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Warum der Begriff Unkraut mehr als ungerechtfertigt ist – vor allem, wenn es um die Heilkraft geht, die in so manchem Kraut steckt.
Halsweh, Husten, Schnupfen, das ganze Programm: Na super, habe ich mir heute Früh nach dem Aufwachen gedacht – ich werde krank. Dann ist doch hoffentlich schon der Gundermann da, war mein nächster Gedanke: mein Retter vor der Haustüre, wenn die Apotheke geschlossen und die Schachtel mit Medikamenten wie immer fast leer ist.
- Kennst du schon?: Sozial sein, um zu überleben
Mein Gundermann ist klein, unscheinbar und trägt lila Blüten. Viele schimpfen ihn vermutlich Unkraut – damit tun sie ihm aber gewaltig Unrecht. Denn der Gundermann ist ein Heilkraut: Seine Blätter, Triebe und Blüten wirken entzündungshemmend, wundheilend und schleimlösend. Ich trinke ihn als Tee mit frischen oder getrockneten Blättern, er passt aber auch klein zerhackt in Smoothies oder Suppen oder wird, mit hochprozentigem Alkohol versetzt, zu einer Tinktur. Vermischt mit Honig oder Schokolade könnte er auch all jenen schmecken, die nicht unbedingt auf Minze und Lakritze stehen, denn der Gundermann schmeckt herb und leicht scharf – ein bisschen wie Petersilie.
Der Grund dafür sind seine Inhaltsstoffe, die auch für die heilende Wirkung verantwortlich sind. Ätherische Öle, Gerbstoffe, Bitterstoffe und Flavonoide (Naturstoffe, zu denen ein Großteil der Blütenfarbstoffe gehört) hemmen das Wachstum von Bakterien und Pilzen. Sie können außerdem den Blutdruck regulieren, wodurch sie das Herz-Kreislauf-System positiv beeinflussen. Kurz vor und während der Blütezeit ist deren Konzentration in der Pflanze am höchsten, weshalb sie dann am intensivsten wirken.
Brennen und heilen
Falls ich keinen Gundermann im Garten finde, kann ich auch einfach zu den Blättern des Thymians oder Salbeis in meinem Gemüsebeet greifen, weil deren Inhaltsstoffe und Wirkungen ähnlich sind. Die Pflanze daneben – eine alte Bekannte, die mir vor allem als Kind höllische Schmerzen bereitet hat, wenn ich sie berührt habe – reiße ich ebenfalls nicht aus. Ganz im Gegenteil: Die Brennnessel ist eine der wirkungsvollsten Heilpflanzen Österreichs und wird daher oft liebevoll Nährstoffbombe genannt.
Als Spinat, Pesto, Suppe, Smoothie oder Tee wirkt sie blutreinigend sowie harntreibend (zum Beispiel bei Blasenentzündung) und regt den Stoffwechsel an. Der Brennnessel-Tee ist gleich mehrfach verwendbar: Spülst du dir die Haare damit, kann das gegen Haarausfall helfen. Alternativ kannst du dafür aber auch eine Tinktur aus den Blättern oder Wurzeln mit Alkohol zubereiten oder die Samen unter dein Müsli mischen. Geschmacklich erinnern diese an Nüsse, während die Blätter vermutlich nur all jene mögen, die Spinat gut finden.
Der Name Nährstoffbombe ist mehr als gerechtfertigt: Das in der Brennnessel enthaltene Kalium ist für die harntreibende Wirkung verantwortlich, das Kalzium ist gut für Knochen und Muskeln, und das Spurenelement Eisen ist der Hauptbestandteil des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin und daher wichtig für die Blutbildung. Die Kieselsäure (Silicium) stärkt wiederum Bindegewebe, Haut und Haare, und die Vitamine C und A unterstützen unter anderem das Immunsystem. Und auch die entzündungshemmenden Flavonoide sind in der Brennnessel enthalten.
Speisen wie zu Sisis Zeiten
Wer trotz allem dem meist herben Geschmack dieser Heilkräuter wenig abgewinnen kann, muss dennoch nicht auf essbare Pflanzen verzichten. Denn auf der Speisekarte der Natur steht auch das Veilchen. Allen voran schmeckt das Duftveilchen blumig, zart und süßlich, kann Husten und Schmerzen lindern, beruhigen und für einen guten Schlaf sorgen. Es gilt auch als Stimmungsaufheller. Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837–1898) soll Veilchen geliebt und sie nicht nur kandiert, sondern auch als Sorbet oder Eis gegessen haben. Die kandierten Blüten werden in Wien daher Sisi-Veilchen genannt und gelten hier als Spezialität.
Pflanzenstoffe wie die seifenartigen Saponine lösen den Schleim in den Bronchien, während Verbindungen der Salicylsäure entzündungshemmend wirken – genauso wie die ätherischen Öle, die ebenfalls im Duftveilchen enthalten sind.
Ohne Hexen in die Küche
Das alles klingt ein bisschen nach Hexenküche? Keine Sorge – das ist es nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. weist zum Beispiel seit Langem darauf hin, dass die Gesamtheit der Pflanzenstoffe in der Nahrung zur Krankheitsprävention beiträgt. Das Deutsche Bundeszentrum für Ernährung kommt hinsichtlich der Bitter-, Farb- und Duftstoffe zu einem ähnlichen Schluss. Und eine jahrelange Kooperation der Medizinischen Universität Innsbruck, der Universität und der Blutbank Innsbruck zur Erforschung entzündungshemmender Inhaltsstoffe von Pflanzen hat zu therapierelevanten Ergebnissen geführt, die bereits in mehreren Fachjournalen veröffentlicht worden sind.
