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Feel the Rush: Warum uns Musik in Stimmung bringt

4 Min
Diese Woche geht die WZ-Kulturkolumne der Frage nach, warum wir Musik gezielt einsetzen, um uns zu beruhigen, anzutreiben oder Gefühle zu ordnen und weshalb die Playlist trotzdem keine Therapie ersetzt.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner

Warum ziehen wir uns bei Liebeskummer, Stress oder Selbstzweifeln immer wieder bestimmte Songs rein? Was unser Musikkonsum über uns und unsere Stimmungen verrät.


Ohne Shaggy geht bei mir beim Spinning nichts. Sobald „Feel the Rush“ läuft, trete ich, als müsste ich Österreich doch noch zum Europameistertitel 2008 führen. Der Song war nämlich einer der Maskottchen-Songs der Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Was eine Fußball-Hymne mit Spinning zu tun hat? Keine Ahnung, aber sobald der Song beginnt, schaltet mein Körper automatisch auf Spinning-Modus.

Natürlich verbessert Shaggy meine Kondition nicht. Er übernimmt auch nicht die letzten fünf Minuten für mich. Trotzdem verändert der Song, wie sich die Anstrengung anfühlt. Ohne Musik strample ich schwitzend auf einem Fahrrad, das keinen Zentimeter weiterkommt. Mit Musik befinde ich mich in einer dramatischen Trainingsmontage. Die Spinning-Einheit ist deshalb nicht leichter geworden, aber sie hat einen brauchbaren Soundtrack.

Die Playlist für jedes Gefühl

Wir hören Musik zum Aufstehen, Einschlafen, Arbeiten, Putzen, Laufen, Feiern und Heulen. Manche Menschen besitzen eine Playlist namens „Fokus“, andere eine namens „Main Character Energy“ und wieder andere eine, deren Titel nur aus dem Vornamen einer Person und einem Totenkopf besteht.

Wir sprechen dabei gern von Musikgeschmack. Oft geht es aber gar nicht nur darum, was uns gefällt. Es geht darum, was wir gerade brauchen: Ruhe, Antrieb, Trost, Ablenkung.

Die Wissenschaft spricht von Emotionsregulation: Beim Musikhören sind nicht nur jene Bereiche des Gehirns beschäftigt, die Töne, Rhythmen und Harmonien verarbeiten. Auch Regionen, die mit Erinnerungen, Bewegung, Emotionen und Belohnung zu tun haben, werden aktiv. Musik kann beruhigen, motivieren, aufmuntern und dabei helfen, negative Gedankenschleifen zu unterbrechen.

Wir hören Musik also nicht bloß, wir setzen sie ein.

Das klingt ein bisschen so, als würden wir uns selbst therapieren. Der Gedanke passt gut in eine Gegenwart, in der ohnehin fast alles „Therapie“ heißt. Ein Spaziergang ist Therapie. Brotbacken ist Therapie. Das Badezimmer neu zu verfugen ist Therapie. Das Wort Therapie ist zum Gütesiegel für alles geworden, was kurzfristig guttut.

Playlist ist nicht Therapie

Musiktherapie ist allerdings mehr als Musikhören oder -machen und in Österreich eine eigenständige therapeutische Methode mit unterschiedlichen Grundlagen der Behandlung. Sie wird gezielt eingesetzt und verfolgt konkrete Behandlungsziele. Meine Beziehung zu Shaggy hingegen ist therapeutisch eher begrenzt: Er singt „Rush“ und ich strample weiter dem nächsten Anstieg entgegen.

Die Playlist gegen Liebeskummer ist also keine Therapie. Sie kann trotzdem helfen. Aus dem diffusen Gefühlschaos werden eine Melodie, ein Refrain und zwei Minuten mit Anfang und Ende. Das Lied hält die Traurigkeit kurz für uns fest. Interessanterweise muss Musik nicht fröhlich sein, damit es uns danach besser geht. Traurige Musik kann Gefühle spiegeln, begleiten und ordnen. Sie erlaubt uns, etwas zu spüren, ohne es erklären zu müssen.

