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Rangnick-Verlängerung? Skepsis im ÖFB

10 Min
Hinter vorgehaltener Hand meinten in den letzten Monaten manche, dass es auch andere gute Trainer gebe und man sich dem Deutschen nicht mit Haut und Haaren ausliefern dürfe.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquellen: Getty Images. Adobe Stock.

Ralf Rangnick hat Österreichs Fußball salonfähig gemacht. Doch sein Vertrag läuft aus, er hat Kritiker im Verband – und es ist nicht klar, ob der ÖFB ihn unbedingt halten will. Ein Funktionär äußert nun Skepsis.


Ralf Rangnick hat etwas geschafft, das nicht einfach ist. Der Deutsche wurde zum Volkshelden in Österreich. Rangnick wird in große TV-Shows geladen, auf der Straße winken ihm fremde Menschen zu. Die Kronen Zeitung wählte ihn gar zum „Lieblingspiefke“ der Nation.

Der Schwabe ist so beliebt, weil er Österreichs Nationalteam vom Image des Dauer-Gedemütigten befreit hat. Unter ihm wurden Weltmächte wie Deutschland, Italien und die Niederlande besiegt, die Vorrundengruppe bei der EM 2024 vor Frankreich gewonnen – nun fährt er mit Österreich auch zur WM. Erstmals seit 28 Jahren.

Rangnick hat dem Land vermittelt, sich mehr zuzutrauen. Bei Spielen sitzen weit über eine Million Menschen vor den TV-Schirmen und die Stadien sind ständig voll. Fußball ist wieder ein Straßenfeger. Der ORF änderte am Tag nach der WM-Qualifikation gar sein Hauptabendprogramm.

Rangnick und eine ÖFB-Delegation befinden sich derzeit in Washington, wo am 5. Dezember um 18 Uhr die WM-Gegner Österreichs ermittelt werden. Donald Trump wird dabei sein, Robbie Williams und Heidi Klum. Doch während der USA-Reise geht es noch um viel mehr: die Zukunft des heimischen Fußballs.

Trotz aller Erfolge ist nämlich nicht klar, ob Rangnick beim ÖFB bleibt. Das liegt einerseits am Deutschen selbst, der sich bedeckt hält. Aber zu großen Teilen auch am Fußball-Bund, in dem es laut WZ-Recherchen weiterhin kritische Stimmen gibt, was eine Rangnick-Verlängerung betrifft.

Im Juli 2026 läuft sein Vertrag aus. In den USA soll sein Verbleib verhandelt werden. WZ-Informationen zeigen, dass dieser zwar angestrebt wird, der ÖFB seinen Erfolgsbringer aber auch schnell vergraulen könnte.

Wir können eine Organisation nicht immer und immer wieder verändern
Johann Gartner, ÖFB-Aufsichtsrat

Rangnick hat weiterhin Kritiker im ÖFB

Beim Entscheidungsspiel gegen Bosnien zuletzt, als Österreich lange 0:1 hinten lag, hätten einige auf der Ehrentribüne bereits „geschmunzelt“, erzählt ein Insider. „Das Match war nicht schön“, sagt ÖFB-Aufsichtsrat Johann Gartner zur WZ, „die erste halbe Stunde gab es nur Krampf und kein Konzept.“ Schon nach dem EM-Achtelfinal-Aus 2024 monierte ein ÖFB-Funktionär in kleiner Runde, dass Rangnick auch nicht mehr erreicht hätte als dessen viel gescholtener Vorgänger Franco Foda. Der war 2021 ebenso in ein EM-Achtelfinale eingezogen – und dazu bei Funktionären beliebter, weil er sich nirgends einmischte und weniger forderte.

Rangnicks forscher Erfolgsdrang überforderte viele im ÖFB. Er beharrte auf einem größeren Trainerstab, neuen Physiotherapeuten, einem zusätzlichen Teammanager sowie einem eigenen Pressesprecher. Zudem machte er sich für den Ex-Teamspieler Sebastian Prödl in zentraler Rolle stark. „Wir können eine Organisation nicht immer und immer wieder verändern“, klagte Gartner. Der ÖFB müsse „betriebswirtschaftlich denken, wir sind ja nicht Red Bull“.

