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Österreich sucht den Fußball-Visionär

8 Min
Wer wird Peter Schöttels Nachfolge?
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Nach dem Rauswurf von Sportdirektor Peter Schöttel sucht der ÖFB einen Visionär für Österreichs Fußball. Aber wer soll das sein? Wer will ihn finden? Und: Welche Rolle spielen Ralf Rangnick und Peter Stöger dabei?


    • Peter Schöttel wurde nach neun Jahren als Sportdirektor des ÖFB entlassen, Nachfolger mit klaren Konzepten werden gesucht.
    • Die Auswahl des neuen Sportdirektors soll professioneller und weniger von Netzwerken und Machtpolitik beeinflusst werden.
    • Kandidaten wie Sebastian Prödl, Marc Janko und Andreas Herzog werden diskutiert, ein externer Personalberater begleitet das Auswahlverfahren.
    • Peter Schöttel wurde nach neun Jahren als ÖFB-Sportdirektor entlassen.
    • Jahresgehalt des neuen Sportdirektors: ca. 200.000 Euro brutto.
    • Kandidaten: Sebastian Prödl (39), Marc Janko (42), Dominik Thalhammer (55), Andreas Herzog (58).
    • Der Strategieprozess des ÖFB soll Ende 2026 abgeschlossen sein.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Josef Pröll macht keinen Hehl aus seinen Motiven. Der ÖFB-Boss hat ein Jahr lang mit vielen Leuten über Peter Schöttel gesprochen und dabei eine zentrale Frage vernommen: „Wie aktiv nimmt der Sportdirektor seine Aufgaben wahr?“ Die Antwort folgte zuletzt: Schöttel wurde nach neun Jahren im Amt hinausgeworfen.

Der Fußball-Bund sucht nun einen Visionär, der mit Hirnschmalz und Hingabe eine geniale Strategie entwickelt – von der Talente-Ausbildung bis zur Verbandstaktik – um langfristig im Konzert der Großen mitzuspielen. Viele Namen werden kolportiert: Sebastian Prödl, Peter Stöger, Andreas Herzog. Das übliche Kandidaten-Karussell.

Der ÖFB auf Personalsuche füllt ein langes Kapitel – zwischen Situationskomik und Schrecken. Persönliche Befindlichkeiten und Bösartigkeiten der Funktionäre standen da schon im Mittelpunkt. Etwa im Jahr 2017, als Entscheidungsträger den machtbewussten Sportdirektor Willi Ruttensteiner absägten und ihn kurzerhand ohne wirkliche Kompetenz-Prüfung durch Schöttel ersetzten. Pröll will das nun anders machen. Er erwartet, dass sich „Menschen mit klaren Konzepten bewerben“. Machtpolitik soll der Vergangenheit angehören. Es sei wichtig, „nicht aus irgendwelchen Netzwerken zu entscheiden“, wo manche Funktionäre Wiener bevorzugen und andere Deutsche ablehnen. Die deutliche Botschaft lautet: Konzepte statt Klüngelei.

Aber ist das so einfach im Fußball-Bund, in dem viele Interessen mitspielen, der traditionell nach anderen Prinzipien funktioniert, in dessen Entscheidungs-Gremium neun Landesfürsten sitzen, dazu die Bundesliga?

„Soll ich einen Lebenslauf schicken?“

Mehrere Entscheidungsträger erzählen der WZ, dass sie bereits aufgrund ihres Netzwerkes viele Anfragen von arbeitslosen Trainern und früheren Nationalteam-Spielern erhalten haben, oft verbunden mit der Frage: „Soll ich einen Lebenslauf schicken?“ Die Funktionäre galten in der Vergangenheit als ideales Einfallstor für Altstars auf Arbeitssuche. Oft wurden Liebkinder von Landesfürsten als Nachwuchs-Teamchefs geparkt und großzügig mit einer Langzeitanstellung versorgt. Auch Peter Schöttel kam einst so zum ÖFB.

Dabei ist der Sportdirektor des Verbandes die zentrale Figur im heimischen Fußball, der die großen strategischen Fragen zu beantworten hat: Wo entwickelt sich der Fußball hin? Wie sollen die Talente ausgebildet werden? Welcher Spielstil wird bei den ÖFB-Auswahlen forciert?

In der breiten Öffentlichkeit wird Ralf Rangnick als Gestalter und Verbandsvisionär wahrgenommen. Der Deutsche war oft in seiner Karriere Sportchef, er baute das Red-Bull-Fußballimperium auf und führte kleine Dorfklubs an die Spitze. Auch im ÖFB gab er aufgrund des Vakuums, das ihm Schöttel eröffnete, die Richtung vor, lieferte Ideen und sah das große Ganze – vom Nachwuchs bis zur Nationalarena. Dabei ist der Deutsche im Fußball-Bund nur als Trainer angestellt. Die große Vision müsste eigentlich ein Sportchef erdenken.