Wenn der Trost auf Repeat läuft

Das kann allerdings auch kippen. Wer stundenlang dieselben drei Trennungslieder hört, verarbeitet möglicherweise etwas. Vielleicht dreht er oder sie sich aber auch nur im Kreis. Musik kann aus einem Gefühl herausführen oder uns darin festhalten.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Selbsthilfe und Selbsttherapie. Wir benutzen Musik, um unseren inneren Zustand zu beeinflussen, meistens ohne darüber nachzudenken. Niemand denkt vor dem Weg zur Arbeit: „Ich reguliere jetzt mein Nervensystem.“ Wir denken: „Ich brauche kurz meinen Song.“

Dass uns das kaum auffällt, liegt auch daran, wie selbstverständlich Musik verfügbar geworden ist. Früher musste man eine CD kaufen, ausleihen oder aufnehmen. Heute sortieren Streamingdienste Musik längst nicht nur nach Genres, sondern nach Tätigkeiten und Gefühlslagen: Schlaf, Konzentration, Training, Herzschmerz, Entspannung. Der Song ist nicht mehr nur ein kulturelles Werk, er ist ein Werkzeug.

Das ist praktisch. Es verändert aber auch, wie wir Musik wahrnehmen. Ein Album zu hören, verlangt Aufmerksamkeit und Zeit. Eine Funktionsplaylist verspricht eine Wirkung: Diese Musik soll mich produktiv machen, beruhigen oder möglichst effizient über eine Trennung hinwegtragen.

Zwei Minuten Rückenwind

Mein „Feel the Rush“ bleibt deshalb beim Spinning unverzichtbar. Nicht, weil Shaggy meine Ausdauer nachhaltig verbessert. Aber er bringt Kopf und Körper dazu, sich auf eine gemeinsame Geschichte zu einigen: Es geht bergauf, ich schaffe das.

Es ist keine Therapie, aber manchmal ist ein guter Refrain immerhin der Handlauf, an dem man sich kurz festhalten kann.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Musik wird im Gehirn nicht in einem einzelnen „Musikzentrum“ verarbeitet. Beim Hören arbeiten mehrere Netzwerke zusammen: Bereiche des Hörkortex analysieren Klangmerkmale, motorische Regionen reagieren auf Rhythmus, während weitere Areale an Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Emotionen und Bewertung beteiligt sind. Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren zeigen Aktivität in auditiven, motorischen und limbischen Regionen. Persönlich vertraute Musik kann außerdem Netzwerke ansprechen, die mit autobiografischen Erinnerungen und dem Bezug zur eigenen Person verbunden sind.
  • Als besonders angenehm empfundene Musik kann auch das Belohnungssystem im Hirn aktivieren. In einer Studie mit PET- und MRT-Aufnahmen wurde beim Hören selbst ausgewählter, emotional besonders intensiver Musik Dopamin freigesetzt. Dabei war eine Gehirnregion stärker an der Erwartung des musikalischen Höhepunkts beteiligt, eine andere am Moment des größten Wohlgefühls. Das erklärt auch, warum bereits die Vorfreude auf einen vertrauten Refrain körperlich motivierend wirken kann. Die Studie belegt allerdings nicht, dass jeder Song bei allen Menschen dieselbe Reaktion auslöst.
  • Musik wird häufig eingesetzt, um Gefühle zu beeinflussen. Diese Wirkung ist aber nicht automatisch positiv. In der Forschung wird zwischen hilfreichen und weniger hilfreichen Hörstrategien unterschieden. Musik kann dabei unterstützen, Gefühle zu ordnen, sie kann negative Stimmungen je nach Nutzung und Situation aber auch verstärken.
  • Alltägliches Musikhören ist klar von Musiktherapie zu unterscheiden. Das österreichische Musiktherapiegesetz definiert Musiktherapie als eigenständige Therapieform: Sie ist eine bewusste und geplante Behandlung mit musikalischen Mitteln, findet innerhalb einer therapeutischen Beziehung statt und verfolgt konkrete Behandlungsziele. Berufsmäßig ausgeübt werden darf sie nur von entsprechend qualifizierten Musiktherapeut:innen. Eine Playlist gegen Liebeskummer oder für das Training kann somit eine Form der Selbsthilfe und Emotionsregulation sein, sie ist aber keine Musiktherapie.

Quellen

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