Zum Hauptinhalt springen

K-Pop: Der Hype, der kein Ende kennt

6 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit K-Pop, „KPop Demon Hunters“ und der Frage, warum Pop heute nicht mehr nur gehört, sondern auch gesehen, getanzt, gepostet und bis zur letzten Pose inszeniert wird.
© Illustration: WZ. Bildquelle: Netflix.

Kolumne: „KPop Demon Hunters“ ist seit einem Jahr nicht totzukriegen. Warum das K-Pop-Genre so fasziniert und was hinter dem perfekten Auftritt alles mitläuft.


Ein Jahr ist im Internet ungefähr ein geologisches Zeitalter. TikTok-Sounds sterben schneller als Basilikum im Supermarkt-Topf, Netflix-Hits verschwinden oft schon wieder aus dem Kopf, während man noch überlegt, ob man die letzte Folge wirklich verstanden hat. Und dann gibt es „KPop Demon Hunters“: ein Animationsmusical über drei koreanische Popsängerinnen, die Dämonen bekämpfen. Ein Film, der sich seit seinem Start im Juni 2025 weigert, brav in der Streaming-Mediathek zu verstauben.

Inzwischen wurde im Frühjahr eine Fortsetzung angekündigt. No na ned, würde man in Wien sagen. Der Film hat zwei Oscars gewonnen, einen für den Hit „Golden“, der gestreamt, nachgesungen, in Charts gespült und in Feeds weiterverarbeitet wurde und wird. Aus einer Netflix-Premiere ist ein Pop-Phänomen mit Nachleben geworden, das mehr als 500 Millionen Views verzeichnen kann. Also genau das, wovon jede Kulturindustrie träumt: ein Film, der nicht einfach angesehen wird, sondern weiterarbeitet. In Playlists, in Fan-Edits, in Choreos, in Kostümen, in Kommentaren, in den Köpfen.

Weltrettung per Pose

Die Handlung ist simpel: Drei Sängerinnen der Girlgroup Huntr/X führen ein Doppelleben als Popstars und Dämonenjägerinnen und bekämpfen eine dämonische Boyband. Wenn das Böse auftaucht, wird nicht lang diskutiert − es wird gesungen.

Und es wird performt. Mit Blick, Pose, Formation, Dancebreak. Die Haare leuchten in Farben, die in der Natur höchstens bei giftigen Fröschen vorkommen. Die Outfits sehen aus, als hätte jemand „Bühnenkostüm“, „Kriegerin“ und „sehr teurer Clubabend“ in einen Mixer geworfen. Das Mikrofon ist Waffe, die Choreografie Schutzschild, der Auftritt Weltrettung. Wer da noch sagt, Pop sei bloß ein bisschen Musik im Hintergrund, hat offenbar noch nie Dämonen mit Eyeliner gesehen.

Pop als Komplettpaket

Das Spannende an „KPop Demon Hunters“ ist nicht, dass der Film K-Pop zeigt, sondern, dass er das Genre bis in die letzte Pose kennt. Popstars sind in diesem Fall Figuren mit Mythos, Look, Freundinnendynamik, Gegnern, Geheimnissen. Ein Song bleibt hier nie nur ein Song. Er bringt die Choreo mit, den Look, die Pose, den Clip im Kopf. Er wird nicht nur gehört, sondern weitergetragen: im Feed, im Körper, im Fan-Universum.

Damit sind wir bei der Frage, warum K-Pop so gut in diese Zeit passt. Nicht, weil der Hype neu wäre. BTS, Blackpink, Twice, Stray Kids und viele andere haben längst Stadien, Charts und Feeds erobert. Und das Phänomen hält. Es verschwindet nicht nach einem Sommer wie ein Feed-Tanz, den man im September schon wieder peinlich findet. K-Pop bleibt, weil er etwas kann, das unsere Kultur inzwischen fast überall verlangt: Er macht aus Musik ein Komplettpaket.

Der Song muss auch aussehen

Früher reichte im Pop oft ein guter Refrain. Ein Lied kam ins Radio, blieb im Ohr, wurde im Auto mitgesungen, vielleicht gab es Poster der Band, fertig. Heute muss ein Song auch aussehen: Er braucht eine Geste, eine Farbwelt, eine Frisur, ein Mini-Drama, einen Ausschnitt, der in drei Sekunden verstanden wird. Er muss sich schneiden, teilen, nachtanzen, kommentieren und sammeln lassen. Er muss Vorlagematerial sein für TikTok, für Reels, für Fan-Edits, für Memes, für die eigene kleine Version davon vorm Schlafzimmerspiegel.

