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Der Kanzler sagt, Kinderbetreuung sei keine Arbeit. Die Daten zeigen das Gegenteil – und warum vor allem Frauen dafür mit Teilzeit, weniger Einkommen und Pension bezahlen.
Wenn du mich vor ein paar Wochen gefragt hättest, was von Bundeskanzler Christian Stockers Sommertour bleiben wird, hätte ich wahrscheinlich getippt: nicht viel. Politiker:innen-Sommergespräche, überhaupt solche in sehr kontrollierten Rahmen, sind in aller Regel wie die Perseiden: meistens enttäuschend, wenn es sich dann doch einmal ergibt, vielleicht sogar hübsch anzusehen, aber rasch wieder vorbei, und alles geht bald wieder seinen gewohnten Lauf.
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Nur, so kam es nicht. Christian Stockers inzwischen weithin zitierte Aussage: „Kinderbetreuung ist für mich keine Arbeit“, wird ihm, das wage ich zu prognostizieren, bleiben wie einst Karl Nehammer der McDonald’s-Burger als billigste Mahlzeit in Österreich; Entschuldigung hin oder her.
Abseits der Aufregung ist das aber ein guter Anlass, sich etwas genauer der Frage zu widmen, wer die Arbeit in der Kinderbetreuung eigentlich macht – und wer stattdessen der Erwerbsarbeit frönt.
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Einfach Politik.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Die gute Nachricht: Wir haben ziemlich passable Daten zu dem Thema. Die schlechte: Die beste Quelle ist vier Jahre alt, und es wurden noch dazu Menschen während der Pandemie befragt – zwischen Oktober 2021 und Dezember 2022, genauer gesagt. Damals hat die Statistik Austria – im Auftrag des damals ÖVP-geführten Frauenministeriums – die bis dato letzte „Zeitverwendungserhebung“ durchgeführt: 4.342 Haushalte, in denen jedes Mitglied ab zehn Jahren zwei Tage lang ein Tagebuch führen und jede Tätigkeit, die länger als zehn Minuten dauerte, dokumentieren musste: Kochen, Schlafen, Arbeiten, Wickeln, Hausaufgabenbetreuung. Es ist die wichtigste Datenquelle, die es zur unbezahlten Arbeit in Österreich gibt, und sie erlaubt uns, den Kanzler-Sager mit der Realität in Einklang zu bringen.
Die Zeitverwendungserhebung zählt Kinderbetreuung übrigens selbstverständlich zur unbezahlten Arbeit – wie auch Hausarbeit, die Unterstützung pflegebedürftiger Angehöriger und diverse Freiwilligentätigkeiten. Und sie zeigt, wie ungleich diese Arbeit verteilt ist: Frauen wenden im Schnitt drei Stunden und 37 Minuten pro Tag für „Sorgearbeit“, wie die Statistiker:innen diese nennen, in Haushalt und Familie auf, Männer zwei Stunden und sechs Minuten. Bei der Erwerbsarbeit ist es umgekehrt – zwei Stunden 13 Minuten bei Frauen, drei Stunden 35 Minuten bei Männern.
In Summe arbeiten Frauen also etwas mehr, nur wird ein deutlich größerer Teil davon nicht bezahlt.
Bei der Kinderbetreuung im engeren Sinn wird die Schieflage noch deutlicher. Mütter mit Kindern unter 18 Jahren verbringen damit als Haupttätigkeit knapp zwei Stunden täglich, Väter 53 Minuten. Rechnet man dazu, was man als Eltern oder Großeltern so „nebenbei“ erledigt – Kind beaufsichtigen beim Kochen, beim Homeoffice –, kommen Mütter auf zwei Stunden und 38 Minuten pro Tag, Väter auf eine Stunde und sieben Minuten. Ist das jüngste Kind unter drei Jahre alt, wenden Mütter mit vier Stunden und zwölf Minuten fast dreimal so viel Zeit für Kinderbetreuung auf wie Väter.
Auch wenn man die Alleinerzieher:innen (vor allem Frauen) herausrechnet und sich nur die Paarhaushalte anschaut, bleibt ein beträchtliches Ungleichgewicht: Auch hier übernehmen Frauen im Schnitt zwei Drittel (67,2 Prozent) der Kinderbetreuung.
