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Österreich weiß zu wenig über seine Berge

7 Min
In den kommenden Jahren ist mit immer mehr Felsstürzen zu rechnen, doch eine flächendeckende Überwachung der immer schneller voranschreitenden Veränderungen durch den Klimawandel fehlt.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Der Klimawandel hat gefährliche Folgen für die Stabilität der Alpen. Ähnliche Ereignisse wie im Himalaya können auch bei uns vorkommen. Klimaforscher Jan Beutel warnt vor Felsstürzen hierzulande und kritisiert gravierende Lücken bei der Überwachung.


WZ I Eva Stanzl
Der verheerende Bergsturz mit Sturzflut im Himalaya forderte hunderte Menschenleben und machte Dörfer dem Erdboden gleich. Kann etwas Derartiges auch bei uns passieren?
Jan Beutel
Ja, Katastrophen-Kaskaden (eine Katastrophe zieht die nächste nach sich, Anm.) sind auch bei uns möglich, allerdings in kleineren Dimensionen als in Nepal, wobei die Lage in den Ostalpen weniger kritisch ist als in den höheren Westalpen.
WZ I Eva Stanzl
Wo sind die Hotspots?
Jan Beutel
Bergstürze können überall dort passieren, wo es hoch und steil ist und das Felsmaterial versagt. Wenn dann noch ein Fluss oder Bergsee in der Nähe ist und, wie in Nepal, ein Gletscher mitgerissen wird, ist man prinzipiell dabei.
In Sölden sah man, was passiert, wenn Starkregen auf lockeres Gestein trifft.
Jan Beutel
WZ I Eva Stanzl
Wo sind die Orte der Gefahr konkret?
Jan Beutel
Die Hotspots befinden sich in hochalpinen Talschlüssen, deren steile Flanken besonders anfällig für sehr große Bergstürze sind. Gefahr droht etwa im hinteren Ötztal bei Obergurgl in Tirol, wo ein Blockgletscher, das Hochebenkar, vier Kilometer vom Ort entfernt seit vielen Jahren immer schneller rutscht. Sollte er abstürzen, wäre der Skiort direkt betroffen. In Sölden hat man erst im August erlebt, was passiert, wenn Starkniederschläge auf lockeres Gesteinsmaterial treffen. Und nicht zuletzt ist die Region rund um das Kraftwerk im Kaunertal im Bezirk Landeck betroffen.
WZ I Eva Stanzl
Welche Katastrophen gab es noch?
Jan Beutel
Beispielhaft waren die Ereignisse am Fluchthorn. Am 11. Juni 2023 ist von dem Bergmassiv in der östlichen Silvretta an der Grenze zwischen Österreich und der Schweiz der Südgipfel de facto heruntergebrochen. Dabei hat sich ein Gletscher pulverisiert, und die gesamte Sturzmasse ist anschließend in einen See gefallen.
WZ I Eva Stanzl
In Nepal werden die Ursachen erforscht – was war der Auslöser am Fluchthorn?
Jan Beutel
Eine Ursache für den Felssturz am Fluchthorn war der Rückgang des Permafrostes. Damit ist ein Stabilitätsverlust der Bergspitze einhergegangen. Das ewige Eis in diesen Höhen hält loses Gestein im Hochgebirge zusammen und verhindert damit auch das Eindringen von Wasser. Wenn die Erderwärmung das Eis zum Schmelzen bringt, rinnt flüssiges Wasser in die Bergritzen hinein. Wenn dieses Wasser im Felsen im Winter dann wieder zufriert, dehnt es sich aus und erzeugt neue oder auch größere Klüfte. Mit den Jahren wird der Berg instabiler, und dieser Prozess wird durch den Klimawandel vorangetrieben. Zudem schützen an sich die Gletscherdecken den Felsen davor, dass Wasser direkt in die Felsritzen eindringt. Wenn sie verschwinden, gibt es relativ gesehen mehr Fläche, auf der Permafrost vorherrscht – und die instabil werden kann, wenn das Eis taut.
Forscher:innen halten nur noch die Luft an, so schnell verändert sich alles.
Jan Beutel
WZ I Eva Stanzl
Wie werden diese Entwicklungen bei uns in den Alpen überwacht?
Jan Beutel
Österreich hat, was den hochalpinen Raum betrifft, ein unvollständiges Wissensbild der Geschehnisse. Wir haben kein staatlich mandatiertes, flächendeckendes Monitoring zu den Veränderungen durch den Klimawandel. Die Dokumentation des Gletscherrückgangs wird zumeist von hochmotivierten Wissenschaftler:innen, Freiwilligen und dem Alpenverein durchgeführt, die teilweise an den Wochenenden bei Wanderungen, die sie selbst finanzieren, die entsprechenden Klimavariablen aufzeichnen. Auch beim Permafrost haben wir kein langfristiges Monitoring. GeoSphere Austria ist zwar dran, aber es gibt derzeit dort auch keine eigene Planstelle für dieses hochrelevante Fachgebiet.
WZ I Eva Stanzl
Wie bitte? Österreich überwacht bloß lückenhaft, was der Klimawandel in den Alpen anrichtet, obwohl ununterbrochen neue Berichte über den Rückgang der Gletscher und über Fels- und Murenabgänge durch die Medien gehen?
Jan Beutel
Genauso ist es. Es gibt niemanden mit Fachkompetenz und Erfahrung, der sich um ein koordiniertes, systematisches Monitoring und die Auswertung der spezifischen Klimavariablen der alpinen Kryosphäre (Gesamtheit des Vorkommens von Wasser in Form von Eis oder Schnee, Anm.) kümmert. Hinzu kommt, dass diese Aktivitäten langfristig finanziert und betrieben werden müssen. Denn es ist eine Katastrophe, die sich selbst verstärkt, und wir Forscher:innen halten, wenn wir derzeit in die hohen Berge schauen, mittlerweile nur noch die Luft an und schütteln den Kopf, wie schnell sich alles verändert.
Es ist ein bisschen so, als wären wir keine guten Skifahrer trotz unserer Berge.
Jan Beutel
WZ I Eva Stanzl
Gibt es denn wirklich gar keine Initiative vonseiten des Staates, um die Lage klar zu sehen?
Jan Beutel
Doch, die gibt es seit Anfang dieses Jahres. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat ein bundesweites Monitoring für Bergstürze und Großrutschungen namens geomonitor.at gestartet mit dem Ziel, einheitliche Entscheidungsgrundlagen im Risikomanagement in Österreich zu schaffen.
WZ I Eva Stanzl
Wie weit ist man seit Jänner gekommen?
Jan Beutel
Es hat ein erstes Meeting stattgefunden, das auf viel Interesse gestoßen ist und sehr gut gelaufen ist, und das ist wirklich zu loben. Aber noch sind keine neuen Messanlagen entstanden, und noch gibt es keinen jährlichen Bericht zu den Veränderungen. Ich hoffe, dass man bald konkreter wird, denn Österreich ist ein Land mit hochalpiner Charakteristik, und neben der Vorhersage von Naturgefahren werden diese spezifischen Klimavariablen im internationalen Kontext in Brüssel und New York benötigt, und dort sind wir derzeit nur Zweiter. Das ist ein bisschen so, als wären wir keine guten Skifahrer trotz unserer vielen Berge.
Vor der Veränderung der Berge warnen Klimaberichte. Die Reise ist also gebucht.
Jan Beutel
WZ I Eva Stanzl
Wird das in anderen Ländern besser gemacht?
Jan Beutel
In den Westalpen in Frankreich oder besonders in der Schweiz sind die Monitoring-Standards sehr hoch. Man kombiniert historische Aufzeichnungen und Karten mit aktuellen Satellitendaten aus dem All, permanenten GPS-Messungen der Oberflächenbewegungen am Boden, Seismik und Temperaturmessungen in vielen tiefen Bohrlöchern und verarbeitet die gesammelten Daten mit KI. Man darf zudem nicht vergessen, dass die ersten Bergwetterstationen in den Alpen um 1880 etabliert wurden und dass der Alpenraum heute sein spezifisches Know-how in die ganze Welt exportiert. Umso unglücklicher ist es, wenn Österreich zwar die Lawinengefahr mustergültig überwacht, sich aber zu anderen Auswirkungen des Klimawandels in den hohen Lagen in einer „Geht schon, passt schon“-Mentalität wiegt.
WZ I Eva Stanzl
Heuer war der heißeste Sommer in Österreich in der Messgeschichte. Welche Folgen erwarten Sie im Gebirge?
Jan Beutel
Davor, dass sich die Berge verändern, warnen Klimaberichte seit Jahrzehnten. Die Reise ist also gebucht. Die Wärme ist schon in den Bergen drin, der Tauprozess läuft. Damit sich alles wieder beruhigt, bräuchten wir fünf, sechs sehr kalte und extrem schneereiche Winter, sodass der Schnee auch über den Sommer liegen bleibt. In den kommenden Jahren ist daher mit immer mehr Felsstürzen zu rechnen, auch mit Kaskadenprozessen, die Gletscher involvieren und die auch Fluten auslösen können. Das alles ist auch bei uns absolut möglich.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Jan Beutel ist Professor für Technische Informatik an der Universität Innsbruck. Sein Forschungsinteresse gilt drahtlosen Sensornetzwerken, mit denen er Veränderungen im Gebirge beobachtet. Seit 17 Jahren untersucht er in einem Freiluftlabor am Matterhorn den Zustand der Felsen, den Permafrost und das herrschende Klima. Seine Daten, die es erlauben, den Klimawandel im Hochgebirge quantitativ zu verstehen und mögliche Naturgefahren einzuschätzen, bilden Grundlagen für Vorhersagen.

Daten und Fakten

  • Die Sturzflut in Nepal und Tibet am 26. August 2026 im Himalaya-Gebirge traf dutzende Siedlungen vor allem in den nepalesischen Distrikten Rasuwa und Nuwakot. Der durch einen Gletscherabbruch und einen Bergsturz ausgelöste Murenabgang, der sich entlang eines Flusslaufs zu einer Sturzflut entwickelte, verursachte massive Schäden in bewohnten Gebieten. Mindestens 1.050 Todesopfer wurden bis Redaktionsschluss in Nepal bestätigt, insgesamt galten bis dahin 5.000 Personen als vermisst.
  • Am 28. Mai 2025 zerstörte ein gewaltiger Bergsturz und Gletscherabbruch das Schweizer Dorf Blatten im Lötschental im Kanton Wallis zu großen Teilen. Bereits am 19. Mai wurden alle 300 Bewohner des Dorfes evakuiert, weil sich Felspartien am Kleinen Nesthorn in den drei Tagen zuvor um 17 Meter bewegt hatten und ein Kollaps des Gesteins nicht mehr ausgeschlossen werden konnte.
  • Schwere Unwetter haben am 30. Juli diesen Sommer in Sölden im Tiroler Ötztal im Bezirk Imst zu Murenabgängen geführt. Nahe des Ortsteils Vent verlegte eine Mure eine Straße, rund 30 Personen mussten in Sicherheit gebracht werden. Man verzeichne Sachschäden, verletzt wurde niemand.
  • Alpiner Permafrost ist ein wichtiges Element der Kryosphäre in den Alpen, jedoch bleibt er im Vergleich zu den Gletschern unsichtbar. Nur Blockgletscher sind eindeutig erkennbare Landschaftsformen des Permafrosts. Die Bedeutung von Permafrost kann laut dem Alpenverein nicht hoch genug eingestuft werden: er ist ein sensibler Klimazeiger und erfüllt eine bedeutende Rolle in Sachen Hangstabilität, Hydrologie und Naturgefahren.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien


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