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Kultur als Checkliste

5 Min
Diese Woche geht die WZ-Kulturkolumne der Frage nach, was mit Kunst und Kultur passiert, wenn sie zur To-do-Liste werden. Zwischen Louvre, Vatikanischen Museen und Mozartkonzerten zeigt sich ein neues Phänomen: Kultur wird nicht mehr entdeckt, sondern abgehakt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Wiki Commons.

Wer heute nach Paris, Rom oder Wien reist, will nicht nur durch die Stadt bummeln. Kunst und Kultur müssen natürlich auch sein, schließlich will man vor den Daheimgebliebenen gut dastehen. Doch die Sache hat einen Haken: Spontan geht da gar nichts.


Lediglich Flug und Hotel buchen war bisher, in diesen Tagen muss man gleich auch das Ticket für den Louvre, Versailles, das Kolosseum, die Vatikanischen Museen oder das Kunsthistorische Museum online buchen. Flexibilität war gestern, heute regieren striktes Zeitmanagement und fixe Einlasszeiten. Wer es sich später doch anders überlegt: Pech gehabt. Aus Kunst und Kultur wird eine strenge To-do-Liste, Spontaneität bleibt auf der Strecke.

Zum Glück gibt es ein paar kulturelle Dinge, die man auch ohne Vorbuchung erleben kann. Zumindest in Wien stehen einige Museen oder Ausstellungen weiterhin ohne vorgebuchte Tickets offen, und wenn Staatsoper oder Burgtheater ausverkauft sind, kann man auf andere Bühnen ausweichen. Und natürlich die berühmt-berüchtigten „Mozart-Konzerte“. Die Ticketverkäufer, die oft aussehen, als ob sie in einem Lookalike-Wettbewerb antreten wollen, sind zwar mittlerweile von den frequentiertesten Plätzen in der Wiener Innenstadt verbannt, verschwunden sind sie aber lange noch nicht. Und mit einem solchen Ticket ausgestattet, findet man sich am Abend zumindest doch noch unter Kronleuchtern und goldenem Stuck.

Hauptsache drin gewesen

Doch warum sind manche kulturellen Institutionen mittlerweile so begehrt, dass sie dem spontanen Besucher:innenansturm nicht mehr gewachsen sind und ihn mit monatelang im Voraus gebuchten Tickets bändigen müssen? Ist der Kulturhunger, die Neugier der Reisenden derart gewachsen? Oder haben schlicht mehr Menschen die Möglichkeit zu reisen, und wollen sich dann das überschwänglich beworbene kulturelle Angebot nicht entgehen lassen? Oder geht es überhaupt nur mehr um „ich war dort und dort, abgehakt, habe alles zum Beweis fotografiert“? Nach dem Motto: Wer in Paris ist, muss in den Louvre. Wer in Rom ist, muss in die Vatikanischen Museen. Wer in Wien ist, braucht zumindest einmal Mozart, idealerweise in einem Palais oder gleich in Schönbrunn. Man besucht diese Orte also nicht unbedingt aus Interesse, sondern weil man später nicht sagen möchte: Dort war ich, aber drinnen war ich dann doch nicht.

Auch ich renne los

Und ehrlich gesagt: Ich verstehe das sogar. Ich war selbst noch keine zwei Stunden in Barcelona, bevor ich Richtung Sagrada Família marschiert bin. Nicht, weil ich plötzlich Expertin für Gaudí werden wollte, sondern weil die Stadt einem unterschwellig vermittelt: Wenn du schon hier bist, musst du das gesehen haben.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Wandel: Nicht Kunst und Kultur stehen im Mittelpunkt, sondern das Gefühl, die kulturell richtigen Dinge getan zu haben. Der Museumsbesuch als Teil der eigenen Identitätspflege, das Konzert als Beweis der kulturellen Offenheit und Intellektualität.

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Das Internet hat diese Logik perfektioniert. Städtereisen funktionieren heute oft wie Spotify-Playlists: die größten Hits in möglichst kurzer Zeit. Louvre, Eiffelturm, Mona Lisa, Stephansdom, Klimt-Ausstellung, Mozartkonzert. Keine Zufallsfunde, keine spontanen Ideen, nur Best-of Europa. Kultur wird heute anders konsumiert.

