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Lästige Geldwechsler:innen, kaputte Motoren und haarsträubende hygienische Verhältnisse prägten meine subjektiven Erlebnisse in den 1980ern und frühen 1990ern.
Reisen um das Jahr 1990 herum war anders als heute.
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Vor allem die Sache mit der Orientierung. Während heute Tourist:innen mit Rucksack auf dem Buckel und Google Maps vor der Nase meist punktgenau dorthin kommen, wo sie hinwollten, landete ich als 19-Jähriger in der Fremde häufig irgendwo im Nirgendwo. Damit war ich nicht allein. Das Wiener Stadtbild war im Sommer geprägt von Menschen, die, allein oder zu zweit, oft im Stehen, über papierene Stadtkarten gebeugt rätselten. In Italien, Griechenland oder der Türkei habe ich selbst dann oft den nächstbesten einheimisch Aussehenden nach dem Weg gefragt, was aber oft auch nichts half. Die meisten wollten nicht unhöflich – oder inkompetent – wirken und haben mich lieber in die Irre geschickt, als ein „Keine Ahnung“ zu riskieren.
Intensivere Sozialkontakte
Überhaupt Interrail. Da waren in Ermangelung internetfähiger Smartphones, in die man selbstgenügsam schauen kann, die Sozialkontakte intensiver. Die erwünschten und die unerwünschten. Ich erinnere mich an meine höchstpersönliche Interrail-Reise 1992, als knapp vor der Ankunft in Athen „Working Travellers“ – das waren junge Leute aus West- und Nordeuropa – die Abteile stürmten, um orientierungslose Passagiere in eine überteuerte Herberge abzuschleppen und dort Provision zu kassieren. An den Bahnhöfen wurde man von Geldwechsler:innen mit dicken Bündeln an Scheinen angesprochen, die alle den garantiert besten Kurs anboten. Und selbstverständlich haben wir damals in den Bahnhöfen, vor allem aber im Zug geraucht, was das Zeug hielt. Ich erinnere mich an empörte US-Amerikaner:innen, die auf angebliche Verbote in bestimmten Abteilen hinwiesen, die allen egal waren.
Nicht leicht hatten es in Griechenland junge Rucksacktouristinnen ohne männliche Begleitung. Vor allem abseits der Metropolen Athen oder Saloniki. Die wurden von Griechen hartnäckig und aus heutiger Sicht über die Grenze der Belästigung hinaus umworben. Immer mit der Frage: „Where do you come from?“ Und: „How long do you stay?“ Junge Griechinnen hingegen waren für männliche Jungtouristen wie auch für Griechen auf der Suche nach einem Abenteuer tabu. Da ging es immer noch um die Ehre und darum, später einmal möglichst „unberührt“ einen würdigen Ehemann zu finden.
Strenges Regime in der Jugendherberge
Also blieben die Interrail-Reisenden aus Germany, France, Netherlands und Sweden unter sich. Treffpunkte waren Jugendherbergen, wo nächtens natürlich strenge Geschlechtertrennung herrschte. Außerdem brauchte man einen internationalen Herbergsausweis. Es gab Stockbetten in großen Schlafräumen, nach dem Aufstehen wurde man rausgeschmissen und hatte erst am Abend wieder Zutritt. Sperrstunde und Zapfenstreich waren ziemlich früh, so um 23 Uhr. Die Leute saßen in kleinen Grüppchen herum und unterhielten sich in ihrem Schulenglisch darüber, wo sie gewesen waren, welche Sehenswürdigkeiten sie als Highlight in Eigenregie entdeckt hatten, und gaben einander Tipps. Ich erinnere mich, dass die Konversationen überall recht ähnlich abliefen und mir irgendwann zu langweilig wurden.
Das Auto war kaputt, und meine Mutter musste zur nächsten Telefonsäule pilgern.
