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Eine Studie der Uni Wien legt nahe, dass der Klang von Wörtern beeinflusst, wie gut wir sie uns merken.
„Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
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Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.“
„Der Panther“, eines von Rainer Maria Rilkes bekanntesten Gedichten, fesselt Menschen, seit es im Jahr 1903 geschrieben wurde. Es , handelt von einem eingesperrten Panther im Jardin des Plantes in Paris. Besonders tief vermag es zu berühren, wenn man es vorgelesen bekommt. Eine Studie der Universität Wien liefert eine mögliche Erklärung, warum dem so ist: Wir merken uns wohlklingende Worte ganz besonders gut.
Die Macht des Klangs
„Rainer Maria Rilke ist ein fantastischer Autor, der mit Sprache alles zu tun weiß. Was ihn ganz besonders auszeichnet, ist die Gabe, Bilder zu schaffen“, sagte die deutsche Germanistin Sandra Richter in einem Geburtstagsporträt auf Ö1. Der 1867 in Prag geborene Meister der Lyrik verstand mit Sicherheit aber neben dem Malen mit Worten, Symbolen oder Metaphern auch die Macht des Wortklangs. Seine Gedichte haben eine Tonalität, die wir uns merken - und sogar einigermaßen leicht auswendig lernen können. Und das könnte daran liegen, dass wir seine Worte und Sätze schön finden.
Die Anglistin Theresa Matzinger und ihre Kolleg:innen wollten wissen, warum manche Wörter angenehm klingen und andere nicht. Nehmen wir eine paar Begriffe, die sich auf einschlägigen Listen zum Thema finden, wie etwa Sommerglück, Wundertüte, Tausendschön, Fernweh, zeitvergessen, zauberhaft oder Wanderlust. Mögen wir sie, weil sie schön klingen? Oder gefallen sie uns wegen ihrer positiven Bedeutung?
Vom Sommerglück zum Quatsch
Ausgehend von der englischen Sprache, die viele lautmalerische Worte kennt, gingen Matzinger und ihr Team diesem Unterschied nach. Warum bevorzugen wir Begriffe wie die genannten gegenüber solchen wie Fistel, Furunkel, Quatsch oder Matsch? Dazu erfanden die Forscher:innen Wörter, die nichts aussagen, wie clisious, smanious oder drikious. So konnte erstmals gezielt untersucht werden, wie Laute unabhängig von ihrer Bedeutung die Wahrnehmung beeinflussen. Zusätzlich prüften die Wissenschafter:innen, ob sich die phonetische Schönheit auch auf die Lernbarkeit von Wörtern auswirkt.
Schön, neutral oder unschön?
100 englischsprachige Studienteilnehmer:innen bekamen die Pseudo-Begriffe sowohl zu hören als auch zu sehen. Zunächst wurden sie mithilfe von anderen Beschreibungen als schön, neutral oder unschön vorgestellt. Danach mussten die Proband:innen sich die Begriffe merken, um sie später wiederzugeben. Am Ende des Tests mussten sie angeben, wie ästhetisch sie den Klang der erfundenen Begriffe fanden.
Das Ergebnis: Jene Wörter, die sich die Teilnehmenden am besten merkten, wurden von ihnen auch als am schönsten wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hatte aber nicht immer mit dem Framing zu tun, das die Forscher:innen zuvor gesetzt hatten. Eindeutig ging allerdings hervor, dass die Testpersonen jene Begriffe am leichtesten auswendig lernen konnten, die sie akustisch als am angenehmsten empfanden. Die Ergebnisse deuten somit auf einen engen Zusammenhang zwischen klanglicher Schönheit und Merkbarkeit hin. Es scheint also so zu sein, dass man gut daran tut, schöne Worte zu verwenden, wenn man will, dass andere Menschen einen im Gedächtnis behalten.
Ob Rainer Maria Rilke all dies schon ahnte? Die Studie konnte er freilich nicht kennen, und dennoch befolgte er schon vor mehr als 120 Jahren Regeln, die etwas damit zu haben scheinen. Dieser Eindruck lässt sich beim Lesen von Gedichten wie „Der Panther“, „Herbsttag“ oder der „Duineser Elegien“ gewinnen.
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Infos und Quellen
Quellen
- PLOS One/Universität Wien: Phonemic composition influences words’ aesthetic appeal and memorability
- Informationsdienst Wissenschaft: Wohlklingende Worte merkt man sich besser
- Rainer Maria Rilke: Der Panther
- Lenny Löwensterns Sternenvogelreisen: 99 Wohlfühlwörter – Die schönsten Wörter der deutschen Sprache
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