)
Wie wird die Welt in hundert Jahren aussehen? Die meisten werden sagen: nicht gut. Der Mensch wird kein besserer geworden sein, der Klimawandel wird die Erde nicht zu einem schöneren Ort gemacht haben und den Weltfrieden wird es auch nicht geben.
Der Wiener Journalist und sozialdemokratische Politiker Max Winter (1870 - 1937) war da anno dazumal anders gestrickt. Von Pessimismus und Zukunftsängsten war bei ihm keine Spur. Er hat 1925 den utopischen Science-Fiction-Roman „Die lebende Mumie: ein Blick in das Jahr 2025“ geschrieben. Man könnte auch sagen: ein Blick in das absolute Paradies auf Erden. Und die, die davon überzeugt sind, dass früher sogar die Zukunft besser war, können sich vollauf bestätigt fühlen.
- Mehr für dich: Ein Geächteter überwindet seine Nazi-Verfolger
Eine völlig neue Welt
In dem Werk geht es um einen Mann, der 1925 in einen hundertjährigen Tiefschlaf versinkt und 2025 in einer Welt erwacht, die sich komplett verändert hat und die mit unserer heutigen real existierenden Welt so gut wie nichts zu tun hat. Leider. In Winters Utopie gibt es keine Waffen und folglich keine Kriege mehr. Armut ist abgeschafft, der ausbeuterische Kapitalismus ebenfalls. Das Schulsystem ist perfekt aufgestellt und fördert jedes Talent, sei es noch so tief vergraben. Krankheiten sind ausgerottet, Wissenschaft und Rationalität haben überall gesiegt. Und, Detail am Rande: Die Menschen nutzen zur Fortbewegung kleine coole Flugzeuge mit Flatterflügeln, die auf jedem Hausdach landen können.
Das Buch ist amüsant zu lesen, vor allem aber ein einzigartiges Stück politischer Mentalitätsgeschichte. Denn die Sozialdemokratie rechnete im „Roten Wien“ 1919 bis 1934 wirklich mit dem Aufbruch in eine neue, traumhaft schöne Ära und mit der Schaffung eines komplett neuen Menschen, der friedlich, frei, solidarisch und ohne Gier sein sollte. Es herrschte damals eine Euphorie, die nicht ohne Tragik ist. Denn wirklich gekommen sind die Nationalsozialisten und ein Zweiter Weltkrieg mit Millionen Toten.
Erstaunliche Weitsicht
Wobei Winter in seinen Prognosen nicht nur falsch lag. So nimmt er die EU sehr zutreffend vorweg. 1950 werden in seiner Vision die „Vereinigten Staaten Europas“ gegründet, in denen die Mitgliedsländer politisch und wirtschaftlich eng kooperieren. Alle Schüler:innen müssen in Winters Zukunftswelt an einem Austauschjahr (Erasmus!) teilnehmen, Wohnungen, Häuser, Boote, Autos werden umweltschonend mit Solarenergie betrieben.
Und irgendwie macht das Buch auch klar, warum die Christlichsozialen in der Zwischenkriegszeit eine derart große Angst vor „den Roten“ hatten. In Winters Buch ist Gott nämlich tot, der Stephansdom heißt „Viktor-Adler-Halle“. Der Arzt und Gründer der österreichischen Sozialdemokratie, eben Viktor Adler, wird zum Heiland erklärt und Jesus-ähnlich verehrt. Alle sakralen Gegenstände sind verräumt und die Priester zu „nützlichen“ Mitgliedern der Gesellschaft umgeschult. Starker Tobak.
Und auch für nicht gläubige Menschen hat Winters Welt 2025 eine gutes Stück Horror parat. Sein neuer Mensch entsteht nämlich durch „Höherzüchtung“. Also dadurch, dass alle Personen mit Mängeln (Krankheiten oder von kapitalistischer Gier zerfressen) einfach sterilisiert werden und somit ihre Merkmale und Einstellungen nicht vererben können. Diese Einstellung war übrigens Mainstream in der damaligen Sozialdemokratie. Eugenik nennt sich das und in diesem Punkt haben die Nazis ganz ähnliche Vorstellungen gehabt, die sie schließlich in die Tat umgesetzt haben.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Quellen
- Max Winter: „Die lebende Mumie: ein Blick in das Jahr 2025“, E. Laubsche Verlagsbuchhandlung, Berlin
- Die Geschichte der Eugenik-Verbrechen
- Karl Valentin: Die Zukunft war früher auch besser. Kuriose Sprüche & Bilder, Rosenheimer Verlagshaus 2016
Daten & Fakten
- Max Winter gilt als der Schöpfer der Sozialreportage im deutschsprachigen Raum. Sein Werk zeichnet sich durch eine beachtliche Vielfalt an Genres aus. Sein Wirken wurde nach seiner Flucht vor den politischen Turbulenzen im Österreich zu Beginn der 1930er-Jahre rasch vergessen. Er war politisch als Sozialdemokrat höchst aktiv, engagierte sich bei den Kinderfreunden und war zeitweise einer von drei Vizebürgermeistern in Wien. 1934 emigrierte er in die USA, wegen „österreichfeindlichen Verhaltens im Ausland“ wurde ihm von den Austrofaschisten die Staatsbürgerschaft entzogen. Er starb 1937 in Hollywood.
- Das Rote Wien: Mit dem Begriff wird ein international viel beachtetes, von seinen Gegner:innen heftig bekämpftes soziales, kulturelles und pädagogisches Reformprojekt der Sozialdemokratie 1919 bis 1934 beschrieben. Es sollte eine tiefgreifende Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter:innen und eine Demokratisierung aller Lebensbereiche erreicht werden. Bis heute zeugen die zahlreichen alten Gemeindebauten in Wien von dieser Ära.
- Engelbert Dollfuß bereitete dem sozialdemokratischen Experiment 1934 ein Ende. Er errichtete ein autoritäres austrofaschistisches Regime, Sozialdemokraten wurden aus allen politischen Ämtern entfernt, die Partei verboten.
- Science-Fiction ist ein Genre der Literatur, des Films und anderer Medien, das sich mit fiktiven Erzählungen über die Zukunft, alternative Realitäten, wissenschaftliche Fortschritte und deren Auswirkungen beschäftigt.
)
)
)