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Russische Kriegsgefangenschaft – und der lange Weg zurück

7 Min
Angst und Hoffnung: Angehörige in der Ukraine bangen um Kriegsgefangene.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Der Austausch von Gefangenen ist das Einzige, worauf sich die Ukraine und Russland ab und zu einigen können. Die Rückkehr aus russischer Gefangenschaft ist ein Weg, der weit über die Strecke von der Grenze bis nach Hause hinausgeht.


    • Russische Kriegsgefangenschaft bedeutet extreme Gewalt, Isolation und fehlenden Kontakt zu Familien sowie internationalen Organisationen.
    • Die Rückkehrer leiden häufig unter schweren physischen und psychischen Traumata, deren Verarbeitung und Reintegration meist NGOs übernehmen.
    • Russland gibt kaum Informationen über Gefangene preis, was Angehörige zwingt, auf Lebenszeichen bei Austauschaktionen zu hoffen.
    • 500 Gefangene wurden an zwei Tagen in der Region Tschernihiw ausgetauscht
    • Über 70.000 ukrainische Soldaten gelten offiziell als vermisst
    • Seit Februar 2022 gab es mehr als 70 Gefangenenaustausche
    • 2800 ICRC-Besuche in ukrainischen, nur 200 in russischen Lagern seit 2022
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Am späten Vormittag ist da noch die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Zu Mittag setzt bei den allermeisten die Ernüchterung ein, dass es ein solches heute nicht geben wird. Aber als dann die Busse kommen und die Sprechchöre anschwellen, ist da wieder die Freude für die, die es nach Hause geschafft haben, und für all jene, die heute nicht umsonst gewartet haben. Da stehen sie, halten Fotos in die Höhe, auf die Namen und Telefonnummern geschrieben sind. Denn bis zum Abend bleibt der Rest an Hoffnung, dass einer der Heimkehrer eine der Personen auf den Fotos erkennt, diese Person lebend gesehen hat, bestätigen kann, dass sie in Gefangenschaft ist – oder auch, dass diese Person nicht mehr am Leben ist.

Es ist ein solcher Tag, an dem sich Frühling und Winter noch nicht einig sind, wer das Sagen hat. Seit den frühen Morgenstunden haben sich in einer medizinischen Einrichtung in der Region Tschernihiw nahe der Grenze zu Russland Menschen eingefunden. In einem Zelt wird Tee ausgeschenkt. Einige hundert sind hier, überwiegend Frauen jeden Alters und Herren gehobeneren Alters. Es sind Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Väter, die hier warten. An diesem und dem darauffolgenden Tag sollen Gefangene ausgetauscht werden. 500 an der Zahl insgesamt. Das sind Väter, Brüder, Söhne. Zum Teil waren sie seit dem Frühsommer 2022 in Gefangenschaft.

Die Heimkehrer sind bereits über die nahe Grenze, die SMS-Nachrichten an ihre Angehörigen sind schon verschickt. Damit ist klar, wer heute einen Lieben in die Arme schließen wird und wer nicht. Dann vibrieren alle Telefone. Flugalarm für die Region und die Stadt. So nahe an der Grenze bedeutet das wenige Sekunden Vorwarnzeit. Und eine Menschenansammlung, die ist ein potenzielles Ziel.


„Willkommen zu Hause“

Schließlich rollen vier Krankenwagen in den Hof. Sie transportieren Personen, die dringend medizinische Versorgung benötigen. Jubel hebt an in der Menschenmenge. Sprechchöre: „Willkommen zu Hause.“ Dann kommen vier Busse. Und wieder Hunderte im Chor, als die Fahrzeuge in den Hof rollen: „Willkommen zu Hause.“ Dann gehen die Türen der Busse auf, und abgemagerte, kahl geschorene Männer mit eingefallenen Gesichtern steigen aus, blicken ungläubig in die Menge, werden durch einen Korridor an Jubel in ein Gebäude geführt. Die Gefangenschaft ist vorbei. Jetzt aber beginnt ein neuer Kampf – der um die Rückkehr.

