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Warum schwärmen bloß alle von 2016?

5 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit der Frage, warum eine ganze Generation ausgerechnet an 2016 festhält – einem Jahr, das selbst schon in die Vergangenheit schielte.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock.

Pokémon Go, „Stranger Things“ und Drake auf Dauerschleife: 2016 war ein Paradies! Zumindest gilt es im Netz als „letztes gutes Jahr“. Nur war 2016 selbst ein Remix aus 80ern, 90ern und Nullerjahren.


Neulich in der U6, irgendwo zwischen Längenfeldgasse und Westbahnhof: Neben mir sitzt ein Teenager in pastellfarbener Daunenjacke und schaut sich auf TikTok ein „Summer 2016“-Video an. Drakes Megahit „One Dance“, ein Sonnenuntergang in blassem Rosa, Mädchen mit Blumenkranz, orangestichiger Filter, der alle aussehen lässt, als wären sie gerade in Kalifornien gewesen. Und darunter der Satz: „2016 – the last good year“. Wie bitte?

2016 als „letztes gutes Jahr“?

Warum sehnen wir uns 2026 nach einem Jahr, das sich bereits selbst nach der Vergangenheit gesehnt hat?

Die Leute, die heute in ihren Zwanzigern sind, waren 2016 Teenager. Da standen noch viele Türen offen, Lebensentscheidungen waren eher Theorie als Realität. Gleichzeitig hing über den späten 2010er-Jahren noch der letzte Rest eines Gefühls, das man rückblickend „Millennial Optimism“ nennen könnte: Die Welt schien grundsätzlich verbesserbar, Europa stabil, das Internet eher Spielplatz als Bedrohung.

Der Historiker Tobias Becker, der zur Geschichte der Nostalgie forscht, sagt in einem Spiegel-Interview, man blicke deshalb gern in die Kindheit und Jugend zurück, weil einem noch die ganze Welt offenstehen würde. „Mit dem Alter und den Entscheidungen, die in Bezug auf Beruf und Privatleben getroffen werden, würden sich immer mehr Fenster und Türen schließen“, so Becker.

Weil also die Gegenwart düster wirkt, die Zukunft unsicher und wenig erbaulich erscheint und soziale Medien uns jede Katastrophe im Liveticker ohne Verzögerung und Beschönigung direkt auf das Handy spielen, ist es ein sehr menschlicher Reflex, sich in ein „altes gutes Jahr“ zu flüchten.

War 2016 wirklich so unschuldig?

Doch je länger ich durch diese 2016-Videos scrolle, desto stärker drängt sich eine Frage auf: War 2016 überhaupt so unschuldig, einfach und schön, wie wir es uns gerade zurechtzimmern, oder war es schon damals eine einzige Nostalgie-Collage?

Nehmen wir die Kult-Serie „Stranger Things“. Die erste Staffel startete 2016 und besteht aus nichts anderem als 80er-Zitaten (sie spielt ja auch 1983): Kinder mit Walkie-Talkies, Neon-Schriftzüge, Synthesizer, eine typisch amerikanische Kleinstadt. Wir feiern 2016 eine „neue“ Serie, die vor allem die Kindheit unserer Eltern nacherzählt.

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Pokémon Go funktioniert ähnlich. Technisch war das Spiel 2016 beeindruckend, mit Augmented Reality und GPS, Sehenswürdigkeiten und allem technischen Schnickschnack, der darüber hinwegtröstete, dass man zum Spielen ins Freie musste. Emotional ist es ein Trip zurück in die späten Neunziger. Wer mit dem Handy durch den Stadtpark rennt, jagt Figuren aus der eigenen Volksschulzeit. „Neu“ ist vor allem die Verpackung. Das Gefühl ist geliehen.

In der Mode sieht es nicht anders aus. 2016 gab es Choker, Mom Jeans, Doc Martens, ein bisschen „Grunge light“, ein Remix aus 90ern und frühen 2000ern. Dazu Flower-Crowns und Galaxy-Leggings, die aussahen, als hätte jemand die 70er und die Nullerjahre durch einen Tumblr-Filter gejagt.

Ein Krisenjahr im Weichzeichner

Und dann diese Filter. Der berühmte „Rio de Janeiro“-Filter, der Fotos ein warmes, leicht ausgewaschenes Licht verpasst, als wären sie längst in einem Schuhkarton im Elternkeller ausgebleicht. Snapchat legt uns Hundeohren, Blumenkränze, Hasennasen über das Gesicht. Auch das sind kleine Kostüme: ein bisschen Festival, ein bisschen Kindergeburtstag. 2016 tat also alles, um wie eine Erinnerung auszusehen.

Harmlos? Vielleicht auf den ersten, oberflächlichen Blick, denn die Realität war hart.

