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Trotz wirtschaftlicher Unsicherheit stiegen die Aktienkurse in den vergangenen Jahren stetig an. Jetzt gibt es erste Anzeichen für das Ende des sogenannten Bullenmarkts.
Die Tech-Konzerne sind so hoch bewertet wie nie zuvor, der deutsche Aktienleitindex DAX erreicht Rekordwerte – und das, obwohl die deutsche Wirtschaft schwächelt. Von den geopolitischen Spannungen und der Rezession in vielen Industrieländern ist auf den Finanzmärkten nichts zu spüren. Bis auf einen kurzfristigen Absturz im April – eine Reaktion auf die neue Zollstrategie von US-Präsident Donald Trump – haben sich die Aktienkurse in den vergangenen drei Jahren positiv entwickelt. Diese Situation bezeichnet man als Bullenmarkt. Dreht sich der Trend um und gehen die Kurse und damit verbundenen Leitwerte nach unten, so kommt es zum Bärenmarkt. Für diesen Wandel gibt es nun erste Anzeichen.
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Kritik an KI-Blase
Denn immer mehr Marktbeobachter:innen kritisieren die hohen Bewertungen: „Ich denke, es lässt sich nur schwer bestreiten, dass wir uns in einer Art Blase befinden. Die Frage ist, wann diese Blase platzen wird”, sagte der New-York-Times-Journalist Andrew Ross Sorkin kürzlich in einem Interview. In seinem neuen Buch „1929” befasst er sich mit dem Börsenabsturz, der in ebendiesem Jahr die „Große Depression” einleitete, die zehn Jahre andauerte. Einen Crash dieser Größenordnung erwartet der Wirtschaftsjournalist zwar nicht, doch mit seiner These, dass der Hype um künstliche Intelligenz den Markt überhitzt hat, steht er nicht allein da.
Die Kursrallye ist vor allem auf die Investitionen in KI-Unternehmen und KI-Infrastrukturprojekte zurückzuführen. Im Juli war der Chiphersteller Nvidia das erste Unternehmen, das einen Marktwert von vier Billionen US-Dollar erreichte. Ende Oktober überschritt es schließlich die 5-Billionen-Marke. Dieses Beispiel zeigt, wie stark Anleger:innen aktuell auf die führenden Unternehmen der Branche setzen.
„Aufgeschäumter“ Aktienmarkt
US-Notenbank-Chef Jerome Powell bezeichnet die Aktienkurse Ende September als „ziemlich hoch bewertet” und in den vergangenen Wochen häuften sich die Analysen, die zumindest eine Marktkorrektur vorhersagten. Morgan Stanley bezeichnet die aktuelle Marktsituation als „aufgeschäumt”. Ted Pick, der CEO der Investmentbank, rechnet damit, dass der größte Aktienindex S&P 500 um zehn Prozent zurückgehen könnte. Der CEO von Goldman Sachs rechnet sogar mit einem Minus von bis zu 20 Prozent in den nächsten zwölf bis 24 Monaten. Dabei handele es sich um eine gesunde Bereinigung auf einem langfristigen Bullenmarkt.
Updates aus der Redaktion
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WZ Weekly
Einblicke in die WZ-Redaktion. Ohne Blabla.
Die Investmentbank J.P.Morgan warnt in ihrer jüngsten Kapitalmarktanalyse vor Volatilität, also Schwankungen, wenn auch noch nicht vor einem Crash. Der langfristige Ausblick auf Aktien, Anleihen oder andere Anlageformen bleibt demnach positiv. Die deutsche Bundesbank bewertet die Lage allerdings negativer als die US-Finanzinstitute. Die hohen Niveaus auf den Aktien- und Anleihemärkten bergen laut dem jüngsten Finanzstabilitätsbericht „das Risiko plötzlicher, größerer Marktpreiskorrekturen“. Die Bundesbank vermeidet zwar das Wort „Crash“, hält aber mehr als nur eine leichte Bereinigung für möglich.
Neben dem möglicherweise überbewerteten KI-Boom gibt es noch andere Faktoren, die sich negativ auf das Börsenklima auswirken können. Dazu zählen beispielsweise der Handelskonflikt zwischen den USA und China, steigende Inflation oder weitere wirtschaftliche Instabilität. Einen größeren Absturz oder das Ende des Bullenmarktes sehen die Analysen derzeit noch nicht vorher. In der erwarteten Kursbereinigung sehen die Finanzinstitute für Anleger:innen die Chance, nachkaufen oder in den Markt einsteigen zu können, denn: Aktien sind nicht nur für Reiche.
Elisabeth Oberndorfer schreibt jede Woche eine Kolumne zum Thema Ökonomie. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die steigenden Aktienkurse von Technologieunternehmen sorgen für Allzeithochs bei den Aktienleitwerten.
- Der aktuelle Bullenmarkt, also der langfristige Aufwärtstrend, hat im Oktober 2022 begonnen.
- Der größte Aktienindex S&P 500 ist seit diesem Zeitpunkt um rund 77 Prozent gestiegen.
- Analyst:innen erwarten noch keinen Crash, aber zumindest eine leichte Preiskorrektur.
Quellen
- Morgan Stanley: Time for a Bull Market Correction?
- J.P.Morgan: 2026 Long Term Capital Market Assumptions: Navigating change, finding opportunity
- Bundesbank: Risiken für das deutsche Finanzsystem haben sich erhöht
- CNBC: Federal Reserve’s Jerome Powell warns that stocks are ‘fairly highly valued’
- CBS: Andrew Ross Sorkin on worrying similarities between Wall Street today and 1929's pre-crash market
- Reuters: Stock market hits speed bump but investors stay on bullish path
- New York Times: The Astonishing Bull Market Will End One Day. Are You Ready?
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