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Jugendschutz im Netz ginge auch ohne die EU

3 Min
Mathias Ziegler beleuchtet in seiner Kolumne alle zwei Wochen EU-Themen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Aber gemeinsam lässt er sich leichter durchsetzen. Zum Beispiel mit einer europaweiten digitalen Identität.


    • Die EU plant eine digitale Identität (eID) für mehr Jugendschutz, ohne umfangreiche Datensammlung wie in Australien.
    • In Österreich gilt bereits ein Mindestalter von 14 Jahren für Soziale Netzwerke, die Kontrolle ist jedoch schwierig.
    • Saferinternet.at begrüßt digitale Sperren.
    • epicenter.works fordert altersgerechte Geräteeinstellungen statt zusätzlicher Datenerhebung.
    • Mindestalter für Soziale Medien in Australien: 16 Jahre, streng kontrolliert
    • In Österreich laut DSGVO: Zustimmung zu Datennutzung ab 14 Jahren
    • EU führt eID schrittweise bis Ende 2026 ein
    • ID-Austria wird bereits von 50 % der Bevölkerung genutzt
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Das neue Jahr hat soeben begonnen. Und es soll Großes bringen: eine EU-weite digitale Identität für alle und damit auch mehr Jugendschutz im Netz durch eine Altersgrenze für Soziale Medien, die auch effektiv umgesetzt wird. So wie in Australien, wo seit kurzem ein Mindestalter von 16 Jahren gilt und streng kontrolliert wird.

Was vielleicht nicht jede:r weiß: Eine gesetzliche Altersgrenze für Soziale Medien gibt es in Österreich schon länger. Jugendliche dürfen laut Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erst ab 14 Jahren selbständig zustimmen, dass ihre Daten online genutzt werden. Daran halten sich auch alle Sozialen Netzwerke, zumindest in der Theorie. In der Praxis hapert es bisher an der Kontrolle, weshalb nun die EU auf den Plan tritt.

Was passiert mit all den Daten?

Europa verfolgt dabei ein anderes Konzept als Australien. Dort nämlich kommt nicht bloß ein halbherziges „Ja, ich bin alt genug“-Hakerl zum Einsatz, sondern ein mehrstufiges Verfahren, in dem zunächst mit KI-Unterstützung das Nutzungsverhalten angeschaut wird: Wie bewegt sich die betreffende Person in den Sozialen Netzwerken? Wenn sich davon nicht ableiten lässt, dass sie hundertprozentig über 16 ist, wird sie automatisch ausgeloggt und darf nur dann wieder hinein, wenn sie ihr Alter über Drittanbieter mittels biometrischer Daten oder einer hochgeladenen Passkopie verifizieren kann.

Genau das will man in Europa nicht. Denn: „Was passiert mit all den Daten, die dabei gesammelt werden?“, fragt Matthias Jax von Saferinternet.at, der den Ansatz der EU begrüßt: Diese will die Sozialen Netzwerke, die bereits der „Digital Services Act“ zum Schutz von Minderjährigen vor schädlichen Inhalten verpflichtet, nicht nur in die Pflicht nehmen, sondern ihnen auch gleich ein datenschutzkonformes Instrument an die Hand geben: die sogenannte eID, die bis Ende 2026 Schritt für Schritt eingeführt wird.

Die eID als Ersatz für diverse Ausweispapiere

Diese neue digitale Identität ist sozusagen die Erweiterung der ID Austria, die bereits die Hälfte der österreichischen Bevölkerung nutzt. Mit der eID brauchst du dann zum Beispiel im EU-Ausland nur noch dein Smartphone, weil die „digitale Brieftasche“ (Zitat EU-Kommission) verschiedene Ausweispapiere von Führerschein bis e-card ersetzt. Aber bis Jahresende 2026 musst du dich halt noch gedulden.

Das Problem sind nicht die Jugendlichen!
Matthias Jax von Saferinternet.at sieht digitale Sperren als einzigen wirksamen Schutz

Die Zeit bis dahin könnten die EU-Staaten dazu nutzen, ihre Altersgrenzen für Soziale Netzwerke anzugleichen. Sicher kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenk, dass allein im kleinen Österreich neun Bundesländer neun verschiedene Jugendschutzgesetze haben. Es liegt jedenfalls an den einzelnen EU-Staaten, denn der Jugendschutz ist eines jener Politikfelder, die in den nationalstaatlichen Verantwortungsbereich fallen und somit außerhalb der EU-Kompetenz liegen.

Verbot ab 14 Jahren ist sinnvoll

Geht es nach den Kinder- und Jugendschützer:innen, ist das in Österreich bereits geltende Verbot von TikTok & Co bis 14 Jahre absolut sinnvoll, „weil die dortigen Inhalte keinen Mehrwert für Kinder haben“, sagt Matthias Jax von Saferinternet.at. Er sieht das Problem aber gar nicht in den produzierten Inhalten, sondern in der Art und Weise, wie die Algorithmen der Plattformen dafür sorgen, dass „Dinge verstärkt und größer gemacht werden, als sie eigentlich sind“. Er verweist auf einen Selbstversuch der Tagespresse, die – ganz seriös und völlig satirefrei – aufgezeigt hat, wie schnell junge Menschen hier abdriften oder gar in einen gefährlichen Strudel geraten können.

Eine höhere Altersgrenze braucht es nicht, meint der Jugendschützer. Denn ab einem gewissen Alter sollen die jungen Menschen durchaus ihre Erfahrungen sammeln, damit sie später nicht überfordert sind. Und Jax stellt klar: „Das Problem sind nicht die Jugendlichen! Wir finden nur keinen besseren Zugang als eine Sperre, um diese vulnerable Gruppe vor gefährlichen Inhalten zu schützen.“

Alterseinstellung am Endgerät

Die digitale Menschenrechts-NGO epicenter.works, aus deren Sicht grundsätzlich zu viele Daten gesammelt werden, hat übrigens einen ganz anderen Lösungsansatz: Statt sich immer neue Methoden zur Altersverifikation im Netz auszudenken, müsste man einfach die Endgeräte der Kinder auf das jeweils passende Alter einstellen können. Damit wären auch gleich alle Websites abgedeckt und nicht bloß ausgewählte Soziale Netzwerke. Google und Apple haben bereits solche Systeme für Smartphones in den USA angekündigt – die EU bräuchte dies bloß für Europa ebenfalls zu verlangen. Das läge dann auch wieder in der EU-Kompetenz.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Matthias Jax ist Experte für Soziale Netzwerke und Datenschutz bei der Jugendschutzplattform Saferinternet.at.

Quellen

Das Thema in der WZ

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