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Iran: Wenn ein Regime die Schergen nicht mehr bezahlen kann

8 Min
Mahdi Ghodsi ist Senior Economist am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), wo er die Forschungsgruppe Internationale Ökonomie leitet.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: wiiw

Seit zwei Wochen wird im Iran wieder protestiert. Der Wirtschaftswissenschaftler Mahdi Ghodsi erklärt im Gespräch mit der WZ die Achillesferse des iranischen Regimes: seine Wirtschaft, dessen Kollaps auch das Ende des Regimes bedeuten könnte.


Seit knapp zwei Wochen protestiert die iranische Bevölkerung erneut gegen das Regime der Islamischen Republik. Was als Protest von Handyshop-Betreibern in Teheran gegen den Währungsverfall begonnen hat, hat sich schnell zur Bewegung gegen das gesamte System formiert. Mahdi Ghodsi, Wirtschaftswissenschaftler am Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche, erklärt im Gespräch mit der WZ, wie die ökonomischen Bedingungen die Menschen auf die Straße getrieben haben – und wie sehr das dem Regime gefährlich werden könnte.

WZ | Solmaz Khorsand
Was ist die wirtschaftliche Ausgangslage, die das Fass zum Überlaufen gebracht hat?
Mahdi Ghodsi
In Wahrheit ist das wirtschaftliche Motiv hinter diesem Protest 15 Jahre alt. Seitdem sich die Sanktionen gegen den Iran auf Grund seines Atomprogramms intensiviert haben, stagniert die iranische Wirtschaft. Als sich die EU 2011 den US-Sanktionen angeschlossen hat, ist Irans Handel fast vollständig zum Erliegen gekommen. Es konnte kein Öl mehr an die EU-Länder verkauft werden. Seither lag das jährliche Wirtschaftswachstum bei höchstens 0,5 Prozent, davor im Durchschnitt zwischen 4 und 5 Prozent. Iraner:innen haben heute ein Drittel bis ein Viertel des Einkommens, das sie vor 13 Jahren hatten.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie hat das Regime dieser Entwicklung gekontert?
Mahdi Ghodsi
Da die Regierung das Budget aufgrund der fehlenden Öl-Einnahmen nicht sichern konnte, und auch aufgrund der Sanktionen auf den internationalen Märkten kein Geld borgen konnte, hat sie die Zentralbank Geld drucken lassen. Dadurch verliert das Geld an Wert. Zusätzlich entwertet die Regierung am Ende jedes Jahres – das iranische Jahr endet Mitte März – die iranische Währung, den Rial, um die Einnahmen des Öls, das verkauft wird – und zwar in Dollar – zu steigern. Durch diese Mechanismen können sie das Budget stabilisieren.
WZ | Solmaz Khorsand
Durch eine absichtliche Entwertung der eigenen Währung, werden Exporte wie Öl billiger, was für das Ausland attraktiv ist. Ich kriege für meine Dollars viel, aber eben weniger für meine Rials. Das heißt, als Händler von iPhones etwa, zahle ich beim Import horrende Preise und gebe diese Preise an die Konsument:innen weiter, die sich das nicht leisten können.
Mahdi Ghodsi
Ja, nicht nur iPhones, auch Nahrungsmittel, Viehfutter, Dünger und Medikamente.
Offiziell gelten 36 Prozent der Bevölkerung im Iran als arm.
Mahdi Ghodsi
WZ | Solmaz Khorsand
Daher hat die Regierung eine Art „Vorzugswährung“ für bestimmte Produkte eingeführt, die eine Art Subvention ist, wodurch Händler zu günstigeren Dollar-Preisen diese Produkte einkaufen und sie damit günstiger weiterverkaufen können, während die Regierung den vollen Dollar-Preis zahlt.
Mahdi Ghodsi
Ja, nur haben viele Händler diese Subvention ausgenutzt und die Produkte nicht unbedingt viel billiger verkauft, sondern sich die Differenz in die Tasche gesteckt. Das wollte die Regierung unterbinden. Als sie kurz vor dem Ausbruch der aktuellen Proteste diese Subvention streichen wollte, haben sich die Bazar (Anm. Bezeichnung für Kaufleute im Iran) gewehrt, weil sie nun die Ware zum teuren Marktpreis kaufen sollten, und diese niemals loswerden würden, weil sich die Iraner das einfach nicht mehr leisten können. Die Inflation ist bei 40 Prozent. Bei manchen Produkten liegt sie sogar bei 100 bis 200 Prozent, Speiseöl etwa. Das sind Preise wie hier in Europa, bei einem Mindesteinkommen von gerade einmal 100 Euro im Monat. Offiziell gelten 36 Prozent der Bevölkerung im Iran als arm. Das heißt: Die Zahl ist weitaus höher, sie wird fast auf die Hälfte der Bevölkerung geschätzt.
WZ | Solmaz Khorsand
Die Regierung verspricht jetzt Warengutscheine. Sie will 80 Millionen Iraner:innen monatlich Gutscheine im Wert von knapp 7 Euro zahlen. Bringt das etwas?
Mahdi Ghodsi
