PodcastMeine ADHS-Diagnose ist kein TikTok-Trend
Bei Frauen wird ADHS oft lange übersehen. Sie stören nicht, fallen nicht auf und funktionieren. Unsere Autorin erhielt ihre Diagnose erst mit 27. Die späte Diagnose bringt für Betroffene oft Klarheit und die Chance sich selbst zu verstehen.
Machen wir ein Gedanken-Experiment: Stell dir ein Kind mit ADHS vor. Wie es sich verhält, was es im Unterricht macht. Die meisten von uns sehen da wahrscheinlich einen kleinen Burschen, der nicht stillsitzen kann, herumzappelt und laut ist. Aber immerhin: Seine ADHS-Symptome wären sichtbar. Vielleicht hätte es jemand bemerkt. Vielleicht hätte er eine Diagnose bekommen und wäre behandelt worden.
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Was sich die meisten von uns wahrscheinlich nicht vorgestellt haben, ist ein kleines Mädchen. Ruhig, tagträumerisch und emotional. Ein Mädchen, das niemanden stört. Ein Mädchen, das durchs Raster fällt.
Ich habe mit 27 erfahren, dass „nicht chillen können“ und in Gesprächen von einer Sekunde auf die andere das Thema zu wechseln, keine quirky personality traits sind – sondern ADHS.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten, die im Kindes- und Jugendalter auftreten. Menschen mit ADHS fällt es schwerer, ihre Gefühle, den Drang nach Bewegung und die Aufmerksamkeit unter Kontrolle zu halten.
ADHS als TikTok-Trend
ADHS ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen bei Frauen. Und trotzdem war es mir im ersten Moment irgendwie peinlich.
Weil – seien wir mal ehrlich – alle haben ja gefühlt gerade ADHS. ADHS zu haben, liegt „im Trend“, möge man meinen. „Hier sind fünf Gründe, warum du ADHS hast “, solche TikToks wurden ständig in meine Timeline gespült. Genauso wie Artikel und Reportagen über Selbstdiagnosen durch Social Media.
Das ist das Problem an spät diagnostizierten Frauen wie mir: Wir kommen in einem Moment an, wo es schwer ist, ernst genommen zu werden. Wo sich die eigene Diagnose anfühlt wie ein Klischee. Wo man sich fragt: Bin ich jetzt Teil eines TikTok-Trends, oder ist das echt? Dabei ist eine Diagnose so wichtig. Studien haben gezeigt, dass die Lebenserwartung von Menschen mit ADHS bis zu neun Jahre niedriger ist. Nicht direkt wegen dem ADHS. Sondern mit den damit zusammenhängenden Verhaltensweisen wie erhöhte Suchtgefahr, übermäßige Risikobereitschaft und zwanghaftes Handeln, sprich: Eine Person mit ADHS ist statistisch schneller beim Autofahren abgelenkt oder auch anfällig für Drogenkonsum.
In der Kindheit werden Burschen im Verhältnis häufiger diagnostiziert als Mädchen. Im Erwachsenenalter ist es ähnlich. Das bedeutet aber nicht, dass bei Jungen ADHS über die Jahre einfach weggeht. Es bedeutet nur, dass bei Mädchen ADHS lange übersehen wird.
Weil viele Mädchen wie ich nie störend genug waren. Nicht hyperaktiv, sondern unaufmerksam. Und unaufmerksames ADHS bleibt unentdeckt. Meine Eltern haben mein tägliches, stundenlanges Trampolinspringen nicht als Anzeichen für ADHS gesehen – wie auch. Ich hatte einfach viel Energie. Also habe ich als Kind ungefähr jede Sportart ausprobiert, war im Klavierunterricht und Pfadfinderin. Und habe funktioniert. Die meiste Zeit zumindest: In der Arbeit wurde ich immer gelobt, aber gleichzeitig galt ich unter meinen Freund:innen als vergesslich, weil ich gerne hie und da auf einen Termin vergesse. Ich war die Freundin, die einmal in Sekundenschnelle von einem Thema zum nächsten springt und dann wieder tagelang zum Zurückschreiben braucht. Immer wieder musste ich mir anhören, ich rede zu viel und unterbreche zu oft. Ich war immer die, die, die es allen recht machen will, aber irgendwie für sich selbst nie genug ist.
