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Was deine Rocklänge mit der Wirtschaft zu tun hat

4 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit drei angeblichen Wirtschafts-Expert:innen: Unterhose, Rock und Lippenstift.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Krise herrscht heute nicht nur im News-Ticker, sondern auch im Kleiderschrank. Schauen wir doch einmal, wie Modewelt, Marken, Minirockindex und Co die Teuerung zur Stil-Frage machen – und was das über unsere Alltagskultur verrät.


Im Fitnessstudio läuft auf einem Screen über den Laufbändern dieser Sender mit dem F in einem Eck, auf dem gefühlt immer perfekte Menschen im perfekten Licht einen Laufsteg auf und ab laufen. Models in Mikro-Minis, bodenlangen Röcken, irgendetwas dazwischen und Outfits, die so fiktional wirken, dass man sie kaum beschreiben kann. Und daneben auf einem weiteren Screen ein Newsticker mit Nachrichten zu Teuerung, Unsicherheit, „gedämpfter Konsumlaune“. Modekanal links, Krisenstimmung rechts: Ein besseres Bild dafür, wie wir gerade leben, braucht es fast nicht.

Wenn Excel mit der Vogue ins Bett geht

Ein Ausdruck dieses Missverhältnisses ist der Minirockindex, einer dieser Modemythen, die klingen, als hätte sich Excel mit der Vogue ins Bett gelegt: Wenn es wirtschaftlich bergauf geht, werden die Röcke kürzer, wenn die Stimmung kippt, wandert der Saum nach unten. Rocklänge als Konjunkturbarometer ist so charmant vereinfacht, dass es fast nach Fernsehrubrik klingt: „Und nach dem Wetter, jetzt: die Röcke.“

Dazu kommen: der Unterhosenindex (Männer kaufen in Krisen weniger Unterwäsche, weil sie niemand sieht) und der Lippenstiftindex (je schlechter die Lage, desto mehr Lippenstift wird gekauft als kleiner Luxus zwischendurch).

Ökonomisch sind diese Indikatoren alle höchstens halb solide, kulturell dafür umso spannender: Es sind Popmythen, mit denen wir uns eine unübersichtliche Gegenwart in handliche, fassbare Geschichten zerlegen.

Lieber Minirock als Reallohnverlust

Statt „globale Lieferketten, Energiepreise, Reallohnverlust“ sagen wir doch lieber „Minirock, Unterhose, Lippenstift“? Das klingt einfacher, hat nicht diesen negativen Beigeschmack und ist sofort verständlich.

Blöd ist nur, dass die Modewelt sich gerade weigert, uns einfache Antworten zu liefern.

Wenn man in Wien durch die Geschäfte geht oder online nach dem perfekten Rock für 2026 sucht, sieht man alles gleichzeitig: ultrakurze Jeansminis mit Y2K-Vibes, schlichte Midiröcke fürs Büro, weit schwingende Maxiröcke mit Volants. Dazu Fast-Fashion-Sackerl und schwere Papiertüten von Luxuslabels, Logos in der U-Bahn, Secondhand-Funde im WG-Flur. So what?


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Wenn der Minirockindex Recht hätte, müssten wir uns endlich entscheiden: Sind die Maxiröcke ein Zeichen von Rückzug, die Minis ein trotziges „Uns kriegt ihr nicht klein“ – und die Midilänge der Kompromiss? Die Mode weiß es also auch nicht.

Sie bedient alle Gefühlslagen parallel – Angst, Trotz, Sparmodus, Gönn-dir-Moment – und hofft, dass jede Zielgruppe sich in irgendeiner Rocklänge wiederfindet. Die Designer:innen sind damit keinen Deut sicherer als jene, die vor dem Kleiderständer im Shop stehen und sich fragen, ob sich der Preis „eh noch irgendwie ausgeht“.

Spannend wird es dort, wo Mode zur Bühne der Ungleichheit wird.