Russische Kriegsgefangenschaft bedeutet Gewalt – tägliche Prügelorgien, Elektroschocks als Tagesprogramm, Verhöre, Schläge, Misshandlungen, Unterernährung, unterlassene medizinische Hilfeleistung und vor allem Isolation, kein Kontakt zu den Familien, in den allermeisten Fällen kein Kontakt zu internationalen Organisationen wie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (ICRC), Dauerberieselung durch russische Propaganda. Viele der Heimkehrer wissen nicht einmal, dass es ihr Heimatland noch gibt. Wenn die Männer hier aussteigen, dann tun viele das in der Überzeugung, dass niemand auf sie warten würde. Da stehen dann aber Hunderte und jubeln.

Maksym Butkevych war selbst in russischer Gefangenschaft. Er sagt, er habe Glück gehabt. Vor seinem Militärdienst war er eine Bekanntheit in der Zivilgesellschaft – und ist das nach wie vor. Das hat seinen Austauschwert erhöht. Er wurde anders, etwas besser behandelt als die allermeisten ukrainischen Kriegsgefangenen. Fast zwei Jahre war er in Gefangenschaft. Nach seiner Rückkehr hat er die NGO „Prinzip Nadij“ (Prinzip Hoffnung/Principle of Hope) gegründet, die sich der Anliegen Heimkehrender wie auch des gesamten Umfelds annimmt, um diese im Umgang mit ehemaligen Gefangenen zu schulen: Familien, Freund:innen, Bekannte, aber auch Behörden- und Medienvertreter:innen. Denn Gefangenschaft hinterlässt Spuren. Die Heimkehr hat mit dem Austausch jedenfalls erst begonnen.


Trauma und seine Folgen

„Es kommt zu einer gewissen Desorientierung, und sie (die Heimkehrer, Anm.) müssen sich wieder an ein freieres Leben gewöhnen“, sagt Maksym Butkevych. „Deshalb kann es selbst für diejenigen, die keine nennenswerten körperlichen Beschwerden hatten, sehr unangenehm sein, große Menschengruppen oder Menschenmengen zu sehen, auf sich allein gestellt zu sein, zu viele Eindrücke auf einmal zu haben – zu viele Farben, Geräusche, Rufe und all das – und zu viele Gefühlsäußerungen.“ Und oft würden Journalist:innen sehr direkt und ungelenk Fragen stellen wie: „Wie genau wurden sie gefoltert?“

Und natürlich seien viele der Freigelassenen unter diesem Trauma mit zusätzlichen sozialen Problemen oder Herausforderungen konfrontiert, sagt Maksym Butkevych. Da seien die, auf die Familien warteten, wobei das Familienleben nach den Erfahrungen aus der Gefangenschaft oft Tücken mit sich bringe; dann seien da die, die niemanden mehr hätten, deren Partnerinnen vielleicht nicht gewartet haben, oder deren Familien sich zerstreut haben; da seien die, die nicht nach Hause könnten, weil ihr Zuhause russisch okkupiert sei; da seien die psychologischen Probleme, die erst nach langer Zeit kämen,; da seien die physischen Probleme wie zum Beispiel fehlende Zähne von der Folter, was wiederum die Reintegration in den Arbeitsmarkt erschwere.

Das staatlich vorgesehene Programm der Reintegration dauert rund drei Wochen. Für das allermeiste, was danach nötig werde, seien Nichtregierungsorganisationen zuständig, sagt Maksym Butkevych. Weil es an Ressourcen mangle, wie er sagt.

Das staatliche Programm umfasst erst einmal zehn Tage Quarantäne. Viele Heimkehrer haben unbehandelte Infektionskrankheiten wie Tuberkulose. Darauf folgen physische und psychologische Rehabilitation, und vor allem das Gespräch über das Geschehene.


Hoffen auf ein Lebenszeichen

Denn dass die Menschen hierher zu den Austauschen pilgern, hat einen Grund: Russland teilt so gut wie keine Personendaten Gefangener, obwohl das die Genfer Konvention vorsehen würde. Das Fundament des Kenntnisstandes darüber, wer noch lebt, wer in Gefangenschaft und wer vermutlich tot ist, bilden folglich die Aussagen ausgetauschter Ukrainer. Die Menschen hier, die Fotos auf Federballschläger geklebt haben, um sie höher halten zu können, hoffen auf ein Lebenszeichen. Dass einer der ausgetauschten Soldaten ihren Lieben lebend gesehen hat, oder zumindest den Tod bestätigen kann.

