Zum Hauptinhalt springen

Notschlafstelle Innsbruck: Betrieb am Limit

9 Min
In den vergangenen Wochen machte die Notschlafstelle aufgrund schwerer Gewaltprobleme vermehrt Schlagzeilen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Tiroler Soziale Dienste

Fast täglich rücken Rettung und Polizei an: In Innsbrucks Notschlafstelle prallen soziale Notlagen, psychische Belastungen und Sicherheitsfragen regelmäßig aufeinander. Was als Winterhilfe startete, läuft längst im Ganzjahresbetrieb am Limit.


    • Die Notschlafstelle Innsbruck ist durch Gewaltprobleme, Überforderung des Personals und häufige Polizeieinsätze stark belastet.
    • Maßnahmen wie Bodycams, Schutzwesten und geplante bauliche Verbesserungen sollen die Sicherheit erhöhen, werden aber kritisch gesehen.
    • Alle Beteiligten betonen den dringenden Bedarf an mehr qualifiziertem Fachpersonal für einen professionellen Umgang mit Konflikten.
    • Notschlafstelle Innsbruck: Gewaltprobleme, Polizei fast täglich im Einsatz
    • Stadt Innsbruck finanziert rund 35 % der Einrichtung
    • Sanierung trotz Sparmaßnahmen, Planung läuft seit ca. 9 Monaten
    • Personalbedarf: Mehrheit ohne fachspezifische Ausbildung
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es ist über 35 Grad heiß, als ich um 17 Uhr in der Notschlafstelle am Schusterbergweg in Innsbruck ankomme. Einige Personen stehen bereits vor dem Eingang und suchen im Schatten am Straßenrand Schutz vor er Sonne, bis die Einrichtung öffnet. Ein obdachloser Mann und eine obdachlose Frau liegen unter dem Dach des Gebäudes und ruhen sich aus.

Für Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, ist die Notschlafstelle einer der wenigen Zufluchtsorte. „Die Temperaturen sind für unsere Klient:innen eine Katastrophe. Im Winter ist es schweinekalt und viele warten dann, bis wir um 17:30 Uhr öffnen. Bei der Hitze nun ist es aber ebenso schwierig für sie“, sagt der Flüchtlingsbetreuer und Sozialarbeiter Christoph Nußbaumer, der seit etwa fünf Jahren in der Notschlafstelle im Einsatz ist. „Menschen brauchen einen Ruheplatz. Wer obdachlos ist, hat hingegen kaum Zugang zu einem solchen Ort“, fügt er hinzu.

Ein Jahr, nachdem ich hier angefangen habe, hörte ich auf Alkohol zu trinken.
Flüchtlingsbetreuer und Sozialarbeiter Christoph Nußbaumer

In den vergangenen Wochen machte die Notschlafstelle aufgrund schwerer Gewaltprobleme vermehrt Schlagzeilen. Auch das Personal ist mit der Situation überfordert und bekommt nicht selten aggressives Verhalten von Klient:innen – es sind fast immer Männer – zu spüren. „Es gibt wohl kaum eine Einrichtung, die den Notruf so häufig wählt wie wir“, sagt Nußbaumer. Rettungsdienst und Polizei sind hier fast täglich im Einsatz – meist, weil jemand wegen übermäßigen Drogen- und Alkoholkonsums kollabiert ist oder es zu Schlägereien kommt. „Ein Jahr, nachdem ich hier angefangen habe zu arbeiten, habe ich aufgehört, Alkohol zu trinken. Ich habe realisiert, was der Alkohol mit einem anrichten kann“, erzählt der Sozialarbeiter.

Gewalt ist kein neues Phänomen

Die Notschlafstelle am Schusterbergweg wird von der Tiroler Soziale Dienste GmbH (TSD) betrieben. Laut deren Geschäftsführer Florian Stolz ist die Gewaltproblematik kein neues Phänomen. Die Klientel der Notschlafstelle sei sehr heterogen und umfasse vielfach Menschen, die seit Jahren von Wohnungslosigkeit betroffen seien oder an Suchterkrankungen oder psychischen Erkrankungen litten. In diesem Umfeld komme es immer wieder zu Beschimpfungen, Bedrohungen und vereinzelt auch zu körperlichen Übergriffen. Dass die Zahl der Vorfälle zuletzt höher erscheine, liege jedoch vor allem daran, dass Zwischenfälle heute systematisch digital dokumentiert würden, meint Stolz. Während früher Vorfälle nur punktuell und oft handschriftlich festgehalten worden seien, ermögliche die neue Dokumentation einen umfassenderen Überblick über das tatsächliche Ausmaß.

Um dem Gewaltproblem in der Notschlafstelle entgegenzuwirken, setzt die TSD nun sowohl auf kurzfristige als auch auf langfristige Maßnahmen, erklärt der Geschäftsführer: „Bereits umgesetzt wurden unter anderem Bodycams, Stichschutzwesten und zusätzliche Sicherheitsausrüstung für die Mitarbeitenden. Zudem werden Deeskalations-, Selbstverteidigungs- und Sicherheitsschulungen ausgebaut und zu den besonders konfliktanfälligen Einlasszeiten zusätzliches Personal eingesetzt.“ Langfristig soll vor allem der geplante Umbau die Situation verbessern. Vorgesehen sind unter anderem eine Sicherheitsschleuse mit Metalldetektor, eine neu gestaltete Eingangssituation sowie räumliche Verbesserungen, die sowohl den Schutz der Mitarbeitenden als auch die Betreuung der Klient:innen erleichtern sollen.

Sanierung der Notschlafstelle trotz Sparmaßnahmen

Stolz zeigt sich im Gespräch mit der WZ überrascht, dass das Projekt trotz der aktuellen Sparmaßnahmen realisiert werden kann. „Wir haben ehrlich gesagt gar nicht erwartet, dass es möglich sein wird, solch eine doch sehr kostspielige Sanierung ausgerechnet jetzt auf den Weg zu bringen.“ Der Planungsprozess läuft bereits seit rund einem Dreivierteljahr und wird gemeinsam vom Land Tirol, der Stadt Innsbruck und dem Vermieter des Gebäudes abgestimmt.

Aufgrund der auslaufenden Nutzungsvereinbarungen sei seit Längerem klar gewesen, dass für den Standort Schusterbergweg eine nachhaltige Lösung gefunden werden müsse, wenn die Notschlafstelle dort weiterhin bestehen solle. Vor diesem Hintergrund habe sich die Stadt Innsbruck bereits seit über einem Jahr im Rahmen der Workshopreihe „Obdach- und Wohnungslosigkeit“ intensiv damit beschäftigt, welche Anforderungen eine zeitgemäße Notschlafstelle erfüllen müsse, so Vizebürgermeister Georg Willi. „Die Stadt Innsbruck beteiligt sich mit rund 35 Prozent an der Finanzierung der Einrichtung und bringt sich intensiv in die Weiterentwicklung sowie Qualitätssicherung des Angebots [der Notschlafstelle] ein“, erklärt Willi zudem auf Anfrage per E-Mail zum laufenden Projekt.

Sozialarbeiter äußert Bedenken gegenüber neuen Sicherheitsmaßnahmen

Das eigentliche Problem sieht Nußbaumer jedoch durch die Sanierung des Notschlafgebäudes nicht gelöst, denn entscheidend sei, dass die Menschen eine dauerhafte Unterkunft bräuchten. „Die Notschlafstelle selbst ist natürlich ein wichtiges Auffangbecken, aber gleichzeitig sieht man, dass diejenigen, die hierherkommen, in den seltensten Fällen eine nachhaltige Verbesserung ihrer Situation erfahren.“ Es komme nur sehr selten vor, dass obdachlose Personen nicht mehr auf die Notschlafstelle angewiesen seien, weil es ihnen gelungen sei, Geld für die Kaution einer eigenen Wohnung zu sparen. „Wir haben Klient:innen, die ich teilweise seit Tag eins meiner Tätigkeit hier kenne, und bei denen sich nichts verändert hat“, erzählt der Sozialarbeiter.

