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Neo-Kolonialismus: Wenn Menschen für Likes ausgenutzt werden

5 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit Influencern, isoliert lebenden indigenen Völkern und der Frage, wie koloniale Blickmuster im digitalen Zeitalter als Content für Klicks weiterleben.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Früher galt als unentdeckt, was Europa noch nicht kannte. Heute gilt als Sensation, was noch niemand gefilmt hat. Und kommt damit dem Neokolonialismus gefährlich nah.


„Noch nie gesehen.“ „So nah wie nie.“ „Verbotene Welt.“ „Erste Aufnahmen.“ Das muss man doch anklicken, oder? Schließlich sind Menschen eine neugierige Spezies, und zu Sensationen können sie auch nicht nein sagen. Und wenn wir sie nicht selbst generieren können, dann wollen wir wenigstens an den Entdeckungen der anderen teilhaben.

Aber was bedeutet das für die noch unberührte Landschaft, das bisher unentdeckte Tier oder die unfreiwillig und ungewollt zu Fotoobjekten degradierten Menschen?

Eine Recherche des britischen „Guardian“ hat Anfang September mehrere Influencer.innen, Abenteurer.innen und Filmemacher:innen und ihren Content unter die Lupe genommen. Sie haben alle isoliert lebende indigene Gruppen aufgespürt, gefilmt oder Begegnungen mit ihnen als exklusiven Content vermarktet. Indigene Organisationen sprechen von „colonialism for clicks“: Kolonialismus für Klicks.

Ein Cola für die „Entdeckung“

Da wäre zum Beispiel Mykhailo Polyakov. Der US-Amerikaner landete im März 2025 auf North Sentinel Island, einer streng geschützten Insel im Indischen Ozean, die zur Inselgruppe der Andamanen gehört und von Indien verwaltet wird. Die Sentinelesen leben dort isoliert und wollen nicht mit Außenstehenden in Verbindung treten. Polyakov fuhr trotzdem hin. Mit Kamera und einer Dose Diet Coke.

Das Cola war das „Gastgeschenk“ für Menschen, die keinen Besuch wollen. Es sollte ein billiger Tausch für sein Eindringen in die Privatsphäre eines Volkes sein, eine geschmacklose Umgehung eines Verbots und persönlicher Grenzen. Zwei Tage nach seiner Landung wurde Polyakov von den indischen Behörden festgenommen, bekannte sich später schuldig und wurde zu 25 Tagen Haft sowie einer Geldstrafe von 15.000 Rupien (ca. 140 Euro) verurteilt. Denn die Insel ist für Fremde Sperrgebiet.

Was Polyakov daran reizte? Bilder zu bekommen, die sonst niemand hat. Und genau da wird aus einer menschengefährdenden Abenteuergeschichte eine Mediengeschichte. Denn dieses „Ich war zuerst da“ kennen wir schon lange: Früher stand es im Expeditionsbericht, später in der Fernsehdokumentation. Heute steht es im Thumbnail.

Die gute alte Sensation

Es wäre aber zu einfach, jetzt auf ein paar besonders übergriffige Influencer:innen zu zeigen und sie als Einzelfälle und somit als isolierte Sündenböcke hinzustellen: Seht her, was YouTube und Social Media schon wieder angerichtet haben!

Doch seit jeher erzählen Zeitungen, Magazine und Fernsehsender, also sogenannte klassische Medien, von „verlorenen Stämmen“, „unberührten Völkern“, Menschen „aus der Steinzeit“ und Begegnungen „so nah wie nie zuvor“. Sie berichteten und berichten über Expeditionen, Missionen und Missionierungen, Abenteuer und Abenteurer:innen. Die Betroffenen jedoch, die Leidtragenden, kamen und kommen höchstens in zwei Sätzen vor. Der Kolonialismus ist tot, es lebe der Neokolonialismus.

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Wir wollen Sensationen, Neues, bisher Unentdecktes, es befriedigt unseren Entdeckerdrang und unsere Sensationslust. Dank moderner Technik und Kommunikation sind beide leichter denn je zu „füttern“, und Social Media hat die Mittel dazu perfektioniert.

Aufmerksamkeit bringt Follower:innen, Follower:innen bringen Geld. Und weil online fast alles schon einmal fotografiert wurde, muss das Außergewöhnliche immer außergewöhnlicher werden. Vom einsamen Strand geht es zur verbotenen Insel. Vom unbekannten Ort zum unbekannten Menschen. Und aus Entdeckung wird Content.