Nein, gar nichts. Die Regierung versucht dem Problem auf drei Arten Herr zu werden. Durch Warengutscheine, direkte Zahlungen oder sie subventioniert die Produkte direkt. Der Wert der Warengutscheine ist zu niedrig, um die hohen Preise auszugleichen, der direkte Cash-Transfer lässt die Inflation nur weiter steigen, und wenn sie Importe direkt subventioniert, passiert das, was beim Benzin passiert.
Die Maßnahmen werden das Problem einer stagnierenden Wirtschaft nicht lösen.
Mahdi Ghodsi
WZ | Solmaz Khorsand
Es wird geschmuggelt. Die iranische Regierung subventioniert Treibstoff, die ersten 60 Liter Benzin im Monat kosten Autofahrer:innen 1,3 US-Cent, die nächsten 100 Liter 2,6 US-Cent, und danach kostet jeder weitere Liter 4,3 Cent. Schätzungen zufolge werden täglich 20 bis 30 Millionen Liter illegal exportiert.
Mahdi Ghodsi
Ja, das Benzin wird in Afghanistan oder Pakistan verkauft. Das heißt, all diese drei Maßnahmen – Gutscheine, Cash und Subventionen – sind nutzlos. Sie werden das Problem einer stagnierenden Wirtschaft nicht lösen.
WZ | Solmaz Khorsand
Welchen Beitrag haben die internationalen Sanktionen zu dieser Situation geleistet?
Mahdi Ghodsi
Das Regime konnte gerade bei den Öl-Exporten die Sanktionen umgehen. Etwa wurde iranisches Öl camoufliert als malaysisches oder gar indisches Öl. Indien hat keine Öl-Reserven, importiert aber Öl vom Iran, verarbeitet es in seinen Raffinerien und verkauft es an Europa. So hat es die Islamische Republik unter anderem geschafft, zwei Millionen Barrel Öl pro Tag zu verkaufen. Da Iran vom internationalen Zahlungssystem ausgeschlossen ist, bekommt es im Austausch für sein Öl Nahrungsmittel, Chemikalien, Dünger und mehr. Auch beim Verkauf von Waffen gelingt es dem Iran, die Sanktionen zu umgehen.
WZ | Solmaz Khorsand
Wie?
Mahdi Ghodsi
Hauptsächlich über ein Tauschhandelssystem, aber auch über Kryptowährungen. So werden Raketen, Drohnen und fortschrittliche Waffensysteme seit Jahren verkauft. Iran hat riesige Kryptowährungs-Mining-Hubs, die zu Stromausfällen im Land führen. Diese Minen werden nicht von der Regierung, sondern von Revolutionsgarden kontrolliert, was diese Einkommensquelle absolut intransparent macht.
WZ | Solmaz Khorsand
Das Regime hat offenbar immer wieder Wege gefunden, die Sanktionen zu umgehen. Was haben sie also gebracht, außer die Bevölkerung wirtschaftlich zu schwächen?
Mahdi Ghodsi
Das Ziel von Sanktionen ist, militärische Aktionen, die Menschen töten, zu ersetzen. Sanktionen zielen nicht darauf ab, Menschen zu töten. Das ist der einzige Unterschied. Natürlich will man mit Sanktionen das Verhalten und die Politik des Regimes ändern. Das ist nur bedingt gelungen. Aber dank der Sanktionen kann die Islamische Republik Hisbollah oder Hamas nicht mehr in dem Ausmaß unterstützen, wie sie das möchte. Es sind ein paar Hundert Millionen Dollar, aber eben nicht Milliarden. Also die Sanktionen haben nicht unbedingt das Verhalten dieses Regimes geändert, aber sie haben es zumindest behindert in seiner Fähigkeit, Proxys zu unterstützen und selbst aufzurüsten.
WZ | Solmaz Khorsand
War es das wert? Die Mittelklasse ist de facto inexistent im Iran, die Wirtschaft am Boden, die Bevölkerung verarmt.
Mahdi Ghodsi
Sowohl Politiker rund um US-Präsident Donald Trump als auch iranische Exilfiguren wie Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Shahs, würden das bejahen. Sie sagen: Wir bringen eure Wirtschaft zum Erliegen, damit ihr gegen das Regime protestiert. Das ist das Ziel.
WZ | Solmaz Khorsand
Das ist doch zynisch. Hunger und Armut politisch von außen so einzusetzen, in der Hoffnung auf einen Systemsturz.
Mahdi Ghodsi
Ich wiederhole mich: Sanktionen ersetzen eine militärische Intervention. Und wir haben es in der Vergangenheit gesehen. Je schwächer das System wirtschaftlich dasteht, umso eher ist Revolutionsführer Ali Khameni bereit, Zugeständnisse zu machen. Allein, dass der jetzige Präsident Massud Pezeshkian aus dem moderat konservativen Lager Präsident werden durfte, ist auf die wirtschaftliche Schwäche und die damalige Drohkulisse Amerikas und Israels zurückzuführen, bevor sie tatsächlich das Land angegriffen haben. Es war also eine Kombination aus wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen.
WZ | Solmaz Khorsand
Wird das Regime je dermaßen in die Knie gezwungen, dass es nicht mehr imstande sein wird, seinen Repressionsapparat zu bezahlen?
Mahdi Ghodsi
Ja, deshalb sind sie auch so erpicht, die Proteste sofort niederzuschlagen. Wenn aus zehn Tagen plötzlich zehn Wochen, gar zehn Monate werden, können sie die Sicherheitskräfte nicht mehr bezahlen. Jede Maßnahme, die sie setzen würden, um sie zu bezahlen, würde die Inflation nur noch mehr anheizen. Sie haben einfach das Geld nicht.

