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Obdachlose: Warum es in Villach keine Notschlafstelle gibt

8 Min
Im Jahr 2024 waren laut Statistik Austria 21.073 Personen als obdach- beziehungsweise wohnungslos registriert
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Obdachlosigkeit nimmt in Österreich zu, die Eiseskälte macht sie lebensgefährlich. Ein Besuch in Villach, wo schon lange Rufe nach einer Notschlafstelle laut sind.


„Vorsicht, rutschig.“ Der handgeschriebene Zettel klebt am Eingang der Initiative Westbahnhoffnung in Villach. Minus 1 Grad hat es an diesem Dienstagvormittag, am Wochenende waren es nachts bis zu minus 16. Im Inneren der spärlich beheizten Halle am Westbahnhof füllen sich langsam die Tische mit den geblümten Plastiktischdecken. Wer hereinkommt, hofft auf ein bisschen Wärme und eine Mahlzeit.

An einem der Tische schwärmt Werner* gerade seiner Sitznachbarin von den Säulen und der Decke im Jugendstil vor. Der eloquente, gepflegt aussehende 71-Jährige sagt selbst, er sei nicht obdachlos. Er habe in Salzburg eine Wohnung sowie ein Zimmer mit Bett und Waschbecken in Klagenfurt, dort lebe er zurzeit. Im Team der Westbahnhoffnung ist seine Obdachlosigkeit ein offenes Geheimnis. Durch Zufall habe man erfahren, dass der gebürtige Wiener nirgends gemeldet ist. Jeden Tag kommt er zum Westbahnhof, in der Früh zum Frühstücken und zu Mittag. „Ich fühle mich wohl hier.“ Wohin Werner abends geht, wenn die Türen schließen, bleibt offen. Eine reguläre Notschlafstelle, an die man ihn verweisen könnte, gibt es in Villach nicht.

Zwei Tische weiter sitzt Giulio* mit einem blauen Stoffsackerl – mehr besitzt er nicht. Er ist gebürtiger Italiener, seit drei Jahren in Villach. Der Kälte in der Nacht kann er derzeit nur entkommen, weil er einen Schlafplatz in einer unversperrten Toilette in einem Haus gefunden hat. Er habe Probleme mit der Polizei, sagt der 30-Jährige.

Hilfsstelle als Postadresse

Kürbiscremesuppe, Salat, Spaghetti mit Knoblauchsauce und eine süße Rolle stehen heute am Speiseplan. Zwölf Menschen sind zum Essen gekommen, pro Tag sind es um die 35, sagt Marjan Kac, Gründer der Westbahnhoffnung. Um Punkt 12 Uhr serviert er die Portionen gemeinsam mit Buchhalterin Rita und der jungen Mitarbeiterin Lea. Die Gäste sind alle von Armut betroffen, viele auch von Obdachlosigkeit, weiß Kac.

Zum Beispiel erzählt Lukas* mit den vom Kopf abstehenden schwarzen Haaren, dass er sich die Wohnung zurzeit gerade so leisten könne. Er sei aber auch schon obdachlos gewesen. Heute ist er „Beherberger“, in seiner kleinen Wohnung kommen immer wieder Freunde unter und bleiben länger.

Vor wenigen Wochen haben zwei Obdachlose direkt vor der Westbahnhoffnung auf Bänken übernachtet. Bis zu minus 10 Grad hatte es da in der Nacht, erinnert sich Kac. Einer der beiden gebürtigen Kärntner habe nach langem Behördenweg nun eine Wohnung, „der andere hatte psychische Probleme und ist verschwunden“, sagt Kac. Dem 66-Jährigen steht die Sorge ins Gesicht geschrieben. Für etwa zehn Personen dient die Westbahnhoffnung zurzeit als Postadresse, „damit sie nicht komplett aus dem System fallen“. Kac kennt persönlich mehrere Menschen, die derzeit auf der Straße übernachten.

Steigende Zahlen, unsichtbare Not

Österreichweit ist die Zahl der Obdachlosen zuletzt gestiegen. Im Jahr 2024 waren laut Statistik Austria 21.073 Personen als obdach- beziehungsweise wohnungslos registriert, so viele wie schon seit fünf Jahren nicht mehr. Nicht erfasst sind jene, die vorübergehend bei Freund:innen, Bekannten oder auch Unbekannten unterkommen. Vor allem Frauen in Abhängigkeitsbeziehungen leben oft verdeckt wohnungslos. Expert:innen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl obdachloser Menschen deutlich höher liegt.