Du hast schlechte Nachrichten satt? Dann ist unser Newsletter mit seinen Good News etwas für dich.

Ein Stern auf blauem Hintergrund

Na gut

Der Newsletter mit den guten Nachrichten: Kleine Geschichten über Fortschritte und Erfolg.

Jeden Mittwoch

K-Pop hat diese Form von Pop nicht erfunden, aber er hat sie perfektioniert. Song, Choreografie, Styling, Kamerablick, Gruppenaufstellung, Albumdesign, Fan-Name, Lightstick, Fotokarte und Hintergrundgeschichte greifen ineinander. Alles ist anschlussfähig, alles lässt sich weiterverarbeiten. Wer Fan ist, hört nicht bloß Musik. Man lernt Namen, unterscheidet Stimmen, schaut Dance Practices, kennt Comeback-Termine, erkennt Outfits aus Musikvideos, sammelt Karten, wählt ein Lieblingsmitglied und diskutiert über Sekunden in einem Teaser, als hinge das Schicksal der Welt daran. Was in „KPop Demon Hunters“ als Dämonenjagd erzählt wird, ist im echten K-Pop die Grundformel: Der Auftritt endet nicht, wenn der Song vorbei ist. Da startet er erst.

Die Lust am Künstlichen

Das kann berauschen. Diese fast unverschämte Freude an Übertreibung: glänzende Bühnen, dramatische Blicke, schnelle Schnitte, Refrains. Dazu kommt eine Lust am Künstlichen, die im deutschsprachigen Raum schnell misstrauisch beäugt wird. Bei uns gilt ja schon ein zu sauber choreografierter Auftritt als verdächtig. Echt ist, wer ein bisschen schief steht und so schaut, als hätte er die eigene Pressemappe noch nie gelesen. K-Pop dagegen sagt: Natürlich ist das gemacht. Schau doch, wie gut.

Wer poliert den Glanz?

Nur: Je heller die Oberfläche glänzt, desto stärker interessiert, wer sie poliert.

Hinter K-Pop steht nicht Spaß, sondern ein System. Ein hartes, diszipliniertes, genau getaktetes System, das man vielleicht schon von den US-Boygroups kennt. Dokus wie „Pop Star Academy: KATSEYE“ oder „K-Pop Idols“ zeigen, wie wenig zufällig diese Leichtigkeit entsteht, und dass diese Talenteschmiede ihre künftigen Stars bei Nichtfunktionieren austauscht wie andere ihre T-Shirts. Da wird trainiert, bewertet, aussortiert, verbessert. Stimmen, Körper, Gesichter, Bewegungen, Auftreten: Alles wird zur Baustelle. Über Jahre entsteht ein Feinschliff, der auf der Bühne leicht aussehen soll und hinter den Kulissen wenig Raum für Schwäche lässt.

Nähe in kleinen Portionen

Das ist der Schatten im Glitzer. Die Choreografie wirkt so schön synchron, weil stundenlang bis zur kompletten Erschöpfung geprobt wurde. Der perfekte Look entsteht nicht einfach aus Lust an Mode, sondern aus Körpernormen, Kontrolle, Diäten, Verträgen und Schönheits-OPs. Doch abgehoben dürfen die Performer:innen nicht sein. Fans wünschen sich Nähe zu ihrem Idol, die Industrie liefert sie in kleinen Portionen: Livestreams, Selfies, Fan-Calls, Behind-the-Scenes-Clips. Immer ein bisschen privat, aber nie ganz. Immer authentisch, aber nicht unkontrolliert. Das Idol soll Mensch sein, aber auch nicht allzu menschlich.

Dabei wäre es tatsächlich viel zu einfach, K-Pop als ein Sonderproblem zu erzählen. Als wäre Perfektionsdruck nur etwas, das in Seoul passiert, während westliche Popstars alle frei durch Blumenwiesen laufen und sich selbst verwirklichen. Natürlich ist die gesamte Popindustrie ein Geschäft mit Körpern, Sehnsüchten und Projektionen. Auch Hollywood, Casting-Shows, Influencer:innen-Karrieren und europäische Musikmärkte drehen Menschen zuverlässig durch die Mangel. Im K-Pop ist diese Spannung nur besonders sichtbar, weil der Traum per Talenteschmiede so perfekt organisiert ist.

Wir alle im kleinen Rampenlicht

Wie viel Mensch bleibt übrig, wenn man ständig Klang, Bild, Figur und Projektionsfläche sein muss? Diese Frage betrifft nicht nur K-Pop-Idole. Dort ist sie bloß greller ausgeleuchtet. Denn ein bisschen leben wir alle längst in einer abgeschwächten Version dieser Logik mit Profilbild, Story, beruflicher Sichtbarkeit, Selbstoptimierung, Gruppenchat, Fitness-App, LinkedIn-Lächeln.

