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Während Südtirol jährlich Millionen Tourist:innen anzieht, wandern die jungen Einheimischen aus. Es fehlt ihnen an Perspektiven, an verhältnismäßiger Entlohnung und an leistbarem Wohnraum. Nur ein kleiner Teil kommt wieder zurück.
„Wohl ist die Welt so groß und weit und voller Sonnenschein, das allerschönste Stück davon ist doch die Heimat mein.“ So beginnt das Bozner Bergsteigerlied, die inoffizielle Hymne Südtirols. Die nördlichste Region Italien ist bekannt für ihr mildes Klima, ihre schöne Natur, ihre herzliche Gastfreundschaft und ihr gutes Essen. Doch so schön es auch ist, Jahr für Jahr entscheiden sich immer mehr junge Menschen, ihre Heimat nach der Schule oder dem Studium zu verlassen.
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Die Abwanderung der Gehirne
Der sogenannte Brain Drain, das Auswandern hochqualifizierter Arbeitskräfte aus einer Region oder einem Land, ist kein spezifisches Südtirol-Phänomen. Dennoch ist die Provinz Bozen italienweit am stärksten davon betroffen. In absoluten Zahlen liegt Südtirol zwar nicht an der Spitze, aber im Verhältnis zur Bevölkerung und den Geburten. Laut den neuesten Zahlen des italienischen Rats für Wirtschaft und Arbeit (CNEL) verließen in den Jahren 2011 bis 2024 13,7 Prozent der Südtiroler Bevölkerung das Land.
Im Vergleich zu den Neugeborenen wird besonders deutlich, wie hoch der Anteil der Südtiroler Abwanderer ist. Pro 100 Neugeborene im Jahr 2024 zogen 34,5 Südtiroler:innen ins Ausland. Im Vergleich: Der italienische Durchschnitt liegt hier bei 18,7 Ausgewanderten.
Die Geschichte einer Auswanderin
Sophie Mair wusste eigentlich, dass sie Südtirol nur auf bestimmte Zeit verlassen würde. Nach dem Studium des italienischen Rechts in Innsbruck beschloss die 27-Jährige dann aber, nach Wien zu ziehen. Hier arbeitet sie seit zwei Jahren als Juristin im Sozialministerium. Warum der Umzug nach Wien, wenn für sie doch klar war, dass sie nach Südtirol zurückmöchte? „Es hat sich ein bisschen so angefühlt, als ob dann – und das ist jetzt sehr übertrieben formuliert – mein Leben vorbei gewesen wäre“, erzählt sie im Gespräch mit der WZ. Wäre sie sofort zurückgezogen, wäre sie in Südtirol geblieben, sagt sie, aber: „Ich wollte nach dem Studium nochmal etwas Neues ausprobieren und nicht sofort in den Erwachsenen-Alltag eintauchen.“ Deshalb ging sie nach Wien.
Auch ihre Berufswahl habe dazu beigetragen. Hätte sie den klassischen Jurist:innenberuf ausüben wollen, wäre das nur in Südtirol möglich gewesen, da sie ja italienisches Recht studiert hatte. In der Verwaltung blieb ihr etwas mehr Spielraum. „In Wien gibt es im Verwaltungsbereich viele coole Möglichkeiten, auch international und europaweit.“
Niedrige Löhne, hohe Kosten
Fehlende interessante Arbeitsmöglichkeiten und Karriereperspektiven zählen zu den Hauptgründen für die Abwanderung junger Menschen, wie eine Studie des Südtiroler Wirtschaftsforschungsinstituts aus 2019 ergab.
Eine weitere wichtige Rolle spielt die Bezahlung: Für denselben Job hätte Sophie in Südtirol etwa ein Fünftel weniger verdient. Der Median in der Südtiroler Privatwirtschaft lag im Jahr 2023 bei 29.014 Euro als Bruttojahreslohn, so die Daten des Statistikinstituts ASTAT. In Österreich lag er im selben Jahr laut Statistik Austria bei 35.314 Euro.
