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Papa riecht schon wieder nach Alkohol

6 Min
Jedes Kind reagiert anders. Oft zieht es sich zurück.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser, Bildquelle: Adobe Stock.

Wenn ein Elternteil alkoholkrank ist, verändert das das Leben der gesamten Familie. Am wenigsten Beachtung finden dabei oft jene, die nicht fliehen können: die Kinder.


    • Luna litt jahrelang unter der Alkoholkrankheit und Depression ihres Vaters, was ihr Familienleben stark belastete.
    • Das Umfeld ignorierte die offensichtlichen Probleme, wodurch Luna sich isoliert und nicht ernst genommen fühlte.
    • Psychotherapeutin Elvina Gavriel betont, dass Langzeitfolgen für Kinder individuell sind, aber oft Misstrauen und Unsicherheit entstehen.
    • In Österreich leben rund 150.000 Kinder mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil.
    • Kinder suchtkranker Eltern erleben häufig ein Fehlen von verlässlichen Bindungen und emotionaler Zuwendung, die für ihre Entwicklung wichtig wären.
    • Kinder übernehmen in suchtbelasteten Familien oft Rollen, die eigentlich den Eltern vorbehalten wären.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen


Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Suizid und psychische Erkrankungen. Falls du auf diese Themen sensibel reagierst, lies bitte nicht weiter oder wende dich an eine vertraute Person.

„Hat sich Papa heute vielleicht das Leben genommen?“ Gedanken wie diese kreisen durch Lunas Kopf (Name von der Redaktion geändert). Sie steht vor der Garagentür und ihr Blick schweift auf den Türgriff. Sie zögert, aus Angst davor, was sie hinter der Tür erwarten könnte. Ihr Vater war zu der Zeit alkoholkrank und zeigte depressive Verstimmungen. Ab ihrem 16. Lebensjahr wiederholte sich diese Szene täglich. „Es war über Jahre hinweg jedes Mal meine Befürchtung, mit einer Welle von Erleichterung, wenn es nicht der Fall war“, erklärt die heute 31-Jährige.

Luna lebt schon lange nicht mehr mit ihrem Vater unter einem Dach. Doch die Erfahrungen aus ihrer Jugend begleiten sie bis heute, auch wenn er inzwischen trocken ist.

Mit ihren Ängsten und Sorgen um ihren Vater ist Luna nicht allein. In Österreich leben laut dem Kinderhilfswerk rund 150.000 Kinder in einem Haushalt, in dem mindestens ein Elternteil alkoholkrank ist. Auf Social Media trauen sich immer häufiger junge Menschen, von ihren Familienverhältnissen, Alkoholmissbrauch und den Folgen davon zu berichten.

Fatale Veränderungen

„Ich finde, es tut noch viel mehr weh, wenn man sich daran erinnern kann, wie es davor war“, stellt Luna fest. Bevor ihr Vater dem Alkohol verfiel, waren ihre Eltern sehr gesellig. Sie gingen gemeinsam auf Feiern und lachten viel. Das Familienleben war geprägt von Leichtigkeit. Gemeinsame Mahlzeiten und lockere Gespräche über den Alltag oder Diskussionen über tiefgreifendere Themen waren selbstverständlich.

Doch mit 16 Jahren spürte sie, dass etwas nicht mehr stimmte. „Wenn ich von der Schule nach Hause gekommen bin, ist er auf der Couch gelegen und hat geschlafen.“ Immer häufiger zog er sich in den Keller zurück, kam anschließend lallend wieder hoch und stellte Fragen, die er kurz zuvor schon gestellt hatte. Er vergaß eine Sprachreise seiner Tochter, die er bereits bezahlt hatte, und stellte der Katze Cornflakes statt Katzenfutter in den Napf. Gespräche mit ihrem Vater waren für Luna irgendwann sinnlos. „Wenn er sich dann nicht mehr daran erinnert, warum sollte ich dann noch mit ihm reden?“, erklärt sie. Der exzessive Alkoholkonsum ihres Vaters führte schließlich auch dazu, dass er seine Arbeit verlor.

