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Mit „Boys with Toys“ in Afghanistan

4 Min
Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist und Autor. Für die WZ schreibt er nun alle zwei Wochen eine Kolumne über seine politischen Beobachtungen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquellen: Getty Images, Apa Images.

Die neuen Epstein-Files behandeln ein düsteres Kapitel des Afghanistankrieges: superreichen Kriegstourismus. Warum eine lückenlose Aufklärung notwendig ist.


    • Die Epstein-Akten enthüllen, dass Tom Pritzker während des Afghanistan-Krieges mit Unterstützung von David Petraeus an Kriegstourismus teilnahm.
    • Westliche Militärstrukturen ermöglichten Superreichen Zugang zu Kriegsgebieten, obwohl dies gegen NATO- und US-Militärregeln verstößt.
    • Im Zusammenhang mit "Boys with Toys" werden auch schwere Sexualverbrechen und Missbrauch Minderjähriger im Afghanistankrieg thematisiert.
    • Im Juni 2011 schrieb Tom Pritzker aus Afghanistan an Jeffrey Epstein.
    • US-General David Petraeus stellte Pritzker zwei Militärhelikopter zur Verfügung.
    • Während des NATO-Krieges in Afghanistan gab es Hinweise auf Kriegstourismus für Superreiche.
    • Die Praxis "Bacha Baazi" (Missbrauch afghanischer Jungen) wurde mehrfach dokumentiert.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Die jüngst veröffentlichten Epstein-Akten, die vor wenigen Tagen vom US-Justizministerium freigegeben wurden, schockieren mit ihren Details weiterhin die Weltöffentlichkeit. Ein großes Problem ist allerdings die Art und Weise ihrer Freigabe: Es gibt weder Ordnung noch Struktur. Jeder muss suchen, wie es ihm beliebt. Man hat fast das Gefühl, dass die Trump-Regierung uns sagen will: „Hier, fresst und seid nun endlich zufrieden!“ Bei meinem ersten Blick auf die Dokumente fokussierte ich mich deshalb nur auf jene Gebiete, die mit meiner alltäglichen Arbeit zu tun haben: Die Kriege und Krisen von Nahost bis Afghanistan und Pakistan.

Und genau dabei stieß ich auf eine schockierende Mail. Sie stammte vom US-Milliardär und Luxushotelinhaber Tom Pritzker. Im Juni 2011 schrieb er Folgendes an Jeffrey Epstein: „Ich bin in einem abgelegenen Tal in Afghanistan (es war mein Geburtstagswunsch) mit Jungs und Spielzeug [„Boys with Toys“]. Sprach gestern mit Patraeus. Er hat mir einen Chopper geliehen (eigentlich zwei, einer als Back-up). Kann bis morgen nicht telefonieren.“

Kriegstourismus der Superreichen

Mir war bewusst, dass diese Mail es in sich hatte. Ich teilte sie umgehend in meinen sozialen Kanälen, wo sie schnell viral ging. Mehrere Nachrichtenagenturen griffen sie auf.

Doch um die Dimension des Ganzen einmal nüchtern zusammenzufassen: Pritzker, der laut aktuellem Kenntnisstand ein enges Verhältnis zu Epstein pflegte, gibt in dieser kurzen Mail mehr oder weniger zu, dass es während des 20-jährigen NATO-Krieges in Afghanistan eine Art Kriegstourismus für Superreiche gab – und dass dieser von den vorherrschenden westlichen Militärstrukturen, die nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 immerhin mit einem UN-Mandat am Hindukusch agierten, unterstützt und gutgeheißen wurde. Der erwähnte US-General David Petraeus war zum damaligen Zeitpunkt immerhin oberster Befehlshaber der NATO-Truppen in Afghanistan. Viele assoziierten diese Anekdote etwa mit den berühmt-berüchtigten „Sarajevo-Safaris“ der 1990er, als serbische Faschisten reiche, westliche Tourist:innen vor das besetzte Sarajevo einfliegen ließen, damit diese auf Menschenjagd gehen konnten.