Wer sich die Krise leisten kann

Für manche ist die Teuerung tatsächlich eine Stilfrage: Man kauft weniger, aber dafür „bewusster“, vielleicht gleich das Designerstück, das lang hält. Für andere heißt „bewusst“: Flohmarkt, Vinted, Sale im Outlet, Hauptsache irgendwie mithalten, damit das eigene Leben nach außen nicht sofort nach „Es geht sich nicht mehr aus“ aussieht.

Auf der Straße verschwimmt das: Der sorgfältig kombinierte Secondhand-Look kann genauso nach „Fashion Week“ aussehen wie der Runway-Rock, der in einer Boutique gekauft wurde.

Was uns Mode wirklich erzählt

Und genau deshalb funktionieren Minirockindex, Unterhosenregel und Lippenstiftindex als Kulturmärchen so gut: Sie behaupten, es gäbe „die“ Stimmung, „die“ Wirtschaftslage, „die“ Krisenerfahrung. In Wahrheit leben wir in vielen Parallelökonomien, die sich zufällig dieselben Trends teilen.

Vielleicht ist das am Ende eine der wenigen verlässlichen Lesarten der aktuellen Mode: Nicht, dass sie uns verrät, wie es der Wirtschaft geht, sondern, dass sie zeigt, wie unsicher wir uns alle fühlen; egal ob wir dabei auf dem Laufband stehen oder in der Umkleidekabine.

In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Minirockindex, Rocksaumtheorie

Hinter dem Minirockindex steckt die Idee, dass sich die Wirtschaftslage an der Rocklänge ablesen lässt: In guten Zeiten werden die Säume kürzer, in Krisen wandern sie Richtung Knöchel. Erste Überlegungen dazu gab es schon im 20. Jahrhundert in den USA, später wurde daraus der sogenannte Hemline-Index (nach dem US-amerikanischen Ökonom George W. Taylor), der Aktienkurse und Modetrends miteinander verknüpfen wollte.

Wenn man die Daten genauer anschaut, bleibt von der großen Theorie aber wenig übrig. Untersuchungen finden manchmal eine grobe Verbindung zwischen Konjunktur und Saumlänge, oft mit mehreren Jahren Verzögerung, manchmal aber gar keine. In der Ökonomie wird der Minirockindex deshalb eher als hübsche Anekdote gehandelt denn als ernstzunehmendes Prognose-Tool.

  • Unterhosenindex

Der Unterhosenindex wurde durch den früheren US-Notenbankchef Alan Greenspan (geb. 1926) populär. Die Logik dahinter: Herrenunterwäsche ist ein stilles Grundprodukt, das selten jemand zeigt. Läuft die Wirtschaft halbwegs normal, bleiben die Verkaufszahlen stabil. In Flauten schieben Männer den Neukauf eher hinaus, genau weil es niemand bemerkt, wenn sie die Boxershorts ein Jahr länger tragen.

Tatsächlich lassen sich in manchen Krisenjahren Rückgänge bei den Verkäufen von Männerunterwäsche beobachten, wie etwa während der Finanzkrise 2008. Gleichzeitig sind die Ausschläge klein, überlagert von Modetrends, Preisaktionen und Onlinehandel.

  • Lippenstiftindex

Der Lippenstiftindex geht auf eine Beobachtung aus der Kosmetikbranche zurück: In wirtschaftlich schwierigen Phasen sinken viele große Ausgaben, während bestimmte kleine Luxusartikel stabil bleiben oder sogar zulegen. Lippenstift wurde dabei zum Symbolprodukt. Die Idee dahinter: Wenn Urlaub, Auto und neue Küche ausfallen, gönnt man sich zumindest einen frischen Rot-Ton.

In einigen Rezessionsphasen stiegen die Umsätze für Make-up tatsächlich an, in anderen folgten sie dem allgemeinen Konsumrückgang. Heute spricht man eher vom „Lipstick Effect“ oder von „erschwinglichem Luxus“: kleine Dinge, die sich auch dann noch viele leisten, wenn der Rest des Budgets eng wird. Als psychologisches Bild für Krisenverhalten ist das wirksam, als Instrument zur Vorhersage der nächsten Rezession wohl eher nicht.

Quellen

Das Thema in anderen Medien



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