Zum Hauptinhalt springen

Rangnick, Milan und der ÖFB – die Hintergründe

7 Min
Vertragsverhandlungen: Rangnick lässt den ÖFB zappeln.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Seit einem halben Jahr verhandelt der ÖFB mit Ralf Rangnick einen Verbleib in Österreich und ließ sich dabei viel Zeit. Nun, knapp vor der WM, funkt der große AC Milan dazwischen. Einblick in komplizierte Gespräche.


Jetzt soll auf einmal alles schnell gehen. ÖFB-Boss Josef Pröll holte sich Anfang Juni die Handlungsvollmacht von seinen Funktionärskollegen, um den Vertrag von Ralf Rangnick zu verlängern. Kurz davor war bekannt geworden, dass der ÖFB einen potenten Nebenbuhler hat: den AC Mailand.

Seit einem halben Jahr ziehen sich die Vertragsverhandlungen. Erst ließ sich der ÖFB viel Zeit und verärgerte Rangnick. Nun lässt Rangnick den ÖFB zappeln.

Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.

Wiener Zeitung Logo

Cookie Einstellungen

Ohne Cookies funktioniert die Website wienerzeitung.at nur eingeschränkt. Für eine sichere und einwandfreie Nutzung unserer Website werden daher technisch notwendige Cookies verwendet. Für die Darstellung von Inhalten von Drittanbietern (YouTube und APA) werden Session-Cookies gesetzt. Bei diesen kann eine Datenübermittlung in ein Drittland stattfinden. Ihre Einwilligung zur Setzung genannter Cookies können Sie jederzeit unter "Cookie Einstellungen" am Seitenende widerrufen oder ändern. Nähere Informationen zu den verwendeten Cookies finden sich in unserer Datenschutzerklärung und in unserer Cookie-Policy.

Eigentlich sollte der Fokus gerade auf der ersten WM-Teilnahme seit 28 Jahren liegen. Das Nationalteam trainiert bereits in Kalifornien. Doch ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Turnier, steht ein Verbleib des Teamchefs – dessen Vertrag nach der WM ausläuft – auf der Kippe. Wohin tendiert Rangnick?

Noch wirkt der Deutsche entspannt. Zuletzt trällerte er auf dem Trainingsplatz in den USA gar zu Rainhard Fendrichs „I am from Austria“. Doch hinter den Kulissen tobt ein Vertragspoker, der sich in den letzten Tagen zugespitzt hat. Ende Mai traf sich Rangnick in Wien mit Vertretern des AC Mailand, die ihm den Posten des Sportdirektors schmackhaft machten. Der italienische Traditionsklub hat seine komplette Führungsetage entlassen und strebt offenbar einen Neuanfang an – mit Rangnick als Mastermind.

Zähe Verhandlungen, Geld und Forderungen

Eigentlich hätte Rangnicks Verbleib beim ÖFB längst fixiert sein können. Die erste Vertragsverlängerung wurde dem Teamchef noch von Prölls Vorvorgänger Klaus Mitterdorfer in Aussicht gestellt, im Mai 2024. Damals hatte Rangnick gerade dem FC Bayern München und einer Jahresgage von 10 Millionen Euro abgesagt. Zum Dank sollte er einen langfristigen Vertrag und eine Kompetenzerweiterung erhalten. Doch dann brachen im ÖFB die üblichen Grabenkämpfe los.

Unter den Funktionären wurde befürchtet, dass der dominante Teamchef den Verband an sich reißen und in eine „Rangnick AG“ verwandeln könnte. Immer wieder kritisierten sie Rangnick öffentlich. Dieser sei „sehr schwierig“, erklärte Wolfgang Bartosch vor einem Jahr, ehe er heuer im Zuge der Verlängerungsgespräche anmerkte, dass ein Österreicher dem Verband „viel billiger“ kommen würde.

