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Highschool-Liebe zwischen dem Sportstar und dem Mauerblümchen, Trennung, ein heimliches Kind – Klischee pur. Perfekt für ein Vertikal-Mikrodrama: eine Serie nicht fürs TV, sondern für den Scroll-Moment.
Sie war in der Highschool mit dem Quarterback zusammen. Er: beliebt, gutaussehend, auf dem Weg in die höchste Eishockey-Liga. Sie: unsicher, ständig das Gefühl, nicht dazu zu passen, der Körper größer als das Selbstbewusstsein. Sie trennt sich von ihm. Kurz darauf merkt sie, dass sie schwanger ist.
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Schnitt.
Jahre später: Er ist ein erfolgreicher Eishockey-Spieler, selbstsicher, attraktiv, reich. Sie begegnen einander wieder. Sie ist jetzt schlanker, selbstbewusster. Er erkennt sie nicht. Sie erkennt ihn sofort. Und irgendwo dazwischen steht ein Kind, von dem er nichts weiß.
Eines von vielen Vertikal-Mikrodramen im 9:16-Format fürs Handy: Sie werden in kleinen Portionen in den Feed gespült, Teil 1, Teil 2, Teil 3 … Teil 7 von 23. Und während man noch leicht abschätzig denkt: „Ja genau, was für ein kitschiges Märchen!“, ist der Daumen schon beim nächsten Clip. Nicht, weil wir es „gut“ finden, sondern weil wir trotz aller Banalität wissen wollen, wie es weitergeht.
Kein Unfall, sondern Nebenbei-Design
Diese Serien sind nicht schlecht gemacht. Sie sind präzise auf Nebenbeischauen getrimmt. Man merkt das schon an der Sprache: Figuren in diesen Mikrodramen führen weder hochgeistige Dialoge noch ergehen sie sich in minutenlangen Liebesbekundungen. Jede Sekunde muss tragen, jede Zeile muss etwas klären oder zuspitzen. Das wirkt plump, ist aber effizient. In der kurzen Zeit einer Folge ist kein Raum für Firlefanz. Die Geschichte muss nicht elegant sein, sie muss funktionieren.
Alles, was man im klassischen Erzählen als Qualität gelernt hat – Subtext, Ambivalenz, Pausen – wird daher systematisch herausgekürzt. Für lange Geschichten taugt das Format nicht, denn wer bei der Bushaltestelle steht und aus lauter Langeweile schnell mal scrollt, hat weder Zeit für noch Lust auf 45 Minuten komplizierte Serie. Doch für ein bis drei Minuten Aufmerksamkeit klingt „Abo abschließen“ plötzlich wie eine vernünftige Idee.
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Na gut
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Diese Verknappung betrifft auch die Art des Schauspiels. Die überdeutlichen Emotionen (große Augen, schnelle Tränen) erinnern an Stummfilme und sind Absicht: Wer solche Clips schaut, macht das selten unter idealen Bedingungen. Man steht irgendwo, man geht, man fährt in Öffis.
Und dann erst die Dramaturgie: Klassische Serien bauen Spannungsbögen auf, lassen Figuren wachsen, gönnen sich Leerstellen. Mikrodramen kennen das alles kaum. Sie funktionieren in Ketten: Szene, Twist, Schnitt. Szene, Enthüllung, Schnitt. Szene, Eskalation, Schnitt. Jede Folge ist ein Cliffhanger, jede Szene ein Versprechen, dass es gleich noch schlimmer, noch dramatischer wird. Man könnte sagen: Diese Serien erzählen keine Geschichten mehr, sie erzeugen Zustände. Neugier, Empörung, Mitgefühl – und das schnell, direkt, ohne Umweg. Das erklärt auch, warum sie so oft wie „Trash“ wirken. Sie sind melodramatisch, vorhersehbar, manchmal absurd. Sie passen sich der Aufmerksamkeit an, die wir uns im Feed antrainiert haben.