Natürlich ersetzt mein Gundermann keinen Arzt. Und natürlich kann auch ein Veilchen nicht zaubern, wenn du nicht mehr einschlafen kannst. Heilpflanzen wie diese können aber auf dem Weg zur Genesung helfen. Daher geht es mir vor allem um deren Ruf: Der Begriff Unkraut beschreibt – wissenschaftlich gesehen – all jene Pflanzen, die auf den Kulturflächen des Menschen unerwünscht sind. Rebellische, wilde Sprösslinge. Die Brennnesseln, der Gundermann, der Thymian und vieles mehr in meinem Garten sind daher alles andere als Unkraut für mich – würde daneben eine Orchidee wie der leicht giftige Frauenschuh aufgehen, käme diese der Definition schon viel näher. Obwohl ich natürlich auch sie nicht ausreißen würde.
Petra Tempfer nimmt dich alle zwei Wochen mit nach draußen in die Natur, in ihren Garten und zu allem, was da so lebt. Während du dir vielleicht einen Tee aus Heilkräutern zubereitest, fressen sich nicht weit von dir Millionen von Mikroorganismen durch deinen Müll. Sie zersetzen ihn und schaffen Wertvolles daraus: unter anderem frische Nährstoffe und Wasser. Einige dieser Bakterien, Pilze und Enzyme können sogar deinen Plastikmüll fressen – sie sind vermutlich die Minihelden der Zukunft. In zwei Wochen liest du hier mehr dazu.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Der Gundermann (Glechoma hederacea) mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, doch dieses kleine, kriechende Kraut hat es in sich. Schon unsere Vorfahren wussten seine heilenden Kräfte zu schätzen, vor allem bei Erkältungen, Wunden und Verdauungsproblemen. Heute erlebt der Gundermann eine Renaissance als Wildkraut in der Küche und als natürliches Heilmittel. Er hilft bei schlecht heilenden eitrigen Wunden und Bronchitis, Harnwegserkrankungen und Schnupfen. (Kostbare Natur)
- Die Brennnessel (Urtica dioica) gehört zur Familie der Brennnesselgewächse. Man unterscheidet die bis zu eineinhalb Meter hohe „Große Brennnessel“ von der „Kleinen Brennnessel“ – beide sind zum Verzehr geeignet. Die Stängel und Blätter sind reichlich mit Brennhaaren versehen. Bereits bei leichter Berührung brechen diese ab und setzen das Nesselgift frei. Es verursacht unangenehme, jedoch harmlose Hautirritationen. Die Brennnessel ist eiweißreich und enthält zum Beispiel die Mineralien Kalzium, Magnesium, Kalium, Eisen und Silicium sowie die Vitamine A und C. Die Samen enthalten Linolsäure, eine essentielle, mehrfach ungesättigte Fettsäure (Omega-6-Fettsäure) und Vitamin E. Die Triebspitzen der Brennnessel („Blätter“) schmecken spinatähnlich, ihre Samen nussartig. (Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs)
- Das Duftveilchen (Viola odorata) ist als Frühlingsbote und Lieferant ätherischer Öle für die Parfumherstellung bekannt. Dass es auch in der Naturheilkunde einen festen Platz hat, wissen nur wenige. Dabei erkannte schon der griechische Arzt Hippokrates die Heilwirkung des Veilchens und setzte es gegen Kopfschmerzen und Sehstörungen ein. (Naturschutzbund Deutschland)
- Flavonoide zählen zur Gruppe der sogenannten Polyphenole innerhalb der sekundären Pflanzenstoffe. Flavonoide kommen ausschließlich in Pflanzen vor und sind für die rote, blaue, hellgelbe und violette Farbe bei vielen Obst- und Gemüsesorten verantwortlich (wie Äpfel, Kirschen, Zwiebel, Soja, schwarzer und grüner Tee). Flavonoide haben zahlreiche gesundheitsfördernde Wirkungen. Sie senken unter anderem das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, regulieren den Blutdruck und beeinflussen das Immunsystem positiv. (Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs)
- Saponine sind Pflanzeninhaltsstoffe, die wie Seife mit Wasser gelöst einen haltbaren Schaum ergeben. Saponine werden fast ausschließlich in Pflanzen gebildet. Sie schützen gegen Pilzbefall. (Pflanzenforschung.de)
Quellen
- Wildkräuter und ihre fast vergessenen Fähigkeiten
- Der Gundermann
- Gundermann: Das Wildkraut erkennen und vielfältig nutzen
- Salicylsäure
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. zu sekundären Pflanzenstoffen und ihre Wirkung auf die Gesundheit
- Deutsches Bundeszentrum für Ernährung zu sekundären Pflanzenstoffen
- Kooperation der Medizinischen Universität, der Universität und der Blutbank Innsbruck zur Erforschung entzündungshemmender Pflanzeninhaltsstoffe
Das Thema in anderen Medien
- Die Presse: Sisi und das Veilchensorbet
- Badische Neueste Nachrichten: Warum der „Herr des Eiters“ ein wahrer Schatz ist
- SWR Landesschau Rheinland-Pfalz: YouTube: Brennnesseln - die verkannten Superpflanzen
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