Rangnick, den die Zwischenrufe lange irritiert hatten, nahm die Kritik gelassen entgegen. Sein entscheidender Gesprächspartner wurde ÖFB-Chef Pröll. Die erste Verhandlungsrunde fand bereits Anfang Dezember 2025 statt, im Rahmen der WM-Auslosung in den USA. Rangnick und Pröll saßen eine Stunde beisammen – und dabei wurden klare Bedingungen Rangnicks formuliert, die sich vor allem um Professionalisierung drehten.

Doch es ging auch ums Geld. Rangnick war dem ÖFB 2022 finanziell entgegengekommen und akzeptierte eine Million Euro Gehalt pro Jahr. Doch nun wollte er mehr Wertschätzung. Ihm war zu Ohren gekommen, dass sein Vorvorgänger Marcel Koller vor zehn Jahren bereits das Doppelte verdient hatte. Den Funktionären im ÖFB-Aufsichtsrat war das aber zu viel. Das Gehalt für den Schweizer Koller läge ihnen heute noch im Magen, erklärten sie hinter vorgehaltener Hand. Damals hätten sie der Erhöhung vorschnell und von zu viel Euphorie getragen zugestimmt, was dem Verband am Ende teuer kam. Diesen Fehler wollten sie nicht wiederholen.

Funktionärs-Poker

Doch Rangnick ist ein Glücksgriff für den ÖFB. Er hat nicht nur die Nationalmannschaft flottbekommen, bei der EM 2024 die Vorrunde vor Weltmeister Frankreich gewonnen und Österreich wieder zu einer WM gebracht. Der Deutsche versucht auch die Strukturen im verschlafenen Beamtenapparat ÖFB zu modernisieren; er setzt sich für ein neues Nationalstadion ein und lotste vor der WM die zwei Top-Spieler Paul Wanner und Carney Chukwuemeka von den Verbänden aus Deutschland und England nach Österreich. So einen Visionär und Fachmann sollte der Fußball-Bund, ein Unternehmen mit knapp 70 Millionen Jahresumsatz, im Land halten.

Doch die Funktionäre versuchten zu pokern. Und sie dachten, die besseren Karten in der Hand zu haben. Den 67-jährigen Rangnick, erklärten sie hinter vorgehaltener Hand, würde die große Fußballwelt – nach seinen Absagen an den FC Bayern und Dortmund – ohnehin nicht mehr reizen. Also boten sie nur eine geringfügige Erhöhung an, etwas mehr als die bisherige Million Jahresgehalt. Im ÖFB herrscht finanzielle Unsicherheit. Die neun Landesverbandspräsidenten pochen selbst auf mehr Geld – und von den 10 Millionen Euro WM-Prämien, die der Verband von der FIFA erhält, bleibt aufgrund der teuren USA-Reise kaum etwas übrig.

Klausel verärgerte Rangnick

Also kamen vier ÖFB-Sponsoren ins Spiel, die in einem Rangnick-Verbleib ein wichtiges Anliegen sehen: Raiffeisen, IMMOUnited, Uniqa und Sporteo. Sie stellen nun eine Million Euro bereit, um das Teamchef-Salär zu verdoppeln. Doch dann verärgerten einige Landesfürsten Rangnick erneut. Sie pochten auf eine Klausel, wonach der Vertrag bei einem Scheitern in der WM-Vorrunde null und nichtig wäre.

Rangnick geht es nicht vordergründig ums Geld, und auch nicht um kurzfristige Achtungserfolge. Er will den ÖFB, die Nationalmannschaft und den österreichischen Fußball langfristig professionalisieren. Dafür stellte er Bedingungen, etwa bezüglich seines Trainerstabs oder des Managements der Nationalmannschaft. So soll etwa der Aufgabenbereich des Deutschen Lennart Coerdt, den Rangnick im März 2025 als Teammanager zum ÖFB geholt hat, aufgewertet werden. Und faule Äpfel sollen aussortiert werden.

