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Junge Menschen wollen Fakten statt Verschwörung

4 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Adobe Stock

In Österreich zeigen vor allem junge Menschen unter 30 Vertrauen in Forschungsergebnisse. Laut einer aktuellen „Wissenschaftsbarometer“-Umfrage flacht die Wissenschaftsskepsis aus Corona-Zeiten ab.


Eigentlich sollte heuer die Apokalypse eintreten. Und zwar wegen Platzmangels. Der österreichische Physiker Heinz von Förster hatte nämlich im Jahr 1960 berechnet, dass die Weltbevölkerung am 13. November 2026 ins Unendliche anwachsen würde, wenn die Zahl der Geburten weiterhin im selben Ausmaß steige wie damals. Aufgrund von extremer räumlicher Beengung würden wir einander zu Tode quetschen.

Aus heutiger Sicht droht ein Weltuntergang dieser Sorte aber nicht. So gesehen können die sinkende Geburtenrate als Glücksfall bezeichnet werden und haben Generation X und Millennials die Welt gerettet. Und wenn das Ende der Welt nicht aus anderen Gründen über uns hereinbricht, dann ist für 2026 ein besonders ereignisreiches, spannendes Wissenschaftsjahr zu erwarten, das laut einer Umfrage vor allem bei jungen Menschen auf Interesse stoßen soll.

Laut dem aktuellen „Wissenschaftsbarometer“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) vertrauen vor allem junge Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren in die Forschung und ihren Erkenntnisgewinn mit Hilfe von wissenschaftlichen Methoden. Sie halten Fakten für verlässlicher und interessanter als diffuse Verschwörungsmythen. Sie befürworten auch Forschung zu umstrittenen Themen rund um Medizin, Energie, Mobilität oder Ernährung und halten diese für besonders relevant für ihren Alltag.

Vier Fünftel bauen auf die Wissenschaften

Befragt wurden 1500 in Österreich lebende Personen in 1000 Online- und 500 Telefoninterviews. Laut der Umfrage, die die Akademie jedes Jahr durchführt, ist die Wissenschaftsskepsis, die sich während der Pandemie verbreitet hat und auf den Straßen in Form wöchentlicher Demonstrationen zu sehen war, im Abklingen.

Ein paar Zahlen im Detail: Von allen Befragten gaben mit 74 Prozent fast drei Viertel an, sehr stark oder stark in die Richtigkeit heimischer Forschungsergebnisse zu vertrauen. Immerhin zusätzliche 21 Prozent verlassen sich einigermaßen auf die Wissenschaft. Bloß 5 Prozent rechnen nicht damit, dass die Wissenschaften Brauchbares liefern können. Dieser Anteil war zu Corona-Zeiten mit 10 bis 20 Prozent je nach Studie und Fragestellung weitaus höher.

Von den Jungen gehen sogar vier Fünftel (81 Prozent) davon aus, dass Forscher:innen ehrlich sind und die Wahrheit sagen und ihre Arbeit somit Hand und Fuß hat. Das höchste Ansehen genießen Naturwissenschaften wie Mathematik, Physik oder Medizin mit ihren greifbaren Ergebnissen. Männer vergeben etwas bessere Noten als Frauen, ebenso Maturant:innen bessere als Personen mit niedrigerer formaler Bildung – was laut ÖAW als Auftrag an die Forschungsinstitutionen und Unis zu werten sei, ihre Arbeit besser über die Rampe zu bringen.

Von der bemannten Mondmission bis zur KI

Welche Fortschritte dürfen wir 2026 also erwarten? Schon für Februar plant die US-Weltraumagentur NASA die erste bemannte Mondmission seit den 1970er-Jahren. Vier Astronaut:innen sollen den Mond umrunden, ohne zu landen, um das neue Orion-Raumschiff sowie Lebenserhaltungs- und Navigationssysteme zu testen. Im nächsten Schritt sollen bis 2028 dann wieder Menschen Fuß auf den Mond setzen. China will ebenso auf dem Mond landen, allerdings unbemannt. Und Japan beginnt, die Marsmonde Phobos und Deimos zu erforschen.

