)
„Gaza“, das war unsere Antwort auf die Frage in der Redaktionssitzung, welche Themen uns beschäftigt haben. Denn die Situation ist dramatisch, gleichzeitig fehlt uns die Debatte.
Nach Gaza folgt eine unangenehme Pause. Uns fehlen die Worte. Natürlich berichten Medien darüber, auch die WZ. Natürlich sehen wir diese Berichte auch. Doch darüber hinaus? Seit dem Terroranschlag auf Israel am 7. Oktober 2023 und die seitdem andauernden militärischen Vergeltungsangriffe Israels im Gazastreifen haben wir nach und nach verlernt, darüber zu sprechen. Weil jedes Gespräch Konflikt bedeutet, sogar im engsten, familiären und freundschaftlichen Kreis. Weil wir nicht falsch verstanden werden wollen.
- Kennst du schon?: Es ist nicht das Öl, es ist die Macht, die alles zerstört
Die Situation im Gazastreifen hat sich in den letzten Monaten dramatisch verschärft: Große Teile der zivilen Infrastruktur sind zerstört, Menschen sind auf der Flucht und die Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Hilfe ist durch Blockaden weitgehend zusammengebrochen. Laut einem aktuellen Bericht der IPC (Integrated Food Security Phase Classification), an dem auch die WHO beteiligt ist, ist das Worst-Case-Szenario einer Hungersnot in Gaza nun Realität geworden. Diese humanitäre Katastrophe geschieht nicht im Verborgenen, sondern mitten in der Weltöffentlichkeit.
Und trotzdem wird im Privaten zu wenig darüber gesprochen
Diese Stille ist ein Problem. Es finden keine konstruktiven Diskussionen mehr statt. Es gibt kaum noch Räume, in denen gemeinsam gefühlt, gedacht und reflektiert wird. Stattdessen nehmen wir täglich unzählige Nachrichten in unser Hirn auf und lassen sie auch dort. Unkommentiert. Ungeordnet. Unverdaut.
Wir leben in einer Zeit, in der ein einziger Satz, ein falsches Wort, eine unvorsichtige Formulierung unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Auch beim Schreiben dieses Textes ist uns das bewusst geworden. Und das führt dazu, dass viele von uns lieber gar nichts mehr sagen. Das Schweigen breitet sich aus. In der Kommunikationswissenschaft spricht man in solchen Fällen von einer Schweigespirale: Je mehr Menschen sich zurückhalten, desto größer wird der Eindruck, dass man mit seiner Unsicherheit oder Betroffenheit allein sei. Und desto mehr verstärkt sich das kollektive Verstummen.
Im Grunde genommen verbindet uns mehr, als uns trennt
Wir wollen, dass das Leid der Zivilbevölkerung endlich ein Ende findet. Eigentlich wollen wir uns ja dazu äußern, uns mit Freund:innen über die Bilder, die wir täglich sehen, austauschen und über unsere Gefühle dazu sprechen. Da gibt es allerdings ein Problem: Wir möchten nicht in eine Schublade gesteckt werden. In Schubladen auf denen Antisemitismus oder antimuslimischer Rassismus stehen. Entweder-oder. Es gibt keine Möglichkeit, differenzierte Meinungen auszudrücken. Sobald eine Kategorisierung stattgefunden hat, wird jede Äußerung in einem bestimmten Licht gesehen. Denn zwischen lautstarken Positionen, Polarisierungen und gegenseitigen Vorwürfen scheint kein Raum für Nuancen zu sein. Wer Mitgefühl für die Zivilbevölkerung in Gaza zeigt, läuft Gefahr, sich in politischen statt humanitären Diskussionen wiederzufinden. Wer Kritik übt, wird schnell parteiisch, unsensibel oder gar feindlich wahrgenommen.
Was machen wir, wenn wir offen mit Freund:innen über das Thema sprechen und plötzlich merken, dass ihre Gedanken mit unseren ethischen Grundsätzen nicht zusammenpassen? Was, wenn ihre Meinungen unsere eigenen moralischen Grenzen überschreiten? Dann stehen wir vor einem Dilemma.
