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Die Regierung senkt die Lohnnebenkosten, konkret den FLAF-Beitrag. Das soll Arbeit billiger machen, kostet den Staat aber Milliarden und verändert, wie Familienleistungen finanziert werden.
Wir haben ja schon über die Budgeteinigung von vergangener Woche gesprochen – und weil es da um viel Geld und unser aller Geldbörsel geht, werden uns einzelne Aspekte aus dieser Einigung noch eine Weile begleiten, wenn wir über Sachpolitik reden.
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Heute geht es um den größten Posten aus dieser Einigung: die Lohnnebenkosten – ein Thema, das wir an dieser Stelle schon vor zwei Jahren einmal aufgegriffen haben, und zu dem zuletzt gleich zwei Anlässe zusammengefallen sind: Erstens hat die OECD ihre jährliche Studie „Taxing Wages“ veröffentlicht, in der sie die Steuer- und Abgabenbelastung auf Arbeit in den 38 Mitgliedsstaaten vergleicht. Und zweitens hat sich die Koalition eben im Rahmen des Doppelbudgets 2027/28 auf eine konkrete Maßnahme geeinigt, um diese Belastung – zumindest auf Dienstgeberseite – zu senken: nämlich auf die Reduktion des Beitrags zum Familienlastenausgleichsfonds, kurz FLAF.
Konkret soll der Dienstgeberbeitrag zum FLAF mit 1. Jänner 2028 von derzeit 3,7 auf 2,7 Prozent der Bruttolohnsumme sinken. Das ist nominell ein Prozentpunkt, in absoluten Zahlen macht das rund zwei Milliarden Euro pro Jahr, die heimische Unternehmen weniger an die Republik abführen sollen.
Finanziert werden soll das unter anderem durch die Aufhebung der bisherigen FLAF-Befreiung für Beschäftigte über 60 Jahren (rund 500 Millionen Euro), eine Erhöhung der Körperschaftsteuer von 23 auf 24 Prozent für Unternehmen mit Gewinnen über einer Million Euro (bringt etwa 300 Millionen) und weiteren Maßnahmen wie Kürzungen bei Pensionist:innen (ca. 240 Millionen) und Familienleistungen.
Was ist der FLAF?
Der FLAF, das nur zur Erinnerung, ist 1955 eingerichtet worden, und in einer Konstruktion, die uns heute fast nostalgisch vorkommen mag: Die Arbeitnehmer:innen verzichteten damals einmalig auf eine Lohnerhöhung – im Gegenzug zahlten die Dienstgeber:innen sechs Prozent der Bruttolohnsumme in einen zweckgebundenen Fonds für Familienleistungen. Aus diesem Fonds werden bis heute die Familienbeihilfe (4,2 Milliarden Euro 2022), das Kinderbetreuungsgeld (1,24 Milliarden), die Schulbücher (rund 123 Millionen), die Schülerfreifahrten und Fahrtbeihilfen (rund 508 Millionen), die Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen, Pensionsbeiträge für Kindererziehungszeiten und einiges mehr finanziert. Heuer beträgt die Gesamtdotierung des FLAF rund 8,7 Milliarden Euro, mit einem leichten Defizit. Die ursprünglichen sechs Prozent sind über die Jahre schrittweise gesenkt worden – zuletzt 2025 von 3,9 auf 3,7 Prozent. Ab 2028 sollen es eben 2,7 Prozent sein.
Warum man genau am FLAF dreht und nicht an irgendeiner anderen Schraube, ist eine pragmatische Entscheidung: Die Pensionsversicherung wagt niemand anzugreifen, die Krankenversicherung ohnehin eher unterfinanziert (Demographie, remember?), die Wohnbauförderbeiträge brauchen die Länder, die ohnehin gerade nicht wissen, wie sie ihre Budgets zusammenbringen sollen, usw.
Der FLAF ist – im Vergleich – der politisch „weichste“ Posten, weil seine Leistungen ohnehin zum Teil aus dem allgemeinen Bundesbudget mitfinanziert werden.
Wie hoch die Belastung von Arbeit in Österreich tatsächlich ist, zeigt die unlängst veröffentlichte OECD-Statistik „Taxing Wages 2026“. Für eine:n alleinstehende:n Durchschnittsverdiener:in ohne Kinder lag der sogenannte Tax Wedge (also der Keil zwischen dem, was die Republik an Lohnsteuer und Sozialabgaben einbehält, und dem, was den Mitarbeiter:innen am Ende vom Bruttolohn netto bleibt, gemessen an den Gesamtarbeitskosten) im Vorjahr bei 47,1 Prozent.
Wie das im Vergleich mit anderen Staaten aus? Hier die Top und Bottom 10:
Wir sehen: Österreich hat hier ist den vierthöchsten Wert unter allen 38 OECD-Ländern – nur in Belgien (52,5 Prozent), Deutschland (49,3) und Frankreich (47,2, knapp vor uns) wird Arbeit noch stärker belastet. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 35,1 Prozent.
Interessanter als die bloße Position im Ranking ist aber die Zusammensetzung. Von den 47,1 Prozent in Österreich sind nämlich nur 11,4 Prozentpunkte Lohnsteuer und 14 Prozentpunkte Dienstnehmer-Sozialversicherung. Die übrigen 21,6 Prozentpunkte entfallen auf Dienstgeber-Sozialversicherung und Lohnsummensteuern – also genau jenen Posten, der landläufig als „Lohnnebenkosten ” bezeichnet wird (wobei wir über die SV-Beiträge lange streiten können).
Damit liegt Österreich beim Dienstgeber-Anteil an den Arbeitskosten weltweit auf Platz drei – hinter Frankreich (26,7) und Italien sowie der Slowakei (je rund 24-25 Prozentpunkte). Anders gesagt: Wenn wir bei einer durchschnittlichen Arbeitskraft (die gemäß Schätzung der OECD heuer 63.054 Euro brutto im Jahr verdient, knapp 110.000 Dollar in Kaufkraftparität an Gesamtarbeitskosten) etwas verändern wollen, ohne den Lohnzettel anzugreifen, müssen wir auf der Dienstgeber-Seite ansetzen. Genau das wäre die FLAF-Kürzung.
Nun zur – etwas ernüchternden – Rechnung: Was bringt der eine Prozentpunkt am FLAF eigentlich? Der Beitrag wird auf den Bruttolohn erhoben, der OECD-Tax-Wedge bezieht sich auf die Gesamtarbeitskosten. Umgerechnet entspricht eine Senkung um einen Prozentpunkt der Bruttolohnsumme rund 0,8 Prozentpunkten der Gesamtarbeitskosten. Würde die Reform also heute schon greifen, läge der österreichische Tax Wedge bei knapp 46,3 statt 47,1 Prozent – Österreich wäre damit immer noch auf Platz vier, immer noch deutlich vor Italien (45,8 Prozent), und die Differenz zu Frankreich oder Deutschland bliebe weitgehend gleich. Es ist ein Schritt, der vor allem Unternehmer:innen entlasten wird, aber kein großer.
Und auch das nur unter der Annahme, dass alles andere gleich bleibt – was angesichts der ebenfalls angekündigten, gleichzeitigen Anhebung der Höchstbeitragsgrundlage in der Sozialversicherung – darüber mehr in den kommenden Ausgaben – nicht selbstverständlich ist.
Was historisch interessant ist: Österreich liegt heute auf praktisch demselben Niveau wie im Jahr 2000. Damals lag der Tax Wedge für eine:n alleinstehende:n Durchschnittsverdiener:in bei 47,3 Prozent, heute bei 47,1. In der Spitze – 2015 – waren es 49,6 Prozent. Während der OECD-Schnitt im selben Zeitraum von 36,1 auf 35,1 Prozent gesunken ist (also um einen Prozentpunkt), bewegt sich Österreich seit einem Vierteljahrhundert in einem engen Korridor um die 47-Prozent-Marke. Mehrere Steuerreformen, Senkungen einzelner Lohnnebenkostenposten, die Abschaffung der kalten Progression – das alles hat mit der Inflation und parallel dazu steigenden Sozialversicherungsbeiträgen ungefähr Schritt gehalten. Mehr nicht.
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Einfach Politik.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Eine letzte Einordnung, die einem freundlicheren Bild Österreichs entspricht: Der hier zitierte Tax Wedge gilt für Singles ohne Kinder. Sobald Familien dazukommen, sieht es anders aus – ein:e Alleinverdiener:in mit zwei Kindern und Durchschnittseinkommen liegt in der OECD-Rechnung bei 37,7 Prozent (Platz neun), eine alleinerziehende Person mit zwei Kindern und 67 Prozent des Durchschnittslohns sogar nur bei 22,2 Prozent. Der Steuerstaat Österreich ist also nicht für alle gleich teuer – Familien werden über Familienbeihilfe, Kinderabsetzbeträge und Familienbonus deutlich entlastet. Was übrigens unter anderem aus dem FLAF finanziert wird. Ein Teil der „Entlastung“ im allgemeinen Steuerkeil wird also über die effektive Kürzung der Familienleistungen – allen voran der Familienbeihilfe, die nicht an die Inflation angepasst wird – passieren.
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Genese
Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
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