Während wir uns 2016 durch „Lush Life“, „One Dance“ und Harambe-Memes scrollten, brannte die Welt im Hintergrund. In Europa schockierten Terroranschläge in Berlin, Nizza oder Brüssel, die Flüchtlingskrise von 2015 zeigte ihre Folgen, der erst belächelte, dann gewonnene Trump-Wahlkampf, die Brexit-Abstimmung in Großbritannien. Viele erinnern sich heute an das Jahr als letzte Insel der Unbeschwertheit, während es damals zeitweise als „schlimmstes Jahr überhaupt“ bezeichnet wurde.

Nostalgie in Nostalgie

Und genau das macht diesen Hype heuer so speziell: Wir schauen nicht einfach nostalgisch auf unsere Jugend. Wir empfinden Nostalgie für ein Jahr, das seine eigene Gegenwart kaum ausgehalten hat und sich vorsorglich mit 80er-Serien, 90er-Mode und Kinderzimmer-Franchises gegen die harte Realität gepolstert hat.

Nostalgie in Nostalgie, wie eine Matroschka aus Retro-Gefühlen.

Wozu das Ganze gut ist

Nostalgie mag ein ziemlich normales Werkzeug in anstrengenden Zeiten sein, ein „Summer 2016“-Video auf dem Handy in der U6 nichts anderes als ein kleiner, digitaler Glücksstein.

Aber raubt uns dieser nostalgische Rückblick ein bisschen den Blick nach vorn? Wenn unser emotionaler Zufluchtsort ausgerechnet ein Jahr ist, das selbst fast ausschließlich die Vergangenheit zitiert hat, was bleibt dann für die Zukunft übrig? Noch eine Wiederholung der Wiederholung?

Erinnerung oder Algorithmus?

Zurück in der U6.

Der Teenager neben mir steckt sein Handy weg, beim Aussteigen in der Neubaugasse hängt der 2016-Soundtrack noch im Ohr. Vielleicht ist der Punkt nicht, Nostalgie zu verteufeln. Sie gehört dazu, gerade in anstrengenden Zeiten. Spannend wird es dort, wo wir sie bewusst wahrnehmen: Ist das gerade wirklich meine Erinnerung, oder eine Stimmung, die Streamingdienste, Algorithmen und Filter mir fertig verpackt in die Hand drücken?

Vielleicht wäre 2026 besser dran, weniger wie 2016 zu sein und mehr wie ein Jahr, das sich traut, zum ersten Mal stattzufinden. Warten wir es ab, noch ist Zeit.

In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Seit Anfang 2026 läuft auf Instagram ein 2016-Hype: Ein „Add yours“-Sticker fordert User auf, Fotos aus dem Jahr zu posten – mehr als 5,2 Millionen Beiträge sind so entstanden, dazu ein massiver Anstieg von 2016-Playlists auf Spotify (plus 790 Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn).
  • In Memes und Kommentaren wird 2016 als „last good year“ bezeichnet: das letzte Jahr vor Trump-Präsidentschaft, Pandemie und dem Gefühl permanenter Krise. Auch klassische Medien wie die Washington Post, Vogue oder deutschsprachige Titel greifen diesen Tenor auf.
  • Gleichzeitig blenden die Nostalgieposts vieles aus: 2016 war politisch und gesellschaftlich alles andere als harmlos. Ende 2016 sprachen Feuilletons aufgrund von Terroranschlägen, des Brexit-Referendums und des Aufstiegs Trumps von „dem schlimmsten Jahr überhaupt“. Heute, im Rückblick, taucht in Artikeln immer wieder dieselbe Formulierung auf: 2016 als letztes „normales“ Jahr, als Moment, der ein deutliches Davor und Danach markiert.
  • Nostalgie-Forschung: Was da psychologisch passiert

Der Historiker Tobias Becker (Freie Universität Berlin) forscht zur Geschichte der Nostalgie und hat 2023 das Buch „Yesterday: A New History of Nostalgia“ (Harvard University Press) veröffentlicht.

Wichtige Punkte aus seiner und ähnlicher Forschung sind: Nostalgie galt ursprünglich im 17. Jahrhundert als Krankheit („Heimweh“ bei Soldaten), wurde im 19./20. Jahrhundert zu einer allgemeinen Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit oft als Reaktion auf Modernisierung und Beschleunigung.

Seit den 1960ern ist Nostalgie besonders stark in der Popkultur verankert (Rock ’n’ Roll-Revival, Retro-Wellen in Mode, Musik und Film). Jüngere Generationen holen sich die Ästhetik der Zeit ihrer Eltern oder Großeltern zurück.

Psychologisch kann Nostalgie zwei Funktionen haben:

  1. Trost: Sie macht Bedrohungen und Unsicherheit erträglicher.
  2. Orientierung: Nostalgie hilft, in der Vergangenheit Muster zu finden, um mit der Gegenwart klarzukommen.

Die Forschung betont, dass es nicht darum geht, dass eine Generation „objektiv nostalgischer“ ist, sondern dass Rahmenbedingungen wie etwa Krisen, Tempo der Veränderungen, mediale Dauerpräsenz von Problemen Nostalgie begünstigen.

Quellen

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