„Kinder spüren sehr schnell das etwas in der Familie nicht stimmt“, erklärt die Psychotherapeutin Elvina Gavriel. Wie sie darauf reagieren, hänge stark von den Erfahrungen Zuhause sowie ihren Persönlichkeitsmerkmalen ab. Häufig komme es jedoch zu deutlichen Veränderungen im Verhalten: Manche Kinder tragen ihre Belastung nach außen, sie werden laut, unruhig oder aggressiv. Andere Kinder ziehen sich eher zurück, wirken stiller, traurig oder entwickeln Ängste. Diese seien besonders gefährdet, weil sie im Alltag leichter untergehen können, da sie weniger auffallen als jene, die laut oder störend auftreten. Dennoch tragen sie oft eine ebenso große Belastung in sich, welche von außen nur wesentlich schwerer zu erkennen sei.

Wenn alle wegschauen

Für Luna begann damit eine, wie sie es nennt, „einsame Zeit“. Einsam auch deshalb, weil weder ihre Mutter noch andere in ihrem Umfeld es wahrhaben wollten, dass ihr Vater ein ernstes Problem hatte. „Zum Beispiel hat unsere Mama ihn oft zum Autofahren eingeteilt, obwohl es offensichtlich war, dass er betrunken war.“ Da Luna am Land lebte und darauf angewiesen war, von ihren Eltern zu Verabredungen gebracht zu werden, blieb ihr oft nur, abzusagen oder Freunde zu bitten, sie abzuholen. Immer wieder spürte sie eine große Wut, aber auch eine tief sitzende Angst um ihren Vater. Für sie war es klar, dass er mit seinem Leben und der Ehe unglücklich war.

Er betrog ihre Mutter, jedoch konfrontierte diese ihn nur kurz und nachdem er dies verneinte, wurde das Thema nicht mehr angesprochen. „Meine Mutter war immer gut darin, über Dinge zu schweigen“, so die 31-Jährige. Luna jedoch sprach sehr wohl über die Probleme und vertraute sich Freund:innen an. „Es war rückblickend ein Hilferuf“, erklärt sie. Dieser wurde aber von niemandem wahrgenommen. Sie fühlte sich nicht gehört und verstand nicht, warum niemand in ihrem Umfeld die Augen öffnete.

Geheim halten für den Frieden

„Familien versuchen derartige Probleme oft zu verbergen, weil sie wissen, dass die Situation problematisch ist und sie negative Konsequenzen befürchten“, erklärt die Psychotherapeutin. Ein offenes Anerkennen von Problemen führe zum Handlungsdruck etwas verändern zu müssen. Das könne bedeuten, dass ein Elternteil die Kinder aus der Situation nimmt, die betroffene Person eine Behandlung beginnt oder, wenn beide betroffen sind, eine Fremdunterbringung der Kinder notwendig wird. „Es ist für die Betroffenen immer mit Ängsten und Herausforderungen verbunden. Genau deshalb werden solche Themen oft nicht offen angesprochen und bleiben im Hintergrund."

Mit 19 Jahren zog Luna für ihr Studium aus. Ein Schritt, der für sie auch eine Art Ausweg bedeutete. Als sie nicht mehr zu Hause lebte, veränderte sich vieles: Ihr Vater machte einen Entzug, trennte sich von ihrer Mutter und gründete schließlich eine neue Familie. In dieser Rolle geht er heute auf und genießt sein Leben wieder. Für Luna bleibt dabei jedoch ein bitterer Beigeschmack, auch wenn sie sich über seine Entwicklung freut. „Mein Vater hat zwar gesagt, dass es nie um uns Kinder gegangen ist, sondern dass die Beziehung mit der Mama nicht funktioniert hat. Es sticht aber trotzdem, weil man sich fragt, warum es jetzt doch funktioniert“, so die 31-Jährige.

Welche Langzeitfolgen sind möglich?