200.000 Euro brutto Jahresverdienst

Doch wer im Land könnte diese Rolle einnehmen? Etwa 200.000 Euro brutto kann der Sportdirektor beim ÖFB im Jahr verdienen, wie der WZ bestätigt wurde. Zum Vergleich: Der Teamchef erhält das Zehnfache. Heimische Top-Kandidaten fallen so schnell weg: Christoph Freund vom FC Bayern oder Andreas Schicker von der TSG Hoffenheim lukrieren in Deutschland weit mehr Geld.

Dennoch: ÖFB-Boss Pröll hat sich auf die Fahnen geheftet, dem interessengesteuerten und lange heillos zerstrittenen Verband mehr Professionalität zu verleihen. Ein Anforderungsprofil wurde erarbeitet. Und bald werden in kleiner Runde Gespräche geführt. Präsentieren müssen die Bewerber ihre Konzepte vor den ÖFB-Geschäftsführern, also dem Juristen Thomas Hollerer und dem Betriebswirt Bernhard Neuhold. Noch dabei: Pröll selbst sowie seine Stellvertreter, der Manager Philip Thonhauser und der Jurist Johannes Wutzelhofer.

Dabei zeigt sich ein Grundproblem von Fußballvereinen und Verbänden. Während den Trainer in der Regel ein fachlich qualifizierter Sportdirektor aussucht, müssen bei der Wahl des Sportdirektors Funktionäre ran, denen oft einschlägiges Fußballfachwissen fehlt. Oft sind diese dann auf Einflüsterer angewiesen. Auch jetzt tummeln sich reihenweise Männer um die Entscheidungsträger, die sich Gehör verschaffen, oft auch aus eigenen Interessen.

Ex-Präsident Leo Windtner zog einst eine hochkarätige Sport-Kommission hinzu. Und Gerhard Milletich, der dem ÖFB 2022 vorstand, verzichtete bei der Teamchefsuche auf die Meinung von Altstars und Funktionärskollegen. Er holte sich lieber den Rat vom international geschätzten Christoph Freund, der Sportchef bei RB Salzburg war und heute für den FC Bayern arbeitet. Der überlegte, welcher Trainer gut zum ÖFB-Nationalteam passen könnte, rief dann prompt Rangnick an, machte ihm die Sache schmackhaft und bereitete so den Boden für eine Erfolgsära. Bei der Sportdirektorensuche will man nun etwas anders vorgehen.

Prödl, Janko, Herzog – oder ein ganz anderer?

Der ÖFB wird einen externen Personalberater hinzuziehen. Der soll dann die Präsentationen der Bewerber verfolgen, ihre Konzepte bewerten und eine Potentialanalyse durchführen. Dabei wird getestet, wie tiefgehend der künftige ÖFB-Sportchef im Thema steckt und welche Visionen er unter Druck entwickeln kann.

In Gesprächen mit Funktionären und ÖFB-Insidern sind immer wieder konkrete Namen herauszuhören:

Sebastian Prödl, 39, ist derzeit Nachwuchs-Chef im ÖFB. Der Ex-Nationalteamspieler und Servus-TV-Experte hat eine UEFA-Managementausbildung abgeschlossen und wird von einigen Funktionären für sein Auftreten, seine gewählte Rhetorik und Strebsamkeit gelobt. Andere wiederum werfen ihm fehlende Erfahrung vor – und den Makel, keine Profi-Trainerlizenz vorweisen zu können. Dazu kommt: Prödl kam auf Drängen von Ralf Rangnick zu seinem ÖFB-Job, weshalb er verbandsintern als Vertrauter des Deutschen wahrgenommen wird. Einige befürchten, er könnte bloß die Wünsche des Teamchefs erfüllen, aber keine eigene Linie vorgeben.

Marc Janko, 42, war schon als ÖFB-Teamspieler ein kritischer Geist, der intern Probleme ansprach und Entwicklungen vorantreiben wollte. Auch als TV-Experte für Sky benennt er Baustellen im heimischen Fußball. Sein Nachteil: Er hat ähnlich wie Prödl keine Erfahrung in der Führung eines Vereins oder Verbandes.

Dominik Thalhammer, 55, war ÖFB-Frauen-Teamchef sowie Trainer des LASK und gilt als Fußball-Intellektueller, der sich zu vielen Themen im österreichischen Fußball kluge Gedanken macht, aber von Ex-Profis gerne als Theoretiker schubladisiert wird.

Andreas Herzog, 58, war immer wieder als Teamchef im Gespräch. Der Ex-Nationalspieler war lange Co-Trainer von Jürgen Klinsmann in den USA und Südkorea, er trainierte Israel und Admira Wacker. Zuletzt trat Herzog als meinungsstarker TV-Experte in Erscheinung, der im ÖFB-Nachwuchs mehr Fokus auf Dribbelkünstler forderte.

Die Rolle von Peter Stöger

Im ÖFB-Aufsichtsrat gibt es mehrere Sichtweisen. Die einen finden Gefallen an markigen Typen wie Herzog. Andere fänden einen jungen, modernen Typen reizvoll. Was man in Gesprächen mit Funktionären immer wieder hört: Der Sportchef darf nicht nur das A-Nationalteam im Blick haben, sondern muss auch die 2000 Vereine im Land, die neun Landesverbänden, den Frauenfußball sowie den Nachwuchstalente-Bereich gut betreuen. Einigen Länderchefs, so ist herauszuhören, wäre ein guter Ansprechpartner für die Interessen des Breitenfußballs wichtiger als ein verkopfter Visionär, der bloß das Zugpferd Nationalteam voranbringen will. Deshalb fallen auch weniger klingende Namen wie von Ex-Nationalspieler Martin Stranzl, der sich gerne mit dem Nachwuchs beschäftigt. Oder von Günther Kreissl, dem ehemaligen Sportchef von Sturm Graz, der beim ÖFB in den laufenden Strategieprozess involviert ist.

Der Fußball-Bund steht jedenfalls unter Zeitdruck. Denn der Strategieprozess soll mit Ende des Jahres abgeschlossen sein und dann für zumindest fünf Jahre gelten. Das Problem: Je später der neue Sportchef gefunden wird, desto weniger kann er seine eigene Vision einbringen. Er wäre also eine Art König ohne Land.

Deshalb hätten einige am liebsten kurz nach der Schöttel-Entlassung schon einen Nachfolger präsentiert. Laut WZ-Informationen soll Peter Stöger ein heißer Kandidat gewesen sein. Stöger, der einst in Köln und Dortmund zum Trainerstar aufstieg, aber bei seinen letzten Stationen erfolglos blieb, wäre 2022 fast ÖFB-Teamchef geworden. Die Vorstellungs-Pressekonferenz war bereits geplant. Doch dann übernahm Rangnick. Aus Stögers Umfeld hört man, dass ihn der Sportdirektor-Posten nicht interessieren soll, er dagegen irgendwann gerne noch Teamchef werden wollen würde. In der aktuellen Sportdirektoren-Frage kommt Stöger trotzdem eine kleine, aber nicht unwesentliche Rolle zu. Pröll, der ihn aus gemeinsamen Zeiten bei der Wiener Austria gut kennt, steht in regem Austausch mit ihm und legt Wert auf seinen Rat und seine Einschätzungen.

Rangnicks Netzwerk

Ob das internationale Netzwerk von Teamchef Rangnick angezapft wird, ist dagegen noch nicht ganz klar. Fest steht: Der Mann würde mehr fähige Menschen im Fußballbetrieb kennen als alle ÖFB-Funktionäre zusammen. Auf WZ-Nachfrage heißt es aus dem Aufsichtsrat: Jedem aus Rangnicks Umfeld stünde eine Bewerbung frei. Aber im Entscheider-Kreis verfestigt sich die – auch von der heimischen Altkicker-Bubble beförderte – These, dass der Pressing-Fußballstil des Teamchefs generell an Bedeutung verliert, dieser Zugang dem österreichischen Nachwuchs sogar schadet und der neue Sportchef vor allem mit Österreichs Fußballwelt vertraut sein sollte. Bei der Sportdirektorensuche dürfte der Teamchef deshalb eine untergeordnete Rolle spielen. Ein Funktionär meint zur WZ: „Wir müssen bei der Bestellung des neuen Sportdirektors über Rangnick hinausdenken“.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Das Entscheidungsgremium im ÖFB ist der Aufsichtsrat, in dem 13 Funktionäre sitzen, darunter die Präsidenten der neun Landesverbände, drei Bundesliga-Vertreter und ÖFB-Chef Josef Pröll. Dort wird in den nächsten Wochen darüber entschieden, wer neuer Sportdirektor wird. Eigentlich wäre die Personalie bei den beiden operativen Geschäftsführern des Verbandes gelegen, doch aufgrund der strategischen Bedeutung wird darüber im Aufsichtsrat entschieden.
  • Der ÖFB-Sportdirektor hat ein breites Aufgabenfeld. Er ist einerseits für die A-Nationalmannschaft und die Nachwuchsnationalteams zuständig, andererseits für den Breitenfußball, die vielen Nachwuchs-Akademien, die Talente-Ausbildung und die 2000 Vereine im Land. Dazu kommen Mädchen- und Frauenfußball, die Trainerausbildung sowie der Austausch mit den neun Landesverbänden.
  • ÖFB-Chef Josef Pröll hat zuletzt erklärt, dass bei dieser Personalie „als Lehre aus der Geschichte“ Konzepte im Vordergrund stehen sollen. Ein Anforderungsprofil soll in den nächsten Tagen öffentlich und transparent präsentiert werden, dazu wird der Personalsuche ein Headhunter hinzugezogen.

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