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Lehrer:innen-Mangel: Wer rettet die Klassenzimmer?

3 Min
"It’s Giving Politics" ist der Titel der neuen Kolumne von Chiara Swaton und Nora Schäffler. Darin schreiben sie im wöchentlichen Wechsel über politische Themen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Schocker. Wer hätte gedacht, dass Boomer:innen mal in Pension gehen? Anfang der 2000er sah die Politik keinen Nachwuchs-Engpass bei Lehrer:innen. Heute, zwanzig Jahre später, fehlen hunderte ausgebildete Lehrkräfte.


Ewig lange Ferien, überschaubarer, chilliger Arbeitstag, naja und nebenbei ein bisschen Kinder unterhalten und Stoff durchziehen. Mein Gott, was stellen sich Lehrer:innen denn so an? Wir kennen alle das Image vom Lehrer:innen-Job. Aber ganz ehrlich: Wäre dieser Job wirklich so wunderbar, würde es keinen Lehrer:innen-Mangel geben.

Zahlen, die (zu spät) alarmieren

Die aktuelle politische Lage in Österreich gleicht einem Rundgang durch Baustellen: Und bei jedem Kanaldeckel könnte man in den Fachkräfte-Mangel plumpsen. Ob beispielsweise Pflegekräfte, Handwerker:innen, in der Verwaltung, Ärzt:innen, oder eben an Schulen: Laut aktuellen Zahlen sind österreichweit über 600 Lehrer:innen-Stellen ausgeschrieben, 299 allein in Volksschulen. Gleichzeitig waren im aktuellen Schuljahr nur 44 Prozent der neu angestellten Lehrkräfte voll ausgebildet, also mit abgeschlossener Lehramtsausbildung.

Der Beruf ist längst kein gemütliches Vormittagsprogramm mehr. Lehrer:in zu sein heißt heute: Sozialarbeit, Elternkommunikation, Inklusion, Digitalisierung, Förderung, Bürokratie, und das alles unter Dauererreichbarkeit. Und als Sahnehäubchen oben drauf wird einem von Helikopter-Eltern auf die Finger geschaut und im schlimmsten Fall mit juristischen Schritten gedroht, sollte eine schlechte Note im Raum stehen.

Vom Nicht-Gerecht-Werden

Eine Lehrerin erzählt mir im Gespräch: „Ich kann der Lehrperson, die ich gerne wäre – und die meine Schüler:innen verdient hätten – nicht gerecht werden.“ Und das verstehe ich, zwischen Förderplänen, Elterngesprächen und Formularen sind die Kapazitäten irgendwann ausgeschöpft. Es bleibt wenig Raum fürs Ideal.

Initiativen wie “Teach for Austria” oder “Klasse Jobs” versuchen, die Lücken zu stopfen, das ist sehr sinnvoll, ja, aber keine strukturelle Lösung. Und ja, bevor niemand in den Klassenzimmern steht, halte ich das für eine gute Übergangslösung, aber die Ursachen liegen tiefer: jahrelanges Wegsehen, unattraktive Arbeitsbedingungen, zu hohe Bürokratie, zu wenig Unterstützung. Der Lehrberuf hat in den letzten Jahren massiv an Strahlkraft verloren.

Das Bildungssystem ist stark homogen strukturiert, die Realität der Kinder aber nicht. Ob aus weniger privilegierten Haushalten, mit Migrationshintergrund oder neurodivers, you name it, sie brauchen alle Menschen, die Zeit haben, sich einlassen und stabil sind. Schulen brauchen echte Ausbildungsoffensiven, weniger Bürokratie und mehr Respekt. Wenn im Klassenzimmer jemand fehlt, fällt die Rechnung auf die Kinder zurück.

Ferien sind geil. Der Job auch?

Vielleicht sollten wir uns ein bisschen bei der Nase nehmen, wenn wir über den Lehrer:innen-Alltag oder das sogenannte Ferien-Privileg schmunzeln. Ja, Ferien sind geil, obvious. Aber sie sind kein Freifahrtschein für einen „chilligen Job“. Wer Lehrkraft ist, kann nicht einfach im Mai sagen: „Ich flieg weg.“ Die Ferienzeiten sind fix, ohne echte Flexibilität, und stehen einer Arbeitsrealität gegenüber, in der davor monatelang Hochbelastung herrscht.

Denken wir zurück an unsere Schulzeit: Man merkt, ob Lehrer:innen den Job nur wegen der Benefits machen oder weil ihnen wirklich etwas an den Schüler:innen und deren Zukunft liegt. Die meisten sind nicht wegen irgendwelcher Benefits im Klassenzimmer, sondern trotz der Bedingungen. Und genau deshalb sollten wir weniger über Ferien reden, sondern mehr darüber, was notwendig wäre, damit Menschen diesen Beruf langfristig gut und gerne machen können.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

-Der aktuelle Fachkräftemangel zieht sich durch viele Bereiche, zum Beispiel Köch:innen, Verkäufer:innen, Kraftfahrer:innen, in der Elektro- und Energietechnik, im medizinischen Bereich und im Lehrer:innen-Zimmer. Aber es mangelt auch an Metalltechniker:innen, Installateur:innen, Kfz-Techniker:innen und Tischler:innen.

- In Österreich sind aktuell 634 Lehrer:innen-Stellen ausgeschrieben. Davon sind 367 Stellen offen an Volksschulen.

- In der Bundeshauptstadt Wien sind die meisten Stellen offen, aber auch im Burgenland, in der Steiermark und Tirol gibt es Initiativen wie „Teach for Austria" oder „Klasse Job" wollen dem entgegenwirken.

- Seit Neuestem gibt es auch ein Pilotprojekt an Volksschulen, das Quereinsteiger:innen den Einstieg ermöglichen soll.

- Der Anteil der Lehramtsstudierenden unter den neu eingestellten Lehrkräften ist mit über 27 Prozent deutlich höher als in den Vorjahren, es ist ein Plus von sechs Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien


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