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Inhaftiert, versklavt, ermordet – weil sie „Ungläubige“ sind

9 Min
Die Zahl der weltweit verfolgten Christ:innen hat einen neuen Höchststand erreicht.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Fast eine halbe Milliarde Menschen weltweit werden wegen ihrer Religion verfolgt. 80 Prozent von ihnen sind Christ:innen. So viele wie noch nie zuvor werden diskriminiert oder erleiden Gewalt.


    • Christ:innen werden in Ländern wie Pakistan, Ägypten und Iran systematisch diskriminiert, entführt, zwangsverheiratet und ermordet.
    • Blasphemievorwürfe dienen häufig als Vorwand für Verhaftungen, Todesurteile und Lynchmorde an Christ:innen.
    • Behörden reagieren oft zu spät oder gar nicht, während die Zahl verfolgter Christ:innen weltweit auf 380 Millionen gestiegen ist.
    • 80 Prozent der wegen ihres Glaubens verfolgten Menschen sind Christ:innen
    • 380 Millionen Christ:innen weltweit werden verfolgt (Missio, 2023)
    • 2015: 15 Tote bei Anschlägen auf Kirchen in Youhanabad, 2016: 75 Tote in Lahore
    • 2023: 26 Kirchen in Jaranwala (Pakistan) von Mob angezündet
    • Christ:innen machen in Pakistan nur 2 % der Bevölkerung aus
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Die 20-jährige Katholikin Arene hat soeben ihre erste Medizinprüfung in Assiut (Ägypten) absolviert, als sie auf dem Heimweg entführt wird. Ihre Familie findet mit Hilfe der örtlichen Kirche heraus, dass Arene in ein drei Autostunden entferntes Dorf verschleppt worden sein könnte. Die Behörden suchen nach der jungen Frau, doch sie bleibt verschwunden. Befürchtet wird, dass Arene als Sklavin ins benachbarte Bürgerkriegsland Sudan verkauft wurde.

Die christliche Schülerin Mehrael verschwindet in Heliopolis am Stadtrand von Kairo. Auch sie hat gerade eine wichtige Prüfung absolviert. Lange fehlt von ihr jede Spur.

Die 18-jährige Huma ist auf dem Weg zu ihrem Job in einem Callcenter in Pakistan, als sie auf offener Straße entführt wird. Die Polizei agiert zunächst bestenfalls halbherzig, doch ihre Eltern finden später mit Hilfe einer christlichen Rechtsberatungsorganisation heraus, dass Huma zwangsislamisiert und zwangsverheiratet wurde. Es kommt sogar zum Prozess, doch in diesem sagt Huma – offenbar unter Druck und aus Angst vor ihrem Ehemann – aus, sie sei aus freien Stücken Muslimin geworden. Die junge Frau bleibt unerreichbar für ihre Familie.

Verschleppte Mädchen und Bomben auf Kirchen

Alle drei jungen Frauen wurden gekidnappt, weil sie Christinnen sind. Die katholische Ordensschwester Sakia, die in Pakistan eine Nähschule für junge Frauen leitet, könnte der WZ am Telefon noch von etlichen weiteren Entführungen erzählen. Von jungen Mädchen, die plötzlich nicht mehr da waren. Aber auch von einem Burschen, der kurzerhand am nächsten Baum aufgehängt wurde, weil er als Christ eine Muslima verführt haben soll. „Seiner Familie wurde angedroht, mit ihnen dasselbe zu machen, wenn sie nicht zum Islam konvertieren“, berichtet Sakia.

Frauen sind nichts wert, christliche Frauen erst recht nichts.
Sakia, katholische Ordensschwester in Pakistan

Menschenhandel und Zwangsheirat gehören in Pakistan zum Alltag einer Minderheit, die knapp zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht und nur vordergründig Religionsfreiheit genießt. Ein genauerer Blick offenbart, dass Christ:innen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Das beginnt im Bildungssystem, wo sie ebenso systematisch benachteiligt werden wie am Arbeitsmarkt, und gipfelt in Entführungen, Morde und Bombenanschläge. Ein Hotspot ist die ostpakistanische Provinz Punjab an der Grenze zu Indien. 2015 und 2016 wurden dort rund 90 Menschen bei Attentaten auf Kirchen in Lahore getötet, neben Christ:innen starben auch Muslim:innen. Und beim jüngsten größeren Vorfall 2023 stürmte ein wütender Mob christliche Wohnviertel in Jaranwala und zündete 26 Kirchen an. Zu diesem Gewaltexzess war über Lautsprecher der Moscheen ausgerufen worden, die Polizei soll laut Augenzeug:innen tatenlos zugesehen haben. Besonders prekär ist auch die Lage der Christ:innen im Westen Pakistans, im Grenzgebiet zu Afghanistan.