Lange Reisen mit dem Auto, etwa zu den Verwandten nach Oberösterreich oder gar an einen Kärntner See, hatten ebenfalls ihre Tücken. Ich war acht Jahre alt, und man schrieb das Jahr 1981. Nicht selten machte unser Simca (eine französische Automarke, die es heute völlig zu Recht nicht mehr gibt) plötzlich komische Geräusche, um dann mitten auf der Autobahn komplett den Geist aufzugeben. Meine Mutter am Steuer war völlig verzweifelt und bekam Wutanfälle, musste auf dem Pannenstreifen zur nächsten Telefonsäule pilgern und den ÖAMTC rufen. Ich saß allein im Auto auf der Rückbank und wartete auf bessere Zeiten. Autos mit hochgeklappten Kühlerhauben und qualmenden Motoren waren damals allgemein weit häufiger anzutreffen als heutzutage.
Lustig war es trotzdem
Was hier unbedingt noch Erwähnung finden muss, sind die von der katholischen Jungschar organisierten Fahrten in Feriencamps. Wir verbrachten als Neunjährige die seinerzeit noch empfindlich kühlen Kärntner Nächte in billigen Schlafsäcken im Einmannzelt zu zweit. Zum Frühstück musste man sich in einer langen Schlange anstellen, es gab eine trockene Semmel aus einem großen Kartonpapiersack und Kakao mit Rußflankerln, der über dem offenen Feuer in einem Riesenkessel für 100 Personen zubereitet wurde.
Am Ende der Lagerwoche waren Reminiszenzen der Mahlzeit vom ersten Tag im Napf.
Weiter ging es zu Mittag mit 10 oder sogar 20 Liter fassenden Bundesheer-Konserven, ebenfalls in dem Riesentopf unter Einsatz eines großen, entrindeten Astes gegart. Gefürchtet war das Erdäpfelpürree, das (meist, aber nicht immer ungegessen) im Gebüsch landete. Jeder hatte ein Plastikgeschirr von daheim mit, das man in zwei großen Bottichen reinigen konnte. In einem war Wasser mit Spülmittel, im anderen nur Wasser, in beiden schwammen kiloweise die Essensreste. Ich verzichtete komplett auf die Geschirrreinigung und hatte am Ende der Lagerwoche noch Reminiszenzen der Mahlzeit vom ersten Tag im Napf. Lustig war es trotzdem.
Ich habe die letzte Episode neulich meinem Sohn, elf Jahre alt, erzählt. Der hat mich nur müde-mitleidig angesehen und fand es im Übrigen „ziemlich schockierend“.
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Infos und Quellen
Quellen
- Ingrid Backes/Gabriela Daun: Anders Reisen. Griechenland. Rowohlt 1990
- Frida Bordon: Anders Reisen. Sizilien. Rowohlt 1990
Daten und Fakten
- Heute reisen ungefähr viermal so viele Tourist:innen nach Italien oder Griechenland wie Anfang der 1990er.
- Bei der Währungsumstellung im Jahr 2002 bekam man für 1.936,27 italienische Lire einen Euro. In Griechenland waren 340,75 Drachmen einen Euro wert.
- Die durch das HI-Virus ausgelöste Immunschwächekrankheit AIDS wurde 1981 erstmals in den USA als Krankheit klassifiziert. In den Folgenjahren war die sexuell übertragbare Krankheit medial und gesellschaftlich ein großes Thema, die Angst unter jungen Leuten vor HIV war allgegenwärtig, vor allem wegen der vielen an AIDS verstorbenen. Heute kann eine rechtzeitig diagnostizierte HIV-Infektion gut behandelt werden. Bei vielen Infizierten bricht AIDS nie aus.
- GPS-Navigationsgeräte für die breite Öffentlichkeit gibt es seit dem Jahr 2001, ChatGPT gibt es seit Ende 2022.
Das Thema in der WZ
- Wie KI unser Reiseverhalten verändert
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Das Thema in anderen Medien
- Frankfurter Rundschau: Das waren die Reisetrends in den 80er und 90er Jahren
- Westdeutsche Zeitung: So kann KI bei der Urlaubsplanung helfen
- ORF: Wo die Reise – auch mit KI – hingeht
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