Der perfekte Auftritt

Dann sitzen wir vor dem Fernseher, schauen drei animierten Sängerinnen zu, wie sie Dämonen mit Musik bekämpfen, und denken kurz: Wie absurd. Wie bunt. Wie übertrieben. Bis der Refrain längst im Kopf steckt, die Szene noch einmal läuft und dieser eine Move doch gar nicht so schwer aussieht. Nur ganz kurz probieren. Nur für sich. Nur im Wohnzimmer.

Und einen Acht-Count später ist man mittendrinnen im K-Pop-Universum.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • K-Pop steht für Korean Popular Music, meint heute aber weit mehr als koreanische Popmusik im engeren Sinn. In seiner modernen Form entstand K-Pop Anfang der 1990er-Jahre in Südkorea. Als wichtiger Wendepunkt gilt der Auftritt von Seo Taiji and Boys im Jahr 1992 mit „Nan Arayo“ beziehungsweise „I Know“: Die Gruppe mischte koreanische Texte mit Rap, Hip-Hop, Rock, Dance und westlichen Pop-Elementen und veränderte damit den bis dahin stark von Balladen und traditionellen Popformen geprägten südkoreanischen Musikmarkt. In den Jahren danach entwickelte sich jenes Idol-System, das K-Pop bis heute prägt: Junge Künstler:innen werden von Entertainment-Agenturen oft über Jahre in Gesang, Tanz, Sprachen, Medienauftritten und Bühnenpräsenz ausgebildet. Mitte der 1990er-Jahre entstanden die großen Agenturstrukturen, aus denen später international bekannte Gruppen hervorgingen. Die Boygroup H.O.T., die 1996 debütierte, gilt als eine der ersten großen Idol-Gruppen dieser neuen K-Pop-Generation.
  • International wuchs K-Pop zunächst vor allem im asiatischen Raum und wurde zu einem zentralen Bestandteil der sogenannten Korean Wave, also des globalen Interesses an südkoreanischer Popkultur, zu der auch Serien, Filme, Beauty, Mode und Essen zählen. In den 2000er- und 2010er-Jahren beschleunigten YouTube, soziale Medien und Streamingplattformen die weltweite Verbreitung. K-Pop war damit früh ein Popformat, das nicht nur auf Radiohits setzte, sondern auf Musikvideos, Choreografien, Mode, Fan-Communities, Sammelobjekte und digitale Teilbarkeit. Gruppen wie Girls’ Generation, BIGBANG, 2NE1, BTS, Blackpink, Twice, Stray Kids oder Seventeen machten K-Pop zu einem globalen Pop-Markt mit besonders aktiven internationalen Fanbasen.
  • Wirtschaftlich ist K-Pop längst ein Exportfaktor. Nach Angaben der Korea Customs Service überschritten die südkoreanischen Albumexporte 2025 erstmals die Marke von 300 Millionen US-Dollar; gemeldet wurden rund 301,7 Millionen Dollar, ein Plus von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die wichtigsten Absatzmärkte waren demnach Japan, China und die USA. Diese Zahl betrifft nur physische Albumexporte und bildet daher nicht den gesamten K-Pop-Markt ab, zu dem auch Streaming, Konzerte, Merchandising, Lizenzen, Werbung und Fanplattformen gehören.
  • Der Animationsfilm „KPop Demon Hunters“ erschien am 20. Juni 2025 auf Netflix und erzählt von der fiktiven Girlgroup Huntr/X, deren Mitglieder ein Doppelleben als Popstars und Dämonenjägerinnen führen. Der Film wurde zu einem der größten Netflix-Erfolge: Der Konzern kündigte im März 2026 eine Fortsetzung an, bei der Maggie Kang und Chris Appelhans erneut Regie führen sollen. Nach dpa-Angaben stand „KPop Demon Hunters“ ein Jahr nach Veröffentlichung 52 Wochen lang in den globalen Netflix-Top-Ten und kam über diesen Zeitraum auf knapp 640 Millionen Abrufe; in der offiziellen Netflix-Bestenliste, die nur die ersten 91 Online-Tage zählt, wurde der Film mit 325,1 Millionen Abrufen geführt. Der Filmsong „Golden“ gewann 2026 einen Gammy; bei der 98. Oscarverleihung wurde „KPop Demon Hunters“ als bester Animationsfilm ausgezeichnet.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte