4 Prozent für Anpassungsmaßnahmen aus.
- Mit dem Europäischen Klimagesetz, das ein Element des europäischen Grünen Deals ist, soll das Ziel einer klimaneutralen EU bis 2050 in der Gesetzgebung verankert werden. Das bedeutet, dass die Netto-Treibhausgasemissionen verringert werden müssen, nämlich um mindestens 55 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990.
- Im Regierungsübereinkommen für die Jahre 2025 bis 2029 hat sich die österreichische Bundesregierung das Ziel gesetzt, bereits im Jahr 2040 Klimaneutralität zu erreichen. Dazu müssen in jedem Sektor weitreichende Maßnahmen ergriffen werden, um die THG-Emissionen auf null oder nahezu null zu reduzieren.
Quellen
- Complexity Science Hub und WU Wien: HitzeCheck Gesundheit & Lebensraum
- oesterreich.gv.at: Die österreichische Klimaschutzstrategie/Politik
- Stadt Wien: Coole Zone – Reinkommen und Abkühlen
- Der Standard: Wie Gemeinden sich gegen Hitze und Hochwasser rüsten
- Umweltbundesamt: KLAR! Befragung 2023
- Universität für Bodenkultur: Klimawandel trifft ungleich – Warum soziale Gerechtigkeit der Schlüssel zur erfolgreichen Anpassung ist
- Universität für Bodenkultur: Zu heiß zum Verweilen – Wie die Gestaltung von städtischen Grünflächen die Lebensqualität älterer Menschen verbessern kann
Das Thema in der WZ
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