Ob und welche Langzeitfolgen Kinder von Eltern mit Abhängigkeitskrankungen erleben, lässt sich laut Gavriel nicht pauschal beantworten, da die individuellen Erfahrungen sehr unterschiedlich seien. Viel hänge von prägenden Erlebnissen und Belastungsfaktoren in der Familie ab – Beispielsweise von gesundheitlichen Problemen, finanziellen Krisen oder Gewalterfahrungen. „Dennoch lassen sich bestimmte Muster erkennen“, erklärt Gavriel. Manche Betroffene seien im späteren Leben vorsichtiger oder misstrauischer, weil es ihnen schwerfällt, Vertrauen aufzubauen. „Wer über Jahre eine problematische Beziehung miterlebt hat, stellt sich häufig die Frage, ob eigene Partnerschaften gelingen werden.“

Gleichzeitig betont Gavriel jedoch, dass es kein einheitliches Problem gebe für alle Menschen, die in einer suchtbelasteten Familie aufgewachsen sind. Es sei ebenso wichtig, die Ressourcen der Kinder im Blick zu behalten. „Viele entwickeln trotz der schwierigen Situation große Stärke, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit. Entscheidend ist, dass sie frühzeitig Unterstützung erhalten, etwa durch verlässliche Bezugspersonen, pädagogische Einrichtungen oder spezielle Hilfsangebote für Kinder aus suchtbelasteten Familien.“

„Ich habe mich von allen Schuldgefühlen meinem Vater gegenüber gelöst“, erklärt Luna. Verziehen hat sie ihm jedoch nicht, denn ein Punkt belastet sie bis heute: „Meine Schwester und ich haben nie eine Entschuldigung von irgendeiner Seite bekommen.“ Beide konnten nichts an der Situation ändern, doch ihr Schmerz wurde nie anerkannt. Stattdessen sahen ihre Eltern nur sich selbst als die eigentlichen Leidtragenden. Deshalb ist Luna überzeugt, dass viel stärker über die Kinder gesprochen werden muss. „Gerade als Kind bist du in einer Position, in der du der Situation nicht entfliehen kannst, aber auch nicht die Macht hast, irgendetwas dagegen zu tun.“

Bist du selbst betroffen oder suchst Hilfe für Angehörige oder Freund:innen? Hier findest du Ansprechpartner:innen:

147 Rat auf Draht

Dialog – Individuelle Suchthilfe

Sucht- und Drogenkoordination Wien

Gesundheit.gv.at: Abhängigkeit/Sucht: Beratung & Hilfe


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Infos und Quellen

Genese

Maria Lovrić-Anušić ist auf TikTok auf Videos von jungen Menschen gestoßen, die von ihren prekären Familienverhältnissen erzählen. Eine Konstante in den Erzählungen ist fast immer Alkohol. Sie erzählen von ihren alkoholkranken Eltern und wie diese gelitten haben. Doch Maria stellte sich die Frage: Wie geht es eigentlich den Kindern?

Gesprächspartner:innen

  • Luna, 31 (Name von der Redaktion geändert)
  • Elvina Gavriel, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin und Fachliche Leitung des „Cognicenter“

Daten und Fakten

  • Kinder suchtkranker Eltern erleben häufig ein Fehlen von verlässlichen Bindungen und emotionaler Zuwendung, die für ihre Entwicklung wichtig wären. Oft sind sie sich selbst überlassen, werden mit traumatischen und überfordernden Situationen konfrontiert, die sie allein nicht bewältigen können. In der Fachliteratur werden sie deshalb oft als „vergessene Kinder“ bezeichnet.
  • Kinder übernehmen in suchtbelasteten Familien oft Rollen, die eigentlich den Eltern vorbehalten wären – ein Phänomen, das als Parentifizierung bezeichnet wird. Für ihre persönliche Entwicklung wirkt sich das hemmend und belastend aus. Häufig entstehen daraus Ängste, Depressionen oder andere psychische Probleme, und nicht selten steigt auch das Risiko, im Erwachsenenalter selbst eine Abhängigkeit zu entwickeln.
  • Zum Schutz von Kindern oder Jugendlichen, etwa bei familiärer Gewalt, kann eine vorübergehende Unterbringung im erweiterten Familienkreis, in einem Krisenzentrum oder in einer Krisenpflegefamilie notwendig sein. In dieser Zeit wird gemeinsam mit den Obsorgeberechtigten und den Betroffenen die Situation geklärt und werden weitere Schritte festgelegt.
  • Die Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) muss eine Herausnahme unverzüglich, spätestens innerhalb von acht Tagen, mit Begründung beim zuständigen Pflegschaftsgericht beantragen. Das Gericht prüft anschließend alle bekannten Gefährdungsaspekte sorgfältig und kann für die Entscheidungsfindung Sachverständige wie die Familiengerichtshilfe oder gerichtlich beeidete Expert:innen hinzuziehen.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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