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Es ist nicht das Öl, es ist die Macht, die alles zerstört

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Wie lange hat euer Optimismus angehalten, dass 2026 besser werden muss? Bei mir ging es bis zum 2. Jänner. Dann griffen die USA Venezuela an und aus wars mit der Vorfreude.


Ich könnte jetzt über Venezuela schreiben. Weil natürlich geht’s da auch um Nachhaltigkeit – oder glaubt irgendjemand von euch wirklich, dass die hehren USA nun den Helden im Kampf gegen die Drogen spielen wollen? Das viele, viele böse Kokain, das Venezuela in die USA pumpt? Blödsinn, es geht um Militärstrategie, und es geht schlicht ums Öl. Venezuela hat die größten Öl-Vorräte der Welt. Und auf die hatten die USA früher mehr Zugriff, den sie jetzt wieder wollen. Sie wollen dieses gute, fette Schweröl, das in Venezuela gefördert wird, denn es lässt sich auch in den US-amerikanischen Raffinerien besser verarbeiten als das eher dünnflüssige Öl, das die USA selbst durch Fracking aus dem Boden holen.

Und in weiterer Folge heißt das: Es geht um Macht. Keine Macht über das Land selbst, sondern über den Ölpreis. Denn nicht nur das Öl selbst sorgt für Jobs in US-Raffinerien, sondern der Handel mit dem Öl tut auch der US-Wirtschaft gut. Vor vielen Jahren machten einige wenige Länder sich aus, dass Öl international in US-Dollar gehandelt werden soll. Inzwischen sind jedoch viele andere Player am Markt, der (Petro-)Dollar lief Gefahr, nicht mehr die Leitwährung im Ölhandel zu sein. Das haben die USA mit dem (völkerrechtlich illegalen und vom US-Kongress nicht genehmigten) Angriff auf Venezuela nun verhindert.

Öl als Machtfaktor ist altes Denken

Trump kann das nutzen, um dann zu sagen, wie gut es der Wirtschaft in seiner Regierungszeit geht – und um damit eigentliche nationale wirtschaftliche Herausforderungen komplett zu überdecken. Und dafür braucht es einen Angriff mit über 100 Toten. Geht es eigentlich noch zynischer? Das ist altes Denken in Reinkultur. Aber wir wissen ja inzwischen: Die US-Führung durchschreitet in ihrer Argumentation nur noch selten das Tor der Logik.

Und so nebenbei: Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es eine verdammt gute Satire – auf der einen Seite bemüht sich Trump um Frieden im Nahen Osten oder verhandelt munter in der Ukraine mit und ist dann beleidigt, dass er den Friedensnobelpreis nicht bekommen hat, und auf der anderen Seite bricht er schnell mal so nebenbei das Völkerrecht in Venezuela.

Wir sind mitten im Kampf um Ressourcen

Aber ganz ehrlich, es macht mich langsam mürbe: Der Angriff auf Venezuela wird als Kampf gegen die Drogen verkauft, und in Wirklichkeit geht’s um Schweröl. Und es ist ja nicht das einzige Beispiel:

Trump erklärt, die USA – wörtliches Zitat – BRAUCHEN Grönland. Was bisher auch nicht der Fall war; Grönland gehört zu Dänemark. Aber auch hier, oh Überraschung, „dank“ Klimawandel könnte ausgerechnet Grönland (abgesehen von seiner wichtigen militärstrategischen Lage) neue Ressourcen freigeben, darunter auch – oh Überraschung – Öl.

Trump erklärt, Kolumbien sei auch noch spannend, weil so ein Drogenpfuhl. Und schon wieder, was für eine Überraschung, auch Kolumbien ist rohstofftechnisch interessant: Öl, Steinkohle und ähnliche, jetzt nicht rasend umweltverträgliche Ressourcen gibt es dort in rauen Mengen.

Erneuerbare Energien? Papperlapapp!

Was merken wir? Anstelle sich auf einen Kampf gegen den Klimawandel einzulassen, finden Kämpfe um Ressourcen statt, die – auch aufgrund des Klimawandels – immer weniger und damit immer begehrter werden. Bin ich die Einzige, die sich da an den Kopf greift? Ich glaube, das Ding mit den erneuerbaren Energien will Trump schlicht und einfach nicht kapieren, es entspricht nicht seinem Weltbild und eine Unterstützung von erneuerbaren Energien würde außerdem bedeuten, dass die Regierung Trump zugibt, dass dieses Ding mit dem menschengemachten Klimawandel doch stimmen könnte.

Extremwetterereignisse? Extremtemperaturen? Wasserknappheit? Papperlapapp, hat es immer schon gegeben. Alles Hysterie. Wirtschaft ist wichtiger. Vor einigen Jahren behaupteten das nur noch wenige. Heute hat sich der Wind gedreht: Auf Nachhaltigkeit zu pfeifen ist in, Klimaschutz ist out. Nicht nur unter der breiten Masse, sondern vor allem auch in Politik und Wirtschaft.

Wir können so nicht weitermachen

Wie oben schon geschrieben: De facto geht es nur um Macht. Macht, die auf alten Regeln und damit alten Energieformen fußt. Weil so hat es schon mal über Jahrzehnte funktioniert, so soll es auch weitergehen. Der Haken an der Sache – abgesehen von Kriegen und seinen vielen sinnlosen Opfern natürlich – ist, dass der wichtigste aller Aspekte einfach komplett ignoriert wird: Unser Planet. Wenn ich jetzt schreibe, wir können so nicht weitermachen, dann meine ich das nicht nur aus ethischer Sicht, sondern ganz pragmatisch: Bald werden wir so nicht mehr weitermachen können, weil es auf einem kochenden Planeten einfach nicht mehr gehen wird. Und mich frisst bis dahin die Wut, dass Menschen mit altem Denken und unstillbarem Machtstreben unser aller Zukunft zerstören.

Das schau ich mir nämlich an, wie man seine erfolgreiche Wirtschaft feiert, wenn man gleichzeitig die 50 Grad im Sommer erreicht und alle paar Monate ein Taifun übers Land wetzt und alles mit sich ins Verderben reißt. Wer wird dann wohl schuld gewesen sein?

PS: Ach übrigens, gestern war Pollutocrat Day. Seit gestern hat das reichste 1 Prozent der Weltbevölkerung sein „klimaverträgliches“ CO2-Budget für das gesamte Jahr verbraucht. Trump hatte seines bereits am 2. Jänner verballert gehabt.

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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