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Pfandringe: Kleine Ringe, große Würde

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

In Wien suchen immer mehr Menschen nach Pfandflaschen in Mülleimern. Pfandringe ermöglichen ein sauberes Einsammeln ohne direkten Müllkontakt.


Ich bin eine brave Hunde-Gacke-Aufheberin-und-ins-Sackl-Geberin. Diese Gackisackis hau ich immer in den nächsten öffentlichen Mülleimer, bei mir in der Gegend gibt es wirklich an jeder Straßenkreuzung mindestens einen solchen. In den letzten Tagen habe ich zwei Mal beobachtet, wie eine ältere Frau genau in diesenm Mülleimer mit dem Arm reingriff und nach Dosen wühlte. Und es ist nicht das erste Mal. Seit Einführung des Einwegpfandes Anfang des Jahres sieht man sehr oft vor allem ältere Menschen im Müll nach Dosen und Plastikflaschen wühlen. Und mit ihren Händen nicht selten auf Hundesch..ße statt Dosen treffen.

Im Abfall nach ein paar Cent suchen – und fast immer sind es ältere Personen, häufig Frauen, meiner Beobachtung nach. Es macht so traurig: An den Mülleimern in der Stadt sieht man die dramatischen Auswirkungen der Pensionsreform vor einigen Jahren, die dazu geführt hat, dass vor allem Frauen sehenden Auges und trotz eines arbeitssamen Lebens in die Fänge der Altersarmut geraten. Und ich weiß nicht, was mehr schmerzt: dass dieser Anblick inzwischen fast normal geworden ist – oder dass wir so tun, als ginge uns das alles nichts an.

Warum nehmen wir ihnen das Geld UND die Würde?

Es ist so unglaublich würdelos. Und es lässt mich zum ersten Mal wirklich intensiv an meiner Stadt zweifeln. Nicht nur kürzt die Stadt Wien derzeit kräftig bei der Mindestsicherung zu einem Zeitpunkt, wo das Wohnen und Heizen in der Stadt massiv teurer geworden ist, trifft damit jene, die sowieso schon kaum was haben, und reißt damit aktiv die soziale Schere noch weiter auf. Und das in Wien, wo bewusst Gemeindebauten schon vor 100 Jahren mitten in Villenviertel gebaut wurden, um die Gesellschaft besser zu durchmischen. Es ist zum Weinen. Nein, die Stadt Wien lässt ihre Bevölkerung auch im Müll wühlen, zwischen Essensresten, Gackisackis und Verpackungen nach Dosen und Plastikflaschen suchen.

Graz, Innsbruck, Salzburg und Linz schaffen, was Wien ablehnt: Sie haben Pfandringe montiert. Pfandringe sind einfache Metallhalterungen, die an öffentlichen Mistkübeln montiert werden. Dort können leere Dosen und Flaschen hineingesteckt werden, statt sie in den Restmüll zu werfen. Wer Pfand sammelt, kann sie herausnehmen, ohne in den Mist greifen zu müssen. Kein Wühlen, kein Gestank, keine entwürdigenden Verrenkungen. Nur ein sauberer Handgriff – für beide Seiten.

Auf Rückfrage bei der MA48 wurde mir mal informell erklärt, dass man auf Metropolen wie Köln, Hannover oder Berlin schaue und sehe, dass Pfandringe keinen Mehrwert bringen. Sie seien sozial nicht treffsicher und verstärken Littering, weil man halt alles rund um die Pfandringe abstelle, und nicht nur Pfanddosen IN den Ringen. Und außerdem sei es teuer. All das lässt sich auch in diversen Medienartikeln nachlesen. Dort steht allerdings auch, dass die Erfahrungen mit Pfandringen nicht so einseitig negativ sind, wie die MA48 tut.

Ganz so einseitig negativ ist die Sache nicht!

Ok, - einmalig - teuer lass ich gelten (wobei: wie viel kosten die Imagekampagnen der Stadt eigentlich?), und auch das Argument mit dem zusätzlichen Müll rund um die Pfandringe stimmt anscheinend auch – es gibt also wirklich auch valide Gründe gegen Pfandringe. Aber ich finde es sehr, sehr traurig, dass mit sozialer Treffsicherheit argumentiert wird: Wenn jemand fremde Dosen und Flaschen sammelt, um sich ein paar Euro im Supermarkt zu „verdienen“, der oder die braucht das Geld auch. Punkt. Es gibt viele Gründe, warum Menschen diese paar Euro brauchen, und ich nehme mir nicht das Recht heraus, sie zu kategorisieren und zu hierarchisieren, um von sozialer Treffsicherheit reden zu können.

Ich dreh’ die Geschichte mal um: Mir ist es gerade im Sommer auch ein-, zweimal passiert, dass ich mir ein eisgekühltes Dosengetränk gekauft und es gierig getrunken habe und dann dachte, ok, soll ich die Dose jetzt einstecken und mir damit die Tasche einsauen, damit ich 25 Cent wieder zurückbekomme? Oder soll ich’s in den Mülleimer werfen? Wie kann sie bei jemandem landen, der oder die sie braucht? Der Mülleimer-Gedanke widerstrebte mir, gerade weil ich nicht die Person sein will, die „den Armen auch mal was gönnen will“ und sie dafür zu entwürdigenden Handlungen nötigt. Ich möchte nicht der Grund sein, dass jemand im Müll stöbern muss.

Wohin mit den Dosen unterwegs?

Wo kann ich Getränkeverpackungen mit Pfand also in der Öffentlichkeit hingeben, wenn nicht zu Pfandringen? Auf den Boden stellen? Das ist halt leider illegal und hätte teuer werden können, also bitte nicht machen, wenn man an seinem Geld hängt. Ich möchte aber nicht dazu verpflichtet werden, mein Pfand nur an die eine Organisation zu spenden, die mir der Supermarkt empfiehlt. Gerade Pfanddosen könnten eine so unmittelbare und schnelle Art sein zu helfen, durch die sich jemand ein warmes Abendessen leisten könnte. Es wäre also greifbare Sozialpolitik im Kleinen.

Pfandringe sind keine Sozialreform. Sie ersetzen keine faire Mindestsicherung, keine leistbaren Wohnungen, keine gerechte Steuerpolitik. Aber sie sind ein sichtbares Zeichen dafür, dass man den Menschen zumindest eines zugesteht: Nicht im Müll nach Geld suchen zu müssen. Viele österreichische und deutsche Städte tun das bereits. Wien, du kannst das auch.


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Infos und Quellen

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