Wie ein Savepoint im Meer: Retro wirkt gerade wie ein sicherer Ort. Historiker Tobias Becker erklärt, wann Erinnerung zu Nostalgie wird und wann der Begriff nur etikettiert.
Angesichts der Krisengegenwart erscheint vielen die Vergangenheit plötzlich stabiler, klarer, besser. Aber entspricht das der Wirklichkeit? Handelt es sich um Nostalgie? Oder muss die Nostalgie als bequemes Etikett für politische Debatten herhalten?
Schlaghosen, Vinyl, Musikkassetten, 2016er-Revival und nicht zu vergessen Diddl: Nostalgie scheint Konjunktur zu haben – kulturell wie politisch. Doch was genau meinen wir, wenn wir von Nostalgie sprechen? Ist sie Verklärung, kulturelle Praxis oder politisches Kampfwort? Der Historiker Tobias Becker spricht mit der WZ über die emotionale Struktur nostalgischer Erinnerung, über Retrozyklen, Fortschrittsdenken und darüber, warum Nostalgie oft mehr über die Gegenwart verrät als über die Vergangenheit.
Das Verhältnis ist nicht so ganz klar. Man könnte sagen, Nostalgie ist eine spezielle Form von Erinnerung, eine emotional aufgeladene. Im Englischen gibt es diesen schönen Begriff „bittersweet“, also süß und bitter zugleich. Wir erinnern uns an einen schönen Moment, etwa an die Kindheit oder einen Familienurlaub. Das ist der süße Teil. Gleichzeitig wissen wir, dass dieser Moment unwiederbringlich vorbei ist. Genau das macht den bitteren Beigeschmack aus. Was mich skeptisch macht, ist die gegenwärtige Ausweitung des Begriffs. In letzter Zeit wird fast alles zur Nostalgie erklärt. Der Begriff verdrängt ein Stück weit die schlichte Erinnerung. Man müsste also genauer fragen: Handelt es sich wirklich um diese ambivalente Gefühlsstruktur oder benutzen wir das Wort, um etwas vorschnell einzuordnen?
WZ | Verena Franke
Was hat es mit dem sogenannten Fading-Effekt auf sich? Erinnern wir uns vor allem an das Gute?
Tobias Becker
So würden wir Nostalgie landläufig beschreiben. Die rosarote Brille. Wir denken an die Schulzeit und blenden Prüfungsangst oder Stress aus. Wenn man genauer nachdenkt, fällt einem oft ein, dass es nicht ganz so rosig war. Interessant ist, dass dieser Vorwurf meist anderen gilt: Die anderen sehen die Vergangenheit zu positiv. Nostalgie ist oft weniger eine Selbstbeschreibung als ein Etikett, das man verteilt.
Tobias Becker ist deutscher Historiker und Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin.
WZ | Verena Franke
Was verrät die aktuelle Nostalgiewelle über unsere Gegenwart?
Tobias Becker
Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob es wirklich Wellen sind oder eher ein gleichbleibender Pegel. Wir können beobachten, dass es in der Regel etwa 15 Jahre dauert, bis ein alter Trend, eine alte Mode, wiederkommt. Ein Stil muss erst unmodern werden, vielleicht sogar lächerlich erscheinen, bevor er wieder attraktiv wird. In den 1970er-Jahren etwa das Revival des Rock ’n’ Roll der 50er. Und in Österreich und Deutschland erlebte der Heimatfilm ein Revival, das sich niemand so richtig erklären konnte. Später der Punk, der diese frühere Form aufgriff und radikalisierte: lauter, schneller, aggressiver. So funktioniert Popkultur häufig. Sie greift ständig zurück, aber nicht aus Ehrfurcht vor der Vergangenheit, sondern weil sie Material bietet. Es geht nicht um die Vergangenheit um ihrer selbst willen, sondern um Bedürfnisse der Gegenwart. Daraus entsteht oft etwas Neues. Das Argument, es gebe nur noch Remakes und nichts Originäres mehr, verkennt, dass Kultur selten bei null beginnt.
WZ | Verena Franke
Diese Retrotrends gehen oft von der Jugend aus. Ist sie besonders nostalgisch?
Tobias Becker
Nicht ausschließlich. Die Jugendlichen, die solche Trends vorantreiben, haben meist keine eigene Erinnerung an die zitierte Zeit. Sie würden selten sagen, die 50er-Jahre seien besser gewesen als die 70er. Für sie ist das oft Neuland. Man sollte also unterscheiden zwischen nostalgischer Sehnsucht und ästhetischer Aneignung. Nicht jeder Rückgriff ist Nostalgie.
‚Früher war alles besser‘ ist kein modernes Gefühl.
Tobias Becker
WZ | Verena Franke
Ist Nostalgie ein modernes Phänomen?
Tobias Becker
Das ist umstritten. Manche sehen Nostalgie als genuin modern, entstanden um 1800, mit einem linearen Zeitverständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Begriff selbst, in seiner heutigen Bedeutung als Sehnsucht nach Vergangenheit, etabliert sich erst in den 1960er- und 70er-Jahren. Ursprünglich war Nostalgie ein medizinischer Begriff für räumliches Heimweh. Gleichzeitig gibt es die Vorstellung eines Goldenen Zeitalters schon in der Antike und im Mittelalter. „Früher war alles besser“ ist kein modernes Gefühl.
