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Pro und Contra: Brauchen wir Latein im Stundenplan?

4 Min
Brauchen wir Latein im Stundenplan?
© Illustration: WZ

Bildungsminister Christoph Wiederkehr will die Lateinstunden im Gymnasium kürzen. WZ-Redakteur Simon Plank findet das super, seine Kollegin Eva Sager eher weniger. Ein lebendiger Streit über eine tote Sprache.


Im alten Rom würde man sagen: Die Würfel sind gefallen. Oder anders, sie rollen zumindest. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) hat vergangenen Herbst eine große Reform des Bildungssystems angekündigt und es dabei wohl auf das Schulfach Latein abgesehen. Seinen konkreten Plan präsentiert er zwar voraussichtlich erst im März, einige Details haben Ö1 und Kronen Zeitung jetzt schon erfahren. Mehr Medienkompetenz, KI- und Demokratiebildung, weniger Latein.

Von Seiten der Gewerkschaft hagelt es wegen der geplanten Lateinkürzung Kritik, Industriellenvertretung und Wirtschaftskammer zeigen sich dagegen erfreut. Die WZ-Redaktion hat sich der Lateinfrage angenommen und Eva Sager und Simon Plank zu einem Streitgespräch geschickt.


Pro Latein-Kürzung: Hic ranted Simon

Ja, ich weiß, hic sedet Julia – aber Julia kann von mir aus … gehen. Es gibt für mich einfach keinen wirklich guten Grund dafür, dass es den Lateinunterricht noch braucht. Es ist und bleibt eine tote Sprache. Sprachen lernen ist super wichtig, ich bin selbst in Südtirol und deswegen praktisch zweisprachig aufgewachsen, aber das sind Sprachen, die ich aktiv in meinem Alltag nutzen kann – nicht nur am Friedhof, um Grabinschriften zu übersetzen.

Von vielen Seiten höre ich die Tage, dass Latein doch so ein guter Grundstein wäre, um neue Sprachen zu lernen. Man könne sich ja vor allem in romanischen Sprachen wie Spanisch oder Französisch viele Worte herleiten. Geschenkt. Jeder, der aber eh schon eine romanische Sprache spricht, kann das auch. Langsam gesprochenes Spanisch kann ich zum Beispiel relativ easy entziffern, ohne es jemals aktiv gelernt zu haben.

Wieso lassen wir die Schüler:innen also nicht statt Latein lieber Spanisch, Französisch oder Italienisch lernen? Sprachen, die von echten Menschen außerhalb der Wissenschaftsbubble gesprochen werden. Oder Sprachen wie Arabisch, Russisch oder Mandarin, Sprachen, die sie in der globalisierten Welt, die vor ihren Klassenzimmern auf sie wartet, brauchen können.

KI-Bildung und Weltsprachen rüsten einen besser für die Zukunft als das Latinum.
WZ-Redakteur Simon Plank

Die Idee den Lateinunterricht zu kürzen und mit Fächern wie KI-Bildung zu ersetzen, finde ich daher tatsächlich sehr gut. Vielleicht sollten wir die restlichen Stunden ja noch auf Demokratie- und Medienbildung aufteilen? Und wer das kleine oder große Latinum im Studium wirklich (!) noch braucht (looking at you, Jus), kann es ja nachholen.

Und ja, dieser Rant kommt von jemandem, der in Latein seine erste und einzige Nachprüfung hatte. Jemandem der nicht gut darin war, und immer wieder mit seiner Lateinlehrerin diskutiert hat. Dieser Rant kommt aber auch von jemandem, der in diese Situation gekommen ist, weil er schon im zarten Alter von zwölf Jahren gecheckt hat, dass er Latein nur für die Schule und nicht fürs Leben lernen wird.

PS: Ja, die Geschichten, die wir übersetzt haben, sind eh nett, aber die kann ich mir auch auf Deutsch durchlesen – oder auf Arabisch, wenn ich das statt fünf Jahren Latein gehabt hätte.