Kamerafallen und ein Gericht

Dass daraus mehr werden kann als geschmacklose Abenteuerromantik, zeigt ein Fall aus Paraguay. Vertreter:innen der Ayoreo-Totobiegosode, eine Gruppe des indigenen Volkes der Ayoreo im paraguayischen Chaco, werfen dem US-amerikanischen Filmemacher Nathan Seastrand vor, nach isoliert lebenden Angehörigen ihrer Gemeinschaft per Kamerafallen „gesucht“ zu haben. Im August ordnete ein Richter Schutzmaßnahmen an. Nicht genehmigte Kamerafallen und andere Geräte sollen aus dem Gebiet entfernt werden.

Denn diese (unerwünschte) Kontaktaufnahme ist hier nicht bloß lästig. Sie kann lebensgefährlich sein. Eingeschleppte Krankheiten, aber auch die Geschichte von Vertreibung, Gewalt und Landraub stehen im Hintergrund solcher Begegnungen.

„Unentdeckt“ sind diese Menschen übrigens nicht. „Verloren“ auch nicht. Viele wissen genau, dass außerhalb ihrer Gebiete andere Menschen leben. Manche Gemeinschaften haben sich gerade nach Erfahrungen mit dieser Außenwelt zurückgezogen.

Neokolonialismus im Feed

Genau deshalb trifft „Kolonialismus für Likes“ einen wunden Punkt. Freilich ist nicht jede:r Reise-YouTuber:in automatisch ein:e Kolonialist:in. Aber der koloniale Gedanke steckt in der Vorstellung, dass einem die Welt zur Entdeckung zur Verfügung steht. Dass die selbstgewählte Abgeschiedenheit anderer Menschen ein Rätsel ist, das wir lösen dürfen und müssen. Dass ihr Nein weniger zählt als unsere Neugier. Dabei stehen immer die Entdecker:innen selbst im Mittelpunkt dieser Geschichten: Hinter ihnen der Wald, vor ihnen die Kamera und irgendwo dazwischen Menschen, die den Content außergewöhnlicher machen sollen.

Früher suchte man den weißen Fleck auf der Landkarte. Heute sucht man die Aufnahme, die noch niemand hat. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, Sichtbarkeit für etwas Gutes zu halten, dass wir den Wunsch nach Unsichtbarkeit nicht akzeptieren. Doch Selbstbestimmung bedeutet auch selbst entscheiden zu können, ob man gesehen werden möchte. Nicht gefilmt, nicht besucht, nicht „entdeckt“. Und dieser weiße Fleck geht uns dann einfach nichts an.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Am 5. September 2026 erschien im britischen Guardian unter dem Titel „This is colonialism for clicks“ eine Recherche der Journalistin Elle Hunt. In dem Artikel beschreibt sie mehrere Fälle von Influencer:innen, Filmemacher:innen und Abenteurer:innen, die isoliert lebende indigene Gruppen aufsuchen, filmen oder entsprechende Begegnungen als besonders exklusiven Content inszenieren. Der Ausdruck „colonialism for clicks“ stammt dabei aus der Kritik indigener Vertreter:innen und von Organisationen, die sich für die Rechte isoliert lebender Völker einsetzen.
  • Der Forscher Amitabh Vikram Dwivedi verwendet dafür einen Begriff: „algorithmic human safari“. In einer 2026 veröffentlichten Studie über die Jarawa auf den Andamanen beschreibt er, wie sogenannte „Human Safaris“ trotz Verboten nicht einfach verschwunden sind. Ein Teil davon habe sich ins Internet verlagert. Für seine Untersuchung wertete er rechtliche und politische Dokumente, Medienberichte sowie öffentlich zugängliche Suchergebnisse, Videos, Posts und Reisehinweise aus. Seine These: Empfehlungssysteme und die Aufmerksamkeitslogik von Plattformen tragen dazu bei, Aufnahmen indigener Menschen zu verbreiten und teilweise sogar Hinweise darauf sichtbar zu machen, wie solche Begegnungen organisiert werden können. Der voyeuristische Blick wird damit zu einem „algorithmic gaze“: Videos und Plattformempfehlungen machen entsprechende Bilder auffindbar und verteilen sie weiter.
  • Bei vielen indigenen Völkern, die in freiwilliger Isolation leben (laut UNO schätzungsweise rund 200), geht es nicht darum, dass sie niemals Kontakt zur Außenwelt hatten oder nichts von deren Existenz wissen. Einige haben sich nach Erfahrungen mit Gewalt, Krankheiten, Missionierung oder Vertreibung bewusst zurückgezogen.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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