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Wieso ist eine Banane ein Kunstwerk?

7 Min
Diese Woche beschäftigt sich die WZ-Kultur-Kolumne mit Bananen an Galeriewänden, weißen Leinwänden und dem Satz „Das kann ich auch“ – und fragt, warum uns moderne Kunst so oft aufregt.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Wiki Commons.

Moderne Kunst lässt uns oft zweifeln – an unserem Verstand, unserer Vorstellung von Ästhetik und Wert. Deshalb ärgern wir uns oft über sie. Beispiel gefällig? Eine Banane an der Wand.


Ich stehe vor einer Banane. Nein, nicht vor der Banane daheim in der Obstschüssel, die sie sich mit einem Apfel und zwei Zwetschken teilt. Sondern in einem Museum. Im Centre Pompidou-Metz im Nordosten Frankreichs klebt eine Banane an einer weißen Wand, befestigt mit silbergrauem Panzertape. Ein einzelner Streifen, diagonal, ungefähr im 45-Grad-Winkel aufgeklebt. Kein Rahmen, kein Sockel, kein dramatisches Licht. Einfach nur eine Banane an der Wand.

Ja und, was ist daran interessant, fragst du dich jetzt? Habe ich mich anfangs auch gefragt. Und war damit offenbar nicht allein, denn ich bin nicht die Einzige, die vor dieser Banane steht: Eine ganze Schar Besucher:innen versucht, sich einen Reim auf das Stück Obst zu machen. Die Banane wird betrachtet, genau unter die Lupe genommen, manche greifen sie sogar an. Jemand liest den Wandtext. Eine andere Person macht ein Foto und nickt ernst, was in Ausstellungen meistens heißt: Ich habe den tieferen Sinn der Banane an der Wand erkannt. Oder: Keine Ahnung, was das soll, aber das gebe ich lieber nicht zu.

Ich stehe vor der Banane und sinniere eine Weile. Und ständig ist da diese Stimme in meinem Kopf, die meint, dass ich das auch könnte. Was ist schon dabei, eine Banane an die Wand zu kleben? Leider ist mir das nicht früher eingefallen.

Aus Obst wird Kunst

Jede:r kann eine Banane an eine Wand kleben. Maurizio Cattelan hat es 2019 so gemacht, dass die ganze Kunstwelt hinschaute und groß darüber diskutierte. Nicht, weil die Banane handwerklich beeindruckend wäre, sondern weil sie am richtigen Ort hing: auf einer der wichtigsten Kunstmessen der Welt, präsentiert von einer Galerie, signiert durch einen bekannten Künstler, abgesichert durch Zertifikat und Installationsanweisung. Aus Obst wurde Kunst, weil plötzlich alles da war, was Kunstwert erzeugen kann: Name, Raum, Regel, Erzählung, Publikum. Und weil die Arbeit zugleich genau diesen Mechanismus vorführte.

Seine Banane – das Werk heißt übrigens „Comedian“ – wurde auf der Art Basel Miami Beach zum Ereignis, später auch zum Witz, zum Aufreger, zum Meme, zum Beweisstück. 2024 wurde eine Ausgabe bei Sotheby’s für 6,2 Millionen Dollar verkauft. Für eine Banane! Genauer gesagt: für ein Zertifikat, eine Idee und die Erlaubnis, diese Banane immer wieder korrekt an die Wand zu kleben.

Der Museumsgrant

Und da ist er, mein mir bereits vertrauter Museumsgrant. Er überfällt mich vor weißen Leinwänden, schwarzen Quadraten, roten Dreiecken, leeren Räumen, Neonröhren und Installationen, die aussehen, als hätte jemand den Sperrmülltermin verpasst. Und wieder denke ich mir: „Das kann ich auch!“ Spätestens dann muss ich mir den Katalog der Ausstellung zulegen oder mich zumindest eindringlich der Beschreibung neben dem Kunstwerk widmen. Denn diese bestätigt mir schließlich schwarz auf weiß, dass es ein Kunstwerk ist. Diese Banane. Oder diese Installation. Oder dieses rote Dreieck auf weißer Leinwand.

Moderne und zeitgenössische Kunst haben uns irgendwann die bequeme Abmachung gekündigt, dass Kunst vor allem nach Können aussehen muss. Natürlich gibt es weiterhin Malerei, Skulptur, Zeichnung, Technik, Handwerk, Virtuosität. Aber bei einer weißen Leinwand oder einer Banane an der Wand reicht die alte Frage „Kann der das gut?“ nicht mehr aus. Dann geht es eher darum, was dieses Werk auslöst: Ärger. Ratlosigkeit. Gelächter. Hohn. Frust. Und plötzlich steht man nicht mehr nur vor einem Gegenstand, sondern mitten in der Frage, warum genau dieser Gegenstand Kunst sein soll. Und wieso er sogar einen Marktwert hat.

Der Wandtext und das „Hä?“

Viele Menschen frustriert ein Museumsbesuch nämlich nicht wegen der Kunst, sondern wegen der Inszenierung und der Wandtexte, die so klingen, als hätte jemand alle möglichen Adverbien und Adjektive wahllos aneinandergereiht und Sätze so konstruiert, dass sie möglichst viele Nebensätze haben. Man steht da, liest denselben Satz dreimal und denkt sich innerlich nur: „Hä?“

Ich kenne das. Ich mag Kunst, wirklich. Ich kann mich in Bildern verlieren und nach einer Ausstellung tagelang über das Gesehene nachdenken. Aber ich bin auch schon vor Installationen gestanden und absichtlich länger geschaut, nur weil neben mir jemand sehr konzentriert gewirkt hat. Man will ja mithalten.