Contra Latein-Kürzung: Hic hyped Eva

Offenlegung: Ich bin eine dieser mystischen Personen, die freiwillig in Latein maturiert haben. Deswegen war in unserer Redaktionssitzung relativ schnell klar, dass ich zur Ehrenrettung dieses Schulfachs schreiten muss. Zum einen, weil ich zu meinem Kollegen Simon gesagt habe, er sei ein „discipulus malus“, der „semper ridet“ (Anm.: Ein schlechter Schüler, der nur am Lachen ist), zum anderen, weil ich dieses Fach wirklich gerne gemocht habe.

Vorneweg: Ich möchte hier keine anstrengenden bildungsbürgerlichen Takes wiederkauen, die Latein derart fetischisieren, als wäre es eine neue Heated Rivalry-Folge. Dafür war auch der „discipulus malus“-Witz am Anfang zu schlecht. Die Welt wird nicht untergehen, wenn Schüler:innen weniger von Ciceros Reden übersetzen.

Mir geht es mehr um die Art der Debatte. Dieses ständige Bewerten, welches Schulfach was wo bringt und ob wir am Ende damit Geld verdienen können. Wenn wir Wissen als Befähigung verstehen wollen, die eigenen Lebensumstände selbstbestimmt zu gestalten, muss es uns um mehr gehen als das, was der Arbeitsmarkt gerne hätte. In der Latein-Diskussion ist das aber immer wieder eines der zentralen Argumente: Für was braucht man das später im Arbeitsleben? Wenn das ab jetzt der Bemessungsgrad für unser Bildungsverständnis sein soll, kann gleich die Industriellenvereinigung unsere Lehrpläne schreiben.

Bildung soll freie Geister schaffen, kein perfektes Humankapital.
WZ-Redakteurin Eva Sager

Wichtig: Das heißt nicht, dass sich die Schule nicht verändern soll. Im Gegenteil, sie muss – und zwar viel grundlegender, als ein bisschen was zur KI in den Stundenplan zu quetschen. Die kleinen Pseudo-Veränderungen aber immer auf dem Rücken jener Fächer auszutragen, deren ökonomische Relevanz einem nicht sofort ins Gesicht springt, finde ich ein wenig zu sehr Business-Podcast-Mindset.

Übrigens, die Stimmen, die ich in der Latein-oder-nicht-Latein-Frage, bisher kaum gehört habe, sind jene der Schüler:innen. Es hat zwar jeder 50-jährige Hans-Peter seine Latein-Erfahrungen geteilt – Selbstreflektion: In diesem Text bin ich Hans-Peter – diejenigen, die es letztendlich betreffen wird, kommen aber endendwollend zu Wort. Vielleicht ist das auch der „Common Ground“, auf den sich alle einigen können. Stichwort: Schüler:innen sollen selbst entscheiden.

Oder wie wir Lateiner:innen sagen: „Faber est suae quisque fortunae.“ („Jeder ist Schmied seines Glücks.“)


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) kündigte im Herbst einen umfassenden Umbau des Bildungssystems an, der auch Änderungen der Lehrpläne vorsieht. Inzwischen zeichnet sich ab, dass künftig unter anderem Künstliche Intelligenz stärker berücksichtigt werden soll, während an Gymnasien der Lateinunterricht gekürzt wird.
  • Die AHS-Lehrervertretung reagierte im Ö1-Mittagsjournal mit deutlicher Empörung. AHS-Gewerkschafter Herbert Weiß (FCG) bezeichnete die geplanten Maßnahmen als „Anschlag auf das Gymnasium“.
  • Die Industriellenvereinigung (IV) bewertete die Pläne in einer Aussendung als „ersten Schritt auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Fächerkanon“.
  • Zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik, darunter Elfriede Jelinek, Peter Handke, Anton Zeilinger sowie die ehemaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky und Heinz Fischer, sprechen sich gegen die Kürzung des Lateinunterrichts aus.

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