PodcastZwei Stimmen aus Gaza erzählen vom Leben im Ausnahmezustand, vom täglichen Kampf ums Überleben und von Nächten in instabilen Zelten im erbarmungslosen Winter, der in diesem Jahr von besonders starken Regenfällen und Windstürmen geprägt ist.
Trotz des im Oktober angekündigten Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas sind in Gaza mehr als 400 Palästinenser:innen getötet worden. Der Alltag bleibt von Gewalt, Unsicherheit und Verlust geprägt. Hinzu kommt die Erbarmungslosigkeit des Winters, der die ohnehin prekären Lebensbedingungen weiter verschärft: Regen, Kälte und starke Winde bedrohen tausende Familien, die in instabilen Zelten leben und kaum Schutz finden. Hohe Mietpreise für unbebautes Land und der Mangel an stabilen Unterkünften machen das Überleben zu einer täglichen Herausforderung, wie Yahaya und Layana berichten, die beide derzeit in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens leben.
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Die Schattenseiten des Regens
Im vergangenen Jahr war die Olivenernte im Westjordanland besonders schlecht. Aufgrund des ausbleibenden Regens bezeichnen viele Palästinenser:innen die letzte Ernte als die schlechteste, an die sie sich erinnern können. In den vergangenen Wochen hingegen waren die Regenfälle extrem stark. Teilweise führten diese zu überfluteten Straßen, weshalb wiederum der Verkehr in Israel und dem Westjordanland beeinträchtigt wurde. „Die Olivenernte für dieses Jahr wird, so Gott will, deutlich besser ausfallen“, sagt der in Ostjerusalem lebende Nabil. „So starke Regenfälle gab es sicherlich seit mehr als 20 Jahren nicht“, fügt er hinzu.
Der Regen habe jedoch auch seine Schattenseiten, sagt Nabil. Während er förderlich für den Olivenanbau ist, ist er gleichzeitig unaushaltbar für die Bevölkerung Gazas, die nur wenige Kilometer entfernt von Jerusalem in instabilen Zelten, die kaum Schutz gegen Wind und Regen bieten, verweilen müssen. Seit Wochen ist der 28-jährige Yahya Alsholy auf der Suche nach einem stabileren Zelt. Erst vor wenigen Tagen konnte er durch viele Mühen ein neues auftreiben. „In den Nachrichten heißt es, dass der Regen zunehmen wird. Ich suchte nach einem Zelt, das mir und meiner Familie besseren Schutz bietet. Allerdings sind die Preise sehr hoch“, erzählt Yahya. Ein einigermaßen stabiles Zelt kostet etwa 1600 israelische Schekel (umgerechnet sind das etwa 435 Euro). „Manchmal ist es tagsüber sonnig und plötzlich beginnt es nachts stark zu regnen, wodurch man panisch aufwacht.“
Die 16-jährige Layana Al-Sweirki beschreibt eine ähnlich aussichtlose Situation. Vor fünf Monaten wurde ihr Zuhause im Stadtviertel Al-Tuffah durch israelische Angriffe zerstört. Seitdem lebt auch Layana mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in einem Zelt. „Unser Zelt wurde bereits einige Male mitten in der Nacht vom Wind weggefegt. Manchmal wachen wir auch durch Wasser auf, welches unerwartet ins Zelt eintritt und den Boden überflutet.“
Der Gedanke, Gaza zu verlassen, ist stets präsent
Trotz des angekündigten Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas gibt es weiterhin Luft- und Drohnenangriffe. Die UN berichtet von mehr als 400 Menschen (über 100 davon waren Kinder), die seit Oktober getötet wurden. „Vor dem Waffenstillstand habe ich das Leben im Zelt als eine Notlage betrachtet, die vorübergehen wird“, führt Yahya aus. „Vielleicht lag ich jedoch falsch. Was, wenn dies unser neues Leben ist?“, fragt er.
Das Leben in Zelten lässt etwas im Inneren eines Menschen zerbrechen.Yahya
Yahya kann die Grausamkeit, in der er lebt, nicht fassen. Er schildert, wie das Zelt nachts laut durch die Windstürme zu flattern beginnt. Um ihn herum herrscht das Chaos. Nur etwas Wasser oder leichter Regen können im Zelt ein riesiges Problem verursachen. Er schläft nur noch wenige Stunden und hat den Rest des Tages Angst, dass seiner Unterkunft etwas passieren könnte. Yahya beschreibt, dass er seiner Familie bessere Wohnmöglichkeiten bieten möchte. Das Leben im Zelt habe große Auswirkungen auf die Psyche von allen. „Ich glaube nach wie vor, dass das Leben in Zelten etwas im Inneren eines Menschen zerbrechen lässt und das Gefühl der Selbstachtung untergräbt – als natürliche Folge der allgegenwärtigen Zerbrechlichkeit und des Chaos, das dieses Leben umgibt“, schildert er.
