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Sexarbeit als unternehmerisches Erfolgsmodell: Wer wie Serienfigur Nelly aus finanzieller Not auf den Verkauf des eigenen Körpers setzt, ist – wenn man diversen Serien glauben will – ein kreativer Freigeist mit Geschäftssinn.
Nelly studiert BWL, macht ein Praktikum in einer schicken Finanzberatungsfirma und jobbt nebenbei im Catering. Klingt alles solide und nach einem guten Weg in eine erfolgreiche Zukunft. Doch das Studium kostet viel Geld, das Praktikum ist unbezahlt, und Häppchen auf Veranstaltungen servieren bezahlt nur die wenigsten Rechnungen. Als sie eine frühere Kollegin trifft, erzählt ihr die von ihrem lukrativen Job als Escort. Für Nelly klingt das nach einem Weg aus ihren Schulden, und aus der braven BWL-Studentin wird Aurora, die statt Häppchen nun ihren Körper serviert.
- Kennst du schon?: Der Streit ums Geld für österreichische Filme
So beginnt die neue Dramedy „Selling Sex“. Die ARD selbst beschreibt ihre Hauptfigur als attraktive BWL-Studentin, die aus Sex ein „lukratives Geschäft“ macht und ihre „Erfolgsgeschichte“ schreiben will. Ah ja. So kann man das natürlich auch sehen: Galten Sexarbeit oder Prostitution bisher als Jobs, in die Frauen gezwungen wurden (aus welchen Gründen auch immer), als letzter Ausweg aus Armut, der aber nur selten gutes Geld abwarf und oft mit Gewalt und Erniedrigung verbunden war, so macht die Film- und Fernsehwelt nun eine glitzernde, harmlose Erzählung daraus.
Ich möchte hier nicht darüber urteilen, ob Sexarbeit emanzipatorisch ist oder nicht. Mich interessiert, was das über unsere Gesellschaft aussagt.
Ein bekanntes Muster
„Selling Sex“ ist nicht die einzige Serie mit diesem Thema. In „Margo’s Got Money Troubles“, einer aktuellen Apple-TV-Serie nach dem Roman von Rufi Thorpe, bekommt eine junge Frau ein Baby, hat immer weniger Möglichkeiten, ihre Rechnungen zu bezahlen, und beginnt schließlich, Inhalte für OnlyFans zu produzieren. Das wird nicht als klassischer Absturz erzählt, sondern als ein Weg, mit Kreativität und Geschäftssinn aus einer finanziellen Misere herauszukommen.
Dass man mit Pornografie und Sexarbeit offenbar immer noch Leute vor den Bildschirm locken kann, wenn diese Themen aus einem anderen Blickwinkel erzählt werden, erkannten schon 2016 die Macher der Serie „The Girlfriend Experience“, in der eine Jurastudentin zwischen prestigeträchtigem Praktikum und High-End-Escort pendelt.
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Natürlich ist OnlyFans keine Escort-Arbeit. Und Escort-Arbeit ist keine Pornografie, so wie nicht jede Form sexueller Dienstleistung Prostitution ist. Doch sie alle haben etwas gemeinsam: Attraktivität und Sexualität sind das Kapital, das in einer finanziellen Notlage aktiviert werden kann.
Und die Männer?
Natürlich gibt es auch die männliche Version dieser Geschichte. In der HBO-Serie „Hung“ wird ein finanziell abgestürzter Lehrer zum Callboy. In der französischen Serie „Escort Boys“ bieten vier Männer Escort-Dienste an, um einen verschuldeten Familienbetrieb zu retten. Gemeinsamer Nenner ist wieder das fehlende Geld, und der Körper wird zur Einnahmequelle.
Doch es gibt einen Unterschied: Bei „Hung“ oder „Escort Boys“ gehört die Umkehr der vertrauten Rollen ausdrücklich zum Reiz der Geschichte. Nun sind einmal Männer diejenigen, deren Körper betrachtet, bewertet und von zahlenden Frauen gebucht werden.
Warum Frauenkörper anders erzählt werden
Beim weiblichen Körper ist es selbstverständlich, dass er betrachtet, bewertet und zu Geld gemacht wird. Von der Prostituierten über das Pin-up bis zum Werbemodel: Weibliche Attraktivität ist seit Langem eine Ware, an der vor allem andere verdient und über die vor allem andere bestimmt haben.
Neu an Serien wie „Selling Sex“ oder „Margo’s Got Money Troubles“ ist deshalb nicht, dass Frauen mit ihrem Körper Geld verdienen. Neu ist, dass nun aus Schande und gesellschaftlichem Abseits Kreativität, Geschäftssinn und Erfolg werden.
Die Logik des Side Hustles
Zur Erzählung gehört auch heute oft ein Bruch: Die Protagonistin geriet auf Abwege, überschritt eine Grenze und zahlte dafür einen Preis. Neu ist weniger der Absturz als das, was danach kommt. Sexuelle Selbstvermarktung erscheint nicht als weiterer Schritt nach unten, sondern als Ausweg: Die jungen Frauen handeln unternehmerisch. Sie erkennen einen Markt, entwickeln eine Strategie, bauen eine Marke auf. Ausgerechnet der Verkauf von Sexualität wird damit zur Geschichte über Handlungsmacht und wirtschaftlichen Aufstieg.