Je besser die Maske, desto unsichtbarer die Krankheit
Viele Frauen mit undiagnostiziertem ADHS entwickeln ausgeprägte Schamgefühle und Ängste. Sie versuchen, ihre Symptome zu verstecken und kompensieren durch Perfektionismus und hohe Leistungsbereitschaft – auf Kosten ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit.
Je erfolgreicher dieses Kompensationsverhalten, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Diagnose weiterhin unentdeckt bleibt.
TikTok und Social Media haben sicher problematische Seiten. Studien zeigen, dass viele ADHS-Videos fehlerhafte Informationen enthalten. Und ja, Selbstdiagnosen können gefährlich sein. Und ja, nicht jede Vergesslichkeit ist ADHS.
Aber Social Media hat auch etwas Wichtiges getan: Mir das Gefühl gegeben, nicht alleine zu sein. Mir den Anreiz gegeben, mich mit meinen vermeintlichen Macken zu beschäftigen und dem nachzugehen. Eine Diagnose zu erhalten und dadurch hoffentlich netter zu mir selbst zu sein. Denn ADHS ist kein eben kein quirky personality trait, sondern eine Krankheit, deren Diagnose vielleicht Leben retten kann.
Anmerkung
Ich habe mich entschieden, diesen Text anonym zu veröffentlichen. Weil es noch neu für mich ist. Ich bin immer noch im Prozess, mich damit auseinanderzusetzen. Und weil ich mich ehrlich gesagt noch nicht bereit fühle, so angreifbar zu sein. Rational weiß ich, dass ADHS nichts ist, wofür ich mich schämen muss – ein Teil von mir hat Angst. Vor den möglichen Kommentaren. Möglicherweise von meinem Umfeld anders gesehen zu werden. „Die bildet sich das nur ein “ oder „Deswegen ist sie so.“ Heilung und Akzeptanz braucht Zeit.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten:
- Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, ist eine der häufigsten psychischen Störungen, die im Kindes- und Jugendalter diagnostiziert wird. Sie äußert sich durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität oder Hyperaktivität.
- Man unterscheidet bei ADHS zwischen dem vorwiegend unaufmerksamen Typus und dem hyperaktiven Typus:
- Häufige Symptome bei Mädchen und Frauen mit dem Typ Unaufmerksam sind etwa: Konzentrationsprobleme , sie machen bei Gesprächen einen abwesenden Eindruck, neigen dazu, sich schnell ablenken zu lassen, verlieren oder verlegen oft Dinge und vergessen Termine
- Beim Typ Hyperaktiv empfinden die Betroffenen eine innere Unruhe und müssen sich häufig bewegen. Außerdem haben sie Schwierigkeiten, Ruhe zu bewahren. Betroffene unterbrechen oft die Gespräche anderer und reden übermäßig viel .
- Für die Behandlung von ADHS stehen verschiedene medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapieformen zur Verfügung.
- ADHS bei Frauen äußert sich oft subtiler als bei Männern, häufiger durch innere Unruhe, Gedankenrasen, emotionale Schwankungen und hohe Kompensationsleistungen.
- Frauen werden seltener und meist später mit ADHS diagnostiziert als Männer, weil die Diagnostik auf Jungs ausgelegt ist.
Quellen:
- ADHS Zentrum München: ADHS bei Frauen
- MDR: Warum ADHS bei Frauen erst spät oder gar nicht erkannt wird
- Plos One: A double-edged hashtag: Evaluation of #ADHD-related TikTok content and its associations with perceptions of ADHD
- Spiegel: ADHS-Betroffene haben eine geringere Lebenserwartung
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