Dazu kommt folgende Problematik: Die Kollektivverträge, die der italienische Staat festlegt, gelten für das gesamte Land. Da Südtirol eine der teuersten Regionen ist, sind die Gehälter im Verhältnis zu den Lebenserhaltungskosten niedrig. „Wir haben politisch den einzigen Spielraum dort, wo wir selbst Verträge machen, und das ist im öffentlichen Dienst“, sagt Magdalena Amhof (SVP), Landesrätin für Europa, Arbeit und Personal in Südtirol. Im vergangenen Jahr hätten hier auch Inflationsanpassungen und mitunter Lohnerhöhungen stattgefunden, weitere werden derzeit verhandelt. Eine weitere Maßnahme sei die Senkung der Wertschöpfungssteuer für die Unternehmen, sollten diese neue, vorteilhaftere Kollektivverträge aushandeln. Trotzdem bleibe der nationale Rahmen, an den man sich halten müsse.
Während die Gehälter in Südtirol also vergleichsweise niedrig sind, sind die Preise hoch: Laut dem italienischen Verbraucherverband war Bozen 2025 die teuerste Stadt Italiens. Im Vergleich zum Vorjahr musste eine vierköpfige Familie 730 Euro mehr stemmen. In der zweitteuersten Stadt – Siena – liegt dieser Betrag bei 649 Euro.
Die Geschichte einer Rückkehrerin
Und trotzdem gibt es auch Menschen, die zurückkommen, denn in einer Hinsicht punktet Südtirol: Lebensqualität. Laut der Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“ liegt die Provinz Bozen im Jahr 2025 auf dem zweiten Platz der lebenswertesten Provinzen Italiens.
Michaela Tschugguel absolvierte in Innsbruck das Tourismuskolleg, arbeitete dann 4 Jahre in Madrid und 2 Jahre New York als Account Manager im Bereich Online Marketing für WPP und zog 2012 wieder in ihr Heimatdorf Völs am Schlern in Südtirol. Die 40-Jährige arbeitet seither beim Hoteliers- und Gastwirteverband (HGV) im Bereich Online Marketing und ist Mutter von drei Kindern. Als sie 14 war, flog sie das erste Mal in die USA, wodurch sich der Wunsch, neue Kulturen und Menschen kennenzulernen, erhärtete. „Gerade in dem Alter, in dem man sich selbst erst kennenlernt, wollte ich irgendwohin, wo man etwas anonymer ist“, erzählt sie.
Nach den zwei Jahren in New York war für sie klar: Sie wollte zurück nach Südtirol. Ihr Familienwunsch untermauerte diese Entscheidung. Sie erzählt, dass die Arbeits- und Karrieremöglichkeiten in der Agentur, für die sie zuvor gearbeitet hatte, immens waren. Und doch konnte sie in Südtirol einiges dazulernen, und der Job mache ihr bis heute Spaß.
Sie sehe die mangelnde Attraktivität für Junge nicht per se bei den Jobmöglichkeiten, sondern vor allem auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere bei der Kinderbetreuung. Zum Beispiel: In Österreich dauern die Sommerferien neun Wochen, in Südtirol zwölf. Michaela sagt: „Es ist fast leichter, eine Coldplay-Konzertkarte zu kriegen als einen Sommerbetreuungsplatz.“
Was macht die Politik?
Schon 2010 wurde in Italien mit dem sogenannten Rientro dei Cervelli – der Rückkehr der Gehirne – eine Maßnahme gesetzt, um den Zu- beziehungsweise Rückzug attraktiver zu machen. Erfüllt man alle Voraussetzungen, unter anderem einen Auslandsaufenthalt von drei Jahren, so müssen fünf Jahre lange nur 50 Prozent des Einkommens besteuert werden beziehungsweise 40 Prozent für Menschen mit minderjährigen Kindern. Dies ist bis zu einem jährlichen Bruttoeinkommen von 600.000 Euro möglich.
Mitte Jänner wurde im Südtiroler Landtag ein Beschlussantrag genehmigt, der die Fachkräftebindung und -rückgewinnung garantieren möchte. Zentral ist die Einrichtung einer Koordinationsstelle, die für die Bereiche Arbeit, Wirtschaft, Bildung, Forschung, Wohnen, Familie und Mobilität verantwortlich sein soll. Auch Informationen, die das Einleben erleichtern, zum Beispiel über das Umschreiben eines Führerscheins oder die Anrechnung der bereits eingezahlten Pensionsjahre, sollen dort erfragt werden können, so Harald Stauder, der Fraktionsvorsitzende der Südtiroler Volkspartei (SVP) und Antragseinbringer.
