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Kennt ihr den Pollutocrat Day?

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Wenn sich heimische Politik wie der Film „Don't look up“ anfühlt: Ein symbolisches Datum macht deutlich, wie ungleich die Klimabilanz verteilt ist.


Es gibt ja immer wieder so Tage, an denen das Jahresbudget von irgendwas erreicht ist. Der vergangene Sonntag war der Tag, an dem die Österreicher:innen die gesamte Zuckermenge konsumiert hatten, die die WHO für ein Jahr empfiehlt. Der 1. November vergangenes Jahr war der Equal Pay Day – Frauen arbeiten ab diesem Datum bis Jahresende gleichsam quasi gratis, da sie durchschnittlich für die gleiche Arbeit 18,5 Prozent% weniger verdienen als Männer. Der World Overshoot Day, also der Tag, an dem wir alle Ressourcen, die die Erde uns liefern kann, für das laufende Jahr verbraucht haben,, die die Erde uns liefern kann, war der 24. Juli. Der Nationale Overshoot Day war sogar schon am 29. März.

Doch kennt ihr den Pollutocrat Day? Mir war der auch neu.

Pollutocrat Day – allein das Wort der Name klingt schon wie Satire, ist aber bitterer Ernst. Es ist der symbolische Moment im Jahr, an dem die reichsten 1 % Prozent der Weltbevölkerung ihr klimaverträgliches CO₂-Budget aufgebraucht haben. Errechnet wurde er von Oxfam, einem internationalen Verbund verschiedener Hilfs- und Entwicklungsorganisationen.

Und jetzt ratet mal, wann 2025 Pollutocrat Day war.

Am ZEHNTEN JÄNNER.

Am verdammten zehnten Jänner. Da hab' ich mich grad erst in Ruhe und zuhause von dem ganzen Weihnachtswahnsinn erholt. Der Pollutocrat Day beruht auf ziemlich nüchternen Berechnungen. Wenn wir das Pariser Klimaabkommen ernst nehmen – würden, seufz -, dann dürfte jeder Mensch auf diesem Planeten pro Jahr etwa 2,1 bis 2,3 Tonnen CO₂ ausstoßen. Das ist unser gerechter Anteil am globalen Emissionsbudget, das uns noch bleibt, wenn wir die Erderhitzung bei 1,5 Grad stoppen wollen (in Österreich liegen die durchschnittlichen Jahresemissionen von CO₂CO2 pro Person übrigens derzeit bei 7,6 Tonnen, nur so nebenbei …)

Die reichsten 1 Prozent % der Weltbevölkerung scheren sich allerdings wenig um Fairness oder Physik: Sie stoßen im Schnitt 76 Tonnen CO₂ jährlich aus – das ist mehr als das 10-Fache der durchschnittlichen Österreicher:innen, und 36-Fache des verträglichen CO₂CO2-Budgets. Während der Großteil der Menschheit noch Monate braucht, um dorthin zu kommen, hat also eine kleine Elite ihr Jahreskontingent in wenigen Tagen durch Luxusreisen, Yachten und klimaschädliche Investitionen verpulvert. Und nein, das ist keine Neiddebatte, sondern eine messbare Schieflage in der Klimabilanz. Trotzdem diskutieren wir lieber über Einwegbecher und ob eine Minute kürzer Duschen den Planeten rettet.

Wer rettet die Welt – die 99% oder das eine Prozent?

Das wiederum löst in mir – und wohl nicht nur in mir – gehöriges Unbehagen aus. Es ist wichtig, dass sich Klimaschutz durch die ganze Bevölkerung zieht. Aber es ist natürlich komplett nachvollziehbar, wenn sich 99 Prozent% der Bevölkerung denken, man könne sie gernhaben, na sicher nicht werden sie jetzt Müll trennen, während David Beckham und sein Sohn sich über Social Media ausrichten, wer die größere Yacht hat. Letztens bin ich über einen Post gestolpert, der in etwa sagte (ich hab' ihn natürlich nicht gespeichert, ich Genie): „Selbst wenn die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung ab morgen klimaneutral leben, ruinierten uns die das eine Prozent der Superreichen spätestens 2070.“ Ganz so ist es nicht (und vor allem ist es komplett utopisch, dass wir alle jetzt sofort, zack und gleich klimaneutral leben), aber es überzeichnet eine Verhältnismäßigkeit, die sehr wohl in der Klimawissenschaft nachweisbar ist.

Wovon wir nicht ausgehen brauchen: Dass die 1 Prozent% von heute auf morgen draufkommen, dass sie die Welt retten müssen. Doch es gibt – in den meisten Fällen – eine Instanz, die etwas tun kann: Die Politik. In erster Linie natürlich die globalen Entscheider, aber auch die hier in Österreich. Die hier eingeführte CO₂CO2-Steuer ist ja schön und gut, aber hat keinen merkbaren Einfluss auf das Verhalten Superreicher. Da muss anderswo angesetzt werden. Die AK Wien fordert daher beispielsweise seit Jahren gezielte Abgaben auf klimaschädlichen Luxusverbrauch (Privatflüge, Yachten, Hochverbrauchsautos) sowie progressive Klimasteuern, die sich am realen CO₂-Fußabdruck orientieren.

Beim Klimaschutz in Österreich sehe ich schwarz

Ich persönlich hätte gegen eine Vermögenssteuer, deren Einnahmen verpflichtend in Klimaschutzmaßnahmen gehen, auch sehr wenig einzuwenden. Die einzigen beiden Parteien, die beide Ideen unterstützen, sind die SPÖ und die Grünen (wobei das mit der SPÖ und den Vermögenssteuern ist so eine Sache. – Ins ins Regierungsabkommen haben sie es schon mal nicht rein geschafft.). Und welche Partei ist seit 38 Jahren durchgehend in Regierungsverantwortung und blockiert beides? Die, bei der ich nicht mehr sehr türkis, aber sehr, sehr schwarz sehe.

Manchmal fühlt sich die österreichische und die globale Klimapolitik an wie der Film „Don´'t look up“: Man weiß ganz eindeutig, dass bei den Superreichen angesetzt werden muss, bei dem einen Prozent, das rund vierzig 40 Prozent des privaten Nettovermögens besitzt. Es liegen seit Jahren Vorschläge am Tisch. Und es passiert … nichts.

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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