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Melania Trump vs. Bad Bunny

5 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit der Frage, wer in den USA gerade bestimmt, welche Kultur „passt“, und wie dafür an Häusern, Wandtexten und Fördergeldern gedreht wird, während Popkultur sich nicht kuratieren lässt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Apa Images.

Zwischen Hochglanz-Melania-Doku und Bad Bunny beim Super Bowl liegen Welten. Was dem US-Präsidenten besser gefällt, ist klar: oberflächlicher Glanz von seinen Gnaden. Alles andere wird geschmäht, umbenannt, umgebaut oder leiser gedreht.


    • Donald Trump beeinflusste US-Kulturinstitutionen durch Umbenennungen, Zensur von Wandtexten und Kürzungen bei Fördergeldern.
    • Popkultur wie Bad Bunny widersetzt sich politischer Kontrolle, während Hochglanzformate wie die Melania-Doku Konflikte vermeiden.
    • Auch in Österreich gibt es subtile Forderungen nach Publikumsverträglichkeit statt offener, kontroverser Kulturdebatten.
    • 2025 wurden beim NEH über 1.200 Förderzuschüsse gestrichen.
    • Die Washington National Opera verließ nach Jahrzehnten das Kennedy Center.
    • Trumps Name wurde am Kennedy Center in Washington angebracht.
    • Ein US-Bundesrichter untersagte der NEA, Projekte wegen Gender-Themen auszuschließen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Neulich vor dem Fernseher, YouTube-App offen, Fernbedienung in der Hand: Es war dieses typische „nur kurz reinschauen“. Ich klicke mich durch die Vorschläge, ein Thumbnail nach dem anderen, bis plötzlich zwei Welten nebeneinander liegen: Melania-Pseudo-Doku im Hochglanz und Bad Bunny in der Halftime-Show.

Auf einmal wirkt es weniger wie ein Zufall als wie eine kleine Kultur-Soziologie in 4K. Da die makellose Oberfläche, „First Lady“-Ästhetik, die schon im Trailer mehr nach Imagepflege als nach Dokumentarfilm aussieht. Und dort ein Popstar, der die größte Bühne des Jahres besetzt, Spanisch in die amerikanische Mitte stellt und damit genau das Amerika zeigt, das nicht geschniegelt ist, sondern gemischt, laut, widersprüchlich. Trump reagierte darauf öffentlich mit Wut und Abwertung („absolutely terrible“, „slap in the face“): Was ihm nicht gefällt wird runtergemacht.

Popkultur passiert

Verhindern konnte Trump die Halftime-Show nicht, denn Popkultur passiert. Institutionen dagegen kann man umbauen.

Das Kennedy Center in Washington ist das markanteste Beispiel dafür, weil man es von außen lesen kann. Wortwörtlich. Trumps Name wurde am Gebäude angebracht, der Verwaltungsrat stimmte für die Umbenennung und dann kam wenig später die nächste Ansage: Das Haus soll für rund zwei Jahre schließen, offiziell wegen Renovierung.


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Natürlich kann ein Umbau einfach nur ein Umbau sein. Nur fällt diese „Renovierung“ in eine Phase, in der sich die Institution ohnehin in ein politisches Experiment verwandelt hat: Künstler:innen sagen ab, Ensembles ziehen weiter, die Washington National Opera verließ nach Jahrzehnten das Haus. Und während man in PR-Statements gern so tut, als wäre „keine Politik in der Kunst“ ein edler Satz, klingt er in der Praxis oft wie: Bitte keine Politik, die uns unbequem wird.

Das Muster wiederholt sich dort, wo Amerika sich selbst erklärt, nämlich in Museen, in Begleittexten, in den scheinbar harmlosen Sätzen neben Bildern, die Schulklassen und Tourist:innen als „offiziell“ mitnehmen. Die Trump-Regierung verlangte von der Smithsonian Institution ausdrücklich interne Materialien wie Wandtexte und didaktische Texte, dazu Budgets, Objektlisten und sogar Unterlagen, wer Inhalte absegnet. Und es stand eine Drohung mit Fördergeldentzug im Raum.