Kein/e Villacher:in ist wohnungslos, wenn er/sie bereit ist, Hilfe anzunehmen.
Stadt Villach

Gerade bei der aktuell eisigen Kälte wird Obdachlosigkeit lebensgefährlich. Vor wenigen Tagen sind zwei Männer in Wien auf der Straße erfroren. In vielen Städten sind Notquartiere und Wärmestuben im Winter ausgelastet. Villach geht einen anderen Weg. Politisch ist das schon lange Thema. Die Stadt – Bürgermeister ist Günther Albel (SPÖ) – betont auf Anfrage der WZ, man nehme Obdachlosigkeit „sehr ernst“. Und weiter: „Kein Villacher/keine Villacherin ist wohnungslos, wenn er/sie bereit ist, Hilfe anzunehmen.“ Eine Notschlafstelle für unter 21-Jährige gibt es. Und ein Kältetelefon und ein Notschlafzimmer. Ansonsten setze man auf „Housing First“.

Das bedeutet: Betroffene sollen möglichst rasch eine eigene Wohnung erhalten, ohne zuvor längere Zeit in Notquartieren oder Übergangswohnungen zu leben. Danach werden sie sozial betreut. International gilt der Ansatz als wirksam, vor allem in Skandinavien. Auch die österreichische Bundesregierung will so Obdachlosigkeit bis 2030 beenden – wie es die Lissabon-Deklaration vorsieht.

In Villach seien seit Ende 2024 insgesamt 17 Personen über „Housing First“ versorgt worden, teilt die Stadt mit. Über das Kältetelefon wurden 2025 96 Personen gemeldet, 81 hätten keine Hilfe annehmen wollen und seien weitergezogen. Elf Personen seien seit dem Anruf zeitweise in Villach in sozialer Betreuung. Es handle sich dabei nicht um Villacher:innen, sondern primär um Personen aus dem Umland. Die Einrichtung einer Notschlafstelle „für Menschen aus anderen Regionen und Ländern“ sei keine Aufgabe der Gemeinde, betont man. Kurz: Eine Notschlafstelle sei „nicht mehr zeitgemäß für eine Stadt dieser Größenordnung“.

Niederschwelligkeit gefordert

Opposition und Sozialinitiativen widersprechen. Die Parteien Verantwortung Erde, ÖVP und Grüne fordern seit Längerem eine Notschlafstelle und mehr aufsuchende Sozialarbeit. „Housing First“ unterstütze man, aber es brauche niederschwellige Möglichkeiten für Betroffene. „Villach ist die einzige größere Stadt Österreichs, in der es keinen unkomplizierten Zugang zu Notschlafstellen oder ähnlichen Angeboten gibt“, heißt es von der Gemeinderätin Karin Herkner von den Grünen. Stadtrat Sascha Jabali Adeh von Verantwortung Erde sagt: „Es ist derzeit nicht so, dass du in Villach anonym und ohne viel Tamtam einen Platz zum Schlafen bekommen kannst.“

Auch Marjan Kac von der Westbahnhoffnung sieht das Problem in der fehlenden Niederschwelligkeit. Wer Hilfe brauche, müsse zunächst anrufen, werde dann mit dem Rettungswagen abgeholt und das Notschlafzimmer sei nur akut und für kurze Zeit gedacht. Oft würden Betroffene den formalen Kontakt mit Behörden scheuen oder nicht in der Lage sein, behördliche Prozesse zu durchlaufen. Etwa die Hälfte seiner „Gäste“ habe Migrationshintergrund (viele seien Ukrainer:innen), die andere Hälfte machen österreichische Staatsbürger aus.

Obdachlosigkeit kann jeden treffen
Katrin Starc, Caritas Wohnungslosenhilfe

Am Beispiel Villach zeigt sich, wie komplex die Bekämpfung von Obdachlosigkeit ist. Auf der einen Seite steht der international anerkannte Ansatz „Housing First“, der langfristig Stabilität schaffen soll. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die in akuten Krisen stecken, die formale Wege nicht gehen können oder wollen und vor allem eines brauchen: einen sicheren Platz für die Nacht.