Als freier Schreiber kann er gelegentlich durch Onlineaufträge Geld verdienen, allerdings verfügt er über kein regelmäßiges Einkommen. Für das neue Zelt musste er lange sparen, und doch garantiert es ihm langfristig keine Sicherheit. „Dieses neue Zelt zu beschaffen, erforderte große Mühen. Die Institutionen, die einem helfen sollten, sind korrupt und die Händler nutzen die Situation aus, um dich auszubeuten“, berichtet Yahya. Wie so viele junge Menschen in Gaza würde er seine Heimat gerne verlassen, weil er keine Zukunft in ihr sieht.
Das Thema Flucht griff der junge Autor sogar in einem Film auf, für den er während des Krieges selbst das Drehbuch schrieb und Regie führte. Der Kurzfilm mit dem Titel „Escape from Farida“ (Arabisch: „Al-Harb min Farida“) erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Hoffnungen und Träume in den Gassen einer vom Krieg gezeichneten Stadt zerbrechen. Der junge Mann im Film, gespielt von Yahya selbst, versucht, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und Gaza zu verlassen. Doch bevor er geht, muss er seiner Verlobten Farida mitteilen, dass er sie zurücklassen wird. Der gesamte Kurzfilm wurde im Zuge des Krieges gedreht – auch in Zeiten, in denen er und sein Team kaum zu Essen hatten. Vorgeführt wurde der Film bereits in Ramallah und Ägypten, vor etwa zwei Monaten auch im Palästinensischen Nationaltheater in Ostjerusalem. Yahya musste teilweise weite Strecken zurücklegen, um die Filmdatei an die jeweiligen Veranstalter zu senden, denn nicht überall in Gaza gibt es eine stabile Internetverbindung. Auch bei der Durchführung der Interviews mit Yahya und Layana für diesen Text kappte die Verbindung mehrmals ab.
Würde gerne wieder in die Schule aber es wurden so gut wie alle Schulen zerstörtLayana
„Der Krieg hat nur eine andere Form angenommen“
Die Protagonistin Farida wurde von Layanas Cousine Malak Hani Al-Sweirki gespielt. Anders als im Film gelang es jedoch Malak tatsächlich, Gaza zu verlassen. Sie erhielt eine Zusage des Downing Colleges für ein Studium der Geschichte und Politikwissenschaften und konnte mit vielen Mühen und zahlreichen bürokratischen Hürden als Studentin Gaza verlassen. Diese Möglichkeit gibt es jedoch nicht für jede Person. Layana etwa hat diese Option nicht. Seit über zwei Jahren konnte sie nicht die Schule besuchen. Stolz erzählt sie im Interview, dass sie mit 99 Prozent das höchste Punkteranking in ihrem Bezirk hatte. „Ich würde gerne wieder in die Schule gehen, um zu lernen, allerdings wurden so gut wie alle Schulen bereits zerstört“, sagt Layana. „Ich liebe Gaza, aber es ist ermüdend, hier zu sein.“ Layana sieht Gaza immer noch als ihre Heimat. Der Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen ist, habe jedoch seit der Zerstörung keine Seele mehr, sagt sie.
Wie der Protagonist in seinem Film denkt auch Yahya oft übers Auswandern nach. Allerdings wäre diese Entscheidung, wenn sich überhaupt für ihn wie für Malak eine Möglichkeit ergeben würde, alles andere als einfach. Er kann sich nicht mit dem Gedanken abfinden, wegzureisen, während seine Familie weiterhin in Zelten leben muss: „Ich glaube nicht, dass ich in nächster Zeit gehen werde, und ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Leben an einem anderen Ort normal weitergehen würde.“
Sowohl Yahya wie auch Layana befinden sich derzeit in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens. Aufgrund der gefährlichen Situation können die beiden mit ihren Familien nicht zurück in ihr Heimatviertel Al-Tuffah, da dieses weiterhin unter israelischem Beschuss steht. So wurde am 19. Dezember etwa im besagten Viertel eine Schule, in der Vertriebene Zuflucht suchten, beschossen, wobei laut UN-Angaben sechs Menschen getötet und fünf weitere verletzt wurden. „Wir haben lange auf einen Waffenstillstand gewartet, doch der Krieg hat nur eine andere Form angenommen“, sagt Yahya.
