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Kommunikative Elemente, deren Bedeutung für Außenstehende ein Rätsel sind, gab es immer schon. Hier einige Beispiele aus der näheren und entfernteren Vergangenheit.
Die Jugend sagt jetzt „Six Seven“, aber was meint sie damit? Ich habe keine Ahnung und frage meine Tochter Helena, sieben Jahre alt. Sie erzählt mir, dass es in ihrer Klasse Leute gibt („den Vasilie, den Latif, die Berina und die Klara“), die beide Wörter zu allen möglichen Gelegenheiten verwenden, dabei mit den Händen wackeln und als Zahlen sogar an die Tafel kritzeln. Die Bedeutung, sagt sie, kennt sie auch nicht. Ich muss also googeln und erfahre, dass der Ursprung von „Six Seven“ im Song „Doot Doot“ des US-Rappers Skrilla liegt, sich der Sinn aber gerade in der Sinnbefreitheit des Ausdrucks erschöpft: Die Wortverwender:innen demonstrieren damit die Zugehörigkeit zu einer populären Online-Community. Aus. Schluss. Basta.
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Ich beginne mich über jugendlichen Unverstand zu ärgern, doch zum Glück schalte ich gerade noch rechtzeitig mein Hirn ein. Als ich ein Kind war, so um das Jahr 1980 herum, da fanden wir alles, was toll war, „live“. „Voll live“ konnte ein neuer Fußball sein oder der Umstand, dass es keine Hausübungen zu erledigen gab. Wieso „live?“: Damals waren eben Fernsehübertragungen ohne Zeitverzögerung sehr angesagt.
Eine Sache der gesellschaftlichen Verhältnisse
Später haben wir dann „du hast es nicht überzuckert“ gesagt, wenn wir meinten, dass jemand einen Sachverhalt nicht kapiert hat. Dann war die Person außerdem ein „Dillo“. Wer zeigen wollte, dass er total am Puls der Zeit war, der tat (zumindest im Westen Wiens) Folgendes: Er näherte sich einer gleichaltrigen Person, die offenbar irgendetwas nicht wusste oder konnte, klopfte ihr heftig mit der Faust gegen die Stirn und brüllte: „Haallo McFly! Jemand zu Hause?“ Dabei handelte es sich um die Wiedergabe einer Szene aus dem Film „Zurück in die Zukunft“, mit Michael J. Fox in der Hauptrolle, den ab 1985 alle kannten.
Schon früher, als meine Eltern in den 60er-Jahren jung waren, wurde man „wucki“, also langsam verrückt, wenn einen etwas störte. Dieser Ausdruck kam auch im Westen Österreichs zur Anwendung. Und wenn etwas weg war, war es „pfutschikato“ und „peule gegangen“, wie es in Kreisen der Gemeindebau-Jugend hieß.
Soziolinguist:innen sagen, dass sich Sprache mit den gesellschaftlichen Verhältnissen wandelt. Früher geschah das ein wenig langsamer, heute schneller. In den 50ern und 60ern, als nach von Mangel geprägten Nachkriegsjahren endlich der Wohlstand Einzug hielt, gingen die Wiener Jugendlichen mit ihrem ersten selbst verdienten Geld „auf den Schwung“, wie sie sagten. Also zu Tanzveranstaltungen, die erst spät enden konnten. Wenn sie nicht zu Fuß unterwegs waren, dann fuhren sie mit ihrer „Pupperlhutschen“, also einem Moped mit Sozius (Beifahrer:innensitz), auf dem die Freundin oder Umworbene saß. Eine dekadente Frechheit, fanden die Alten.
„Swing Heil“ für den „Führer“
Noch früher brauchte es erheblichen Mut, sich von den bestehenden Verhältnissen durch eine eigene Jugendsprache abzugrenzen. Die „Schlurf“, Vertreter einer widerständigen, vorwiegend männlich geprägten Jazz-Jugendkultur, legten sich vor 1945 bewusst mit der braunen Elite an. Treffpunkt war unter anderem die Gegend um den Wiener Prater. Die Jugendlichen gaben sich englische Namen wie „Jacky“ oder „Johnny“, was allein schon eine unglaubliche Provokation war. Die „Schlurf“ hatten „Hotkoffer“ dabei, also tragbare Plattenspieler. Das Haar wurde vorne als „Lahmwöhn“ alias „Lehmwelle“ – weil mit viel Pomade versehen – getragen, hinten als „Packl“ oder Schwalbenschwanz. „Sieg Heil“ wurde in „Swing Heil“ modifiziert, statt den Arm haben sie nur den Zeigefinger ausgestreckt. Aus „Heil Hitler“ wurde „Halla Halla Halla“, wobei die Kids die Finger zum Victory-Zeichen formten – eine bekannte Geste des britischen Erzfeindes Winston Churchill. Ging es schief, endete diese Art der jugendlichen Kommunikation im KZ.
Schnell nicht mehr in Mode
Heute leben wir in einer Demokratie, und Jugendliche werden nicht mehr wegen ihrer Ausdrucksweise verhaftet. Im schlimmsten Fall versuchen „die Alten”, Jugendsprache zu übernehmen. Was bei den Kids mit Verachtung quittiert wird, und das ist gut so. Außerdem ist „Six Seven“ schon nicht mehr angesagt, wie mich mein Sohn Daniel, elf Jahre alt, jüngst auf Nachfrage informiert hat.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Viele Ausdrücke, die in den 70er- und 80er-Jahren aufkamen, sind heute in der Umgangssprache allgegenwärtig: „Cool“, „geil“, „Wappler“, „Koffer“, „Schneebrunzer“, „Oida“ und viele mehr.
- In der NS-Zeit waren Mitglieder der „Schlurf“-Bewegung und die Angehörigen der Hitlerjugend verfeindet, es kam auch in Wien zu Schlägereien und Verfolgungsjagden.
- Christiane Pabst, Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs, vertritt folgende Ansicht: „Jugendsprache ist kein Sprachverfall, sondern Sprachentwicklung. Sie zeigt, wie junge Menschen ihre Lebenswelt reflektieren, sich positionieren und einige, kreative Ausdrucksformen schaffen.“ Mehr dazu in Leibnitz aktuell.
Quellen
- „Schlurfs": Annäherungen an einen subkulturellen Stil Wiener Arbeiterjugendlicher. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades eingereicht an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien von Anton Tantner, Wien, Dezember 1993
Das Thema in andern Medien
- Der Standard: Die liebsten Wörter aus unserer Jugend.
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