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Nelly Furtado: Body Positivity im Pop ist tot

4 Min
Nelly Furtado ist eine portugiesisch-kanadische Sängerin. 2017 zog sie sich für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Seit 2023 veröffentlicht sie wieder Musik.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Die 2000er haben angerufen und wollen ihr Body Shaming zurück. Weil Sängerin Nelly Furtado nicht mehr aussieht wie vor 20 Jahren und es noch dazu wagt, in knappen Bühnenoutfits aufzutreten, gerät das Internet in Schnappatmung.


Fast 20 Jahre ist es her, dass Nelly Furtado sang: „She’s a Maneater“. Diesen Sommer performt sie auch ihre Hits wie „I’m like a Bird“ oder „Say it right“ wieder auf der Bühne, im Rahmen einer Festivaltour. Neben begeisterten Fans gibt es da leider auch so einige, die sich besonders witzig und geistreich fühlen, wenn sie Dinge wie „She ate all the men“ oder „Die sieht aber nicht mehr wie ein Vöglein aus“ ins Internet schreiben.

Denn Nelly Furtado hat sich seit den Nullerjahren verändert – so wie wir alle. Während sie damals in ihren Zwanzigern und ganz im Stile der Y2K-Skinny-Culture dünn war – so dünn, wie man als Frau eben zu sein hatte, wenn man „begehrenswert“ und berühmt sein wollte –, wiegt sie heute mehr. Sie selbst scheint damit völlig im Reinen zu sein: Schon Anfang des Jahres verkündete sie in einem mittlerweile gelöschten Instagram-Post, dass 2025 ihr Jahr der „Body Neutrality“ sei. Sie schrieb: „Dieses Jahr wurde mir der ästhetische Druck meiner Arbeit auf eine ganz neue Art und Weise bewusst, während ich gleichzeitig ein neues Maß an Selbstliebe und echtem Selbstvertrauen erlebte.“

In den letzten Jahren konnte man als Frau beinahe ein bisschen aufatmen. Überall war von Body Positivity die Rede, Sängerinnen wie Lizzo erschienen auf der Bildfläche, Models trugen plötzlich nicht mehr Size Zero (dafür Größe 34 oder sogar 36). Für Millennial-Frauen wie mich, die mit der toxischen Celebrity Culture der Nullerjahre groß geworden sind, in der es als Ritterschlag galt, wenn die Hüftknochen über den tiefsitzenden Jeans hervorstanden, fühlte sich diese angedeutete Trendwende wie ein kleines Pflaster auf einer klaffenden Wunde an. Besser als nichts, immerhin. Das entscheidende Wort hierbei ist aber „angedeutet“: Denn schneller, als wir „SkinnyTok“ und „Ozempic“ sagen konnten, sind wir wieder zurück in der Zeit, als Nelly Furtado gerade am Anfang ihrer Karriere stand.

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Damals war der Druck für die Newcomerin groß: Furtado berichtete in einem Interview, dass Magazine früher ihre Bilder stark bearbeitet und sogar ihre Haut digital aufgehellt hatten. Das verarbeitete die Sängerin mit portugiesisch-kanadischen Wurzeln in ihrem Song „Powerless“: „Paint my face in your magazines / Make it look whiter than it seems / Paint me over with your dreams / Shove away my ethnicity.“

Wenn aus Nostalgie Body Shaming wird

Dass Furtado sich heute in genauso knappen Bühnenoutfits wie damals zeigt, schmeckt vielen Karens und Herberts da draußen so gar nicht. Auch Bahar Kizil, die als Mitglied der deutschen Girlgroup Monrose bekannt wurde, kennt das. Nach einem Reunion-Auftritt wurde sie für ihren Körper angefeindet und beschimpft. „Es gibt Menschen, die mich zuletzt vor zehn oder vierzehn Jahren gesehen (...) haben und die wundern sich dann, dass ich nicht mehr so aussehe wie damals“, erzählt Bahar in einem Interview mit „Stylebook“ und benannte die Kommentare als das, was sie sind: Mobbing.

Die deutsche Bild-Zeitung startete zu Nelly Furtados Aussehen sogar eine Umfrage unter Leser:innen und widmete deren Einschätzungen einen eigenen Artikel.

In einem anderen Text, der ebenfalls bei der Bild erschien, sinnierte eine anonyme Autorin darüber, dass es doch erlaubt sein muss, mehrgewichtige Menschen nicht schön zu finden und einen „ungesunden Lebensstil“ nicht zu glorifizieren.

Das ist das Spannende an vielen dieser Body-Shaming-Kommentare: Verfasser:innen reden sich ein, aus Sorge um die Gesundheit einer Person so gehässig zu handeln. Dabei merken sie selbst gar nicht, wie sie damit dazu beitragen, dass Körper von Frauen nach wie vor etwas sind, das zur öffentlichen Debatte steht.

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


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Infos und Quellen

Genese

Auf Instagram bekam WZ-Kolumnistin Verena Bogner den Bericht einer Klatschzeitung über Nelly Furtado und ihre aktuelle Festivaltour vorgeschlagen. Sie scrollte durch die Kommentare und stellte erschrocken fest, dass die wenigsten darüber sprachen, wie legendär Nelly Furtados Musik ist, sondern fast ausschließlich ihren Körper kommentierten.

Daten und Fakten

  • Nelly Furtado ist eine portugiesisch-kanadische Sängerin. Den Durchbruch schaffte sie 2001 mit ihrem Album „Whoa, Nelly!“ und den Singles „I’m Like a Bird“ und „Turn Off the Light“, wobei sie für ersteren Song einen Grammy in der Kategorie „Best Female Vocal Pop Performance“ erhielt. Danach folgten weitere Hits (unter anderem mit Timbaland) und Alben, bis sie sich 2017 für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurückzog. Seit 2023 veröffentlicht sie wieder Musik.
  • Das Konzept Body Neutrality beschreibt eine neutrale, pragmatische Einstellung gegenüber dem eigenen Körper. Während sich Body Positivity um Liebe und positive Gedanken dreht, genügt es Verfechter:innen der Body Neutrality, den Körper weder als gut noch schlecht zu framen – und so zu versuchen, ihn der Bewertung von außen (und auch innen) zu entziehen.

Quellen

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