Es kann oft Monate oder auch Jahren dauern, bis eine Gefangenschaft bestätigt wird. Laut offiziellen Angaben werden mehr als 70.000 ukrainische Soldaten vermisst. Das Durchblättern von Fotodatenbanken ist folglich zentraler Bestandteil des ausführlichen Gesprächs, der daraus gewonnene Informationsgehalt das Fundament für weitere Austausche.

Der Umgang mit Kriegsgefangenen ist eine delikate Angelegenheit im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Und noch delikater ist der Austausch von Gefangenen. Es ist ein Geschäft: Kriegsgefangene gegen Kriegsgefangene, Tote gegen Tote, und immer wieder lässt sich auch der eine oder andere von Russland verschleppte Zivilist herausverhandeln. Etwas mehr als 70 Austausche gab es seit dem Februar 2022. Die Verbindung der Ukraine und Russland über diese Kanäle ist der letzte verbliebene mehr oder weniger institutionalisierte Kommunikationskanal zwischen den Kriegsparteien.

200 Gefangene werden an diesem Tag ausgetauscht. Am Tag darauf werden es 300 sein. Ebenso viele Russen wurden von der Ukraine an Russland übergeben. Wie Petro Yatsenko, Sprecher der Koordinationsstabes, der zuständigen Stelle auf ukrainischer Seite, ausführt: Verhandlungen über einen Austausch seien immer schwierig. „Es gibt keine Verhandlungsformel, keine Verhandlungsregeln – jeder Gefangenenaustausch ist einzigartig.“ Ob ein vereinbarter Austausch letztlich tatsächlich zustandekommt, steht so auch immer bis zur allerletzten Sekunde in Frage. Zuletzt kam da immer wieder knapp vor dem Austausch der Anruf von der russischen Seite: Heute nicht, man habe es sich anders überlegt. Wieso? Darüber gebe es keine Angaben. Dann aber gibt es wieder gleich mehrere Austausche in Serie – und dann wieder monatelang nichts. Woran das liege, sei nicht ersichtlich, so Petro Yatsenko. Gründe dafür nenne Russland nicht.

Auszumachen ist seit einem Jahr allerdings eine gewisse Tendenz: Austausche als Minimal-Ergebnis von im Grunde ergebnislos verlaufenen politischen Verhandlungsrunden. Das Feld ist letztlich das einzige technische Thema, bei dem es so etwas wie Einigungen gibt.


Unterschiedliche Standards

Allerdings ist das ein Gezerre unter ungleichen Voraussetzungen: Über die Anzahl der Kriegsgefangenen – den Austausch-Fonds, wie das genannt wird – gibt es von beiden Seiten keine offiziellen Zahlen. Die Ukraine pflegt mit dem Thema grundsätzlich einen transparenten Umgang im Rahmen der Genfer Konvention: Die Lager für Gefangene sind bekannt, Gefangene können arbeiten, ihre Familien kontaktieren und werden medizinisch versorgt. Die russische Seite ist dagegen ein schwarzes Loch in dieser Sache: was Personendaten, die Behandlung der Gefangenen aber auch die unübersichtliche Anzahl der Lager angeht. Und hinzu kommt: Sehr oft werden Gefangene in russischen Lagern separat von anderen in Isolation oder in „Lagern im Lager“ festgehalten, einem isolierten Trakt, zu denen niemand Zugang hat.

Und dieser Umgang betrifft auch Besuche des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC) in Gefangenenlagern. Laut unterschiedlichen Quellen gab es seit dem Februar 2022 in Summe 3000 Besuche des ICRC in Gefangenenlagern – eine dahingehende Anfrage an das ICRC blieb unbeantwortet. Grundsätzlich beschränkt sich das ICRC aber auf generelle Stellungnahmen zu der Thematik ohne Landeszuordnung. Von ukrainischer Seite heißt es, man habe über die Jahre 2800 Besuche des ICRC in eigenen Einrichtungen für russische Gefangene registriert. Demnach hat es lediglich 200 Besuche des ICRC in russischen Lagern gegeben.

Das deckt sich mit Berichten ehemaliger Kriegsgefangener: Die allerwenigsten haben jemals einen Mitarbeiter des ICRC zu Gesicht bekommen oder wurden formell vom ICRC registriert. Viele Soldaten und Soldatinnen berichten auch, sie hätten zwar ein Formular vorgelegt bekommen, dieses aber nicht ausfüllen können. Und Ukrainer, die in russischer Gefangenschaft waren, berichten auch, dass sie vor Besuchen internationaler Stellen wie der UNO oder des ICRC direkt bedroht worden seien, sich nicht kritisch zu äußern. Mit sehr klarer Botschaft, wie ein ehemaliger Gefangener sagt: „Die Delegation geht wieder, ihr bleibt aber hier mit uns.“

Das bedeutet: Schläge bis zur Bewusstlosigkeit, Elektroschocks über Elektroden an den Genitalien, anale Penetration mit Besenstielen, Nahrungsentzug, Erniedrigungen aller Art.


Durch ein Spalier an Fotos

Das ist der Erfahrungsschatz, mit dem Freigelassene aus den Bussen steigen, in ein Meer an Menschen mit Fotos Vermisster. Auf einem Video von seiner eigenen Freilassung ist zu sehen, wie Maksym Butkevych breit grinsend auf eine Kamera zugeht. Zugleich ist eine jubelnde Frauenstimme zu hören, die seinen Namen ruft. Er kenne diese Journalistin sehr gut, eine Freundin. Er selbst aber, so sagt Maksym Butkevych auch, sei froh, dass bei seinem Austausch im Oktober 2024 nur wenige Leute vor Ort gewesen seien.

Wenn die Soldaten heute in einen anderen Trakt gebracht werden, dann gehen sie durch ein Spalier an Bildern von Vätern, Söhnen, Ehemännern und auch Töchtern und Ehefrauen – allesamt Menschen, die vermisst werden. Denn da sind nur diese vagen Erzählungen von Kameraden, wie jemand auf dem Schlachtfeld verschwunden ist; da sind die Schilderungen ukrainischer Kriegsgefangener aus den Lagern; da ist die Hoffnung der Angehörigen, die mit jedem Tag etwas kleiner wird. Einige Soldaten sehen sich die Bilder genau an, geben kurz Auskunft.

Aber da sind eben auch die Wunder: Beim letzten Austausch vor diesem, da war ein Mann dabei, der bereits für tot erklärt war. Dann haben aber drei Soldaten übereinstimmend beim Debrief angegeben, dass sie diese Person lebend gesehen haben, sagt Petro Yatsenko. Und so wurde er auf die Liste gesetzt.

Wissen ist alles in diesem Feld. Manchmal komme es vor, so sagt Petro Yatsenko, dass die Russen sagten, sie wüssten nicht Bescheid über diese oder jene Person. Dann helfe es, wenn man sagen könne, dass sich jemand „in genau diesem Lager befindet, in genau diesem Gebäude, auf genau dieser Etage, in genau dieser Zelle.“ Der für tot erklärte Soldat wurde so auch letztlich ausgetauscht.

Viel öfter ist es allerdings so, dass nicht einmal der Tod einer Person bestätigt werden kann. Die Frontlinie ist ein bis zu 50 Kilometer breites Band, in dem schon die Evakuierung Verwundeter nur unter großem Risiko viele Tage dauern kann. Und je nach eingesetzten Waffen gibt es sehr oft gar keinen Leichnam, sondern nur „genetisches Material“, wie das dann heißt.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Maksym Butkevych, ehemaliger Kriegsgefangener in Russland
  • Petro Yatsenko, ukrainischer Sprecher des Koordinationsstabes für den Austausch von Kriegsgefangenen

Daten und Fakten

  • Genfer Konvention: Das Dritte Genfer Abkommen vom 12. August 1949 schützt Kriegsgefangene umfassend. Es garantiert eine humane Behandlung, Verbot von Folter und Repressalien, Kontakt zur Außenwelt, angemessene Verpflegung und Unterbringung. Der Gewahrsamsstaat ist für das Wohlergehen verantwortlich; schwere Verstöße gelten als Kriegsverbrechen.
  • Das Internationale Rote Kreuz schützt und unterstützt Kriegsgefangene. Es überwacht die humane Behandlung, ermöglicht Postverkehr, liefert Hilfsgüter und besucht Lager, um Bedingungen zu prüfen. Der Suchdienst dokumentiert Gefangene, um Familien zu informieren.

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