Eigentlich ist Rangnick ein Schnäppchen für den ÖFB. Der Ex-Trainer von Manchester United und Baumeister des Red-Bull-Fußballprojekts ist hohe Millionengagen gewohnt. Beim ÖFB erhält er aber bloß kolportierte 1,5 Millionen Euro brutto pro Jahr. Eigentlich war sich Sportchef Schöttel vor knapp vier Jahren schon mit seinem Ex-Spieler Peter Stöger einig. Der Vertrag lag vor, die Pressekonferenz war geplant – da rief Rangnick an und sagte trotz des nicht marktüblichen Gehalts zu. Er sehe in den Spielern viel Potential für Erfolg, hielt er fest.

Projekt 2030 abgesagt

Rangnick ging mit Feuereifer an die Arbeit. Er ließ sein Team im Vergleich zu früher offensiv und mutig spielen. Von einem Projekt 2030 war in Rangnicks Umfeld die Rede, also einer Neuaufstellung des heimischen Fußballs mit Vision und Verve. Letztes Jahr im Mai sagte Rangnick dem FC Bayern und einem kolportierten 10-Millionen-Euro-Jahresgehalt ab, weil er seine Mannschaft und das Land bei der EM nicht im Stich lassen wollte. Im Freudentaumel versprach ihm der gerade neu ins Amt gerutschte ÖFB-Präsident Klaus Mitterdorfer via TV eine Vertragsverlängerung und Kompetenzerweiterung – bemerkte aber kurz darauf, dass er damit keine Mehrheit hat. Einige Männer im Aufsichtsrat fürchteten, dass der Deutsche den ÖFB an sich reißen würde; von einer „Rangnick-AG“, die es zu verhindern gelte, war die Rede. Öffentliche Scharmützel folgten. Funktionäre kritisierten Rangnick. Rangnick keifte zurück – und erklärte am Ende verärgert, dass eine Verlängerung für ihn kein Thema mehr sei und er bei einem Scheitern in der WM-Qualifikation von sich aus den Hut nehme.

Nun fährt Rangnick aber zur WM. Sein auslaufender Vertrag hat sich dadurch bis zum Ende des Turniers im Juli 2026 verlängert. Danach endet er. Wie geht es dann weiter?

Rangnick-Verlängerung – Pröll in zentraler Rolle

Rangnick fühlte sich lange wie ein begossener Pudel, der von ÖFB-Funktionäre öffentlich gemaßregelt wurde. Das ärgerte ihn. Er machte sich intern für einen neuen Präsidenten stark, der die Zustände in den Griff bekommt – und mit dem er an seiner großen Vision bauen kann.

Seit Herbst fungiert Ex-Vizekanzler Josef Pröll als ÖFB-Boss. Sein Vorgänger, der nach Mitterdorfers Rücktritt interimistisch bestellte Wolfgang Bartosch, hatte Rangnick noch öffentlich ausgerichtet, „sehr schwierig“ zu sein. Pröll nimmt nun eine verbindende Rolle ein.

Mit Rangnick suchte er sofort das Gespräch. Und nach außen gibt er eine staatsmännische Führungsfigur ab. Das ist auch nötig. Der ÖFB-Aufsichtsrat ist mit neun Landespräsidenten besetzt, die sich lange immer und überall zu Wort meldeten, Querschüsse lieferten, selbst untereinander Streit hatten und so für ordentlich Unruhe sorgten. Nun redet nur noch Pröll. Er sitzt in bedeutenden TV-Talkshows und gibt die Linie vor. Aus dem Rangnick-Umfeld heißt es, dass man das Gefühl habe, es mit einem erfahrenen Top-Profi zu tun zu haben. Und auch Pröll betont, dass er und Rangnick „eine wirklich belastbare Gesprächsbasis“ aufgebaut hätten.

ÖFB-Funktionär Gartner: „Zu gleichen Bedingungen, sonst wird es schwierig“

Pröll will dieser Tage das Gespräch mit Rangnick suchen. Auf Nachfrage gibt er sich bedeckt. Auch seine Kollegen im Aufsichtsrat waren in den letzten Monaten auffällig still. Doch von ihrem Zugang und ihrer Zustimmung ist Pröll letztlich abhängig.

