Zum Hauptinhalt springen

Phänomen Bad Bunny: Weltweit gehypt, hierzulande underrated

5 Min
Bad Bunnys neues Album dreht sich um Gentrifizierung, Widerstand, kulturelle Identität und Familie.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Während sein popkultureller Einfluss hierzulande weitestgehend unbeachtet bleibt, fährt Bad Bunny einen Rekord nach dem anderen ein. Seine aktuelle Konzertreihe ist ein Lehrstück in puerto-ricanischer Geschichte.


    • Bad Bunny thematisiert in seiner Musik Gentrifizierung, kulturelle Identität und Widerstand gegen die Kolonialisierung Puerto Ricos.
    • Seine Konzertreihe in San Juan stärkt gezielt die lokale Wirtschaft und schützt Einheimische vor negativen Effekten des Tourismus.
    • Trotz weltweitem Erfolg und großer Fanbasis wird Bad Bunny im deutschsprachigen Raum medial kaum beachtet.
    • Puerto Rico wurde 1898 von den USA annektiert, ist aber kein Bundesstaat.
    • Bad Bunny spielt 30 Shows in San Juan vor über 400.000 Besucher:innen.
    • Die Konzertreihe soll rund 200 Millionen US-Dollar in Puerto Ricos Wirtschaft bringen.
    • Bad Bunny hat über 49 Millionen Follower auf Instagram und ist meistgestreamter Spotify-Künstler.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Sie wollen mir den Fluss und den Strand wegnehmen. Sie wollen meine Nachbarschaft und meine Oma vertreiben“: Das singt Bad Bunny in seinem Song „Lo que le pasó a Hawaii“, zu Deutsch so viel wie „Was mit Hawaii passiert ist“. Hawaii wurde im Jahr 1959 zum 50. US-Bundesstaat erklärt, nachdem die Insel 1898 von den USA annektiert wurde. Eine der Folgen: Die Zurückdrängung der einheimischen Bewohner:innen und ihrer Kultur. Bad Bunny will keinesfalls, dass das auch mit seiner Heimat Puerto Rico passiert. Puerto Rico ist ein sogenannter Freistaat, ein Außengebiet der Vereinigten Staaten, das ebenfalls 1898 von den USA annektiert, aber bisher nicht zum Bundesstaat wurde.

Mit seinem Wunsch, das auch so beizubehalten, ist Bad Bunny nicht allein, wie er mit seiner aktuellen Konzert-Residency „No Me Quiero Ir de Aquí“ („Ich will hier nicht weg“) zeigt, die seit Mitte Juli läuft und am 14. September endet. Der Name hat einen ernsten Hintergrund: Aufgrund schlechter wirtschaftlicher Bedingungen und Naturkatastrophen migrieren viele Puerto Ricaner:innen in die USA, während reiche US-Amerikaner:innen die Insel, die als Steueroase gilt, vereinnahmen. Darum dreht sich Bad Bunnys aktuelles Album „Debí Tirar Más Fotos“ (oft abgekürzt als „DtMF“; zu Deutsch: „Ich hätte mehr Fotos machen sollen“): um Gentrifizierung, Widerstand, kulturelle Identität und Familie.

Ticketverkauf auf Wochenmärkten und Rückbesinnung auf traditionelle Sounds

Ganze 30 Mal spielt er seine Show im José Miguel Agrelot Coliseum in San Juan vor insgesamt mehr als 400.000 Besucher:innen. Die ersten neun Shows öffnete Bad Bunny exklusiv für in Puerto Rico ansässige Personen, verkauft wurden die Tickets unter anderem auf lokalen Märkten. Die restlichen Tickets standen der Allgemeinheit zum Kauf offen – laut Schätzungen soll die Konzertreihe etwa 200 Millionen in die marode Wirtschaft Puerto Ricos pumpen. Eine kleine Einschränkung gibt es jedoch für die nicht einheimischen Besucher:innen: Tickets wurden in Kombination mit Zimmern in lokal betriebenen Hotels verkauft, um zu vermeiden, dass Tourist:innen ihr Geld in Airbnbs investieren, die Wohnraum für Einheimische gefährden.

Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.

Wiener Zeitung Logo

Cookie Einstellungen

Ohne Cookies funktioniert die Website wienerzeitung.at nur eingeschränkt. Für eine sichere und einwandfreie Nutzung unserer Website werden daher technisch notwendige Cookies verwendet. Für die Darstellung von Inhalten von Drittanbietern (YouTube und APA) werden Session-Cookies gesetzt. Bei diesen kann eine Datenübermittlung in ein Drittland stattfinden. Ihre Einwilligung zur Setzung genannter Cookies können Sie jederzeit unter "Cookie Einstellungen" am Seitenende widerrufen oder ändern. Nähere Informationen zu den verwendeten Cookies finden sich in unserer Datenschutzerklärung und in unserer Cookie-Policy.