„Wir sind fast voll“

Weil es in Villach keine Notschlafstelle gibt, landen immer wieder Villacher:innen in der Caritas-Notschlafstelle in Klagenfurt – der einzigen Stelle kärntenweit. Dort sagt Leiterin Katrin Starc: „Wir sind fast voll. Wenn es draußen kälter wird, haben wir einen massiven Anstieg.“ Und die Leute würden immer länger bleiben, unter anderem wegen der Teuerung und des schwierigen Wohnungsmarkts. Starc betont: „Obdachlosigkeit kann jeden treffen.“ Oft seien Schicksalsschläge, psychische Erkrankungen oder Sucht Ursachen. „Bei uns war schon ein Lehrer, dessen Frau gestorben ist und der dann ein Alkoholproblem entwickelt hat. Oder junge Menschen, die ins Burnout geraten und dann in die Arbeitslosigkeit geschlittert sind.“

Starc kann „Housing First“ einiges abgewinnen. Doch es dauere, bis es wirkt, und es brauche Rahmenbedingungen, damit es funktioniert, etwa: verfügbare Wohnungen und genügend Sozialarbeiter:innen. Starc weiß auch: „Housing First“ kann nicht jedem helfen, Obdachlose haben individuelle Probleme, es brauche auch andere Angebote und Zwischenlösungen wie zum Beispiel Notschlafstellen oder betreutes Wohnen. Außerdem brauche es mehr Delogierungsprävention: „In anderen Bundesländern funktioniert es schon besser, dass man präventiv schaut, dass die Leute ihr Zuhause gar nicht erst verlieren.“

Für Marjan Kac bleibt im Alltag oft nur, Menschen weiterzuschicken. Er ist überzeugt, dass eine Schlafstelle in Villach vielen seiner Gäste helfen könnte, gerade bei den eisigen Temperaturen. Er weiß, dass der Bedarf da ist. „Ich will nur, dass ich die Leute nicht mehr wegschicken muss.“ Bis 2022 habe man bei der Westbahnhoffnung ein Zimmer für ein paar Personen gehabt, das wurde dann aber verboten.

Seit 25 Jahren engagiert sich Kac, begonnen habe alles mit einem Gulasch pro Monat. Heute gibt es Essen, Kleidung und Lebensmittel. Die Westbahnhoffnung ist für viele ein fixer Ort der Zuflucht. Doch die Zukunft ist ungewiss: Kac ist 66, eine Nachfolge gibt es bislang nicht.

Das ist in diesen Tagen aber das geringere Problem, größer ist die Sorge wegen der Kälte. Bevor die Kürbiscremesuppe an diesem Dienstag gegessen wird, ruft Lea, die junge Mitarbeiterin, zum Gebet: „Wir beten dafür, dass du unsere Gäste vor den kalten Temperaturen schützt. Amen.“

*Namen von der Redaktion geändert

Kältetelefon:

  • Wien: Kältetelefon Caritas Wien: 01/4804-553
  • Niederösterreich: Kein flächendeckendes Kältetelefon, Kältetelefon Traiskirchen: 0664/78066270 (18.00 bis 6.00 Uhr), Emmausgemeinschaft St. Pölten: 0676/88644702 (0.00 bis 24.00 Uhr), Verein für soziale Betreuung NÖ Süd: 02622/23191 (0.00 bis 13.00 und 17.00 bis 0.00 Uhr), ansonsten kann etwa über den Notruf von Polizei (133) oder Rettung (144) Hilfe geholt werden
  • Burgenland: Kältetelefon Caritas Burgenland: 0676/8373-0322
  • Oberösterreich: Kältetelefon für das Linzer Stadtgebiet (Sozialverein B37 OBST) 0732/7767-67560 (nur 10:00-12:00 Uhr dienstags und donnerstags). Außerhalb der genannten Zeiten ist ein Anrufbeantworter aktiv. Mails können immer gesendet werden, unter: linzer-kaeltetelefon@b37.at
  • Steiermark: Kältetelefon Caritas Steiermark: 0676/8801-58111
  • Kärnten: Kältetelefon Caritas Kärnten: 0463/3960-60, Villach: 04242 / 29 000
  • Salzburg: Kältetelefon Caritas Salzburg: 0676/8482-10651
  • Tirol: Kältetelefon TSD (Tiroler Soziale Dienste GmbH): 0512/2144-7
  • Vorarlberg: Caritas Center Feldkirch: 05522/200-1700 - 08:00-12:00 Uhr (Mo-Fr) sowie Notschlafstellen am Jahnplatz 4 in Feldkirch: 05522/200-1200 - 18:30-08:00 Uhr. Zusätzlich gibt es das Caritas Café 05522/200-1570

