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Ohne Studium kein Job? Nein, ohne Job kein Studium!

7 Min
Keine Zeit zum Lernen: Schon neun Wochenstunden Nebenjob können sich negativ auf den Studienerfolg auswirken.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser.

Mehr als zwei Drittel der Studierenden in Österreich arbeiten neben der Uni, die meisten aus finanzieller Not. Das hat Konsequenzen für ihren Studienerfolg.


    • Die meisten Studierenden in Österreich, die neben ihrem Studium arbeiten gehen, tun dies, weil das Geld sonst nicht reichen würde.
    • Schon neun Wochenstunden Nebenjob können sich negativ auf den Studienerfolg auswirken.
    • Soziale Ungleichheit wird durch hohe Erwerbsquoten und geringe finanzielle Unterstützung verschärft, besonders für Studierende ohne Akademikereltern.
    • Die ÖH fordert deshalb dringend eine Anhebung der Studienbeihilfen und eine Ausweitung der Berechtigten.
    • 69 Prozent der Studierenden in Österreich arbeiten neben dem Studium, die meisten mehr als 20 Stunden pro Woche.
    • Nur 11 Prozent erhalten Studienbeihilfe, durchschnittlich 684,25 Euro pro Monat.
    • Rund zwei Drittel der Studierenden leben unter der Armutsgefährdungsgrenze.
    • Maximale Studienbeihilfe: 1.211 € pro Monat, Armutsgrenze: 1.661 €.
    • In Österreich sind Eltern grundsätzlich verpflichtet, ihre Kinder bis zum Abschluss der Ausbildung zu erhalten.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Studiere etwas Ordentliches, dann kriegst du nachher einen guten Job.“ Der Satz, den ich in meiner Jugend gehört habe, muss heute umgedreht werden: „Suche dir einen guten Job, dann kannst du dir ein Studium leisten.“ Mittlerweile arbeiten nämlich 69 Prozent der Studierenden in Österreich zusätzlich zum Lernen an der Uni, berichtet die Österreichische Hochschüler_innenschaft (ÖH), die meisten davon mehr als 20 Stunden. Bei einem 30-Stunden-Vollzeitstudium kommen sie also auf eine 50-Stunden-Woche oder sogar mehr.

30 Stunden studieren, 30 Stunden arbeiten

Drei Viertel von ihnen könnten ihr Studium ohne ihre Erwerbstätigkeit gar nicht finanzieren. So erzählt mir Johannes (27), der hinter einem Zeitungsstand vor der Universität Wien steht, dass dies nur einer von insgesamt drei Nebenjobs ist:

„Ich studiere Geographie, Raumforschung und Raumordnung und bin unter anderem an der Uni als wissenschaftliche Hilfskraft angestellt. Zusätzlich bin ich auch als Tutor tätig. Es war mir wichtig, dass ich neben dem Studium etwas mache, das mir in meinem Fach auch etwas bringt. Aber momentan verteile ich auch noch Zeitungen vor der Uni. Normalerweise arbeite ich pro Woche etwa 15 bis 20 Stunden und studiere 20 bis 30 Stunden. Jetzt gerade sind es aber insgesamt 30 Wochenstunden Arbeiten und etwa 20 bis 30 Stunden, die ich in meine Bachelor-Arbeit zu investieren versuche.

Studienbeihilfe habe ich am Anfang bekommen. Aber ich glaube, mittlerweile verdiene ich zu viel dafür. Außerdem bin ich wahrscheinlich auch über die Altersgrenze beziehungsweise über die maximale Studienzeit drüber. Aber mit meinen Jobs kann ich mich auch so ganz gut über Wasser halten. Ohne Arbeiten ginge es allerdings nicht. Allein für Wohnen und Lebensmittel gebe ich um die 800 Euro im Monat aus. Ein bisschen was bleibt mir schon übrig, aber übers Jahr hinweg gebe ich wohl alles wieder aus. Im Zweifel könnte ich mich finanziell auf meine Mutter verlassen, diesen Luxus haben andere nicht. Aber ich möchte ihr auch nicht auf der Tasche liegen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Unternehmen heute bei Bewerber:innen bereits Arbeitserfahrung voraussetzen. Es wird erwartet, dass man schon neben dem Studium einen Job hatte.“

Ein paar hundert Euro Beihilfe für elf Prozent der Studierenden

An sich sind in Österreich die Eltern verpflichtet, ihre Kinder finanziell zu versorgen, auch über die Volljährigkeit hinaus ohne eine bestimmte Altersgrenze, bis sich diese selbst erhalten können. Bei Studierenden gilt dies ebenso wie bei Lehrlingen grundsätzlich bis zum Abschluss der Ausbildung. Ist zu wenig Geld da, kann staatliche Studienbeihilfe beantragt werden, die nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt ist. Bei jenen, die sich seit mindestens vier Jahren mit einem Mindesteinkommen von 11.000 Euro pro Jahr selbst erhalten haben, spielt das Einkommen der Eltern keine Rolle.

Rund zwei Drittel der Studierenden leben unter der Armutsgefährdungsgrenze.
ÖH-Vorsitzende Selina Wienerroither

Allerdings haben zuletzt nur 41.945 der 373.751 ordentlichen Studierenden in Österreich – also elf Prozent – überhaupt Studienbeihilfe bekommen. Und die maximale Studienbeihilfe beträgt 14.532 Euro im Jahr, was 1.211 Euro im Monat entspricht, also 450 Euro unter der von der Armutskonferenz definierten Armutsgefährdungsschwelle von 1.661 Euro. Der Durchschnitt liegt bei 684,25 Euro im Monat. „Rund zwei Drittel der Studierenden leben unter der Armutsgefährdungsgrenze. Das ist ein sozialpolitisches Versagen“, kritisierte die ÖH-Vorsitzende Selina Wienerroither jüngst in einer Aussendung und forderte dringend eine Erhöhung der Studienbeihilfe zumindest an die Armutsgrenze und eine Erweiterung der Bezugsberechtigten. Außerdem sollte der Antrag auf Studienbeihilfe automatisch bei der Inskription erfolgen.

Irene Bachofner, die Leiterin der Wiener Stipendienstelle, kennt die Problematik. Durch eine Anhebung der Einkommensgrenzen bei den Eltern könnte die soziale Treffsicherheit erhöht werden, meint sie auf Anfrage der WZ. Und sie weist darauf hin, dass Studierende von der Inflation sehr stark betroffen sind. Deshalb wird die Höhe der Studienbeihilfe und auch der Zuverdienstgrenze jährlich an die Teuerung angepasst. Allerdings gibt der Staat schon jetzt rund 305 Millionen Euro für Studienbeihilfen aus, ist aus dem Wissenschaftsministerium zu erfahren.

Nachts schlafen oder doch lieber büffeln?

Wie wichtig eine stabile finanzielle Absicherung für Studierende ist, zeigt eine Erhebung des Instituts für höhere Studien (IHS), laut der sich bereits neun Wochenstunden Erwerbstätigkeit merklich negativ auf den Studienerfolg auswirken. Die 22-jährige Melli aus Graz, die in Wien Psychologie und Soziologie studiert, kann nur müde lächeln, als ich ihr das erzähle. Sie muss längst mehr Zeit in ihre Nebenjobs als in ihr Studium investieren, um über die Runden zu kommen:

„Ich bekomme Studienbeihilfe, aber die frisst allein schon die Miete für mein Elf-Quadratmeter-Zimmer in Floridsdorf auf – und das ist fast eine gute Stunde von der Uni entfernt. Deshalb muss ich mir was dazuverdienen. Derzeit arbeite ich neben einem typischen Student:innenjob auch noch bei einem Universitätsprojekt mit. Finanziell bringt es mir wenig ein, aber ich hoffe, dass es mir für das Studium hilft. Bloß ist es extrem zeitaufwendig, weil ich dafür regelmäßig nach Graz fahren muss.

Ich habe die vergangenen zwei Nächte fast nicht geschlafen.
Studentin Melli (22) hatte untertags vor lauter Arbeiten keine Zeit zum Lernen

Freund:innen treffen? Daran brauche ich gar nicht zu denken. Ich habe die vergangenen zwei Nächte fast nicht geschlafen, sondern für zwei Prüfungen durchgebüffelt, weil ich davor keine Zeit zum Lernen hatte. Was mich auch beschäftigt: Je mehr ich neben dem Studium arbeiten muss, desto größer ist die Gefahr, dass ich länger bis zum Abschluss brauche. Und irgendwann muss ich dann auch noch mehrere hundert Euro Studienbeitrag pro Semester zahlen, weil ich die Studienzeit überschritten habe. Und ich habe jetzt schon Angst davor, dass ich irgendwann versehentlich eine Einkommensgrenze überschreite und die Studienbeihilfe verliere oder die Sozialversicherung mir eine fette Nachforderung schickt.