Zensurierte Wandtexte

Das ist zwar keine Bücherverbrennung, aber Beeinflussung der Erzählung. Wenn in der National Portrait Gallery Textpassagen verschwinden, die Trumps Impeachments erwähnen, ist das keine Kleinigkeit, sondern ein Prinzip: nicht die Kunst wegnehmen, sondern die Beschriftung so drehen, dass sie weniger Reibung erzeugt, dass alles glänzt.

Und weil Kultur in der Realität nicht nur aus Gebäuden, sondern auch aus Geld besteht, funktioniert Beeinflussung dort besonders effizient. Beim National Endowment for the Humanities (NEH) wurden 2025 Förderungen in großem Stil gestrichen und die unabhängige Behörde, die mit Steuergeldern die Geisteswissenschaft fördert, massiv verkleinert; berichtet wurde von mehr als 1.200 beendeten Förderzuschüssen und drastischen Personalkürzungen. Beim National Endowment for the Arts (NEA) das Zuschüsse für Kunst und kulturelle Projekte vergibt, ging es zusätzlich um politische Kriterien: Ein US-Bundesrichter hat 2025 der Kunstförderbehörde NEA untersagt, Projekte wegen ihrer Haltung zu Gender-/Trans-Themen von Fördergeld auszuschließen, denn der Staat darf Kunstförderung nicht danach vergeben, ob ihm die Meinung im Projekt gefällt.

So entsteht ein Klima, in dem man nicht offiziell „verboten“ wird, aber in dem es notwendig sein kann, das heikle Projekt lieber gar nicht erst einzureichen. Auch eine Form von Zensur.

Österreich ist näher als man glaubt

Vielleicht denkst du jetzt: Das sind die USA, wir sitzen in Österreich, wir schauen höchstens zu. Das stimmt nur halb. Ich habe diesen Satz „Können wir das ein bisschen weniger kontrovers machen?“ auch schon in österreichischen Kulturzusammenhängen gehört, nur in freundlicher Verpackung. Da steht dann nicht „woke“ im Raum, sondern „Publikumsverträglichkeit“. Da heißt es nicht „keine Politik in der Kunst“, sondern „bitte verbindend“. Und plötzlich ist man in einem Gespräch, in dem niemand etwas verbieten will, aber alle sehr genau wissen, welche Themen den Abend ruinieren könnten.

Und dann ist da noch die Popkultur-Seite der Geschichte. Bad Bunny zeigt, dass ein Land nicht so „glattgebügelt“ ist, wie Macht es gern hätte. Gerade deshalb wirkt die „Melania“-Pseudodoku als Gegenbild so passend: Hochglanz als banale Erzählform. Keine Zumutung, keine Reibung, keine offenen Fragen. Kultur als Schaufenster, nicht als Streitraum. Repräsentation statt Widerspruch oder kritische Auseinandersetzung.

Glanz als Bedingung

Vielleicht ist das der eigentliche Kulturschock zwischen YouTube-Thumbnail und Weltpolitik: Es geht nicht darum, ob Kultur „glänzen“ darf. Natürlich darf sie das. Es geht darum, wer entscheiden will, welcher Glanz als „richtig“ gilt und wie viele Sätze man dafür in Museen, Förderanträgen und Kulturhäusern umschreiben muss, bis das Land so aussieht, wie es sich ein Präsident und sein Hofstaat wünschen.

In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Die Super Bowl LX Halftime Show (Bad Bunny) fand am 8. Februar 2026 statt. Trump kritisierte die Show auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social öffentlich u. a. mit den Formulierungen „absolutely terrible“ und „slap in the face to our country“. Bei der Gegenveranstaltung der Republikaner unter Trump sang Kid Rock.
  • Der Board of Trustees des Kennedy Centers in Washington stimmte am 18. Dezember 2025 dafür, Trumps Namen in die Bezeichnung aufzunehmen (Trump-Kennedy Center). Trumps Name wurde kurz darauf an der Fassade angebracht. Er kündigte Anfang Februar 2026 an, das Kultur-Center für etwa zwei Jahre zu schließen, offiziell wegen Renovierungen, inoffiziell aufgrund der Künstler:innen- sowie Ensemble-Absagen.
  • NEH (National Endowment for the Humanities) ist eine US-Bundesbehörde, die Projekte in den Geisteswissenschaften fördert.
  • NEA (National Endowment for the Arts) ist sozusagen die Schwester der NEH, nämlich eine US-Bundesbehörde, die Kunst/Kulturprojekte unterstützt.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien


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