WZ | Verena Franke
Sie sind sehr vorsichtig mit dem Begriff Nostalgie. Warum?
Tobias Becker
Weil jeder etwas anderes darunter versteht. Als ich mich intensiver damit beschäftigt habe, habe ich gemerkt, wie vieldeutig und kompliziert dieser Begriff ist. Deshalb ist es sinnvoll, zunächst zu fragen: Was verstehen die Menschen eigentlich darunter, wenn sie von Nostalgie sprechen?
WZ | Verena Franke
Wird Nostalgie politisch instrumentalisiert?
Tobias Becker
Nostalgie selbst ist keine Akteurin. Aber Akteur:innen greifen auf Vergangenheit zurück. Wir trennen analytisch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber in der Praxis ist das vermischt. Wenn ich sage, früher war etwas besser, dann artikuliere ich damit auch einen Wunsch für die Gegenwart und die Zukunft. In der Politik aller Lager ist Nostalgie häufig ein Vorwurf. Man unterstellt dem Gegner, er schaue nur zurück und habe keine Zukunftsrezepte. Keine Partei würde sich selbst als Nostalgiepartei bezeichnen. Der Begriff ist ideologisch aufgeladen und eignet sich eher für Polemik als für Analyse.
WZ | Verena Franke
Wer profitiert vom Narrativ „früher war alles besser“?
Tobias Becker
Im Marketing spielt Nostalgie eine große Rolle. Alte Gebäude werden als „Nostalgieimmobilien“ beworben, Armaturen im Stil des 19. Jahrhunderts als besonders stilvoll. Da funktioniert die Vorstellung, früher sei etwas verlässlicher oder ästhetisch hochwertiger gewesen. Wir legitimieren Gegenwart ständig über Vergangenheit, indem wir sagen, etwas war immer so, oder indem wir uns bewusst davon absetzen. Nostalgie ist oft der Vorwurf gegenüber der Vergangenheitsaneignung der anderen.
Nostalgie ist nicht per se reaktionär oder progressiv.
Tobias Becker
WZ | Verena Franke
Es heißt oft, junge Menschen blickten zurück, weil die Gegenwart so schlecht sei. Was halten Sie davon?
Tobias Becker
Der Nostalgievorwurf impliziert häufig: Früher war es auch nicht besser. Das stimmt so pauschal nicht. Für manche Gruppen waren bestimmte Dinge tatsächlich besser, etwa Jobsicherheit oder sozialstaatliche Absicherung. Für andere wiederum nicht. Wenn jemand sagt, vor einigen Jahren sei manches besser gewesen als heute, ist das nicht automatisch falsch. Gleichzeitig zeigt eine genauere Betrachtung, wie komplex diese Einschätzung ist. Vielleicht brauchen wir auch Bezugspunkte: Es war schon einmal besser, vielleicht kann es wieder besser werden. Das ist nicht zwangsläufig eine Verklärung.
WZ | Verena Franke
Gibt es Nostalgie, die Zukunft ermöglicht – und eine, die sie blockiert?
Tobias Becker
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind immer miteinander verknüpft. Wenn ich sage, etwas war früher besser, steckt darin eine Zukunftsdimension. Die Frage ist, worauf sich das bezieht. Der Umweltbewegung wird etwa Nostalgie vorgeworfen, wenn sie von einer heilen Natur spricht. Gleichzeitig steckt darin die Idee, andere Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Umgekehrt kann eine Sehnsucht nach patriarchalen oder rassistischen Ordnungen wie White Supremacy für viele eine Dystopie darstellen. Nostalgie ist also nicht per se reaktionär oder progressiv. Man muss genau schauen, wer wie von der Vergangenheit spricht und welche Zukunft darin entworfen wird.
WZ | Verena Franke
Welche Frage sollten sich Leser:innen stellen, wenn sie sich stark nach früher sehnen?
Tobias Becker
War es wirklich besser? Was genau war besser und für wen? Und vielleicht noch: Geht es wirklich um die Vergangenheit? Oder um etwas, das in der Gegenwart fehlt?
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
Tobias Becker ist deutscher Historiker und Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin. Seine Habilitationsschrift „Yesterday: A New History of Nostalgia” (2023) ist bei Harvard University Press erschienen.
Daten und Fakten
Der Begriff „Nostalgie“ wurde 1688 vom Schweizer Medizinstudenten Johannes Hofer geprägt. Er setzte sich aus den griechischen Wörtern nóstos (Heimkehr) und álgos (Schmerz) zusammen. Ursprünglich bezeichnete Nostalgie also den „Heimkehrschmerz“, eine Form von Heimweh, die als medizinisches Problem beschrieben wurde. In der frühen Neuzeit galt Nostalgie zeitweise tatsächlich als Krankheit, mit körperlichen und psychischen Symptomen, vor allem bei Soldaten oder Menschen fern ihrer Heimat.
Im Lauf der Jahrhunderte verschob sich die Bedeutung des Begriffs. Aus dem räumlichen Heimweh wurde zunehmend eine zeitliche Sehnsucht: Nicht mehr nur die verlorene Heimat, sondern eine verlorene Zeit stand im Zentrum. Seit dem 20. Jahrhundert wird Nostalgie überwiegend als emotionale Hinwendung zur eigenen Vergangenheit verstanden, oft verbunden mit einer idealisierenden oder zumindest stark gefärbten Erinnerung. In der heutigen Psychologie gilt Nostalgie als komplexe Emotion.