Ein gewichtiges Wort hatte immer schon Johann Gartner, der dem großen niederösterreichischen Landesverband vorsteht und zahlreiche Verbündete hat. Der 74-jährige Ex-Bürgermeister der 3500-Einwohner:innen-Gemeinde Ziersdorf wähnte sich als Dienstältester lange als heimlicher ÖFB-Präsident, der Rangnick öffentlich kritisierte und Pröll als Präsidenten vorschlug. Wie denkt er über eine Rangnick-Verlängerung?

„Wenn er es zu den gleichen finanziellen Bedingungen macht, dann wird es klar sein“, sagt er zur WZ. „Aber sonst wird es schwierig.“ Man dürfe durch die WM nämlich nicht nur mit hohen Einnahmen rechnen, betont er, sondern müsse wegen teurer Quartiere und zusätzlicher Kosten auch mit beträchtlichen Ausgaben kalkulieren.

Rangnicks Plan

Aus Rangnicks Umfeld hört man, dass es ihm nicht vordergründig ums Geld gehe, sonst hätte er beim ÖFB nie unterschreiben oder etwa dem FC Bayern und den vielen Millionen absagen dürfen. Rangnick mache sich gerade vielmehr inhaltliche Gedanken, ob eine weitere Zusammenarbeit sinnvoll ist, heißt es. Generell könne er sich – auch durch die gute Gesprächsbasis mit Pröll – eine Vertragsverlängerung aber durchaus vorstellen.

Forderungen habe er trotzdem. Es geht ihm um seine Arbeitsbedingungen, erfährt die WZ. Rangnick hat sich innerhalb des ÖFB eine eigene Welt erschaffen. Er umgibt sich mit international anerkannten Experten, die mit ihm gemeinsam akribisch am Nationalteam tüfteln. Früher wurden Posten im Betreuerstab gerne an jene mit den besten Kontakten zu ÖFB-Funktionären vergeben. Rangnick will aber keine Freunde, sondern die Fähigsten. Das Nationalteam soll noch professioneller aufgestellt werden. Der Deutsche will sehen, dass es der ÖFB ernst meint mit einem Aufbruch in neue Zeiten.

Eine zentrale Rolle kommt dabei ÖFB-Geschäftsführer Bernhard Neuhold zu. Er hat Rangnick vor knapp vier Jahren seine Wünsche finanzierbar gemacht – und geriet deshalb bei ÖFB-Entscheidungsträgern ins Kreuzfeuer, weil das Geld vermehrt zur Nationalmannschaft floss und weniger in ihre Landesverbände. Rangnick kämpfte gegen Neuholds Absetzung und legte sich gegen dessen beschlossene Kündigung quer.

Rangnick will was bewegen. Und dafür bräuchte man Spielkapital.
Johann Gartner, ÖFB-Aufsichtsrat

Rangnick-Verlängerung? „Ich glaube nicht, dass wir uns das leisten können“

„Rangnick will was bewegen“, erklärt Aufsichtsrat Gartner der WZ. „Und dafür bräuchte man Spielkapital.“ Dann versucht er mit einer Metapher zu umschreiben, worin die Schwierigkeit bei Rangnicks Verlängerung liegt. „Es bringt ja nichts, den größten Dirigenten vor ein Orchester zu stellen, ihm dann aber nicht die Möglichkeit zu geben, die besten Musiker zu haben.“ Die Teamspieler hätten die besten Rahmenbedingungen verdient, sagt Gartner, „aber ich glaube nicht, dass wir uns das leisten können“.

Eigentlich steht der ÖFB derzeit finanziell gut da. Im letzten Jahr wurde ein Rekordumsatz von 70 Millionen Euro erwirtschaftet. Nun warten hohe WM-Prämien im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Zwar wurden die öffentlichen Sportfördermittel leicht gekürzt und auch der neue ÖFB-Campus in Wien-Aspern schreibt noch Verluste – dafür war das Happel-Stadion heuer fast viermal ausverkauft. Alleine die Partie zuletzt gegen Bosnien brachte 1,5 Millionen Umsatz – so viel wie Rangnicks Jahresgehalt ausmacht.

Zu teuer oder zu unbequem?

