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Krieg aus dem Siebenmühlental

3 Min
Warum das Siebenmühlental (Deutschland) womöglich zu einem wichtigen Dreh- und Angelpunkt des illegalen Irankrieges der USA und Israels geworden ist.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Amir M. Kaufmann. Google Maps.

Amerikas Irankrieg findet wortwörtlich vor meiner Nase statt – im beschaulichen Schwabenland in Baden-Württemberg, wo ich lebe.


    • Im Siebenmühlental betreibt das US-Militär eine geheime Antenne, die verschlüsselte Botschaften in den Iran sendet.
    • Die Kommunikation erfolgt über Kurzwelle mit persischen Codes, um Agent:innen im Iran trotz Internetblackout zu erreichen.
    • In der Region sind mehrere US-Militärbasen, darunter die Panzerkaserne und AFRICOM, die für verdeckte Operationen genutzt werden.
    • Siebenmühlental liegt südlich von Stuttgart, 30 Minuten vom Zentrum entfernt.
    • US-Militär betreibt dort eine “Number Station” für verschlüsselte Botschaften.
    • Täglich wurden ab Ende März persische Zahlencodes aus Musberg gesendet.
    • In der Panzerkaserne Böblingen sind mehrere hundert Green Berets stationiert.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Der Name „Siebenmühlental“ klingt nicht nur märchenhaft. Hier, wo ich seit etwas mehr als zwei Jahren lebe, sieht es auch wirklich so aus. Das Siebenmühlental liegt südlich von Stuttgart – das Stadtzentrum ist in dreißig Minuten erreichbar –, doch wer hierherzieht, will vor allem eines: seine Ruhe im Grünen. Es gibt zahlreiche Wälder und Wanderwege und eben auch die berühmten historischen Mühlen, die zum Teil bis heute erhalten geblieben sind. Wer durch das Tal schweift, denkt in erster Linie an Erholung, schöne Natur, frisches Brot und Spätzle oder den jährlichen Hexenball – und weniger an Krieg und Geopolitik.

Doch seit Kurzem ist bekannt, dass ausgerechnet das Siebenmühlental zu einem womöglich wichtigen Dreh- und Angelpunkt des illegalen Irankrieges der USA und Israels geworden ist. Amateurfunker des Netzwerks „Priyom“, einer Gruppe von Insidern und Funknerds, die weltweit nach geheimen Zahlensendern fahndet, stellten Ende März fest, dass verschlüsselte Botschaften aus einem Waldstück des Tals, das zum kleinen Ort Musberg gehört, kamen. Dieser Teil des Waldes gehört niemand Geringerem als dem US-Militär, das in der Region seit Jahrzehnten präsent ist. Auf dem streng gesicherten Gelände befindet sich eine sogenannte „Number Station“, eine Antenne, die für die Geheimbotschaften verantwortlich ist.

Wochenlang wurden täglich Botschaften gesendet, eingeleitet durch das persische Wort „Tavajjoh“ – Achtung. Darauf folgten endlose Zahlenkolonnen. Es ist eine Kommunikationstechnologie aus dem Kalten Krieg, die im digitalen Zeitalter eine Renaissance erlebt. Kurzwelle ist kaum rückverfolgbar, und der Empfänger benötigt lediglich ein einfaches Radio. Es braucht weder Internet, noch werden Spuren auf einem Server hinterlassen. Wer diese Codes im Iran empfängt, bleibt für das Regime in Teheran unsichtbar. Es sind höchstwahrscheinlich Anweisungen für Agent:innen oder Koordinaten für Sabotageakte. Dass ausgerechnet auf alte Funktechnologie zurückgegriffen wird, ist kein Zufall: Sie gehört bis heute zum Playbook der CIA. Außerdem herrscht im Iran seit Beginn des Krieges ein Internetblackout.

All das klingt wie aus einem Thriller. Doch es findet statt. Hier, mitten in meiner Nachbarschaft. Das US-Militär selbst will dazu kein Wort verlieren. Vor ein paar Tagen habe ich die versteckte Antenne im Wald aufgesucht. Sie liegt nur fünfzehn Minuten von mir entfernt und ist auf Google Maps mit „Radio Free Iran“ – wahrscheinlich hat sich hier jemand einen Spaß erlaubt – gekennzeichnet.

Während meines kleinen Waldspaziergangs kamen mir joggende US-Soldaten entgegen. Musberg liegt nämlich genau zwischen zwei wichtigen Installationen des US-Militärs in der Region: Der Panzerkaserne in Böblingen und den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen. Hinzu kommen noch andere Militärbasen wie etwa die Kelley Barracks, auch bekannt als US Africa Command (AFRICOM). Jede US-Operation auf dem afrikanischen Kontinent wird von hier aus geplant und koordiniert. In den letzten Jahren sorgte das für viel Kritik, weil in mehreren Ländern, darunter etwa Somalia, Niger, Kamerun und Libyen, mehrere US-Schattenkriege stattfinden.