Mehr Unterstützung für obdach- und wohnungslose Menschen

Wenn Wohnungslosigkeit droht, kannst du dich an die jeweilige passende Anlaufstelle in deinem Bundesland wenden, um dich zu informieren und schnell Unterstützung zu erhalten:

Hier eine Liste von Organisationen, die bei Obdachlosigkeit helfen können:

  • Caritas
  • Frauenhelpline: Tel. 0800 222 555; Erreichbarkeit: rund um die Uhr und kostenlos; telefonische Beratung für Mädchen ab 14 Jahren und Frauen, die von sexueller, körperlicher oder psychischer Gewalt betroffen sind
  • Rat auf Draht: Tel. 01 147; Erreichbarkeit: rund um die Uhr und kostenlos; Telefonische, Chat und Online-Beratung für Kinder, Jugendliche und deren Bezugspersonen
  • Volkshilfe
  • Neunerhaus

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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • (Ehemalige) Betroffene: Werner*, Giuliano*, Lukas*
  • *Namen von der Redaktion geändert
  • Marjan Kac, Gründer und Leiter der Westbahnhoffnung in Villach
  • Katrin Starc, von der Wohnungslosenhilfe der Caritas, die auch für das Kältetelefon zuständig ist

Daten und Fakten

  • Österreichweit ist die Zahl der Obdachlosen zuletzt gestiegen. Im Jahr 2024 waren laut Statistik Austria 21.073 Personen als obdach- bzw. wohnungslos registriert, so viele wie schon seit fünf Jahren nicht mehr. In der Zahl unsichtbar sind Menschen, die vorübergehend bei Freund:innen, Bekannten oder auch Unbekannten unterkommen, ohne eigenen Mietvertrag. Vor allem Frauen in Abhängigkeitsbeziehungen leben oft verdeckt wohnungslos und sind in den offiziellen Statistiken nicht abgebildet. Expert:innen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl obdachloser Menschen deutlich höher liegt.
  • Österreich hat sich im Jahr 2021, wie alle anderen EU-Länder, im Rahmen der Lissabon-Erklärung dazu verpflichtet, bis 2030 an der Beendigung der Wohnungslosigkeit zu arbeiten.
  • Obdachlosigkeit kann viele Ursachen haben, die meist zusammenwirken. Eine der wesentlichsten Ursachen ist, dass viele Menschen sich die hohen Wohn- und Lebenshaltungskosten nicht mehr leisten können und es zu wenig leistbaren Wohnraum gibt. Außerdem verschärfen ein angespannter Arbeitsmarkt und prekäre Arbeitsverhältnisse das Risiko, die Wohnung zu verlieren, und Zugangsbarrieren zum sozialen Wohnbau erschweren den Zugang zu dauerhaftem Wohnraum. Zusätzlich können unerwartete persönliche Krisen wie Jobverlust, schwere Krankheit oder der Verlust naher Angehöriger dazu führen, dass Menschen ohne Wohnung dastehen.
  • Beim „Housing-First“-Ansatz steht die eigene Wohnung am Anfang – alles Weitere baut darauf auf. Die Mieter:innen von „Housing-First“-Wohnungen bezahlen ihre Miete selbst und haben die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Mieter:innen. Zusätzlich werden sie von Sozialarbeiter:innen und zum Beispiel Fachkräften aus dem psychosozialen Bereich betreut.
  • Die Initiative Westbahnhoffnung wurde vor 25 Jahren von Marjan Kac in Villach gegründet. Heute unterstützen fünf Mitarbeitende und rund 60 Ehrenamtliche die Stelle, die neben Kleidung und Lebensmitteln vor allem warme Mahlzeiten anbietet.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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