Hinter vorgehaltener Hand meinten in den letzten Monaten manche, dass es auch andere gute Trainer gebe und man sich dem Deutschen nicht mit Haut und Haaren ausliefern dürfe. Rangnick wäre nicht der erste Erfolgsmanager, den der ÖFB so vertreibt. 2017 montierten Funktionäre Sportchef Willi Ruttensteiner ab, der das Nationalteam in die Top 10 der Welt geführt hatte. Davor hatte er an den Entscheidungsträgern vorbei Teamchef Marcel Koller ausgesucht und durchgeboxt. Ein Affront für die machtbewusste Männerrunde. „Der Willi hat geglaubt, er ist der Präsident“, polterte Gartner damals. Später argumentierte er, dass Koller und Ruttensteiner dem Verband einfach zu teuer geworden waren.

Es hilft nichts, wenn das Volk schreit weil das Volk zahlt ihn ja nicht.
Johann Gartner, ÖFB-Aufsichtsrat

Ex-Vizekanzler Pröll, der auch auf politischer Ebene viel Erfahrung mit Föderalismus gesammelt hat, muss die Lage nun managen, mit Neuhold abklären, was wirtschaftlich machbar ist – und dann die Skeptiker überzeugen.

Im ÖFB stehen entscheidende Jahre an. Spieler wie David Alaba oder Marko Arnautović werden wohl nach der WM aus Altersgründen aufhören – ein Umbruch im Kader wäre die Folge. Rangnick wäre dann in seiner Paraderolle als Entwickler gefragt.

Wohl fühlt sich der Deutsche jedenfalls in Österreich. Er lebt in Obertrum am See und hat Gefallen an Land und Leuten gefunden. Umgekehrt ist es genauso. Rangnick, der lange als spröde und verbissen wahrgenommen wurde, entwickelte hier Charme und ist so beliebt wie noch nie in seiner Karriere. Er genießt die neue Zuneigung.

Ein Vorteil muss das aber noch lange nicht sein. „Es hilft nichts, wenn das Volk schreit“, hält ÖFB-Aufsichtsrat Gartner gegenüber der WZ fest, „weil das Volk zahlt ihn ja nicht.“


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Infos und Quellen

Genese

Ralf Rangnick hat Österreichs Fußball erfolgreich gemacht – in wenigen Monaten aber läuft sein Vertrag aus. WZ-Autor Gerald Gossmann hat recherchiert, ob der Verband mit seinem Erfolgstrainer verlängern will oder ihn womöglich vergraulen könnte – und: ob Rangnick überhaupt bleiben möchte.

Gesprächspartner

  • Zahlreiche Gespräche innerhalb des ÖFB und im Umfeld von Teamchef Ralf Rangnick
  • Johann Gartner, ÖFB-Aufsichtsrat

Daten und Fakten

  • Das Entscheidungsgremium: Im ÖFB Aufsichtsrat entscheiden neun Landesverbandspräsidenten, der Vorsitzende Josef Pröll und drei Vertreter der Bundesliga darüber, wer Teamchef, Geschäftsführer oder Sportdirektor wird. Auch die Verlängerung von Ralf Rangnick wird in diesem Gremium entschieden.
  • Rangnick und das Nationalteam: Rangnick gilt international als Topexperte, der für RB Leipzig, Schalke04 oder Manchester United tätig war. Im Nationalteam umgibt er sich mit international anerkannten Fachleuten. Etwa mit dem Deutschen Lars Kornetka, der etwa schon mit Startrainer Pep Guardiola zusammengearbeitet hat. Im ÖFB wird Rangnick weit unter seinem Marktwert entlohnt – er verdient jährlich kolportierte 1,5 Millionen Euro. Österreichs Nationalteamkader verfügt über einen Marktwert von 216 Millionen Euro. Die größten Stars: David Alaba (Real Madrid), Konrad Laimer (Bayern München), Marcel Sabitzer (Borussia Dortmund), Christoph Baumgartner (RB Leipzig), Marko Arnautovic (Roter Stern Belgrad), Kevin Danso (Tottenham).
  • Die Finanzen: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der ÖFB einen Rekordumsatz von 70 Millionen Euro. Nächstes Jahr bei der WM sind hohe Prämien im niedrigen zweistelligen Millionenbereich zu erwarten. Der ÖFB hat mit seinem neu bezogenen Campus oder der WM-Organisation aber auch erhöhte Ausgaben.
  • WM: Die Weltmeisterschaft findet nächstes Jahr von 11. Juni bis 19. Juli in Mexiko, Kanada und den USA statt. 48 Teams nehmen daran teil, darunter auch Österreich.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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