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Schule ohne Gott

3 Min
Gott, Pfarrer und Disziplin waren vor 150 Jahren an Österreichs Schulen prägend.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Religion spielt heute als Unterrichtsgegenstand und pädagogisches Konzept an österreichischen Schulen eine Nebenrolle. Diese Kolumne zeigt, dass das um 1900 anders war.


    • Lehrer waren um 1900 am Land den Pfarrern unterstellt.
    • Religion war ein Hauptfach und wurde vom Pfarrer gelehrt.
    • Disziplin und Unterordnung waren die wichtigsten Elemente des Unterrichts.
    • 44 Prozent der Schüler:innen an Wiener Pflichtschulen besuchten zuletzt keinen Religionsunterricht.
    • 1919 wurde der Zwang zum Besuch des Religionsunterrichts abgeschafft.
    • Demnächst sollen die, die keinen Religionsunterricht besuchen, Ethikunterricht haben.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Der „Plan Zukunft“, ein 140 Seiten langer Katalog von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos), enthält viele Vorhaben für die Schulen. Unter anderem soll für Schüler:innen ein Ethikunterricht eingeführt werden. Das gilt für die, die keinen Religionsunterricht besuchen: In Wien sind das 44 Prozent der Kinder an den Volks- und Mittelschulen.

Eine hohe Zahl. Kaum zu glauben, dass sie noch vor etwas mehr als 100 Jahren bei null lag. Da wurden Kinder in Österreich zur Teilnahme am Religionsunterricht, zum Besuch von Schulgottesdiensten und zur katholischen Beichte gezwungen. Diese Form der absoluten Verpflichtung hat erst der sozialdemokratische Schulreformer Otto Glöckel in einem Erlass 1919 abgeschafft – was den autoritären, klerikal-faschistischen Kanzler Engelbert Dollfuß nicht davon abgehalten hat, diesen Erlass 1933 wieder aufzuheben.

Unter der Fuchtel des Pfarrers

Der Einfluss, den die Religion in der Monarchie ganz allgemein auf das österreichische Bildungswesen hatte, war enorm. Sie wurde in den Dörfern als Hauptfach vom Pfarrer höchstpersönlich gelehrt. Die einfachen Lehrer:innen waren Anfang des 20. Jahrhunderts nicht nur bettelarm, sie waren oft eine Art Assistent:in des katholischen Geistlichen. Otto Glöckel berichtet in einer posthum erschienenen Autobiografie über Erfahrungen seines Vaters, der Lehrer in einem Dorf in Niederösterreich war und nebenbei die Kirche putzen und die Glocken läuten musste. Dann fungierte er während der Messe als Ministrant und saß an der Orgel. Er half bei Hochzeiten und Begräbnissen und „durfte“, mit einer Tasse in der Hand, von den Gläubigen eine kleine Spende als Zuverdienst erbitten.

Der Lehrer hatte trotzdem ein gewisses gesellschaftliches Ansehen, allerdings waren die Zustände, was die Arbeitsbedingungen der Pädagog:innen betraf, in der k.u.k. Monarchie schon aus damaliger Sicht völlig veraltet. Bezeichnend für eine Ära, die dem Untergang geweiht war.

Dass Glöckel den Zwang zum Religionsunterricht aufhob und das Schulwesen insgesamt grundlegend modernisierte, stieß vor allem bei der katholischen Geistlichkeit der neu entstandenen Alpenrepublik auf erbitterten Widerstand. Manch ein Pfarrer verteufelte von der Kanzel aus den angeblich „gottlosen, antiautoritären“ Bildungsansatz. Die katholische Kirche hatte im Schulwesen über Jahrhunderte das Werte- und Ethik-Monopol. Pädagogischer Leitstern war das Konzept Erbsünde. Nach dieser Auffassung kommt jedes Kind korrekturbedürftig, ja schuldbeladen auf die Welt. Ein Umstand, der durch Strenge, notfalls auch durch Schläge, bereinigt werden musste.

Gehorsame Untertanen

Ziel der Bildungs- und Erziehungspolitik von Kirche und Staat um 1900 war es also nicht, die Kinder bei ihrer Entfaltung zu unterstützen, sondern vor allem, ihren Willen zu brechen. Besonders die Buben galten häufig als „schlimm“, es sollten unter Zuhilfenahme der nötigen Tracht Prügel gottesfürchtige, pflichtbewusste Untertanen aus ihnen gemacht werden. Der Unterricht sah dementsprechend aus: Auswendiglernen durch häufiges Wiederholen war oberstes Prinzip, Angst war der wichtigste Motivationsfaktor. Dazu wurden Stillsitzen und Gehorchen gefordert. Die „Drillschule“, wie sie zu jener Zeit von Kritiker:innen genannt wurde, war das Maß aller Dinge.

Der Idee, dass Kommandos der Lehrer:innen von den Schüler:innen unhinterfragt zu befolgen sind, ist heute noch vielfach an Schulen anzutreffen. Der Leistungsdruck hat in den letzten Jahrzehnten sogar zugenommen. Den obrigkeitlichen Zugang aus den Zeiten der maria-theresianischen Kadettenschulen gibt es so zum Glück nur noch in Restbeständen und den strengen Pfarrer mit dem Rohrstock, der die Schulkinder ängstigt, gar nicht mehr.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Der Glöckel-Erlass, mit dem 1919 der Zwang zur Teilnahme an religiösen Übungen abgeschafft wurde, im Wortlaut: „Im Grunde des Art. 14, Abs. 3, des St. G. G. vom 21. Dezember 1867, R.G.Bl. Nr.142, über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, finde ich anzuordnen, daß an allen dem Staatsamte für Inneres und Unterricht unterstehenden mittleren Lehranstalten jeder Zwang zur Teilnahme an religiösen Übungen untersagt ist. Die Nichtteilnahme an einer religiösen Übung darf auf die Klassifikation des Schülers keinen Einfluß ausüben.“
  • In Wien sind rund 35 Prozent der Kinder in Volksschulen muslimischen Glaubens, rund 36 Prozent christlich und etwa 26 Prozent ohne Bekenntnis.
  • Dorflehrer erhielten im 19. Jahrhundert einen Teil ihrer Bezahlung in Naturalien – Brennholz, Eiern und anderen Lebensmitteln – ausbezahlt. Damit konnten sie nicht überleben, sie mussten sich Möglichkeiten des Zuverdienstes suchen.
  • Die Christlichsozialen unter Engelbert Dollfuß schalteten 1933 das Parlament aus und wollten Österreich in einen autoritären Ständestaat umfunktionieren. Die katholische Kirche war in der Zeit bis 1938 politisch einflussreich.

Quellen

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