Vielleicht ist das gar nicht so überraschend. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der aus allem ein Geschäftsmodell werden soll. Das Hobby soll ein Side Hustle sein. Die Wohnung eine Einnahmequelle. Die Persönlichkeit eine Marke. Wer Erfolg haben will, muss früh lernen, seine Fähigkeiten, seine Freizeit und seine Aufmerksamkeit zu monetarisieren.
Der letzte Vermögenswert
Warum also nicht auch den Körper?
Genau das scheint die eigentliche Botschaft vieler dieser Geschichten zu sein. Nicht: Sexarbeit ist gut. Auch nicht: Sexarbeit ist schlecht. Sondern: Hier ist noch eine Ressource, die man nutzen kann.
Und vielleicht ist das die wirklich bemerkenswerte kulturelle Verschiebung. Dass der Körper heute nicht mehr als letzte Grenze erscheint, sondern als bislang ungenutzter Vermögenswert. Wenn eine BWL-Studentin in einer Fernsehserie ihr Aussehen und ihre Sexualität in Geld verwandelt, wird das nicht mehr als gesellschaftliches Problem erzählt.
Deshalb hat mich an „Selling Sex“ am Ende weniger die Sexarbeit irritiert als die Selbstverständlichkeit, mit der sie in die Sprache moderner Karrieregeschichten übersetzt wird.
Die eigentliche Frage lautet also vielleicht nicht, ob Aurora frei ist, sondern vielmehr, warum wir eine Geschichte über Prostitution oder Sexarbeit inzwischen so bereitwillig als Geschichte über Unternehmergeist lesen.
Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Die sechsteilige Dramedy „Selling Sex“ ist seit 28. August 2026 in der ARD-Mediathek zu sehen. Im Mittelpunkt steht die BWL-Studentin Nelly, gespielt von Ella Morgen, die unter dem Namen Aurora als Escort zu arbeiten beginnt. Entwickelt wurde die Serie von Miriam Dehne und Marie C. König. König arbeitete selbst mehrere Jahre als Escort und ließ eigene Erfahrungen in die Serie einfließen. Im Radioprogramm Deutschlandfunk Kultur erklärte sie, dass es für sie damals leichter gewesen sei, als Escort Geld zu verdienen als mit schlecht bezahlten Nebenjobs. Die Serie soll nach Aussagen der Macherinnen weder Sexarbeit glorifizieren noch ausschließlich eine Opfergeschichte erzählen.
- „Selling Sex“ ist nicht die erste Serie, die Sexarbeit mit finanzieller Not und wirtschaftlicher Selbstständigkeit verbindet. „Margo’s Got Money Troubles“ erschien 2026 bei Apple TV und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Rufi Thorpe aus dem Jahr 2024. Die von Elle Fanning gespielte Margo ist eine junge Mutter und Studienabbrecherin, die angesichts wachsender Rechnungen beginnt, mit OnlyFans Geld zu verdienen. Bereits die erste Staffel von „The Girlfriend Experience“, die 2016 beim US-Sender Starz startete, erzählte von der Jurastudentin Christine Reade, die neben einem Praktikum als High-End-Escort arbeitet.
- Die Begriffe Escort, Prostitution, Pornografie und Angebote über Plattformen wie OnlyFans bezeichnen nicht dasselbe. Auch der Begriff Sexarbeit wird unterschiedlich verwendet. Das österreichische Sozialministerium spricht bei Prostitution beziehungsweise Sexarbeit bewusst von „Sexdienstleistungen“ und weist darauf hin, dass dabei eine Dienstleistung angeboten und nicht die Person oder ihr Körper verkauft werde. Sexdienstleistungen sind in Österreich grundsätzlich eine legale Erwerbstätigkeit, unterliegen aber gesetzlichen Regelungen, die regional unterschiedlich sind. Bei OnlyFans wiederum können erotische oder pornografische Inhalte verkauft werden, ohne dass es zu einem persönlichen sexuellen Kontakt mit Kund:innen kommt. Der Artikel verwendet die Formulierung vom „Körper als Kapital“ deshalb nicht als rechtliche Definition, sondern als Beschreibung eines popkulturellen Erzählmusters: Attraktivität, Sexualität und die Darstellung des eigenen Körpers werden zu Ressourcen, mit denen Figuren Einkommen erzielen.
Quellen
- Sozialministerium Österreich: Sexwork-Info
- ARD: Selling Sex
- Apple-TV: Margo’s Got Money Troubles
- Amazon Prime: Escort Boys
- HBO: Comedy Series „Hung“ and how to make it in America return to HBO
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- NDR: Serie „Selling Sex“: Vom Studentenleben ins Escort-Business
- Der Standard: ARD-Serie „Selling Sex“: Sexarbeit als feministischer Akt?
- Süddeutsche Zeitung: Ist Escort-Girl jetzt ein Traumberuf?
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