PodcastEssstörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen unter jungen Menschen. Clara erzählt, wie sie zurück zu sich selbst findet.
Hinweis: In diesem Artikel geht es um ungesunde Körperbilder und Essstörungen. Falls du auf diese Themen sensibel reagierst, lies diesen Beitrag vielleicht mit einer vertrauten Person, mit der du auch unterbrechen kannst, um dich mit ihr über das Gelesene zu unterhalten.
Clara* weiß genau, wie viele Kalorien der Apfel in der Obstschale hat. Sie hat die Zahlen auf der Müsliriegelverpackung fest im Kopf und auch den Mandeldrink für ihr Müsli hat sie schon oft berechnet. „Ich glaube, dieses Denken werde ich nie ganz verlieren”, sagt die 31-Jährige. Manche Muster einer Essstörung bestehen einfach über die Krankheit hinweg fort.
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Die Wienerin ist älter als viele andere, die ähnlich erkranken, als die Essstörung bei ihr ausbricht. Clara wächst in einer konservativen Familie auf, ihr Vater neigt zu sadistischem Verhalten. Seine Launen sind unberechenbar, wenn er wütend wird, wird er Clara gegenüber gewalttätig. „Wenn es mir schlecht ging, habe ich mich oft eher unterversorgt, wie zur Bestrafung. Vielleicht wollte ich dadurch auch unsichtbar werden und meinem Vater weniger Angriffsfläche bieten.”
Später in ihrem Leben, als Clara 27 Jahre alt ist, kommt vieles zusammen: Eine lange belastende Arbeitssituation, Diskriminierung und eine Identitätskrise zwischen alten Glaubensmustern und ihrer queeren Identität, die sie nicht mehr länger verstecken möchte. „Es war so viel auf einmal – schwierige Kindheit, meine Mutter ist früh verstorben, dann diese Glaubens-Bubble, das Outing in der Arbeit und die Reaktionen darauf.“
In dieser Zeit beginnt sie abzunehmen. Zuerst schleichend, dann immer schneller. Sie wiegt sich öfter, zählt Kalorien, reduziert Mahlzeiten. „Ich hab das gar nicht aktiv geplant. Um mein Gewicht ging es mir gar nicht. Irgendwann war es einfach schon sehr weit unten.“
„Warum hat mir niemand gesagt, wie dick ich war?“
Die erste, die Alarm schlägt, ist Claras Mitbewohnerin. „Sie hat mir mehrmals gesagt, dass sie sich Sorgen macht und dass ich immer weniger werde.“ Clara rationalisiert die Sorgen weg. Dass die Hosen rutschen, die T-Shirts zu groß werden, ist ihrer Logik zufolge, weil früheres Übergewicht endlich fehlt. Wenn sie sich im Spiegel betrachtet, empfindet sie sich immer noch als zu viel. „Warum hat mir denn früher niemand gesagt, wie dick ich war”, wundert sie sich.
Erst ihrer Mitbewohnerin, dann auch ihren Freund:innen und ihrer Schwester zuliebe geht sie dennoch zu einer Hausärztin. Diese warnt Clara: „Sie müssen aufpassen, dass Sie uns nicht tot umfallen.“ Clara hört die Worte, aber sie kommen nicht bei ihr an: „Ich habe die Dringlichkeit einfach nicht gespürt.“ Einmal die Woche muss Clara von nun an Blut abgeben. Als ihre Mangelernährung immer schwerwiegender wird, vermittelt ihre Ärztin sie in die Ambulanz der Barmherzigen Schwestern. Während Clara auf den Termin wartet, nutzt sie die Zeit, um noch weiter abzunehmen. „Ich dachte, wenn ich nicht krank genug bin, glauben die mir in der Ambulanz vielleicht nicht. Es war alles sehr verdreht im Kopf. Ich glaube, das lag auch an der Unterversorgung.“
Als die Ambulanz sie schließlich sieht, wollen die Ärzt:innen sie sofort stationär aufnehmen. Clara fährt noch einmal nachhause, um ihre Sachen zu holen. Dann bleibt sie. Zehn Wochen lang.
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Zehn Wochen Krankenhaus
Zwei Stunden lang sitzt Clara vor dem Essensplan, mit dem sie der Klinik rückmelden soll, welche Speisen sie essen wird. Sie weint, weil sie die Nahrungsvorgaben überfordern. Sie sieht die Kalorien, die sie zu sich nehmen soll, förmlich vor sich. „Das war für meinen Kopf zu viel.“ Die Wochen im Krankenhaus bedeutet für Clara zweierlei: „eine Erleichterung und ein absoluter Kontrollverlust”.
Auch in der Klinik schwankt Claras Gewicht und die Station möchte sie nach dem Programm nochmals acht Wochen behalten, doch Clara möchte keine weitere Nacht in einem Vierbettzimmer verbringen.
Ganz so einfach ist es nicht
Zurück zuhause verliert sich Clara in hemmungslosen Essanfällen. „Mein Körper konnte irgendwann nicht mehr. Er hat sich die Kalorien zurückgeholt.“ Dann bekommt sie Panikattacken. „Ich habe viel geschwitzt, alles hat gespannt, ich habe mich gefühlt, als würde ich nicht in meine Haut passen.“ Clara schämt sich. Das wiedergewonnene Gewicht bleibt nicht lange.