Auch die Einführung von Schutzwesten zum Schutz vor potenziellen Angriffen mit spitzen Gegenständen sieht er kritisch: „Es gibt momentan eine Schutzweste, um das Personal vor möglichen Messerangriffen zu schützen. Allerdings zieht sie hier niemand an. In meinen Augen stachelt es die Gewalt sogar ein Stück weit an, wenn ich den Klient:innen etwa bei der Essensausgabe mit einer Schutzweste begegne.“ Abseits der Vorfälle in der Einrichtung komme es auch außerhalb immer wieder zu aggressiven Aktionen, sagt der Sozialarbeiter. Einige Klient:innen würden Mitarbeitende auf der Straße erkennen. „Ein Mitarbeiter wurde etwa auf der Straße angegriffen. Einmal hat ein Klient angekündigt, er werde mein Fahrzeug beschädigen – das sind natürlich auch keine einfachen Situationen“, so Nußbaumer.

Einigkeit über Bedarf an mehr Fachpersonal in der Notschlafstelle

Nußbaumer hat Soziale Arbeit studiert und bringt damit eine fachliche Ausbildung in die Tätigkeit ein. Beim Großteil der Mitarbeitenden in der Notschlafstelle ist dies jedoch nicht der Fall. TSD-Geschäftsführer Stolz verweist in diesem Zusammenhang auf die Entstehungsgeschichte der Einrichtung: Die Tiroler Soziale Dienste GmbH sei ursprünglich ausschließlich für Menschen im Asylverfahren und in der Grundversorgung zuständig gewesen. Im Jahr 2015 habe man damit begonnen, entsprechende Strukturen aufzubauen. Rund ein Jahr später sei die Anfrage zur Übernahme einer Winternotschlafstelle in Innsbruck erfolgt. Diese Einrichtung hat sich nicht mehr nur an Menschen mit Fluchthintergrund, sondern an obdach- und wohnungslose Personen allgemein gerichtet. In der Folge sei die Einrichtung rasch in einen ganzjährigen Betrieb überführt worden. Stolz betont, dass die Notschlafstelle unter großem Zeitdruck und ohne längere konzeptionelle Vorlaufphase entstanden sei. Da die Einrichtung seither durchgehend geöffnet sei, habe es zudem kaum Gelegenheit gegeben, den laufenden Betrieb umfassend zu evaluieren oder strukturell neu auszurichten.

Gerade in den Anfangsjahren bestand ein Großteil des Teams aus Asylwerber:innen, die im Rahmen gemeinnütziger Arbeit in der Einrichtung tätig waren und nicht regulär arbeiten durften. Das war sehr praktisch, weil viele von ihnen neben Deutsch auch Sprachen wie Arabisch oder Somali konnten, was damals wie heute häufig gesprochene Sprachen vieler Klient:innen sind – selbst wenn die gemeinnützigen Arbeiter:innen keine einschlägige Ausbildung hatten. „Diese gemeinnützige Tätigkeit hat ihnen ermöglicht, in der Einrichtung mitzuarbeiten und dafür eine kleine Entschädigung von rund drei Euro pro Stunde zu erhalten“, erinnert sich Nußbaumer. „Mit der Zeit erhielten jedoch immer mehr Asylwerber:innen einen positiven Bescheid. Gleichzeitig änderte sich die rechtliche Grundlage für diese Form der Beschäftigung, sodass die gemeinnützige Arbeit schließlich ganz wegfiel. Für die Notschlafstelle bedeutete das einen plötzlichen und spürbaren Personalverlust.“

In einer Notschlafstelle wird es immer Konflikte geben.
Georg Willi, Innsbrucker Vizebürgermeister

Zumindest beim notwendigen Ausbau des Personals scheinen sich alle Beteiligten einig zu sein: „In einer Notschlafstelle wird es immer Konflikte geben. Die Frage ist nicht, ob sie auftreten, sondern wie professionell damit umgegangen wird. Fachkräfte können viele Situationen frühzeitig erkennen, entschärfen und begleiten“, so Vizebürgermeister Georg Willi. „Die Investition in qualifizierte Mitarbeiter:innen ist keine Zusatzleistung, sondern eine Grundvoraussetzung dafür, dass das gesamte Konzept erfolgreich funktionieren kann.“