Overtourismus killt Kulturgenuss

Seit einigen Jahren wird ein Paradoxon immer deutlicher: Overtourism macht Kultur weniger zugänglich, obwohl sie überall verfügbar ist und im Grund genommen jedermann zugänglich sein sollte. Städte sind stolz auf ihr kulturelles Angebot, und investieren daher ordentlich in Kulturmarketing. Museen verlängern Öffnungszeiten, Ausstellungen werden größer und immersiver. Was leichter zugänglich ist, wird gern angenommen – bis es zu viele Besucher:innen sind. Kunst und Kultur werden so immer häufiger zu einem Gut, um das heftig konkurriert wird: Tickets, Platz, Sichtlinien und manchmal einfach nur Luft zum Durchatmen werden durch Timeslots gezwängt, umtauschen unmöglich.

Flughafen mit Gemälden

Wer einmal versucht hat, im Louvre tatsächlich länger als zehn Sekunden auf die Mona Lisa zu schauen, weiß, wie wenig diese Erfahrung noch mit konzentrierter Kunstbetrachtung zu tun hat. Die meisten Menschen bewegen sich dort wie durch einen Flughafen mit Gemälden: Hauptsache gesehen, Hauptsache Fotos gemacht.

Kulturorte sind also längst nicht mehr nur Orte der Kunst, sondern Bühnen touristischer Abarbeitung. Der Louvre ist ein Pflichtfoto geworden, die Biennale in Venedig ein Lifestyle-Event, Wien eine begehbare Schneekugel mit Soundtrack.

Keine tiefen Cuts

Natürlich steckt darin auch etwas Verständliches. Wenn man nur drei Tage in Paris oder Wien hat, will man nichts verpassen. Also arbeitet man Sehenswürdigkeiten ab wie eine To-do-Liste: flott, effizient, oberflächlich. Aber Kultur war einmal das Gegenteil davon: kein Zeitraffer, sondern Zeitlupe. Ein Ort für Zufall, Konzentration und Verweilen. Für das ungeplante Hängenbleiben vor einem Bild, das man vorher gar nicht kannte.

Die Bewohner:innen der Tourist:innenmetropolen haben es manchmal etwas einfacher: Sie müssen nicht im Mai, Juli oder August in diese eine bestimmte Ausstellung. Oder in den Louvre. Oder ins Kunsthistorische Museum. Sie können warten. Auf einen verregneten Nachmittag im Oktober. Oder einen nebeligen Novembertag. Vorausgesetzt, die Ausstellung läuft dann noch. Wenn ja, haben sie die Chance auf genügend Platz für einen genauen Blick. Statt Kunst als Pflichtprogramm gibt es Genuss ohne Timeslot. Die Kultur hat wieder Luft und Raum und Zeit, so wie die Einheimischen. Und die schlauen, zeitflexiblen Tourist:innen, die auf Timeslot und Gedränge verzichten können.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.



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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Der Begriff „Overtourism“ beschreibt laut der Welttourismusorganisation eine Situation, in der die Zahl der Besucher:innen die Lebensqualität der Einheimischen oder die Qualität des Besuchserlebnisses spürbar beeinträchtigt. Das betrifft nicht nur Städte und Strände, sondern zunehmend auch Kulturbetriebe.
  • Das bekannteste Beispiel für Overtourism ist der Louvre in Paris. Das Museum zählte 2024 rund 8,7 Millionen Besucher:innen und gehört damit weiterhin zu den meistbesuchten Museen der Welt. Zwei Drittel der Gäste besuchen das Haus zum ersten Mal.
  • Auch die Vatikanischen Museen kämpfen seit Jahren mit enormem Andrang. Sie empfangen rund sechs Millionen Besucher:innen jährlich. Für viele stark nachgefragte Zeitfenster müssen Tickets bereits Wochen im Voraus reserviert werden.
  • Forschungen zum Louvre zeigen zudem, dass Besucher:innen in überfüllten Museen häufig ähnliche Wege wählen und sich auf wenige ikonische Werke konzentrieren. Dadurch entstehen regelrechte Engpässe vor einzelnen Kunstwerken, während andere Bereiche deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von „Hyper-Con­gestion“, also einer Überlastung der Ausstellungsräume, die das Besuchserlebnis beeinträchtigen kann. Interessant ist dabei ein weiteres Ergebnis: Selbst Besucher:innen, die deutlich länger im Museum bleiben, verhalten sich oft ähnlich wie jene mit wenig Zeit. Auch sie steuern überwiegend dieselben ikonischen Werke an. Das spricht dafür, dass Overtourism nicht nur ein Mengenproblem ist, sondern auch mit der Konzentration auf wenige kulturelle „Must-sees“ zusammenhängt. Die Mona Lisa wird dadurch weniger zu einem Kunstwerk als zu einem Engpass im Besucherstrom.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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