Dann entscheidet sie sich für eine ambulante Weiterbehandlung. „Dort gab es Raum, sich bewusst zu werden, dass etwas wirklich nicht okay ist. Man durfte einfach mal sein.” Vor allem die Mitpatient:innen helfen Clara, indem sie ihr spiegeln, wie sie sie, ihren Körper und ihre Essgewohnheiten wahrnehmen. Durch die anderen Frauen und Männer lernt Clara, wie falsch ihr eigener Blick auf sich selbst ist – und sie lernt, dass sie drei mögliche Zukunftsszenarien hat: „Entweder ich mache so weiter wie viele dort, bin einmal im Jahr im Krankenhaus, man peppt mich auf, ich gehe wieder nach Hause – und das wiederholt sich, bis ich irgendwann jung daran sterbe. Oder ich sterbe gleich. Oder ich versuche, dass es mir besser geht.“
„Ich möchte da sein”
Wann genau sie die Entscheidung trifft, zu leben, weiß Clara nicht so genau. Ihre Nichten und Neffen sind dabei jedenfalls ein großer Motivator. Sie möchte kein schlechtes Vorbild für sie sein, möchte für sie da sein, wenn auch sie eines Tages aus ihrer gemeinsamen, schwierigen Familie ausbrechen wollen.
Nach der ambulanten Behandlung kommt Clara schließlich zu sowhat, dem Kompetenzzentrum für Essstörungen in Wien. „Ich bin jetzt fast zwei Jahre dort. Das tut mir wahnsinnig gut.“ Einmal pro Woche geht sie dort zur Einzeltherapie, alle zwei Wochen zur Gruppentherapie, einmal im Monat zum verpflichtenden Arzttermin. Dass sie alle ihre Termine und Ansprechpersonen an einem Ort versammelt findet,, hilft ihr, dran zu bleiben.
Wieder sichtbar werden
Ganz einfach ist es mit der Heilung trotzdem nicht. „Es ist nach wie vor nicht easy mit dem Essen. Oft habe ich Angst davor, zu viel zu essen. Ich tendiere immer noch dazu, mich zu bestrafen oder mich an diesem Hungergefühl festzuhalten, weil es vertraut ist.”
Schließlich beginnt Clara wieder zu malen. „Ich hatte vorher schon gemalt, aber anders. Flacher. Ich habe mich dann das erste Mal an Öl rangetraut.“ Mit dem Pinsel kann Clara Dinge auszudrücken, die sich nicht in Worte fassen lassen, sagt sie. „Es hilft mir, in einen Ausdruck zu kommen und nicht zu erstarren. Vielleicht hole ich mir damit auch meine Sichtbarkeit zurück.“
Um diese Fähigkeit auch anderen weiterzugeben, macht die Wienerin heute eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin. „Ich habe lange überlegt, ob ich mich dafür schon stabil genug fühle. Kann ich das verantworten – für mich und später vielleicht für andere?“ Am Ende entscheidet sie sich dafür, es zu versuchen. „Was dann nach der Ausbildung ist, sehe ich eh. Aber es gibt mir ein Ziel. Und ich weiß, wie sehr nonverbaler Ausdruck helfen kann, gerade in Momenten, in denen man alleine Schwierigkeiten hat, hoffnungsvoll zu bleiben.“
*Name wurde von der Redaktion geändert.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Essstörungen – ein Überblick: Studien zufolge zählen Essstörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen junger Menschen. Der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge sind vor allem junge Frauen sind von Ausprägungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating betroffen, die Erkrankung tritt einer deutschen Studie von der Stiftung Gesundheitswissen zufolge aber in allen Altersgruppen und bei Angehörigen aller Geschlechter auf. Die Mortalitätsrate, besonders bei Anorexie, gehört zu den höchsten unter psychischen Erkrankungen, wie internationale Forschungen belegen.
- Ursachen und Risikofaktoren: Entstehung und Verlauf hängen von vielen Faktoren ab. Die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen listet diesbezüglich belastende Lebensereignisse, Traumata, familiäre Konflikte, Perfektionsansprüche, Identitätsunsicherheit und gesellschaftliche Normen auf. Häufig beginnt die Erkrankung in Phasen starker Belastung oder Veränderung; für viele Betroffene ist sie ein Versuch, Emotionen und Stress zu regulieren. Sie scheint ein Gefühl von Kontrolle zu geben, wenn in anderen Lebensbereichen Ohnmacht vorherrscht.
- Behandlung und Prognose: Wirksam sind der Leitlinie für die Behandlung von Essstörungen zufolge vor allem multimodale Ansätze: Psychotherapie, Ernährungsberatung, medizinische Begleitung und – bei Bedarf – stationäre Programme.
- Betroffene können sich unter anderem an folgende Anlaufstellen wenden:
- PSD Wien – Psychosozialer Dienst
- Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie (AKH Wien) – Essstörungsambulanz
- Kinder- und Jugendpsychiatrie der Stadt Wien (KJP)
- Essstörungsambulanz – Anton Proksch Institut (API)
- Österreichische Gesellschaft für Essstörungen (ÖGES)
- Psychotherapie-Suchportale (Spezialisierung Essstörungen möglich):
- Notfallkontakte:
- Psychiatrische Notfallambulanz AKH Wien
- Notruf 144
- TelefonSeelsorge 142 (24/7)
Quellen
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). (2022): S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen (DGESS, DGKJP, DGPPN).
- König, L., Schröder, R., Hamer, T., & Suhr, R. (2024): Eating disorders and health literacy in Germany: Results from two representative samples of adolescents and adults. Frontiers in Psychology.
- Wunderer, E. et al. (2024): Essstörungen. In: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.): DHS Jahrbuch 2024. Lengerich: Pabst.
- van Hoeken, D., & Hoek, H. W. (2020): Review of the burden of eating disorders: mortality, disability and costs. Journal of Eating Disorders.
- Søeby, M., et al. (2024). Overall and cause-specific mortality in anorexia nervosa: a nationwide register study.
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