Statt mir all das anzutun, könnte ich natürlich einfach im Kindergarten arbeiten – ich habe ja die BAfEP (Bildungsanstalt für Elementarpädagogik, Anm.) abgeschlossen. Aber ich möchte mir meinen Berufstraum erfüllen und forensische/kriminologische Psychologin werden. Und es geht wahrscheinlich auch ein bisschen um meinen Stolz: Ich war die Erste in meiner türkischen Familie, die studiert.“

Ungleichheit wird verschärft

Mellis Beispiel macht deutlich, warum Bildung in Österreich vererbt wird. Zwei Drittel der Studierenden in Österreich kommen aus Akademiker:innenhaushalten – deren Anteil an der Gesamtbevölkerung ist allerdings gering, da nur ein Fünftel der erwerbsfähigen Bevölkerung überhaupt einen Hochschulabschluss hat. Das tertiäre Bildungssystem dürfte aber allmählich durchlässiger werden: Unter den Studienanfänger:innen haben bereits mehr als die Hälfte Eltern ohne Hochschulabschluss.

Die Erwerbsquote ist gerade bei ihnen besonders hoch, berichtet die ÖH und weist auf ein weiteres Problem hin: Wer kein Geld und keine Zeit für zusätzliche Vorbereitungskurse hat, ist bei Aufnahmetests im Nachteil. Weil dadurch die soziale Ungleichheit verstärkt wird, lehnt die ÖH jegliche Zugangsbeschränkungen klar ab.

Ich finde, dass das Einkommen extrem niedrig sein muss, um etwas zu kriegen.
Student Pius (23) über die Studienbeihilfe

Dem 23-jährigen Wirtschaftsinformatikstudenten Pius ist sein Privileg bewusst, neben der Uni arbeiten zu können, aber nicht zu müssen:

„Ich muss nicht ums Überleben kämpfen, wollte aber unabhängig sein und bin schon auch immer stolz darauf gewesen, dass ich mir meine Sachen selber finanziere. Deshalb habe ich angefangen zu arbeiten – auch, weil ich gemerkt habe, dass mein Leben nicht ganz so produktiv ist, wenn ich nur studiere. Zudem hatte und habe ich das Gefühl, dass du dir mittlerweile durch reine Ausbildung, ohne Berufserfahrung, schwer tust im Berufsleben. Ich arbeite jetzt 20 Stunden pro Woche, und das ist neben einem Vollzeitstudium mit viel Präsenzpflicht echt genug. Aber ich würde sagen, dass es sich lohnt. Studienbeihilfe bekomme ich keine, weil meine Eltern zu viel verdienen. Wobei ich finde, dass das Einkommen extrem niedrig sein muss, um etwas zu kriegen.“

Was, wenn die Eltern kein Geld hergeben?

Die ÖH weist noch auf einen Punkt in Bezug auf die Unterhaltspflicht durch die Eltern hin: „Manche Familiensituationen sind so schwierig, dass den Kindern zwar Geld zustehen würde“, sagt ÖH-Sprecher Pepe Loibner, „aber sie bekommen es einfach nicht. Oder es ist mit viel emotionaler Belastung verbunden, es einzufordern.“ Eine Situation, die Selina (24) kennt:

„Um mir mein Studium von daheim finanzieren zu lassen, hätte ich Kontakt zu meinem Vater halten müssen, denn wer zahlt, schafft an. Das wollte ich aber nicht. Ich habe lange Zeit Studienbeihilfe bekommen, bin jetzt aber über der Studienzeit für mein Erststudium. Jetzt muss ich arbeiten, um mir mein Studium und die Miete in Wien weiter leisten zu können.

Mein jüngerer Bruder bekommt Familienbeihilfe und Studienbeihilfe. Aber das sind nur ein paar hundert Euro, weil unsere Eltern zu viel Gehalt versteuern. Das, was er da bekommt, reicht definitiv nicht für die Miete.“


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Florian Atzmüller ist Pressesprecher von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner.
  • Irene Bachofner leitet die Stipendienstelle Wien und ist Stellvertretende Leiterin der Studienbeihilfenbehörde.
  • Pepe Loibner ist Sprecher der Österreichischen Hochschüler_innenschaft.
  • Johannes, Melli, Pius und Selina wollten ihre Nachnamen lieber nicht nennen. Alle vier studieren in Wien, kommen aber aus anderen Bundesländern.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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