Weiß ist nicht immer leer

Nehmen wir das berühmte weiße Bild. Kasimir Malewitschs „White on White“ von 1918: ein weißes Quadrat auf weißem Grund, leicht gedreht, fast nicht zu sehen und doch da. Oder Robert Rauschenbergs „White Paintings“ aus den 1950ern: weiße Tafeln, auf denen scheinbar nichts passiert – außer Licht, Schatten, Raum und die Betrachter:innen selbst.

Natürlich kann man sagen: Eine Leinwand weiß anmalen kann ich auch. Stimmt. Aber das ist ungefähr so, als würde man über einen Witz sagen: Wörter aneinanderreihen kann ich auch. Ja eh. Nur landet nicht jede Aneinanderreihung im richtigen Moment an der richtigen Stelle und verändert kurz die Temperatur im Raum.

Die Banane ist eine Falle

Bei Cattelans Banane ist es noch gemeiner, weil sie nicht einmal so tut, als wäre sie erhaben. Sie ist Obst. Sie wird braun. Sie muss ersetzt werden. Der Aufreger ist nicht, dass eine Banane an der Wand hängt. Der Aufreger ist, dass alle hinschauen: Medien, Sammler:innen, Kritiker:innen, Spötter:innen, Kunsthasser:innen, Kunstliebhaber:innen. Wer sich aufregt, ist schon im Kunstgeschehen drinnen und Teil des Kunstwerks.

Spätestens bei einem Verkaufspreis von 6,2 Millionen Dollar hört die freundliche Offenheit gegenüber zeitgenössischer Kunst allerdings auf. Natürlich geht es hier nicht nur um Kunst. Es geht um Reichtum, Status, Spekulation, Sichtbarkeit. Um eine Welt, in der eine Banane vom Obststand über die Galeriewand in den Auktionssaal wandert und plötzlich mehr kostet als ein ganzes Zinshaus.

Kein Betrug

Doch genaues Hinschauen beim Kunstwerk und am Kunstmarkt lohnt sich, denn ein Millionenbetrag ist kein Qualitätsurteil. Manchmal ist er einfach das Ergebnis der besten PR der Welt.

Trotzdem wäre es zu simple-minded, es als „Betrug“ zu sehen. Denn auch in unserem Alltag sind wir dauernd von Dingen umgeben, deren Wert nicht im Material selbst steckt. Sneaker, Sammelkarten, Konzerttickets, Designerstühle, Altbauwohnungen mit „Potenzial“: Überall zahlen Menschen nicht nur für Stoff, Papier, Holz oder Ziegel. Sie zahlen für Geschichte, Knappheit, Zugehörigkeit, Erzählung.

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Die bessere Frage im Museum ist also nicht: Kann ich das auch? Sondern: Was löst dieses Kunstwerk in mir aus, so dass ich es sofort wegwerfen will? Oder, im besseren Fall, haben will. Eine Gebrauchsanweisung für moderne Kunst müsste deshalb gar nicht mit Kunstgeschichte beginnen. Sie könnte mit einem einfachen Satz anfangen: Ratlosigkeit ist kein Versagen. Man darf ein Kunstwerk und seinen Wandtext hassen und trotzdem noch fünf Minuten stehen bleiben.

Vielleicht ist „Das kann ich auch“ also nicht das Ende der Auseinandersetzung, sondern ihr Anfang. Denn manchmal beginnt Kunst nicht dort, wo wir ehrfürchtig nicken. Sondern dort, wo wir uns ärgern und trotzdem stehen bleiben.

Eine Banane an die Wand kleben kann ich auch. Aber bei mir würde wohl eher meine Familie fragen, ob ich meschugge geworden bin.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Das Bananen-Kunstwerk heißt „Comedian“ und stammt vom italienischen Künstler Maurizio Cattelan. Es wurde 2019 bekannt, als es auf der Art Basel Miami Beach präsentiert wurde: eine Banane, die mit grauem beziehungsweise silbrigem Klebeband direkt an einer Wand befestigt wird. Wichtig ist dabei, dass nicht die konkrete Banane als dauerhaftes Objekt zählt; sie kann ersetzt werden. Entscheidend sind Konzept, Zertifikat und Installationsanweisung. Der Zuschlag für eine Ausgabe des Werks erfolgte im November 2024 bei Sotheby’s in New York für 5,2 Millionen Dollar; inklusive Gebühren lag der Preis bei 6,2 Millionen Dollar.
  • Aktuell ist „Comedian“ Teil der Ausstellung „Endless Sunday. Maurizio Cattelan and the Centre Pompidou Collection“ im Centre Pompidou-Metz im Nordosten Frankreichs. Die Ausstellung läuft bis 25. Jänner 2027.
  • Als Beispiele für „weiße Bilder“ wurden Kasimir Malewitschs „Suprematist Composition: White on White“ von 1918 und Robert Rauschenbergs „White Paintings“ von 1951 verwendet. Malewitschs Werk zeigt ein weißes Quadrat auf weißem Grund und gilt als radikale Abstraktion ohne Bezug auf sichtbare Gegenstände. Rauschenbergs weiße Tafeln wirken auf den ersten Blick leer, reagieren aber auf Licht, Schatten und den Raum, in dem sie gezeigt werden.

Quellen

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