Währenddessen sind in der Panzerkaserne mehrere hundert Elitesoldaten der Green Berets stationiert. Expert:innen zufolge sollen sie auch bei den geheimen Funksprüchen eine wichtige Rolle spielen. Verschlüsselte Botschaften und sogenannte Psy-Ops gehören zu ihren Spezialgebieten.

Ich hatte bereits früh von den persischen Codes erfahren. Ihr Herkunftsort war anfangs nicht bekannt. Für mich war es allerdings auch faszinierend, dass in meiner Muttersprache Codes für irgendwelche Geheimoperationen ausgesendet werden. Dass das Epizentrum von alldem sich vor meiner eigenen Haustür befindet, hat mich dann doch vom Hocker gehauen.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Das Kollektiv „Priyom“: Priyom (russisch für „Empfang“) ist ein internationales Netzwerk aus Amateurfunkern und Citizen Scientists, das sich auf die Überwachung geheimer Kurzwellensignale spezialisiert hat. Seine Mitglieder sind auch als „digitale Archäologen des Kalten Krieges“ bekannt, weil sie eine Technologie überwachen, die für viele als ausgestorben gilt. Die Gruppe gilt als weltweit führende Instanz bei der Identifizierung von Zahlensendern (Number Stations) – klandestinen Funkstationen, die von Geheimdiensten genutzt werden, um einseitige Nachrichten an Agenten im Feld zu übermitteln. Durch ein globales Netz von Empfängern und präzise Funkpeilungen (Triangulation) gelingt es dem Kollektiv immer wieder, die physischen Standorte dieser eigentlich unsichtbaren Sender zu enttarnen, wie zuletzt das Signal auf der Frequenz 7910 kHz im Wald bei Musberg. Weiteres dazu hier.
  • „Little America“ in und um Stuttgart: Die Geschichte der US-Garnison Stuttgart begann unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945, als die US-Armee die ehemaligen Wehrmachtskasernen übernahm. Was als Besatzungstruppe startete, entwickelte sich während des Kalten Krieges zum wichtigsten strategischen Knotenpunkt in Europa. Heute bilden die Patch Barracks (Vaihingen, Sitz des EUCOM), die Kelley Barracks (Möhringen, Sitz des AFRICOM), die Panzer Kaserne (Böblingen), die Robinson Barracks (Bad Cannstatt) und das Army Airfield (Echterdingen) ein zusammenhängendes Netz aus fünf Hauptstandorten. Mit etwa 28.000 Menschen – darunter rund 5.000 aktive Soldat:innen sowie Tausende Zivilangestellte und Familienangehörige – ist die Community eine Stadt in der Stadt. Seit der Gründung von AFRICOM im Jahr 2008 hat sich die Rolle Stuttgarts von der reinen Verteidigung Europas hin zu einer globalen Drehscheibe für klandestine Operationen in Afrika und im Nahen Osten verschoben.
  • Siebenmühlental: Das Siebenmühlental erstreckt sich südlich von Stuttgart auf der Gemarkung von Leinfelden-Echterdingen und ist eines der beliebtesten Naherholungsgebiete der Region. Seinen Namen verdankt das Naturschutzgebiet den elf historischen Mühlen, die sich entlang des Reichenbachs aneinanderreihen – von der Musberger Mäulesmühle bis zur Burkhardtsmühle. Während das Tal heute vor allem für seinen asphaltierten Bundeswanderweg, traditionelle Gasthöfe und Veranstaltungen wie den Musberger Hexenball bekannt ist, grenzt es unmittelbar an militärisches Hochsicherheitsgelände. Die dichten Wälder des nördlichen Tals, die Musberg von den Patch Barracks trennen, dienen dem US-Militär seit Jahrzehnten als abgeschirmtes Trainingsareal und Standort für sensible Antennentechnik, wodurch die Grenze zwischen Wanderidylle und globaler Spionage hier oft nur durch einen Maschendrahtzaun markiert wird.
  • Deutsche Bundesregierung: Die Haltung der Bundesregierung zur US-Präsenz in Stuttgart ist seit Jahrzehnten von einem „informierten Schweigen“ geprägt. Offiziell betont Berlin stets die Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft und das Souveränitätsrecht der USA auf ihren Stützpunkten. Dass von deutschem Boden aus völkerrechtlich umstrittene Drohneneinsätze oder klandestine Operationen koordiniert werden, wird in der Regel mit dem Hinweis auf mangelnde eigene Erkenntnisse oder die alleinige Verantwortung der US-Befehlshaber abgetan. Kritische Anfragen im Bundestag, etwa zu den Aktivitäten von AFRICOM, laufen meist ins Leere. Für die Bundesregierung ist Stuttgart ein diplomatisches Minenfeld: Man schätzt die wirtschaftliche Kraft und die Sicherheitsgarantie der Amerikaner im Ländle so sehr, dass man bei den dunklen Seiten der Schattenkriege lieber beide Augen zudrückt.

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