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Warum Stricken das nachhaltigste Hobby sein könnte, es aber nicht ist.
Ich muss es gestehen: Ich hänge seit ein paar Monaten wieder an der Nadel. Alle paar Jahre habe ich extreme Strickanwandlungen und mir wandern diverse Pullover, Schals und Mützen von den Nadeln (nur Sockenfersen sind immer noch mein Endgegner). Gelernt habe ich es als Kind von Oma, so wie es sich gehört – schon zu Volksschulzeiten massenproduzierte ich unbrauchbare, weil löchrige Topflappen, die ich mit leuchtenden Augen meiner Mama schenkte, und „Schals“ für meine Puppen, in die man sie ganzkörperlich einwickeln konnte. Gestern dafür wurde mein derzeitiges Meisterstück, ein roter Rollkragenpullover, fertig. Einer, der denen im Laden nur auf den zweiten Blick nachsteht – was mich ordentlich stolz macht.
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In den letzten Jahren überkam es mich immer wieder mal, dann ruhten die Wollvorräte und Stricknadeln wieder zwei, drei Jahre lang. Momentan: Gaaaanz heftige Strickphase. Und Social Media ist nicht unschuldig daran – eine Dänin feiert gerade Welterfolge mit ihren Strickanleitungen, die so einfach sind, dass auch Nunus sie verstehen, während sie sich die neue Staffel Stranger Things reinziehen. Die einfachste ihrer Anleitungen, der Sophie Scarf, hat sich bereits millionenfach verkauft – bei knapp 5 Euro pro Anleitung definitiv ein sehr gutes Einkommen für die Dame. Und ja, Stricken ist zum Milliardengeschäft geworden. Was ich für ein bisschen widersprüchlich halte und doch gut finde. Warum?
Rundherum-Gut-Hobby Stricken
Stricken ist auf so vielen Ebenen empfehlenswert:
- Es ist erwiesenermaßen wie Yoga fürs Hirn. Es entspannt, senkt das Cortisol-Level im Körper und führt dennoch gleichzeitig zu höherer Konzentrationsfähigkeit – man muss Masche für Masche „anwesend“ und im Hier und Jetzt sein.
- Es stärkt die Hand-Hirn-Koordination.
- Es sorgt (zumindest bei mir) dafür, dass sich die Bildschirmzeit an Handy, iPad und Laptop drastisch reduziert – weil man mit beiden Händen beschäftigt ist.
- Wisst ihr, wie erfüllend sich das anfühlt, wenn man einen Pullover fertig gestrickt hat und er nicht nur passt und wie ein Pullover aussieht, sondern man sich damit sogar auf die Straße traut?
Und es fördert einen nachhaltigen Lebensstil immens: Man fokussiert sich für mehrere Tage bis Wochen auf die Herstellung eines einzigen Kleidungsstücks. Man merkt, wie viel Zeit da rein geht, und das erfüllt das fertige Kleidungsstück mit sehr viel mehr Wert als nur den der gekauften Wolle. Wer weiß, wie viel Arbeit und Zeit in echter Handarbeit liegt, sieht nicht nur die Textilproduktion, sondern auch die Preisgebung im fairen Bereich mit anderen Augen.
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Wo Trend, da Plastik
Aber apropos Preis der Wolle – eines ist in diesem Strickzyklus ein bisschen anders als bisher: Stricken ist inzwischen zur Massenbewegung geworden, es ist Trend. Auf Instagram (#knitstagram) und Tiktok (#knittok) tummeln sich jede Menge Mädchen, die stolz ihren ersten #SophieScarf oder die fünf im letzten Jahr gestrickten Pullover in die Kamera halten. Und wo immer ein Trend um die Ecke biegt, wird das kapitalistische System auf die Spitze getrieben: Plötzlich gibt es tausende Gadgets, von denen ich ganz überrascht bin, dass man sie zum Stricken braucht (in meinem naiven Glauben reichen ja Wolle, Nadeln und eine Schere, aber wer bin ich schon), und es gibt in jedem größeren Laden Wolle. Kik, NKD, sogar der Hofer hatte letztens Wolle im Angebot. Und was passiert, wenn etwas so zum Massenprodukt verkommt?
Richtig, es wird aus Plastik gemacht! Gut, Wolle aus Acryl gab es schon in den 70ern, aber in dieser Menge und in so viele Wollen mit reingemischt? Das ist mehr geworden. Was auch mehr geworden ist, ist die Forschung über Mikroplastik. Zwar kam kürzlich raus, dass wir sehr wahrscheinlich weniger Plastik einatmen als bisher angenommen (wobei, das eigentliche Fazit der Studie war, dass man einfach noch nicht die passenden Messmethoden gefunden hat). Aber wenn man direkt vor dem eigenen Körper grobfaserige Wolle aus Plastik ständig bewegt, na was wird da wohl passieren? Natürlich atmen wir dann auch diese Teile ein oder verschlucken sie. Und auch wenn die Gefahr definitiv sehr klein ist, daran ernsthaft zu erkranken: Ich finde das sehr unsympathisch, durch ein Hobby, das mich de facto so glücklich macht, mich selbst noch mehr Plastikfasern auszusetzen als sowieso schon herumschwirren.
Das ist kein Plädoyer für Tierqual-Wolle!
Ich sehe die Gegenargumente bereits per Mail reinflattern: Aber der Tierschutz, die Tierquälerei beim Scheren beziehungsweise „Ausbürsten“ der Schafe, Ziegen und Hasen und der Transport der Wolle aus Neuseeland – viel weiter weg geht ja wohl nicht. Dem kann ich nur entgegnen: Ja, auch Hobbyutensilien fallen nicht plötzlich fertig von der Erde, sondern haben eine Lieferkette, die oft intransparent und voller Missbrauch ist. Daher sollte man da keinen blinden Fleck haben und darauf achten, woher die Ware kommt und wie sie hergestellt wird.
Ich gebe da keinen anderen Rat als beim „fertigen“ Pulli-Verkauf: Entweder aus nachweislich guter Produktion oder Second Hand – und möglichst ohne Polyester. Bei letzterem bleibe ich stur: Polyester ist vielleicht eine vegane, aber definitiv keine nachhaltige Alternative. Das Mikroplastik, das sich rausreibt und rauswäscht, schadet nicht nur uns Menschen, sondern auch den Tieren, die uns umgeben. Ich gehe sogar so weit und habe das Projekt angetreten, die Pullis in meinem Schrank, die voller Acryl, Polyester und Polyamid sind, nach und nach durch Selbstgestrickte aus reinen oder fast reinen Naturfasern zu ersetzen.
Seit einigen Wochen sind diverse Wiederverkaufsplattformen daher mein bester Freund, und ich zögere auch nicht, Pullis vom Flohmarkt, die gute Qualität, aber nicht den richtigen Schnitt haben, aufzutrennen und neu zu verstricken. Warum sollte man sich bei den Hobbies anders verhalten als beim Mode-Kauf?
Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Quellen
- ZDF heute: Wie Stricken beim Stressabbau hilft
- SRF: Stricken ist gut für Herz und Hirn
- National Geographic: How knitting may be rewiring your brain
- Umweltinstitut München: Wolle bewusst auswählen: Nachhaltig stricken und häkeln
- Euro news: Sweater weather: Experts say knitting could help fashion be more sustainable
- Financial Times: Cool knitting patterns do exist
- Der Standard: Konzentration von Mikroplastik in Luft dürfte geringer sein als befürchtet
- ORF: Plastik wird immer mehr Lebensjahre kosten
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