Außerdem soll eine Strategie entwickelt werden, die die bestehenden Problemfelder wie Mietmarkt, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und gute Arbeitsplätze umfasst. „Die schöne Landschaft und die gute Lebensqualität sind das Eine, aber ich muss den Rest auch bieten können. In ganz Europa gibt es einen Wettbewerb der besten Köpfe, und da sind wir mittendrin“, sagt Stauder.
Was muss sich ändern?
Für Sophie ist wichtig, dass die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst attraktiver werden. Sie wünscht sich, dass er kompetitiver zur Privatwirtschaft wird. Vor allem jetzt, wo viele Pensionierungen anstehen. „Irgendwann gibt es niemanden mehr, und es kommt auch niemand nach, weil es nicht wirklich attraktiv ist.“
Und für Michaela ist es vor allem die Kinderbetreuung. „Wenn man hier keine Hilfe hat, ist man total aufgeschmissen“, sagt die 40-Jährige. Vor allem als Frau sei man gezwungen, Teilzeit zu arbeiten. „Die meisten Frauen, die im Ausland gearbeitet haben, haben ja studiert und viel Arbeitserfahrung gesammelt. Es ist dann schon schlimm, so viel zurückstecken zu müssen.”
In einem Punkt sind sich Sophie und Michaela, und vermutlich viele andere Südtiroler:innen, aber einig: Die Natur und Freizeitmöglichkeiten tragen deutlich zur Lebensqualität bei. Sophie kommt aufgrund der Distanz nur selten nachhause, und deshalb wertschätzt sie Südtirol nun umso mehr. Auch Michaela sagt: Nachdem sie ein paar Jahre im Ausland verbracht hatte, sei ihr bewusst geworden, wie schön es in Südtirol eigentlich sei.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Sophie Mair ist Juristin und arbeitet im Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz in Wien. Die gebürtige Boznerin wohnt seit der Matura in Österreich.
- Michaela Tschugguel arbeitet im Bereich Online Marketing für den Hoteliers- und Gastwirteverband. Nach Auslandserfahrungen in Innsbruck, Madrid und New York ist sie in ihr Heimatdorf Völs in Südtirol zurückgezogen.
- Magdalena Amhof ist Landesrätin für Europa, Arbeit und Personal im Südtiroler Landtag und gehört der Südtiroler Volkspartei (SVP) an. Sie hat in Innsbruck und Neapel studiert.
- Harald Stauder ist Landtagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender der Südtiroler Volkspartei. Er hat Auslandserfahrungen in Innsbruck, Wien und Paris gesammelt.
Daten und Fakten
- 1.699 Südtiroler:innen zwischen 18 und 34 Jahren haben im Jahr 2024 Südtirol verlassen. 2023 waren es noch 1.559. (Italienischer Rat für Wirtschaft und Arbeit)
- Durch das Fehlen der jungen Menschen geht Humankapital verloren. Rechnet man das auf das Bruttoinlandsprodukt um, so hat Südtirol 17 Prozent des BIP verloren; der italienische Durchschnitt liegt bei 7,5 Prozent. (Italienischer Rat für Wirtschaft und Arbeit)
- Während italienweit etwa 10 Prozent der Universitäts-Absolvent:innen auswandern, sind es in Südtirol etwa 70 Prozent; von den Maturant:innen 46 Prozent. (Italienischer Rat für Wirtschaft und Arbeit)
- Das Südtiroler Haushaltsbudget für 2026 liegt bei 8,76 Milliarden Euro. Im Jahr davor waren es 626 Millionen Euro weniger. (Autonome Provinz Bozen)
- Der Wert des durchschnittlichen Nettovermögens liegt in Südtirol mit 353.000 Euro pro Kopf über dem italienischen Durchschnitt von 191.000 Euro. (Banca d’Italia)
- 12 Prozent der Erwerbstätigen in Südtirol arbeiten zu einem Stundenlohn von weniger als neun Euro (Rai News).
Quellen
- Studie über die “neue Emigration” junger Italiener:innen
- Studie über Attraktivität des Südtiroler Arbeitsmarktes
- Median des Bruttojahreslohns in der Südtiroler Privatwirtschaft
- Median des Bruttojahreslohns in Österreich
- Vergleich der teuersten Städte Italiens
- Vergleich der lebenswertesten Provinzen Italiens
- “rientro dei cervelli” - Reduktion der Steuergrundlage
- Beschlussantrag über brain gain in Südtirol
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