Hohe Mieten trotz provisorischer Unterkünfte
Neben der Angst vor dem Winter und dem Beschuss sind auch finanzielle Sorgen stets ein großes Problem. Yahya ist gezwungen, eine hohe Miete für das Grundstück zu zahlen, auf dem sein Zelt errichtet ist, da es sich hierbei um Privatbesitz handelt. „Die Mieten für Grundstücke beginnen bei 150 US-Dollar und können in einigen Gegenden bis zu 700 US-Dollar pro Monat erreichen – abhängig davon, wie nah eine Wasserquelle ist“, schildert er. Dadurch wird der Zugang zu Wohnungen für Familien ohne finanzielle Mittel noch schwieriger. „Meine Familie ist groß. Wenn wir eine Wohnung mieten wollten, beginnen selbst die kleinsten verfügbaren Wohnungen bei 1.500 US-Dollar“, fügt er hinzu. Aufgrund seiner unregelmäßigen Arbeit ist es für ihn äußerst schwierig, die Miete für das Zeltgrundstück aufzubringen, weshalb er eine Wohnung derzeit nicht in Betracht ziehen kann.
Durch die Zerstörung des Gazastreifens gibt es aber auch kaum Arbeit. Die Mehrheit könne deshalb derartige Beträge gar nicht zahlen. Manche sind darauf angewiesen, sich Geld auszuleihen. „Wer die Miete nicht zahlen kann“, so erzählt Layana, „der wird vom Grundeigentümer gezwungen, zu gehen. Es gibt keine Gnade hier.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Nabil lebt und arbeitet in Ostjerusalem.
- Yahya Alsholy ist 28 Jahre alt und lebt derzeit in Deir al-Balah. Er ist freier Schreiber und Filmemacher.
- Layana Al-Sweirki ist 16 Jahre alt und war vor dem Krieg Schülerin. Auch sie lebt derzeit in Deir al-Balah.
Seit Beginn des Krieges am 7. Oktober 2023 durch den Hamas-Angriff verweigert Israel internationalen und israelischen Journalist:innen weitgehend den unabhängigen Zugang zum Gazastreifen. Der Grenzübergang ist für ausländische Medienvertreter:innen geschlossen, sodass eine freie, unbegleitete Berichterstattung aus dem Inneren kaum möglich ist. Das Gespräch mit Nabil fand vor Ort in Jerusalem statt, die Interviews mit Layana und Yahya wurden online geführt.
Daten und Fakten
- Das UN-Nothilfebüro (OCHA) verweist im aktuellen Update zur humanitären Lage in Gaza auf Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums, dem zufolge seit Inkrafttreten des Waffenstillstands im Oktober mehr als 460 Palästinenser:innen getötet und über 1200 verletzt wurden (der Bericht stammt vom 15. Jänner 2026).
- UNICEF berichtet, dass seit dem Waffenstillstand mehr als 100 Kinder in Gaza getötet wurden und Kinder weiterhin einem hohen Risiko ausgesetzt sind.
- Dem Bericht zufolge steigt seit dem 7. Oktober 2023 die Zahl der gemeldeten palästinensischen Opfer damit auf 71.439 Tote und 171.324 Verletzte.
- OCHA berichtet, dass rund 800.000 Menschen (also fast 40 Prozent der Bevölkerung Gazas) derzeit an überschwemmungsgefährdeten Standorten leben. Winterstürme und starker Regen haben viele Unterkünfte unbewohnbar gemacht.
- Israel hat die Lizenzen von 37 internationalen Nichtregierungsorganisationen in Gaza und im besetzten Westjordanland widerrufen, da sie neuen Registrierungsanforderungen nicht nachgekommen seien. Die Lizenzsuspendierung trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Zu den betroffenen Hilfsorganisationen gehören unter anderem ActionAid, International Rescue Committee und Médecins Sans Frontières. International sorgte dieses Vorgehen erneut für scharfe Kritik. Auch die UN bezeichneten die Suspendierungen als Teil einer Reihe rechtswidriger Einschränkungen des humanitären Zugangs und betonten, dass Israel nach internationalem Recht für die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern in Gaza verantwortlich ist und humanitäre Hilfe zulassen und erleichtern muss.
Quellen
- UNICEF: During Gaza’s Ceasefire, Children Keep Being Killed
- United Nations: In Gaza, 800,000 people now live in dangerous locations prone to flooding
- United Nations: Outrageous suspension of numerous aid agencies from Gaza
Das Thema in der WZ
- 099 - Wir waren an der Gaza-Grenze und in der West Bank
- „Palästinensisches Leben wird nicht mitgedacht“
- Palästinenser:innen im Westjordanland: Ein Leben in Angst
- Heiliges Land: Getrennt durch Mauern, verbunden im Glauben
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