Jetzt kannst du sagen, klar, das ist eben so, weil Männer häufiger Voll- und Frauen meistens Teilzeit arbeiten (dazu gleich mehr), da ist ja klar, dass man sich das als Paar so aufteilt. Nur: Das verändert die Ergebnisse nur geringfügig. Selbst wenn beide Partner:innen gleich viele Wochenstunden arbeiten, entfallen trotzdem 63,8 Prozent der Kinderbetreuung auf die Frau. Und selbst wenn sie mehr Stunden erwerbstätig ist als er, sind es noch immer 56,4 Prozent. Bei der Hausarbeit sieht es praktisch identisch aus.
Letzteres, also dass Frauen mehr Erwerbsarbeit leisten als Männer, ist aber ohnehin der Ausnahmefall. Das sehen wir in der Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria, einer Untergruppe der breiten Mikrozensus-Befragungen. Diese dokumentiert Jahr für Jahr, womit die ungleich verteilte Arbeit zuhause einhergeht. Die Teilzeitquote lag 2024 bei Frauen bei 51,1 Prozent, bei Männern bei 13,7 Prozent. Bei Müttern mit Kindern unter 15 Jahren waren es 75,6 Prozent – Tendenz stark steigend, denn 1995 lag der Wert noch bei 40,9 Prozent. Bei Vätern: 7,7 Prozent.
Fragt man teilzeitbeschäftigte Eltern nach dem Grund, nennen 83,8 Prozent der Mütter die Betreuungspflichten, aber nur 38,3 Prozent der Väter. Insgesamt arbeiteten im Vorjahr 431.400 Menschen wegen Betreuungspflichten Teilzeit; 94,7 Prozent davon waren Frauen.
Fairerweise: Das ist nicht nur ein Effekt mangelnder Kinderbetreuungsmöglicheiten, sondern überwiegend der Wunsch der Eltern: Fragt man (in dem Fall die Statistik Austria) die Eltern, die Teilzeit arbeiten, warum sie keine oder keine zusätzliche Kinderbetreuung in Anspruch nehmen, sagen 69,2 Prozent von ihnen, sie wollten die Betreuung selbst übernehmen. Nur 13,8 Prozent geben an, es gebe kein passendes Angebot, 13,6 Prozent nennen die Kosten.
Heißt: Wer glaubt, allein mit dem Ausbau von Betreuungsplätzen ließe sich die Teilzeitquote wegreformieren und ließen sich Abhängigkeit beziehungsweise Altersarmut von Frauen beheben, sollte eine Antwort darauf haben, wie er den Eltern – vor allem den Müttern – diese Angebote schmackhaft machen will.
Was hingegen ziemlich sicher funktioniert, ist die Rechnung, die Frauen am Ende präsentiert bekommen: Weil Teilzeit und Erwerbsunterbrechungen sich über Jahrzehnte kumulieren, verdienten unselbständig beschäftigte Frauen zuletzt netto im Mittel 2.100 Euro im Monat, Männer 2.862 Euro.
Der Kanzler hat in Salzburg gesagt, Familie dürfe man nicht in Geld aufrechnen. Das ist schon ein schöner Gedanke, nur: Der Sozialstaat tut genau das – bei der Anrechnung von Kindererziehungszeiten in der Pensionsversicherung zum Beispiel, beim immer noch nur freiwilligen Pensionssplitting, beim Kinderbetreuungsgeld und an vielen anderen Stellen.
Ich persönlich finde den Gedanken ja schön, zu sagen, man sollte die Zeit mit Kindern nicht in schnöden Zahlen aufrechnen. Aber gerade als Politiker drückt man sich damit um die Tatsache, dass die Gesetze, die auch Stocker einst im Nationalrat mitbeschlossen hat, genau das tun: Wie viel „Familienbonus“ man steuerlich geltend machen kann, welche Zeiten man als Mutter bei der Pensionsversicherung ins Feld führen kann, wie lang Karenzansprüche sind und wie lang der Staat Kinderbetreuungsgeld auszahlt – all das sind politische Entscheidungen, die eben genau die Arbeit in der Familie vermessen.
Die nächste Zeitverwendungserhebung ist 2030 vorgesehen. Bis dahin wissen wir dann, ob sich seit dem Sommer 2026 irgendetwas verschoben hat. Wetten würde ich nicht darauf.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
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