„Ballern, was das Zeug hält“

Sämtliche Richtlinien sowohl des US-Militärs als auch der NATO verbieten eine solche Hofierung von Zivilist:innen, wie sie von Pritzker beschrieben wird, in einem Kriegsgebiet. Doch hier wurde offenbar alles umgangen und Petraeus höchstpersönlich stellte dem Milliardär sogar schwere Waffen zur Verfügung. Man kann nur mutmaßen, was damit gemacht wurde. Vor allem in den abgelegenen Regionen Afghanistans fanden oftmals Kriegsverbrechen statt, die erst Jahre später bekannt wurden. Hier konnte man tatsächlich „ballern, was das Zeug hält“, ohne dass die Welt je etwas davon mitbekommen würde. Ich kenne viele Anekdoten von einfachen Arbeitern oder Bauern, die mir erzählten, wie ihre Häuser und Dörfer von ausländischen Truppen oder ihren Verbündeten, der damaligen afghanischen Armee, ausradiert wurden. Niemand interessierte sich für die Aussagen dieser Menschen. Doch wie sieht es nun mit dem Geständnis eines amerikanischen Milliardärs, der mit seinen Militärhelikoptern prahlt, aus?


Auf einer anderen Plattform anhören:

Einige Beobachter:innen des Krieges gehen sogar noch weiter: Sie deuten „Boys with Toys“, womit wohl in erster Linie schwerbewaffnete Soldat:innen gemeint sein dürften, deutlich düsterer. Bekannt ist, dass – leider passend zum Fall Epstein – im Zuge des Afghanistankrieges zahlreiche Sexualverbrechen stattgefunden haben.

Minderjährige Afghan:innen wurden missbraucht und prostituiert, auch von sogenannten Sicherheitskräften, sprich Armee und Polizei. Bekannt wurde etwa die Praxis „Bacha Baazi“, der Missbrauch von afghanischen Jungen, die sich meist zum Wohlwollen einflussreicher Männer als Mädchen oder Frauen verkleiden mussten, um diese sexuell zu befriedigen. Über die Jahre gab es hierzu einige, aber nicht allzu viele Berichte. Inwiefern die westlichen Truppen Teil des Ganzen waren, ist bis heute nicht geklärt. Eine Aufarbeitung hat de facto nicht stattgefunden. Fakt ist allerdings, dass sie nun notwendig ist. Denn das, was wir nun über die Epstein-Files erfahren haben, ist bereits schlimm genug. In einer gerechten Welt würde er den Stein ins Rollen bringen.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Epstein-Files: Ende Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als 3 Millionen Seiten an Ermittlungsakten, Fotos, Videos und E-Mails zu Jeffrey Epstein. Die Freigabe erfolgte auf Grundlage eines Gesetzes von 2025, das die Veröffentlichung der Akten vorschrieb. Die Akten enthalten viele Kontakte Epsteins zu Politik, Wirtschaft und Prominenten sowie Hinweise auf sein Netzwerk und frühere Ermittlungen. Neue Details betreffen etwa Orte des Missbrauchs (z. B. Epsteins Ranch in New Mexico) und mögliche Ermittlungsfehler oder unterlassene Untersuchungen. Einzelne Personen oder Institutionen geraten wegen Kontakten zu Epstein politisch oder öffentlich unter Druck, teilweise mit Rücktritten oder Ermittlungen, auch wenn nicht immer strafrechtliche Vorwürfe vorliegen.
  • Afghanistan-Krieg: Der zwanzigjährige Krieg der NATO in Afghanistan kommt laut aktuellem Kenntnisstand in den Epstein-Files nur begrenzt vor. Oftmals wird das Thema in detaillierten Newslettern, die sich Epstein zukommen ließ, behandelt. Konkretere Fälle sind die erwähnten Mails des einflussreichen US-Milliardärs Tom Pritzker aber auch Nachrichten des britischen Prinzen Andrew, der unter anderem von Investitionsmöglichkeiten in der südafghanischen Provinz Helmand schrieb.

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