Blasphemie als Vorwand für Todesstrafen und Lynchmorde

Der Grund für die Ausschreitungen in Jaranwala: Zwei Christen sollen Koranseiten entweiht haben. Die beiden Männer wurden später entlastet, aber auch die meisten muslimischen Angreifer dürften ohne Strafe davongekommen sein. Dafür wurde ein anderer Christ zum Tode verurteilt, der blasphemische Inhalte im Internet verbreitet haben soll. Und gerade Blasphemie (Gotteslästerung) dient oft als Vorwand, um Christ:innen ins Gefängnis zu bringen oder ihnen Gewalt anzutun. Nicht nur in Pakistan, wo 1956 die Islamische Republik ausgerufen wurde, sondern auch in anderen Ländern, in denen die Scharia, das islamische Recht, herrscht. Die Scharia wird allzu oft so ausgelegt, dass sie Menschenrechte beschneidet. Und die Todesstrafe für das Abfallen vom rechten Glauben (also vom Isam) ist ein Teil davon.

Besonders perfide wirkt der Fall eines pakistanischen Schuhhändlers, von dem die österreichische NGO „Christen in Not“ (CiN) berichtet. Vor seinem Laden hatte jemand eine Kiste mit Altpapier abgestellt. Sein Vater verbrannte den vermeintlichen Müll auf der Straße, wie es in dieser Region üblich ist, woraufhin ein Passant ihn beschuldigte, Koranseiten zu verbrennen. Um diese hatte es sich offenbar tatsächlich bei dem Altpapier gehandelt, woraufhin sich ein vom örtlichen Imam aufgehetzter Mob bildete, der „Gerechtigkeit“ forderte und den angeblichen Koranschänder lynchte. Selbst ein Krankenwagen, der den Sterbenden abholte, wurde durch Steinwürfe schwer beschädigt.

Polizeibeamte als stumme Zuschauer

Die Polizei beteuerte kurz danach, schnell und korrekt gehandelt zu haben, und behauptete gar, es habe gar kein Todesopfer gegeben, aber mehr als zehn verletzte Beamte, die ihr Leben riskiert hätten, um die Familie des Schuhhändlers vor dem Mob zu schützen. „Dem rechtzeitigen Eingreifen der Polizei ist es zu verdanken, dass Sargodha eine große Tragödie erspart blieb“, zitiert „Christen in Not“ die lokalen Behörden. Und lässt im nächsten Absatz Verwandte des Getöteten widersprechen: „Die Videos des Angriffs zeigen eindeutig, dass Polizeibeamte als stumme Zuschauer vor Ort waren, was darauf hindeutet, dass sie die an dem Angriff beteiligten Terroristen stillschweigend gebilligt und unterstützt haben.“

380 Millionen verfolgte Christ:innen – so viele wie noch nie

Christ:innen in Pakistan haben keine Stimme, „weil wir so wenige sind und über das ganze Land verstreut in kleinen Gruppen leben“, erklärt Schwester Sakia. Dazu kommt ein gesellschaftliches Problem: „In den Augen vieler muslimischer Männer ist eine Frau nichts wert, und eine christliche Frau erst recht nichts.“ Deshalb werden so viele christliche Mädchen zu Konvertierung und Ehe gezwungen oder als Sexsklavinnen ins Ausland verfrachtet. Christliche Burschen und Männer wiederum werden bewusst drogenabhängig gemacht und dann wegen Blasphemie verurteilt, wenn sie sich im Rausch nicht islamkonform benehmen, berichtet die Ordensschwester.

Der Israel-Hamas/Hisbollah-Konflikt hat die Situation für Christ:innen in islamischen Ländern noch verschärft, weil oft alle „Ungläubigen“ in einen Topf geworfen werden. Christ:innen müssen als Sündenböcke im Konflikt mit dem verhassten Westen herhalten. So ist es kein Wunder, dass von der knappen halben Milliarde Menschen, die weltweit wegen ihrer Religion Opfer von Diskriminierung, Hass, Gewalt und auch Mord werden, 80 Prozent Christ:innen sind. Das päpstliche Hilfswerk Missio spricht von 380 Millionen verfolgten Christ:innen, was ein neuer Höchststand ist.

Über Blasphemie-Prozesse berichten wir nicht aus Sorge vor Pogromen.
Elmar Kuhn, Generalsekretär der NGO „Christen in Not“

Pakistan gehört laut „Christen in Not“ zu jenen Ländern, in denen die Situation besonders schlimm ist. CiN-Generalsekretär Elmar Kuhn nennt als weitere Hotspots Nordkorea, Nigeria und die umliegenden Staaten sowie Eritrea und Indien, wo auch die muslimische Minderheit stark unter dem Hindu-Nationalismus leidet. „‚Fallen states‘ wie Sudan, Jemen oder Afghanistan nenne ich hier gar nicht erst“, sagt Kuhn im Gespräch mit der WZ, „denn wo der Staat machtlos ist, ist der Willkür von Fundamentalisten keine Grenze gesetzt.“

16 Jahre Haft für schwangere Konvertitin

Besonders gefährlich leben Christ:innen auch in Subsahara-Afrika, wo in mehreren Staaten Bürgerkriege zwischen Regierungstruppen und vorwiegend islamistischen Terrorgruppen toben. Die Berichte reichen von Enthauptungen von Christen durch den Islamischen Staat in Mosambik über die Ermordung von Geistlichen in Kenia und Angriffe auf Konvertierte durch die eigene muslimische Familie in Somalia bis zu Massenentführungen von Schulkindern in Nigeria. Letztere treffen allerdings auch Muslime, weil es sich dabei neben dem religiösen Motiv auch um ein brutales, profanes Geschäftsmodell mit Lösegeldforderungen handeln dürfte.

In manchen Regionen kann es schon fatale Folgen haben, Weihnachten zu feiern. So wie für die Brüder Mahmoud (56) und Mansour (50), die im Iran wegen „abweichender Propagandaaktivität, die der heiligen Religion des Islam zuwiderläuft“, und wegen „Verletzung der nationalen Sicherheit durch die Teilnahme an einer Hauskirche“ zu vier Jahren Haft verurteilt wurden. Die schwangere iranische Konvertitin Narges (37) landete sogar für 16 Jahre im Gefängnis. Der werdenden Mutter wurde das Recht auf Zugang zu Gesundheitsversorgung, Arbeit und Bildung entzogen. Ihre Vergehen: Sie hat an christlichen Gottesdiensten teilgenommen und in Sozialen Medien Beiträge zur „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung gepostet.

Todesdrohung aus Syrien nach Bericht in Wien

Dass in westlichen Medien meist nur die allerschlimmsten Fälle Schlagzeilen machen und vieles unerwähnt bleibt, ist symptomatisch. Einerseits könnte mit mehr solchen Berichten Druck aus dem Ausland erzeugt werden, der vielleicht helfen würde, die Behörden zum Handeln zu zwingen. Andererseits werden diese Berichte durch die digitale Globalisierung auch von den Tätern gelesen. So bekam ein syrischer Bischof, der in Wien offen über die Probleme seiner Religionsgemeinschaft sprach, noch in derselben Nacht Todesdrohungen aus Syrien, erzählt Kuhn, der ergänzt: „Über Blasphemie-Prozesse berichten wir schon gar nicht mehr. Denn in dem Moment, in dem das in Österreich erscheint, gibt es dort Pogrome gegen die Familien der Angeklagten. Da herrscht Sippenhaftung gegen jene, die aus Sicht der Islamisten im Ausland ihre Heimat verunglimpfen.“

Der Generalsekretär von „Christen in Not“ fühlt sich in Wien sicher – es gibt aber mittlerweile mehrere Länder, in die er wegen seiner Funktion nicht mehr einreisen würde, „weil ich nicht weiß, ob ich auch wieder ohne weiteres herauskommen würde“.

Behörden reagieren oft viel zu spät

Huma aus Pakistan ist übrigens wieder zuhause bei ihren Eltern. Der 18-jährigen ist sieben Monate nach ihrer Entführung die Flucht gelungen. Ihr Ehemann wollte in der Folge ihre Eltern wegen Entführung seiner Frau vor Gericht bringen – seine Klage wurde aber abgelehnt, nachdem Huma von ihrem Martyrium berichtet hat: Sie wurde physisch und psychisch misshandelt und mit dem Tod bedroht, sollte sie fliehen. Das Trauma, das die junge Frau erlitten hat, wird ihr wohl noch lange zu schaffen machen.

Auch Mehrael aus Kairo ist wieder daheim, nachdem die Polizei sie gefunden hat. Das könnte daran liegen, dass Ägyptens Langzeitpräsident Abdel Fattah Al-Sisi besonders hart gegen Islamisten vorgeht.

Arene hingegen ist auch fast zwei Jahre nach ihrer Entführung immer noch verschollen. „Christen in Not“ hat eine Petition an Präsident Al-Sisi gestartet, damit intensiver nach der jungen Ägypterin gesucht wird.

Es dauert aber oft sehr lange, bis die entführten jungen Frauen wieder auftauchen, wenn überhaupt. Oft ist dies dann der Fall, wenn sie von der Familie, die sie verschleppt hat, verstoßen werden, etwa wegen einer Schwangerschaft. Das größte Problem ist laut „Christen in Not“, dass die Behörden in vielen Fällen untätig bleiben oder viel zu spät reagieren, weil es zunächst heißt, die jungen Frauen wären „durchgebrannt“. Sind aber erst einmal mehrere Tage vergangen, verliert sich in der Regel jede Spur.

Schwester Sakia hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Christ:innen irgendwann auch in Pakistan sicher und in Frieden leben können. Ihre Nähschule steht auch Musliminnen offen, weil sie den Kontakt der Religionen als Basis für eine Koexistenz fördern möchte. Und manchmal gibt es tatsächlich positive Überraschungen: In Punjab in Afghanistan zum Beispiel, wo es de facto kaum noch Christ:innen gibt, haben ausgerechnet die radikal-islamischen Taliban einen katholischen Fronleichnamszug geschützt.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Elmar Kuhn ist Generalsekretär der österreichischen NGO „Christen in Not“.
  • Sakia ist Ordensschwester in Pakistan. Ihr Nachname wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt.

Quellen

Das Thema in der WZ

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