Billig, schnell, kopierbar
Und plötzlich ergibt auch die Ökonomie dahinter Sinn. Eine komplette Staffel mit zwei Dutzend Mini-Folgen kostet oft nur einen Bruchteil dessen, was eine aufwendig produzierte TV-Serie verschlingt. Für das Budget einer einzigen Minute Hochglanzfernsehen bekommt man hier ein ganzes Paket an Geschichten. Das Risiko sinkt – wenn ein Format nicht funktioniert, wird es ersetzt. Wenn eines zieht, wird es kopiert. Es geht weniger um die eine gute Geschichte, sondern um viele Versionen derselben, bis du bei einer hängen bleibst. Nebenbei entsteht auch eine neue Einstiegsmöglichkeit: Für junge Schauspieler:innen können diese Formate eine erste Bühne sein. Für Autor:innen eine Möglichkeit, ein Drehbuch auszuprobieren.
Interessant ist, dass dieses Prinzip längst nicht mehr nur in irgendwelchen Nischen-Apps ausprobiert wird. Große Anbieter wie Paramount+ denken offen darüber nach, Kurzvideoformate und Mikrodramen stärker in ihre Plattformen einzubauen. Nicht als Konkurrenz zur großen Serie, sondern als Ergänzung. Für die Momente dazwischen.
Die drei angeblichen Wirtschafts-Expert:innen: Unterhose, Rock und Lippenstift.
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Das ist vielleicht die eigentliche Verschiebung: Streaming will nicht mehr nur dein Abendprogramm sein. Man kann das als kulturellen Abstieg lesen. Aber das greift zu kurz. Was hier passiert, ist weniger ein Verlust als eine Anpassung, eine Erweiterung.
Die Frau im Hochzeitskleid, der Eishockey-Star, das Kind: All das ist austauschbar. Die Mechanik dahinter nicht.
Ob er sie am Ende erkennt?
Im Endeffekt ist das wahrscheinlich nicht von Belang. Die interessantere Frage ist, warum 60 Sekunden gereicht haben, damit wir glauben: „Ich muss jetzt wirklich wissen, wie das weitergeht!“
Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die Vertikal-Mikrodramen kommen ursprünglich aus China und brachten dort 2024 sieben Milliarden Dollar Umsatz. Jährlich werden dort zwei Millionen Episoden hergestellt. In den USA wurden damit 800 Millionen Dollar Umsatz erzielt, bis 2030 sollen es 3,8 Milliarden werden. Und auch nach Europa schwappt der Trend über. In Deutschland hat die ARD mit „Between The Beats“ bereits eine Hochkant-Serie im Angebot.
- Attraktiv für die Macher sind vor allem die Herstellungskosten. Eine komplette Serie mit 26 Folgen à zwei Minuten inklusive No-Name-Darsteller:innen beispielsweise kostet zwischen 50.000 und 300.000 Euro. Zum Vergleich: Für dieses Budget bekommt man rund eine Minute einer US-High-End-Serie.
- Auch auf dem internationalen Festival Series Mania in Lille standen die „Vertical Dramas“ im Fokus.
- Bereits vor 2019 war „Short form Content” schon einmal im Gespräch: Der später gescheiterte Streamingdienst Quibi von Hollywoodmogul Jeffrey Katzenberg wollte Kurzforminhalte für Millennials anbieten. Große Namen wie Sänger Justin Timberlake oder Filmproduzent Guillermo del Toro sollten die Inhalte liefern, Stars wie die Schauspielerin Anna Kendrick die Abonnent:innen anlocken, die sich zum Beispiel beim Warten an der Bushaltestelle mit den „Quick Bites“ die Zeit vertreiben. Hier sollen die Produktionskosten für eine Minute wohl bei 100.000 Dollar und mehr gelegen haben. Wegen der hohen Ausgaben ging dieses Konzept vor ein paar Jahren nicht auf.
Quellen
- Deloitte: TMT Predictions 2026
- Business Insider: David Ellison is taking a page from TikTok's playbook
Das Thema in anderen Medien
- Digitalfernsehen.de: Vertical Drama: Eine Goldgrube und die Zukunft der Serie?
- Tagesspiegel: Serien fürs Smartphone: Die Zukunft des Serienmarkts? Hype um „Vertical Dramas“
- Medien Bayern: Radikale Nähe: Das Phänomen „Vertical Drama“
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