Möglichkeiten der Polizei sind begrenzt

Nußbaumer beschreibt die Situation in der Notschlafstelle als zunehmend schwierig. Grundsätzlich würde es aus seiner Sicht helfen, wenn bereits im Eingangsbereich geschultes Personal oder eine Sicherheitskraft präsent wäre, um Konflikte frühzeitig abzufangen. „Es ist immer gut, jemanden dabei zu haben, der in Gewaltsituationen geschult ist und gegebenenfalls die Leute voneinander trennen kann“, sagt er. Polizeieinsätze gehörten inzwischen wieder zum Alltag. Gleichzeitig seien die Möglichkeiten der Exekutive begrenzt: „Die Polizei ist im Grunde auch machtlos. Wenn es draußen eine Schlägerei gibt, jedoch keine grobe Körperverletzung, gibt es auch keinen Grund, jemanden einzusperren.“ Oft könne die Polizei nur anweisen, das Gelände zu verlassen – wenige Minuten später seien die Betroffenen jedoch wieder zurück. Es müsse Stolz zufolge auch abgewogen werden, wann man die Polizei rufe, denn dies könne auch die Beziehung zu den Klient:innen schädigen. Der Schutz der Mitarbeiter:innen einerseits und der Klient:innen andererseits erweise sich damit als ein Drahtseilakt.

Von Montag bis Freitag arbeitet Nußbaumer außerdem in einem Flüchtlingsheim in Volders; in der Notschlafstelle ist er jeweils nur mittwochs und donnerstags im Einsatz. Er beschreibt einen deutlichen Unterschied zwischen beiden Arbeitsfeldern: Während die Menschen im Flüchtlingsheim meist mit einer Zukunftsperspektive ankämen, fehle vielen Klient:innen in der Notschlafstelle diese Perspektive. Dies trage dazu bei, dass Frustration häufiger in Konflikte oder Gewalt umschlage – auch weil bei manchen der Gedanke mitschwinge, dass sich die eigene Situation kaum noch verschlechtern könne.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Christoph Nußbaumer, Flüchtlingsbetreuer und Sozialarbeiter bei den Tiroler Sozialen Diensten (TSD)
  • Florian Stolz, Geschäftsführer der Tiroler Soziale Dienste GmbH
  • Georg Willi, Vizebürgermeister der Stadt Innsbruck

Daten und Fakten

  • Die Notschlafstelle am Schusterbergweg in Innsbruck wird von den Tiroler Soziale Dienste GmbH (TSD) betrieben und entstand vor etwa zehn Jahren kurzfristig als Winternotschlafstelle. Ursprünglich war sie Teil einer bestehenden Grundversorgungseinrichtung für Asylwerber:innen und zunächst nur für den Winterbetrieb vorgesehen. Bereits nach kurzer Zeit wurde sie jedoch aufgrund des anhaltenden Bedarfs ganzjährig geöffnet.
  • Heute verfügt die Einrichtung über rund 90 reguläre Plätze sowie neun zusätzliche Notplätze. Sie richtet sich an obdach- und wohnungslose Menschen. Das Gebäude selbst war ursprünglich nicht für diesen Zweck errichtet worden; vielmehr handelt es sich um ein ehemaliges Personalhaus einer Baufirma, was bis heute bauliche und organisatorische Einschränkungen mit sich bringt. Geplant ist daher ein umfassender Umbau: Zunächst soll ein zusätzlicher Gebäudeteil errichtet werden, anschließend wird der Bestand saniert. Die Gesamtkapazität bleibt dabei unverändert. Die Einrichtung ist weiterhin täglich geöffnet und bietet kostenlos Betten, warme Mahlzeiten, Gemeinschaftsküchen, Aufenthaltsräume und Duschmöglichkeiten an.
  • Die Notschlafstelle am Schusterbergweg stand in den vergangenen Wochen vor allem wegen Sicherheitsproblemen, wiederholter Gewaltvorfälle und eines akuten Personalmangels im Fokus der Medien.

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte