)
Das neue Album von Rosalía ist gerade der feuchte Traum aller, die Hochkultur mit experimentellem Pop verwechseln, um sich smarter zu fühlen. Warum dieser Kultursnobismus peinlich ist.
Eine Woche ist vergangen, seit Rosalías heiß ersehntes und viel diskutiertes „Lux“ erschienen ist. Über das Album gibt es viel zu sagen: Was Rosalía hier auftischt, ist zweifelsohne außergewöhnlich. Sie singt in 13 Sprachen, wird auf Songs wie „Berghain“ zur Opernsängerin, das London Symphony Orchestra spielt sich die Seele aus dem Leib. „Lux“ ist ein Album, das sich nicht nur nach keinen Pop-Trends richtet, sondern sich ihnen widersetzt und auf virale TikTok-Tänze pfeift. Das ist alles wahr. Aber eine Sache nervt mich an dem Diskurs rund um „Lux“: Es scheint, als hätten viele nur auf einen Anlass gewartet, ihren Kultursnobismus und ihre Verachtung für Pop raushängen zu lassen – und ihn nun endlich gefunden.
- Mehr für dich: Christliche Kritik an Nina Chuba & Ikkimel: What The Hell?
Rosalía ist es egal, was die anderen machen
Vielen ist es in Debatten um weibliche Popstars unmöglich, eine Künstlerin zu loben, ohne andere im selben Atemzug schlecht zu machen. „Endlich mal wirkliche Kunst im Pop“, „Weg vom Taylor-Swift-Einheitsbrei“, „Rosalía ist viel besser als Sabrina Carpenter und die anderen Pop Girls“: Statements wie diese liest man sowohl in Kultur-Ressorts, als auch auf Social Media zuhauf, ohne genau zu erfahren, was „echte“ Kunst von „unechter“ unterscheidet. Setzt Rosalía mit ihrem Album spannende Maßstäbe und zeigt, dass ein Pop-Album auch mit klassischen Elementen spielen und Lyrics auf Mandarin enthalten darf? Ja. Ist sie deswegen automatisch besser als andere? Nein, sie ist anders. Sie beherrscht das Handwerk auf ihre eigene Art, hat eine Ausbildung an einer renommierten Musikhochschule mit Flamenco-Schwerpunkt absolviert.
Willst du dieses YouTube Video sehen? Gib den Youtube-Cookies grünes Licht.
Während die Welt mit einem Auge auf Rosalía und mit dem anderen auf die restlichen Pop-Girls blickt, sind Rosalía diese Vergleiche ziemlich egal. Im Interview mit der „New York Times“ wird ihr diese Frage gestellt: „‘Lux’ ist nicht nur eine Abkehr von deiner eigenen bisherigen Arbeit, sondern es scheint, als würdest du die Pop-Landschaft betrachten und implizit oder explizit sagen: ‘Wir machen nicht genug.’“ Rosalía antwortet: „Ich schaue nicht so sehr nach außen, sondern frage mich, was mache ich nicht? Was habe ich noch nicht gemacht? Was muss ich machen?“ Zum Mitschreiben: Rosalía macht das alles offenbar nicht, um sich von „den anderen“ abzugrenzen oder sich über sie zu erheben.
„Kritik ist immer selbstaufwertend“
Apropos „sich abgrenzen und erheben“: Wie Kulturwissenschaftler und Taylor-Swift-Experte Jörn Glasenapp es in einem Interview mit dem „Standard“ formuliert hat, ist Kritik immer „selbstaufwertend“. Das heißt, all diese Kritik sagt vermutlich mehr über diejenigen aus, die Rosalía stellvertretend für ihren eigenen Distinktionswunsch zum Pick-Me-Girl des Pop stilisieren, als sie über Rosalía selbst aussagt.
Es gibt noch mehr schlechte Nachrichten für alle, die Rosalía als Retterin der verdummten Popkultur framen wollen und „Lux“ den Hochkultur-Stempel aufdrücken, um sich smart zu fühlen: Am Ende des Tages ist „Lux“ immer noch Pop. Rosalía ist ein Popstar, der mit den Kardashians befreundet ist, Werbung für Calvin Klein macht und einen Gastauftritt im „WAP“-Musikvideo hatte. „Ich finde, dass meine Musik Pop ist. Es ist nur eine andere Art, Pop zu machen. Es gibt einen anderen Weg, Pop zu machen! Björk hat es bewiesen. Kate Bush hat es bewiesen. Und ich muss denken, dass ich Pop mache, weil ich mich sonst nicht erfolgreich fühle. Ich mache Musik, die hoffentlich viele Menschen genießen.“ Micdrop.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Quellen
- NY Times: Rosalía’s Thrilling New Avant-Pop Swerve: Singing in 13 Languages
- Der Standard: "Es gibt keine relevante männliche Rockmusik mehr"
)
)
)
)