Dabei wäre der Austausch so wertvoll
Wir müssen lernen, nicht sofort in die Verteidigung oder Bewertung zu verfallen, sondern dem Gegenüber zuzuhören und Fragen zu stellen: „Warum denkst du das? Woher hast du die Information? Was macht das mit dir?“ Nicht um eine Diskussion zu gewinnen, sondern um voneinander zu lernen. Womöglich wollen wir uns auch gar nicht erst in diese Situation bringen, weil dies auch das Ende einer Freundschaft bedeuten könnte. Denn auch Verständnis hat Grenzen. Wenn Wörter entmenschlichen und Gewalttaten verharmlosen oder sie als Fake News abgetan werden, dann ist Distanz nötig.
In Momenten, in denen wir in den Nachrichten und auf Social Media Bilder von leidenden Personen sehen, denken wir nicht an Staaten, Grenzen oder Politiker:innen. Wir denken an die Menschen. An Menschen, die vor Raketen Schutz suchen müssen, die als Geisel entführt wurden und an die, die an der Hungersnot leiden. An alle Menschen, die sich täglich fürchten. Es muss möglich sein, darüber zu reden. „Wie kann das alles sein?“, fragen wir uns still und heimlich. In den Kommentarspalten finden wir darauf keine Antwort. Es herrschen zwei Pole, zwei Seiten, zwei starke Meinungen. Komplexe Diskussionen werden durch kurze, niederschmetternde Antworten beendet. Sie glauben, dass sie uns so auf eine Seite ziehen können.
Was wir brauchen, sind Räume
Räume, in denen Unsicherheit erlaubt ist. In denen wir Fragen stellen können. In denen wir Fehler machen und lernen dürfen. In denen wir zuhören, widersprechen, zweifeln. Räume, in denen Menschlichkeit vor Meinung steht. Manchmal reicht es, ein Gespräch zu beginnen. Eine Frage zu stellen, wo sonst geschwiegen wird. Oder einfach zu sagen: „Können wir bitte über Gaza sprechen? Ich will darüber reden, aber ich weiß nicht wie.“
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Genese
Für die WZ-Trainees Mimi Gstaltner und Maria Lovrić-Anušić ist Gaza allgegenwärtig. Sie beobachten, dass sich die Situation rasant verschlimmert. Gleichzeitig bemerken sie und Personen aus ihrem Umfeld, dass in ihren engsten Kreisen nicht darüber gesprochen wird.
Daten und Fakten
- Am Sonntag, dem 27. Juli 2025, hat Israel erstmals seit Monaten wieder umfangreichere Hilfslieferungen zugelassen. Seitdem sollen täglich durchschnittlich 200 Lkw-Ladungen die Grenze passieren. Laut UN-Organisationen reicht diese Menge nicht einmal aus, um die Hälfte des Bedarfs zu decken und das in einer Bevölkerung, die laut internationalen Expert:innen von einer Hungersnot bedroht ist. Zum Vergleich: Vor Beginn der israelischen Blockade im März fuhren täglich rund 500 Lastwagen in den Gazastreifen.
- Am 29. Juli 2025 wurde von der IPC (Integrated Food Security Phase Classification) das Worst-Case-Szenario einer Hungersnot ausgerufen. Der Zugang zu Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und humanitärer Hilfe ist massiv eingeschränkt. Die Zahl hungerbedingter Todesfälle steigt, insbesondere bei Kindern.
- Oskar Deutsch, der Präsident der IKG (Israelische Kultusgemeinde), verteidigte am 29. Juli 2025 in der „ZIB2“ das Vorgehen Israels im Gaza-Krieg und betonte, die Sicherheit der israelischen Bevölkerung habe oberste Priorität. Den internationalen Druck auf Israel kritisierte er und forderte stattdessen Druck auf die Hamas. Aussagen zur drohenden Hungersnot in Gaza relativierte er und übte Kritik an UNO und Rotem Kreuz. Zudem zeigte er sich besorgt über zunehmenden Antisemitismus in Österreich und warnte vor einer Vermischung von Israelkritik mit Hass.
Quellen
- IPC Alarm: Worst-case scenario of Famine unfolding in the Gaza Strip
- ORF: Israel: Weitere 220 Lkws mit Hilfsgütern nach Gaza
- Der Standard: IKG-Präsident zweifelt in der "ZiB 2" an den Hungerzahlen aus Gaza
Das Thema in anderen Medien
- Deutsche Welle: Arabische Länder fordern Ende der Hamas-Herrschaft in Gaza
- ORF: Deutschland kündigt Luftbrücke an
- Tagesschau: Israelis und die Hungersnot in Gaza
)
)
)
)