Aus Großbritannien wiederum rechnet man mit ersten Ergebnissen einer klinischen Studie mit 140.000 Personen, in der ein simpler Bluttest 50 Krebsarten, bei denen das bisher nicht möglich war, schon vor dem Auftreten von Symptomen erkennen soll. Und im Bereich künstlicher Intelligenz wird davon ausgegangen, dass sogenannte „KI-Wissenschaftler“ ihre Arbeit aufnehmen. Dabei handelt es sich um Sprachmodelle, die komplexe, mehrstufige Prozesse in der Forschung ausführen können. Wie stark das Vertrauen in sie sein wird, bleibt abzuwarten. Laut Wissenschaftsbarometer sehen jedenfalls Personen unter 30 Jahren Künstliche Intelligenz als weitaus positiver als die Gruppe 50+. In jedem Fall aber wird es sich wohl lohnen, KI-Entwicklungen wachsam zu beobachten, denn die Sprachmodelle beginnen, unerwünschte Verhaltensweisen an den Tag zu legen. So haben sie laut einer im Fachjournal „Nature“ veröffentlichten Studie unerwartet damit angefangen, unethische und bösartige Antworten zu geben.

Österreichs Neubauten für die Forschung

Um derart komplexe Sachverhalte vor allem jungen Menschen zu vermitteln, soll heuer in der Wiener Innenstadt ein neues Science Communication Center entstehen, mit Ausstellungen, Mitmachstationen und einem Café. Auch in den Bundesländern tut sich was: An der Universität Innsbruck wird ein „Haus der Physik“ gebaut und in Graz wird ein Uni-Zentrum zur Erforschung von Stoffwechselprozessen errichtet.

Woher kommt das Geld? In Österreich ist die Finanzierung künftiger Forschungsvorhaben derzeit noch in Diskussion. Denn das Gesamtbudget ist nach wie vor offen: Bis Ende 2025 hätte die Bundesregierung laut Forschungsfinanzierungsgesetz die endgültige Dotierung für 2027 bis 2029 vorlegen müssen, was diese bis Redaktionsschluss nicht getan hatte. Im Wissenschaftsbarometer gibt die Mehrheit der Befragten jedenfalls an, dass mehr öffentliche Gelder in die Forschung fließen sollten. Wir bleiben hoffnungsvoll.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ehemaliger Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung im Kabinett Sebastian Kurz I und II sowie Universitätsprofessor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung an der Universität Wien.

Daten und Fakten

  • Das Wissenschaftsbarometer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wird alljährlich durchgeführt, um einen Eindruck über die Entwicklung des Vertrauens beziehungsweise der Skepsis gegenüber der Wissenschaft in der österreichischen Bevölkerung zu erhalten.
  • Personen bis 30 Jahre zeigen demnach ein deutlich höheres Vertrauen in die Forschung als ältere Altersgruppen, Männer haben größeres Interesse an Wissenschaft als Frauen, wobei Männer eher technische Wissenschaften und Frauen eher Geisteswissenschaften, Psychologie und Sozialwissenschaften für verlässlich befinden. FPÖ-affine oder Systemdistanzierte weisen zudem ein deutlich niedrigeres Vertrauen in Wissenschaft auf als Personen, die anderen Parteien nahestehen. Hier geht es zu den Ergebnissen im Detail.
  • Wissenschaftliche Methoden der Erkenntnisgewinnung sind Verfahren und Analysetechniken, die der Klärung von wissenschaftlichen Fragestellungen dienen. Die Frage sollte so formuliert sein, dass sie durch ein geeignetes Experiment oder eine Befragung beantwortet werden kann. Jedes Experiment und jede wissenschaftliche Beobachtung beginnen mit einer Theorie und daraus folgenden Hypothesen, die in diesem Prozess bestätigt oder widerlegt werden sollen. Jedes Experiment benötigt außerdem eine Versuchsanordnung, jede Umfrage relevante Fragen.
  • Dass Wissenschaft für junge Menschen auch einen Eventcharakter hat, zeigt die Tatsache, dass der alljährlich und heuer am 24. Jänner im Rathaus stattfindende Ball der Wissenschaften zu einem Großteil von jungen Menschen besucht wird. Die Karten sind zumeist schon zu Semesterbeginn ausverkauft.

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