Denn nach der WM gibt es viel zu tun. Die großen Stars wie Alaba, Arnautović und Sabitzer rücken der Sportlerpension näher, einige werden nach dem Turnier im Nationalteam aufhören. Und aus dem Nachwuchs kommen kaum Top-Talente nach. Rangnick, der eine Leidenschaft für Entwicklungen hat, wäre für einen Neuaufbau der geeignete Mann. Während ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel auch verbandsintern Trägheit vorgeworfen wird, lodert in Rangnick viel Feuer. Im März krachte er in eine ÖFB-Sitzung, wo die Sportchefs des Landes – ohne ÖFB-Sportchef Schöttel – gerade über Reformen diskutierten. Rangnick beschwerte sich, keine Einladung erhalten zu haben, und polterte dann los: In Österreich würden zu wenige junge Talente eingesetzt, es würden Fehler in der Ausbildung begangen und kaum kreative Kicker entwickelt.

Beim AC Mailand soll ihm nun in Aussicht gestellt worden sein, was ihn so reizt: viel Freiheit zur Gestaltung. Rangnick könnte zum starken Mann des Klubs werden, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Doch wie beim ÖFB will Rangnick auch von den Italienern die Gewissheit, keinen leeren Versprechungen aufzusitzen. Deshalb möchte er vom Verein, der vom US-Italienischen Milliardär Gerry Cardinale geführt wird, klare Versprechen.

Nebenbuhler da, Wünsche erfüllt

Lange betonte der ÖFB, keine Eile zu haben. Nun passt sich Rangnick dem Tempo an. Für den ÖFB wird gerade zum Problem, was man lange lapidar kleingeredet hat: Rangnicks internationaler Ruf. Auch andere Vereine haben registriert, dass sich die Österreicher bei einer Verlängerung von Rangnick viel Zeit gelassen haben.

Doch der Fußball-Bund kann auch schneller – vor allem, wenn aus dem Nichts ein Nebenbuhler auftaucht. Mittlerweile, so wurde der WZ bestätigt, hat der ÖFB alle Wünsche des Teamchefs erfüllt und hofft nun auf eine Zusage. Verbandsboss Pröll, der sich ein Macherimage verpasst hat und Rangnicks Verlängerung dem Land quasi versprochen hat, erklärte nun eilig: „Der Ball liegt jetzt bei Ralf Rangnick. Wir haben ein klares Signal gesetzt, dass wir ihn und sein Betreuerteam mit den besprochenen Eckpunkten wollen.“

Rangnick fühlt sich in Österreich wohl, er lebt in Salzburg, wurde zum Nationalhelden. Aber die Aussichten beim ÖFB könnten rosiger sein. Der Teamchef grübelt schon länger, ob das Maximum ausgeschöpft sei – oder noch mehr möglich ist. Laut WZ-Informationen hat er aber auch Zweifel, ob in Italien alle Versprechungen eingehalten würden. Und ob er dem Klub, der von vielen Einflüsterern umgeben ist, vertrauen kann.

Immerhin: Beim ÖFB, der es nun auf den letzten Metern doch eilig hat, liegt ein halbes Jahr nach Verhandlungsbeginn ein Vertrag bereit, der nur noch unterschrieben werden müsste.

Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Zum Autor

Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.

Daten und Fakten

  • Der 67-jährige Deutsche Ralf Rangnick ist seit Mai 2022 Teamchef der österreichischen Nationalmannschaft. Er hat das ÖFB-Team ins EM-Achtelfinale 2024 geführt – und zur WM 2026.
  • Nach dem Turnier in den USA läuft aber sein Vertrag aus. Der ÖFB und Rangnick verhandeln seit sechs Monaten miteinander, bislang ohne Ergebnis. Nun liegt seit Anfang Juni ein unterschriftsreifer Vertrag vor, der alle Bedingungen des Teamchefs erfüllt.
  • Der Klub-Boss des AC Milan Gerry Cardinale hat sich im Mai mit Ralf Rangnick in Wien getroffen. Der italienische Spitzenverein hat zuletzt die sportliche Führung entlassen und plant nun einen Neustart. In zentraler Rolle soll Rangnick vorgesehen sein.

Ähnliche Inhalte