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Infos und Quellen

Genese

Solmaz Khorsand analysiert seit Jahren die Lage im Iran.

Gesprächspartner

  • Mahdi Ghodsi ist Senior Economist am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), wo er die Forschungsgruppe Internationale Ökonomie leitet. Er lehrt zudem als externer Dozent an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) und ist Senior Fellow sowie Leiter der Wirtschaftseinheit am Centre for Middle East and Global Order (CMEG) in Berlin.

Daten und Fakten

  • Die aktuellen Proteste sind am Sonntag, den 28. Dezember 2025, von Teherans größtem Handy-Markt ausgegangen, nach einem plötzlichen Einbruch des Wechselkurses. Spontan gingen vor allem Händler in der Hauptstadt auf die Straße. In den folgenden Tagen erfassten die Proteste auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. Auch Studierenden in mehreren Universitäten, die bereits frühere Protestwellen mitgetragen hatten, riefen zu Demonstrationen auf. Mittlerweile haben die Proteste das gesamte Land erfasst, insbesondere in den ländlichen Gebieten. Man verlangt den Sturz der Islamischen Republik, die seit der Revolution 1979 das Land beherrscht.
  • Der Generalstaatsanwalt des Iran, Mohammed Mohawedi-Asad, hatte eine Warnung an die Protestierenden gerichtet. Friedliche Demonstrationen für bessere Lebensbedingungen seien legitim, sagte er in Staatsmedien. Doch „jeder Versuch, die Wirtschaftsproteste zu einem Werkzeug der Unsicherheit“ oder „einer Umsetzung von außerhalb des Landes entworfenen Szenarien“ werde „unvermeidlich eine legale, angemessene und entschiedene Antwort auslösen“. Mittlerweile ist das Regime mit Gewalt gegen die Protestierenden vorgegangen, wie in vorherigen Protestwellen. Menschenrechtsorganisationen berichten von mindesten 36 Toten und über 2000 Inhaftierten.
  • Die Regierung hat als Reaktion auf die Proteste Finanzhilfen für 80 Millionen Bürger:innen (die Bevölkerung umfasst rund 90 Millionen) angekündigt. So sollen alle monatlich Warengutscheine im Wert von knapp 7 Euro erhalten, außerdem will man Kredite für ärmere Bevölkerungsschichten erleichtern. Der Durchschnittslohn im Iran beträgt etwa 170 Euro pro Monat, der Mindestlohn liegt bei etwa 100 Euro pro Monat. Viele Iraner:innen müssen sich mit zwei bis drei Jobs über Wasser halten.

Quellen

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