Bad Bunnys Kunst ist zutiefst politisch – und das nicht erst seit „DtMF“. Während er zu Beginn seiner Karriere dicke Goldketten trug und zu Trap-Sounds rappte, zeigte seine Musik mit den Jahren immer mehr traditionell puerto-ricanische Einflüsse, eine inhaltliche und musikalische Rückbesinnung auf die Geschichte. „Er mischt Plena [ein traditionelles Genre aus Puerto Rico], Salsa und all diese karibischen Rhythmen miteinander. Benito hätte das nicht tun müssen. Er hätte weiterhin über teure Autos sprechen können, über sein Leben in Monaco oder Privatjets. (...) Wenn wir an Puerto Rico denken, denken wir an Freude, Strände, ein tropisches Paradies, aber es gibt hier andere Realitäten. Benito nutzt seine Plattform, um die koloniale Dimension aufzuzeigen“, sagt Jorell Meléndez-Badillo gegenüber dem englischsprachigen Newsportal Vox. Er ist Professor für lateinamerikanische und karibische Geschichte und hat mit Bad Bunny an Visualizern für die Songs seines aktuellen Albums gearbeitet. Dafür hat er Recherchen zur puerto-ricanischen Kolonialgeschichte und Kultur angestellt.

Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.

Wiener Zeitung Logo

Cookie Einstellungen

Ohne Cookies funktioniert die Website wienerzeitung.at nur eingeschränkt. Für eine sichere und einwandfreie Nutzung unserer Website werden daher technisch notwendige Cookies verwendet. Für die Darstellung von Inhalten von Drittanbietern (YouTube und APA) werden Session-Cookies gesetzt. Bei diesen kann eine Datenübermittlung in ein Drittland stattfinden. Ihre Einwilligung zur Setzung genannter Cookies können Sie jederzeit unter "Cookie Einstellungen" am Seitenende widerrufen oder ändern. Nähere Informationen zu den verwendeten Cookies finden sich in unserer Datenschutzerklärung und in unserer Cookie-Policy.

Der Cousin, der es geschafft hat

Er sagt auch: „Benito ist wie ein Cousin. Dieser eine Cousin, der es geschafft hat.“ Dass er es geschafft hat, mag auf den ersten Blick bemerkenswert erscheinen. Vielleicht, weil Bad Bunny konsequent auf Spanisch singt und rappt (übrigens im puerto-ricanischen Dialekt) und auch in Interviews Spanisch spricht. Es würde ihn kommerziell gesehen vermutlich noch weiter in ungeahnte Höhen katapultieren, würde er sich an den englischsprachigen Markt anbiedern.

Dabei wird eines gerne vergessen: Sein Erfolg erscheint nur dann bemerkenswert, betrachtet man ihn aus einer euro- oder US-zentristischen Perspektive. Ihm folgen auf Instagram derzeit über 49 Millionen Menschen. Bad Bunny ist seit Jahren der meistgestreamte Künstler auf Spotify, schaffte es erstmals mit einem spanischsprachigen Album an die Spitze der „Billboard 200 Charts“ und in die Nominierungen für die Grammy-Kategorie „Album of the Year“. Bad Bunnys Tour führt ihn 2026 übrigens auch nach Europa, aber nicht in die kontinentalen USA. Das findet er aktuell nicht „notwendig“, wie er gegenüber „Variety“ sagt.

Dass sein popkultureller Siegeszug hierzulande zumindest medial weitgehend ignoriert wird, ist schade und auch ein bisschen peinlich. Man kann nämlich ziemlich viel von Bad Bunny, seinen Inhalten und seinen Fans lernen, für die seine Musik nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch Identität bedeutet. Yarimar Bonilla, Fan und politische Anthropologin, sagt über Bad Bunny und seine „No Me Quiero Ir de Aquí“-Show: „Für diejenigen von uns, die in der Diaspora leben, fühlt es sich an, als würde man uns vergeben. Es fühlt sich wie eine Anerkennung dessen an, dass wir unfreiwillig gegangen sind, diesen Ort nie vergessen haben und immer ein Teil davon sein werden.“

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Genese

Alle zwei Wochen schreibt Verena Bogner hier über Popkultur und was diese über unsere Gesellschaft aussagt. Dass Bad Bunny trotz seines Erfolges, seines Impacts und seiner spannenden Inhalte im deutschsprachigen Raum so underreported ist, findet sie schade. Deswegen gibt es diesen Text.

Daten und Fakten

  • Bad Bunny, mit bürgerlichem Namen Benito Antonio Martínez Ocasio, ist ein Sänger und Rapper aus Puerto Rico. Er macht Reggaeton-Musik, vermischt das Genre aber mit vielen anderen Einflüssen. Vor über zehn Jahren veröffentlichte er seinen ersten Song auf Soundcloud, den Mainstream-Durchbruch schaffte er mit einem Feature auf Cardi Bs Song „I Like It“. Seitdem hat er drei Grammys, elf Latin Grammys und viele andere Awards gewonnen.
  • Puerto Rico ist das größte und einwohnerstärkste Außengebiet der USA. Der Inselstaat liegt in der Karibik und besteht aus einer Haupt- und kleineren Nebeninseln. Puerto Rico hat eine lange Kolonisationsgeschichte und wurde 1898 während des Spanisch-Amerikanischen Krieges von den USA besetzt. Seit 1917 erhalten alle Puerto-Ricaner:innen die US-Staatsbürgerschaft. Sie dürfen nicht an den US-Wahlen teilnehmen. Immer wieder fanden in der Vergangenheit Volksbefragungen dazu statt, ob Puerto Rico unabhängig oder Bundesstaat der USA werden soll. 2024 stimmten 57 Prozent für letzteres und 31 Prozent für die Unabhängigkeit.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte